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Bruno Bauer
(1809-1882)
Christus und die Caesaren
(Berlin: Druck und Verlag von Eugen Grosser,
1877; 1879, 2d. ed.)
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    Christus und die Caesaren

    *********

    Der

    Ursprung des Christenthums


    von

    Bruno Bauer

    _______


    Zweite Auflage.


    *********


    BERLIN, 1879.

    Druck und Verlag von Eugen Grosser




     

    [ iii-iv ]



    Inhalt.
    _____

    001  Vorwort under die bisherigen Auffassungen unseres Gegenstates

    I. Seneca's Religionsstiftung.

    011  1. Neuere Urtheile über den Stoicismus

    016  2. Rückblick auf Cicero

    020  3. Die Lehrer Seneca's

    028  4. Ansichten über Seneca's Cliristenthum

    032  5. Seneca's Ansicht von der Politik

    036  6. Seneca's neue Religion

    043  7. Das Ideal Seneca's

    047  8. Seneca im neuen Testament

    061  9. Seneca's Compromisse

    II. Seneca als Lehrer and Minister Nero's.

    066  1. Die Auflosung des römischen Particularismus

    071  2. Nero Nichts als Mensch

    079  3. Die Humanitätsschule der Rhetoren

    089  4. Seneca's rhetorische Ausbildun

    092  5. Seneca am Hofe des Claudius

    110  6. Der Menschenfreund auf dem Thron

    117  7. Der Tod dar Agrippina

    III. Nero's and Seneca's Untergang.

    126  1. Der Kosmopolit olit auf dem Thron

    140  2 Seneca's Ungnade

    146  3. Octavia

    150  4. Der Brand Rom's and die Christen

    157  5. Der Tod Seneca's

    162  6. Seneca and die Spottschrift auf Claudius Himmelfahrt

    166  7. Nero's Ende

    171  8. Nero als Antichrist

    173  9. Persius, Lucan und Petronius

    IV. Das Haus der Flavier and das Judenthum.

    183  1. Die Invasion des Abendlandes durch den Orient

    189  2. Die Geschichtsquellen über den jüdischen Krieg

    194  3. Stellung der Juden bis zum Ausbruch des Krieges

    205  4. Josephus als Kriegsoberster and Gottesbote

    213  5. Josephus vor Jerusalem

    217  6. Josephus Beim Triumphzug des Titus

    219  7. Des Josephus Weltreligion

    225  8. Eine Heraklitische Schule

    228  9. Domitian and die Sanftmüthigen

    V. Trajan und das erste Hervortreten des Christenthums.

    244  1. Die für die Menschheit glücklichste Epoche in der römischen Geschichte

    255  2. Das Weltgericht

    260  3. Die Trajanische Aera

    268  4. Plinius und die Christen

    VI. Hadrian und die christliche Gnosis.

    276  1. Der potenzirte Nero

    289  2. Hadrian's Brief über die Religionsmengerei in Alexandrien

    292  3. Jüdische Aufstände und das Alter des Messiasbildes

    298  4. Der Weg zum Evangelium

    309  5. Die christliche Gnosis

    VII. Die Zeit Marc Aurel's.

    319  1. Marc Aurel's Selbstbetrachtungen

    325  2. Das Christenthum als Steigerung des Griechenthums

    329  3. Die Moral der römischen Gesellschaft

    334  4. Marc Aurel's Schicksale

    VIII. Der Abschluss der neutestamentlichen Literatur.

    345  1. Eine grosse Geschichte und eine späte Dichtung

    348  2. Die Seligpreisungen und die Steigerungen des Gesetzes in den Quellschriften des Lukas und Matthäus

    365  3. Variationen auf die Schlachtrufe des Urevangeliums

    357  4. Geschichte der Kindheit Jesu

    362  5. Der Gnosticismus im vierten Evangelium

    367  6. Der Paulus der Apostelgeschichte

    371  7. Der Gnosticismus in den paulinischen Briefen

    380  8. Friedensschluss zwischen Petrus und Paulus




     

    [ 1 ]



    Vorwort

    über die bisherigen Auffassungen unseres Gegenstandes.

    _____

    Christus und die römischen Cäsaren, das Thema der vorliegenden Arbeit, sind uns nicht nur Zeitgenossen, welche ein Zufall der Geschichte oder eine über dem Geschick der Menschheit wachende Vorausbestimmung und Vorsehung in den beiden ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, sei es als freundliche Parallelen, sei es als ein Feindes-Paar zusammengebracht und neben einander aufgestellt hat. Sogleich beim Eintritt in meinen Bildersaal wird der geneigte Leser das Gefühl erhalten und diess Gefühl wird sich beim Vorschreiten zur Gewissheit erheben, dass der christliche Heiland und die Träger des römischen Imperatorenthums Erzeugnisse derselben Kraft sind, welche die Ahndungen und immateriellen Güter des Alterthums in eine persönliche, allmächtige Gestalt zusammenzufassen suchte, und dass in deren feindlichem Geschwisterpaar sich ein und derselbe Trieb, welcher den Orient, Griechenland und Rom zu einem gemeinsamen Zweck begeisterte, zur Erscheinung brachte.

    Ich habe bereits bei meinem ersten Auftreten in dieser Frage (siehe meine "Kritik der evangelischen Geschichte," Leipzig, 1841, 2,46. 47) auf die Paralleie, in welcher Sueton's Kaiserbiographieen und die evangelische Geschichtsschreibung, des Römers Kaisergestalten und der Christen Heilandsbild zu

     


    2                                                   Vorwort.                                                 


    einander stehen, hingewiesen. Ich erinnerte daran, dass der Weltherr, der auf seinem Thron zu Rom alle Rechte in sich verschlossen hielt und das Maass von Allem in sein Urtheil befasste, Leben und Tod, Gnade und Verwerfung auf seinen Lippen trug, an dem Herrn der evangelischen Geschichte, der mit einem Hauch seines Mundes den Widerstand der Natur bezwingt und seine Feinde niederschlägt, sich schon hier als den Weltherrn und Weltrichter ankündigt und einstens die Erwählten der Gnade und die Verworfenen des Zorns von einander sondern wird, zwar seinen feindlichen Bruder, aber doch einen Verwandten hat.

    Indem ich nun dazu übergehe, den Ursprung beider Gestalten, ihre Entwickelung, (denn auch der Herr der Evangelien durchläuft in der Reihenfolge dieser Schriften eine Reihe von Metamorphosen), und den endlichen Sieg des christlichen Weltrichters über den cäsarischen darzustellen, habe ich noch einige Bemerkungen über meine Stellung zu den bisherigen Bearbeitungen desselben Themas voranzuschicken.

    Das Geheimniss der beiden ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung hat man bisher bruchstücksweise zu erfassen gesucht. Statt jene Periode der Weltgeschichte, in welcher das Alterthum seine christliche Gestalt gewann, als ein einiges Ganzes zu deuten, hat man sich mit der Theüung der Arbeit geholfen und an dem Leibe dieser Jahrhunderte eine Trennung vollzogen, welche ein weiser König der Juden, um den Streit zweier Mütter über ihr Kind zu schlichten, denselben nur androhte.

    So gab es auf unserm Gebiet eine weltliche und geistliche Wirthschaft, die in Folge einer, nach dem allgemeinen Glauben, sich von selbst verstehenden Vereinbarung ihre Gebiete abgegrenzt haben und es sich neben einander bequem machen. Der weltliche Herr ist der Geschichtsforscher; er ist in den Historien vom Schaffen und Treiben der Kaiser, im bürgerlichen und häuslichen Leben der Völker wie zu Hause und destillirt aus den Erzeugnissen dieser Gebiete eine Art von profanem Weltgeist. Die Arbeiter der geistlichen Section haben dagegen das Glück, sogleich beim Eintritt in ihr Geschichtsfeld den Genius desselben von Angesicht zu Angesicht

     


                                                      Vorwort.                                                  3


    zu schauen und sie brauchen ihm nur auf seinem Eroberungszuge zu folgen und zu beschreiben, wie er den Widerstand der Welt und die häuslichen Zwistigkeiten seiner Gläubigen überwindet und endlich von dem römischen Reiche Besitz nimmt.

    Bei dieser Abscheidung beider Arbeitsstuben ist es gleichgültig, ob der geistliche Werkmeister seinen Genius auf der Himmelsleiter, die ihm die Erde und die obere Geisterregion verbindet, ein Paar Stufen höher oder niedriger stellt. An dem Gegensatz des weltlichen Geschichtsforschers und des geistlichen Chronisten wird dadurch Nichts geändert. Selbst wenn der Letztere seinen Führer zu einer Art Sokrates oder, wie Strauss, zum Vollstrecker eines längst vorher entworfenen Messiasprogramms macht, wankt die Mauer nicht, welche die heilige und profane Welt von einander scheidet. Renan's romanhafte Ausschmückung der Straussischen Prosa steht der römischen Kaiserwelt so fremd gegenüber wie die strafenden Gesichte der neutestamentlichen Apokalypse dem Sündenpfuhl der Weltstadt auf den sieben Hügeln, und alle Verweltlichung der heiligen Geschichte dient nur dazu, die Illusion- der jungen christlichen Gemeinde über ihren Gegensatz gegen das kaiserliche Rom zu einem prosaischen Geschichtssatz zu versteinern. -

    Die Theilung der Arbeit nennt man einen Gewinn der neueren Zeit, aber die Vortheile, die man sich von ihr verspricht, kann sie nur bringen, wenn die gesonderten Werkstühle einem gemeinsamen Plane dienen. Ein solcher leitender Ueberblick fehlt den gesonderten Arbeitersectionen, die sich mit der Erforschung der beiden ersten römisch-christlichen Jahrhunderte beschäftigen. Beide Gruppen reichen sich zwar schliesslich die Hand und leihen einander ihre Erzeugnisse; da dieselben aber ohne Rücksicht auf einander entstanden sind, so können sie nur mechanisch in das Nebenwerk eingeschachtelt werden und während die Arbeiter in ihren beiderseitigen Anleihen die eigene Hilfslosigkeit bekennen, verbreiten ihre Leistungen in der neuen Umgebung, die sich mit ihnen ergänzen und illustriren will, kein Licht um sich.

     


    4                                                   Vorwort.                                                 


    Die geistliche Section, die durch ihre Abneigung gegen eine, nach ihrer Ansicht, zu weit gehende Kritik und durch die Uneinigkeit ihres Lagers über die zahllosen Hypothesen ihrer Vermittlungsversuche einer unheilvollen Verwirrung anheimgefallen ist, wollen wir für die Nutzlosigkeit der Anleihen, welche ihre weltlichen Nebenmänner von ihr beziehen; nicht verantwortlich machen. Die Antithese einer verderbten Welt und eines rettenden Deus ex Machina gehört einmal zu den Ueberlieferungen ihres Kreises.

    Ernster steht die Sache mit dem weltlichen Forscher. Er, dessen Aufgabe es wäre, in seiner Welt die Keime der Zukunft aufzusuchen, bewegt sich, in vorliegendem Falle, in der fruchtbaren "Zeit des Imperialismus, -- da fallen die Schranken des Ständewesens, -- zerbröckeln die Fesseln des Partheizwanges, -- da entfaltet der Individualismus seine Schwingen und beginnt der Gewissenskampf gegen die Satzungen, -- da wird der Schatz der immateriellen Güter aus den zersprengten politischen Ordnungen gehoben. Diese leuchtenden Genossen des Imperialismus wollen jedoch die Historiker nicht einmal als Morgenröthe der im Anbruch begriffenen Zeit begrüssen und lassen die Sonne, welche in die, auch nach ihrer Auffassung verderbte Welt, wieder Leben bringt, wie einen überraschenden Zufall durch die Wolken brechen, ohne erklären zu können, wie es möglich war, dass sie noch Keime zur Belebung fand.

    So hat Herrmann Schiller z. B., während er (in seiner "Geschichte des römischen Kaiserreichs unter Nero," Berlin, 1872) die Verderbniss des römischen Wesens unter der Regierung dieses Kaisers beschreibt, die Bücher der deutschen theologischen Linken über das Urchristenthum auf seinem Bücherbrett zu stehen und holt sie herunter, wenn ihm Tacitus das Stichwort zum Auftreten eines exotischen Elementes zuruft. Da erscheint mitten in der "tief unsittlichen Zeit, in der verdorbenen Reichsstadt, wo Askese oder bodenlose Verkommenheit und beider Erzeugniss, die Heuchelei herrschte" als Retter das "junge Christenthum".

    Frühere Meister der Landschaftsmalerei liessen sich, um sich ganz der Darstellung der Natur zu widmen, von anderen

     


                                                      Vorwort.                                                  5


    Meistern die Menschenfiguren in ihr Gemälde eintragen. Aehn. lieh verfahren die neueren Historiker, wenn sie für ihre Bilder der römischen Kaiserzeit den Menschen par excellence, der unter den Ruinen des Alterthums wieder Leben und Gedeihen verbreiten soll, sich von ihren theologischen Nachbarn zeichnen lassen.

    Aber der Historiker jener Zeit hat selbst schon ganze Gruppen von Menschen zu schildern, in deren Gemüth die Zukunft auch schon tagte. Er brauchte nur Seneca nicht in Momwwen'schem Geiste zu einem oberflächlichen Declamator herab zu setzen" ferner in dem herzerhebenden Kampf der Rhetorenschulen für Gewissen gegen Satzung, für Liebe gegen Nationalstolz und Standesordnung etwas mehr als "seichtes und frivoles Spiel und als den Hohn auf Menschenverstand und Wahrheit" zu erkennen und er hätte sich von den theologischen Tröstern auf seinem Bücherbrett emaneipiren können.

    Hätte Schiller, den wir als Repräsentanten der philologischen Geschichtsschreibung hier anführen, den Zusammenhang jener angeblichen Declamatoren und ihrer erlauchten Zeitgenossen mit den christlichen Neuerern durchschaut und gefielen sie ihm auch dann noch nicht, so hätte er das immerhin sagen können, aber es musste in grösseren Zusammenhang und mit anderer Begründung geschehen. Wenn er ferner (Nero, p. 562. 563) den "auffälligen," aus dem "Spiel" der Rhetorenschulen hervorgegangenen Charakter der Sprache auch noch "in den Erzeugnissen der nächsten Jahrzehnte" "deutlich" wieder erkennt, so übersah er, dass dieselbe Sprache, von den paulinischen Briefen abgesehen, sich Jahrhunderte, selbst Jahrtausende von Tertullian und Augustinus an bis auf Bossuet und Friedrich Wilhelm Krummacher in der Herrschaft erhalten hat. Und wiederum, -- wollte ihm diese Sprache auch in einer so ausserordentlichen Lebenskraft und so andauernden Verwendung nicht gefallen, so konnte er es gleichfalls sagen, freilich nur in einer motivirten Ausführung.

    Gibbon, in seiner "History of the decline and fall of the Roman empire" steht durch die Kraft, mit der er die historischtheologische Gelehrsamkeit Frankreichs und Hollands, Englands und Deutschlands für sein Bild von der Entwickelung der

     


    6                                                   Vorwort.                                                 


    christlichen Kirche zusammenfasste, hoch über den neueren deutschen philologischen Historikern. Die Elemente seines Bildes fügen sich zwar noch nicht zu einem Ganzen zusammen. Erst macht er der Antwort auf die Frage nach dem obersten Urgrund des endlichen Triumphs der Kirche, dass derselbe der überzeugenden Evidenz der neuen Lehre und der gebietenden Vorsehung ihres grossen Autors zu verdanken sei, seine Verbeugung und nennt die Antwort naheliegend und befriedigend. Bei aller "geziemenden Unterwerfung" unter dieser Auskunft erinnert er sich dann, dass die Weisheit der Vorsehung sich oft zu den Leidenschaften des menschlichen Herzens und den allgemeinen Lebensverhältnissen der Menschheit als Mittel zur Ausführung ihrer Pläne herablässt, und hält er es für erlaubt, statt nach den obersten, vielmehr nach den secundären Ursachen vom Wachsthum der Kirche zusuchen. Endlich zeigten ihm die Streitigkeiten der Theologen Englands und Hollands den Weg, den die sogenannte Dreieinigkeitslehre der platonischen Akademie aus den Gärten des athenischen Weisen über Asien und Aegypten durch die Vermittlung Philo's in das vierte Evangelium und zu den phantastischen Träumen der Gnostiker Alexandria's fand. Mehr als diese Materialien konnte ihm aber seine Zeit noch nicht geben; namentlich fehlte dem Jahrhundert, dessen Aufklärung er für sein Geschichtsbild benutzte, noch die Kühnheit dazu, den Quell der evangelischen Moral und Seelenslimmung in den Philosophenschulen Griechenlands und bei deren römischen Jüngern zu suchen und so erst das wahre Band, welches das Alterthum mit seiner christlichen Geburt verknüpfte, aufzufinden.

    Am tiefsten steht in dieser Frage neben den neueren Historikern Gibbon's jüngerer Landsmann, Charles Merivale, in seiner "History of the Romans under the Empire," von Julius Cäsar bis Marc Aurel reichend (London, 1862). Der Verfasser dieses schönen Denkmals der biographischen Kunst hält sich streng innerhalb der Schranken der anglikanischen Kirche, nennt die menschliche Erscheinung unsers Herrn Jesus Christus das geheimnissvolle Ereigniss, in welchem sich der Keim der römischen Auflösung und die Grenzlinie zwischen

     


                                                      Vorwort.                                                  7


    der antiken und modernen Civilisation erkennen lässt," und lebt der Ueberzeugung, dass das amtliche Protokoll über die Vernehmung und Verurtheilung unsors Herrn vom Procurator an den Kaiser übersandt und in den -Archiven Roms niedergelegt war.

    Und doch enthält das Werk Merivale's schöne kritische Leistungen. Er selbst spricht sich (im Eingang des 55. Capitels) vortrefflich darüber aus, wie "unter der sichtbaren Schrift, die uns über die Tiber, Cajus und Claudius hinterlassen sind, sich Spuren, wenn auch jetzt beinahe verwischte Spuren, von einer anderen und beglaubigteren Schrift dürften entdecken lassen''. Er spricht von einer "verzerrenden und verfälschenden Tünche, mit welcher der Charakter des Tiberius überkleidet ist," und in dem Bilde des Cajus Caligula und Claudius sieht er, "arge Wahrheitsverdrehungen, die auf die Aechtheit der Lincamente, in denen sie gewöhnlich dargestellt sind, einen Zweifel erwecken müssen.

    Es ist auch der sorgsamen Feder von Gibbon's Nachfolger gelungen, in seinem Bilde jener Kaiser manche Züge der in den Schriften des Tacitus, Sueton und Dio Cassius ins Grässliche gearbeiteten Portraits jener Kaiser zu berichtigen. Wenn er aber den Motiven und Quellen jener Compilatoren, zu denen bei aller eisernen Durchführung seines Pragmatismus auch Tacitus gehört, der von ihnen benutzten Anekdotensamralungen, feindlichen Memoiren, Volkswitzen und Hofsagen weiter nachgeforscht hätte, so würde er den Palimpsest, in welchem uns die Geschichte jener drei Kaiser vorliegt, wohl noch weiter gereinigt haben. Wahrscheinlich würde er die Wohlthat seiner Kritik auch den Portraits Nero's und Domitian's haben zu Gute kommen lassen und manche Ueb er treibungen der Sage aus dem Hass der vornehmen Hauptstädter gegen die Gottherrlichkeit dieser Beiden erklärt haben.

    Der phantastische und übertreibende Charakter, welcher die historischen Compilationen des Anfangs vom zweiten Jahrhundert auszeichnet und ihnen den Eingang ins römische literarische Publicum gesichert hat, hätte den modernen Geschichtsforscher ferner daran mahnen müssen, die Haltung der kirchlichen Literatur desselben Jahrhunderts ins Auge zu

     


    8                                                   Vorwort.                                                 


    fassen. In jenem lebhaften Streit, der um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts von ausgezeichneten Gelehrten Frankreichs, Hollands und Deutschlands über das Zeugniss des Josephus von Christo geführt wurde, erinnerte David Blondel an die Kühnheit, mit welcher im zweiten Jahrhundert die Verfertiger einer heiligen Literatur zu Werke gingen, und an die Gläubigkeit, mit welcher die christlichen Gemeinden diese Werke der Täuschung als ächt hinnahmen. Er verweist auf die massenhaft verfertigten Evangelien, Apostelgeschichten, Apokalypsen und Prophetieen, auf die Fabrik von Sibyllinischen Büchern und auf den Glauben an die Bekehrung Seneca's wie an den Verkehr zwischen dem Weisen der Stoa und dem Apostel der Heiden. Blondel beruft sich auf die damalige Anerkennung des apokryphischen Charakters jener Literatur, um seinen Beweis, dass jenes Zeugniss von Christen in das Geschichtswerk des Jesephus eingeschoben sei, zu stützen. Seit seiner Zeit ist aber für die historische Kritik der Umfang jener Literatur bedeutend gewachsen, so dass am Ende keiner der Namen, auf welche die geistliche Literatur des ersten und zweiten Jahrhunderts zurückgeführt wird, vom Zweifel verschont geblieben ist, und der Historiker wird die christlichen Schriften dieser beiden Jahrhunderte mit derselben Vorsicht zu gebrauchen haben, die er den biographischen Schilderungen eines Tacitus oder Sueton entgegenbringt.

    Treten wir nun ein in die beiden Jahrhunderte, die uns unter allen Markzeichen der Geschichte am verwandtesten und wegen des Geheimnisses, welches das Aufsteigen des Christenthums umhüllt, dennoch am wenigsten bekannt sind. Hier erhebt sich in classischer und fast künstlerischer Form die Weltmonarchie, an deren Geburtsschmerzen unsere Gegenwart krankt und noch lange leiden wird. Hier nimmt die Persönlichkeit von der Welt Besitz, glänzt in göttlicher Herrlichkeit auf dem Thron und bleibt in der Kammer des Armen, in der Wanderversammlung der Strassen und auf dem Lehrstuhl des Weisen unerschüttert. Beim Beginn dieser Zeit, noch unter den Geburtswehen der Bürgerkriege, hat der Autor unserer Knabenbank, Cornelius Nepos, die Persönlichkeit in den Vordergrund der Geschichte gestellt, die Historie auf die

     


                                                      Vorwort.                                                  9


    Biographie zurückgeführt und das antike Fatum durch die kühnen Entschlüsse und Wagnisse der Einzelnen abgelöst.

    Es hatte die Memoirenliteratur begonnen. Die Grossen, die sich mit dem Schwerdt und mit Staatskunst emporgebracht hatten, wollten das Bild ihres Lebens auch in der Schrift gegen den Hass ihrer Gegner und für die Nachwelt sicher stellen. Sulla schrieb seine Biographie, Nepos selbst erfüllte Cicero's Herzenswunsch und verfasste dessen Leben. Cäsar erwarb durch seine Commentarien und durch seine Streitschriften die Palme unter den literarischen Zeitgenossen, Augustus und Tiberius folgten seinem schriftstellerischen Beispiele; nach dem Fall des Julischen Hauses trat auch Vespasian mit seinem Tagebuch auf und Marc Aurel, der Letzte dieser Reihe, gewann im Feldlager die Zeit dazu, das Eigenste und Beste, was er hatte, sein Inneres zu enthüllen.

    Sueton und Tacitus erkennen in ihrer Weise die Thatsache an, dass die Weltgeschichte in die Biographie aufgegangen ist. Jener, der mit grösserem Recht als sein älterer Zeitgenosse von sich hätte sagen können, dass er "sine ira et studio" schreibe, fügt das Bild seiner Cäsaren aus den Notizen zusammen, die er den Tagebüchern derselben oder den Sammelwerken ihrer Gegner entnommen hatte, und verschmäht dabei auch nicht die Anekdoten, welche die Verfasser von Schmähschriften aus den Unterhaltungen des Forums und der vornehmen Gesellschaft geschöpft hatten. Der Blick des Tacitus ist krampfhaft auf die Person der Kaiser gerichtet, in seiner Hand ist Cato's Dolch in den Griffel verwandelt, mit dem er die Geheimnisse des kaiserlichen Palastes, die Intriguen ihrer Frauen und Freigelassenen und die Schlechtigkeiten eines Systems aufzeichnet, welches durch List und Gewalt sich an die Stelle des alten kriegerischen und regierenden Adels gedrängt hat.

    Wie in der Biographie des himmlischen Weltherrn und Richters, die gegen die Mitte des zweiten Jahrhunderts als Kriegserklärung gegen die alten Lebensformen zum Abschluss kam, die Gegner des Heilands, die Pharisäer, Sadducäer, Herodianer und Volksgruppen unerklärte Namensfiguren bleiben, so haben weder die Sammlergier Sueton's noch des Tacitus

     


    10                                                   Vorwort.                                                 


    angeblich philosophischer Pragmatismus uns gin Bild von den Gesellschafts and Volksklassen ihrer Zeit and von deren Ver hältniss zur kaiserlichen Gewalt geben können. Und wie in den Evangelien die schöpferischen Elemente der griechischen Cultur, welche Jerusalem umgaben and befruchtend selbst in die heilige Stadt eindrangen, in einem undurchdringlichen Nebel verborgen bleiben, so fehlt auch jenen römischen Biographien der Cüsaren der Blick für die leuchtenden Gruppen von Geistern, die sich zu den Füssen des kaiserlichen Throns bewegten and gerade die Freiheit des Weltverkehrs, welche die Sieger der Bürgerkriege begründet hatten, dazu benutzten, urn die von ihnen entdeckten geistigen Güter zwischen dem aussersten Abend and Morgen zu verbreiten, and nach Belieben ihre Schule aufzuschlagen.

    Gleichwohl liegen die Materialien fir diese unbekannte Geschichte offen da and wir beginnen unsere Darstellung mit dem Bahnbrecher Lucius Annäus Seneca. *

    _________
    * Wir bemerken noch, dass die vorliegenden Bogen eine neue Bearbeitung der Aufsatze sind, die in den 9 Banden der von Dr. Julius Faucher herausgegebenen "Vierteljahrsschrift fir Volkswirthschaft, Politik and Culturgeschichte" von Michaelis 1 874 his ebendahin 1876 erschienen.




     

    [ 11 ]



    I.
    Seneca's Religionsstiftung.

    _____

    Zuvor werden wir die wegwerfenden Urtheile, die von einer neueren historischen Schule über den Stoicismus, den Ausgangspunkt Seneca's, gefällt sind, der Prüfung des Lesers vorführen.

    1. Neuere Urtheile fiber den Stoicismus.

    Zu den Zeichen des anbrechenden Imperialismus, der unsere Gegenwart beherrscht, gehort unter Anderin auch eine Fraction der Geschichtsch eibrung, welche mit cuter Art von Herzenserregtheit sich der Verherrlichung des Gründers des classischen Imperialismus widmet. Die Distanz, in welcher sich die Zeitgenossen Casars zu seiner Person and zu seinem Werk hielten, client fur diese Geschichtsschreibung als Massstab, nach welchem der Umfang and Werth ihrer Urtheilskraft abgemessen wird. Hingebung oder Widerstand bestimmt das Urtheil über Anhänger oder Gegner. Der Historiker wird zum Advokaten einer Institution and führt die Sache seines Ideals mit der Gereiztheit eines officiasen Vertheidigers.

    So wird in der "römischen Geschichte" Mommsens, welche, als der neuere Imperialismus durch das Jahr 1848 eine Steigerung erhielt, den Eeigen dieser Literatur begann, Cato mit dem Beiwort eines "Bocksteifen and halbnärrischen" Mannes bei Seite geworfen. Da der Dolch, bei dem Cato gegen den Casarisinus Rettung suchte and dessen Spitze über dem Haupte der Nachfolger des Dictators drohte, von der Veisheit der Stoiker geweiht war, so bekommen auch diese ihr Theil and sie erscheinen in dem genannten Werke als "die grossmauligen and langweiligen romischen Phärisaer." Ihre moralischen Predigten werden zu "terminologischem Geplapper," ihre Lebensgrundsätze "hohlen Begriffen."

     


    12                                        Seneca's Religionsstiftung.                                       


    Auf das lindeste ausgedrückt, mögen wir vielleicht diese Sprache die des ersten Enthusiasmus nennen, mit welchem der Entdecker einer neuen Seite an einer Person oder Institution dieselbe vor Entweihung zu behüten sucht. Indessen hat die deutsche Literatur schon eine geistreiche Erklärung der Gesetze, welche den Uebergang der römischen Eepublik zur Alleinherrschaft bestimmten, aufzuweisen. Wir erinnern an die anregenden Ausführungen, welche Friedrich Buchholz unter dem Eindruck der Napoleonischen Dictatur in seinen "philosophischen Untersuchungen über die Römer" (Journal für Deutschland. Band 5 und 6. Berlin 1816), besonders in den Abschnitten über die Bürgerkriege und über Augustus und Tiberius veröffentlicht hat. Eine sehr schöne Probe zu seiner Auffassung des römischen Cäsarismus hat derselbe Buchholz in seiner Erklärung vom tragischen Selbstmord des Coccejus Nerva, des Kanzlers und Freundes Tiber's gegeben (Neue Monatschrift für Deutschland. Band 5. Berlin 1821).

    Nach so besonnenen und grundlegenden Vorarbeiten hat die Aufgeregtheit der Abfertigung, welche Mommsen den Gegnern der römischen, in ihrem Jahrhunderte langen prekären Zustande nur durch die Prätorianerwaffen erhaltenen Dictatur angedeihen lässt, keinen grösseren Werth als die literarischen Standreden, welche die französischen Gegner des Imperialismus zur Befriedigung ihres Hasses gegen das Napoleonische Regime dem Andenken des Augustus und seiner Freunde gehalten haben.

    Herr Schiller hat daher seiner Schrift über Nero sehr geschadet, als er in seiner Darstellung so wichtiger Akteurs der Neronischen Zeit, wie es die Stoiker waren, ganz der Mommsen'schen Auffassung folgte. Dieser ausgezeichnete Philologe will zwar den Stoicismus, soweit derselbe kosmopolitisch gesinnt war, als eine Vorbereitung für die Wege des Christenthums gelten lassen, aber selbst dieses Zugeständniss kann er nicht rein ausklingen lassen, da er jenen Lehrer der Völker zugleich als einen Sonderling darstellt, der seiner Zeit fremd gegenüberstand und sich durch seine übertriebenen Imaginationen die Einwirkung auf seine Umgebung abschnitt. In seiner missgünstigen Stimmung merkt er nicht, dass er mit seiner Bemängelung das Christenthum selbst trifft, welches in

     


                                  Neuere Urtheile fiber den Stoicismus.                               13


    seinem kosmopolitischen Vorgänger schon pulsirte, und dass es unbegreiflich bleibt, wie der unpraktische Sonderling die Wege der Zukunft vorbereitet haben soll.

    "Ihre beiden Hauptzüge," sagt Herr Schiller z. B. von der stoischen Sittenlehre, "sind ideale Uneigennützigkeit, die sich in dem Satze ausspricht: ""Nur die Tugend ist ein Gut, alles Uebrige ist bedeutungslos"," und die Herrschaft der Vernunft. Die starre Anwendung beider Sätze hatte dem Stoicismus viele Kämpfe zugezogen und, was die Hauptsache ist, ihm die Einwirkung auf die Massen unmöglich gemacht. Das Leben ist kein Ideal."

    Man sollte meinen, es dürfte einer geistigen Macht in den Augen eines Historikers nicht zur Verminderung ihres Werthes dienen, dass sie sich durch ihre hochgespannten Forderungen viele Kämpfe zuzog. Er ist ja dazu da, ihre Mühen darzustellen und zu erklären. Auch das Christenthum hatte, ehe es sich Verbreitung und Anerkennung verschaffte, viele Kämpfe zu bestehen gehabt. Es trat der Welt auch mit einem Ideal entgegen und machte dasselbe mit Starrheit geltend und wirkte auf die Massen -- ganz wie der Stoicismus, was Herr Schiller nicht sah, weil es ihm verborgen geblieben ist, dass es selbst nichts Anderes als der metamorphosirte Stoicismus war.

    "Wenn ein moralisches System auf die moralische Gesellschaft Einwirkung ausüben will, fährt Schiller (pag. 592-595 seiner Schrift) fort, so darf es nicht blos auf Heroen Rücksicht nehmen, sondern auf die gewöhnlichen Menschen." Aber das Christenthum, welches doch auch nicht ins Leere arbeitete, forderte geradezu Heroen -- Heroen der Heiligkeit und der Entsagung, und es setzte seine starren Forderungen durch, weil der Stoicismus und der Cynismus ihm eine Pflanzschule des Heroismus erzogen hatten.

    Das Christenthum erklärte ausdrücklich, dass es über den Bereich des "gewöhnlichen Menschen" herausgehen wolle. Nichts Anderes liegt in der Frage (Matth, 5, 46. 47.), ob seine Getreuen, wenn sie sich nur untereinander lieben und zu einander freundlich thun, etwas "Uebriges" thun und ob dasselbe nicht auch die Zöllner, oder (wie ich in meiner Berliner Ausgabe der "Kritik der Evangelien," 1851. Band 2. pag. 128 als

     


    14                                        Seneca's Religionsstiftung.                                       


    den uns noch erhaltenen Urtext nachgewiesen habe (die Hurer thun? Heroen, die sich über das Mass des gewöhnlichen Lebens erheben, verlangt die Aufforderung an den Reichen: gehe hin und verkaufe Alles, was du hast, und gieb es den Armen. Nur eine aussergewöhnliche Kühnheit konnte den Spruch: "wenn dich deine Hand ärgert, so haue sie ab und wirf sie von dir," verstehen und befolgen.

    Unser Historiker spricht von den "hochfliegenden Doktrinen der Stoa und von den thörichten Paradoxen und Uebertreibungen," die sie den Ihrigen auflud. Der Verfasser eines der Neutestamentlichen Briefe, in denen wir die Verarbeitung des Stoicismus nachweisen werden, schämte sich aber nicht, vor der Welt ein Thor zu sein, und pries den Vorzug der göttlichen Thorheit (I. Korinth. 1, 25).

    Herr Schiller erblickt im Stoicismus "die stärkste Entwickclung des Kosmopolitismus, welcher wir bis dahin (bis auf Seneca) überhaupt begegnen, freilich zugleich die Ankündigung vom Untergang des Römerthums." Dieses "freilich" klingt an ein seufzendes "leider" an und deutet auf ein Bedauern, während der Historiker in der Erforschung der Gesetze, die den Wechsel der Weltherrschaft bestimmen, seine Theilnahme für die untergehenden und a?
    Einer ähnlichen Empfindsamkeit giebt sich Charles Mentale hin, wenn er in dem Abschnitt seines Werkes über Cicero's Verarbeitung der griechischen Philosophie von der "schädlichen" Mitgabe spricht, welche die Römer von ihren griechischen Lehrern mit in den Kauf bekamen. "Lockerheit der moralischen Grundsätze und religiöse Gleichgültigkeit," schreibt der Verfasser der römischen Kaisergeschichte, "hatten für die Massen ihre Reize, während die edlen Lehren der Philosophie die Ideen von Billigkeit und natürlichem Recht nur von den feinen und gebildeten Geistern gewürdigt wurden." Abgesehen davon, dass die sokratischen, cynischen und stoischen Grundsätze von Billigkeit und Gütigkeit durch Euripides und die Meister der neuen attischen Komödie auf die Bühne und unter die griechischen Massen, sodann auf das römische Theater und ins lateinische Publikum kamen, endlich von den römischen

     


                                  Neuere Urtheile fiber den Stoicismus.                               15


    Cynikern in den Strassen Roms gepredigt wurden, stimmt die Klage über die von der Philosophie bewirkte Gleichgültigkeit der Massen gegen die Altäre der alten Götter sehr wenig zur Aufgabe des Geschichtsschreibers. Die Altäre des Jupiter Capitolinus mussten verlassen werden, wenn sich die römischen Massen dem neuen Gott zuwenden sollten.

    Seinem bedauernden "freilich" lässt Schiller ein bemängelndes folgen. "Dieser Gedanke (des Weltbürgerthums)," fährt er fort, "wird von jetzt an tausendfach in den Schriften der Zeit variirt. Freilich bleibt von der Theorie bis zur Verwirklichung derselben noch ein Schritt zu thun." Gewiss! Darum muss sich der Historiker in die Zeit schicken und Geduld haben, was ihm nirgends leichter hätte sein können als in diesem Falle, wo die Bemängelung, dass der vorletzte Schritt noch nicht der letzte (das Christenthum) war, am wenigsten an ihrer Stelle ist. Ausserdem war das Christenthum den grossen Massen gegenüber Anfangs auch nur "Theorie" wie sein Vorgänger und alles Bedeutende in der Welt.

    Zum Schluss macht Schiller diesem Vorgänger noch das Zugeständniss, dass ohne ihn (den stoischen Kosmopolitismus) das Christenthum "nur mit weit grösserer Schwierigkeit und erst nach langen Kämpfen zur Herrschaft hätte gelangen können." Nur übersieht er dabei, dass das Christenthum eben der in jüdischer Metamorphose zur Herrschaft gekommene Stoicismus war und die Frage, ob es ohne diesen Mitarbeiter noch länger mit dem Widerstand der Welt hätte kämpfen müssen, überflüssig ist. Auch von diesem Lebensgeist beflügelt, hatte es sich mit dem Römerthum so lange abzumühen, bis der Cäsarismus mit den urrömischen Lebenselementen (Senatus populusque Romanus) fertig wurde. Dies geschah durch Constantin den Grossen.

    Das Geschick des Stoicismus und Christenthums, hängt mit dem des römischen Staats- und Volkswesens zusammen. Beide Geschicke sind ein und dasselbe. Seneca's Moral hat sein Verständniss der politischen Zustände Roms zur Grundlage. Die Stimmung seiner Predigten ist durch die Affektionen, welche die Bürgerkriege bis zur Zeit des Augustus und die Phasen des Kaiserthums in seinem Gemüth erregen, bedingt. Die Art

     


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    seines Philosophiren s und die Resignation, mit der er sich in den politischen Wechseln der letzten hundert Jahre orientirt, bilden ein einiges geistiges Werk. Ehe wir aber dieses Werk darstellen, werden wir auf den bedeutendsten römischen Vorgänger Seneca's, einen Mann, der auch für die Zukunft des Christenthums gearbeitet hat, einen Rückblick werfen.

    2. Rückblick auf Cicero.

    Hier begegnet uns wieder Herr Mommsen und stellt uns den Mann, dessen Name mit dem Casars immer verbunden sein und der Gegenstand einer die Verdienste beider Männer abwägenden Vergleichung bleiben wird, als ein Ungeheuer der Gewöhnlichkeit und Unbedeutendheit vor. (Nebenbei bemerkt, mit Worten, die wir weiter unten in Schillers Charakteristik Seneca's wiederfinden werden!)

    Der Verfasser der "römischen Geschichte" kann sich, wenn er auf Cicero zu sprechen kommt, nicht stark und lebhaft genug über die "fürchterliche Oede dieses eben so leeren wie voluminösen Skribenten" expektoriren. Er findet ihn in Allem, worin er sich als Schriftsteller versucht hat, als eine "Journalisten-Natur im schlechtesten Sinne," nennt ihn auf dem Durchgang durch die streitenden Parteien seiner Zeit einen kurzsichtigen Egoisten und macht ihm auch als Menschen eine schwach überfirnisste Oberflächlichkeit und Herzlosigkeit zum Vorwurf.

    "Der in Purpur gekleidete herzlose Cäsar," sagt Cicero in seiner Schrift "über die Divination," -- also auf beiden Seiten derselbe Vorwurf.

    Indem wir uns auf dieses Thema einlassen, sind wir fer n davon, uns in Gegenvorwürfe ergehen und den Diktator auf das Niveau des Mommsen'schen Moralphilosophen herabziehen zu wollen. Nur das Recht beider Männer wollen wir im Gewirr ihrer beiderseitigen geschichtlichen Arbeiten aufsuchen.

    Cäsar hatte auch etwas von einer Journalisten-Natur an sich. Er führte für seine Sache die Feder und liess Andere dafür schreiben. Die Nachfolger aus seinem Hause dichteten, schrieben Geschichte und Memoiren und wussten Poeten und Historiker für die Verherrlichung ihrer Person und Familie an

     


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    sich zu ziehen. Der Imperialismus ist imnwr literarisch gewesen; nur Alexander hatte auf seinem stürmischen Flug noch nicht die Zeit zur Heranbildung einer officiösen Literatur und war auf die Klage beschränkt, dass sich für ihn kein Homer, wie für Achill, finden lassen wollte. Die Napoleoniden haben den literarischen Charakter des Imperialismus gesteigert, Moniteur-Artikel, Broschüren und Memoiren geschrieben und, als sie die Universalmaschine der Flugblätter und Zeitungsfabrik auszimmerten, Casars Journalistenwerk weitergeführt.

    Die angebliche Oberflächlichkeit der Schriftstellerei Cicero'a hat gegenüber der Unsicherheit des cäsarischen Machtgebäudes keinen Grund dazu, sich zerknirscht zu fühlen. Hermann Schiller erklärt zwar das Scheitern des, auch von Mommsen bewunderten genialen Entwurfs von Cäsar's Monarchie aus dem Umstande, dass nach dem Tode des Dictators die Ausführung Männern in die Hände fiel, "die neben der Genialität des ersten Imperators nur als Mittelmässigkeiten erschienen." Diese Männer nach dem grossen Gründer hätten für den "idealen Zug" des cäsarischen Gedankens, Monarchie mit Volksfreiheit zu vereinigen, keinen Sinn gehabt und die "wohlthuende Deutlichkeit und nicht missverständliche Form," welche das Opfer des Idus des März seinem Werk gegeben hatte, gleichwohl völlig verkannt. Allerdings hätte der Entwurf Cäsar's den, seiner genialen Natur nachzusehenden Fehler gehabt, dass es speciell die Militairmonarchie war, die mit der Volksfreiheit vereinigt werden sollte, und das Unheil der folgenden Zeit sei aus der "unbegreiflichen Verblendung hervorgegangen, mit welcher seine Nachfolger diesen Fehler verewigten und als "offlcielle Lüge festhielten."

    Allein bei jedem aufsteigenden Imperialismus werden die fürstlichen Mächte (das war in Rom der Senat) mediatisirt und unterm Schein der Anerkennung und Schonung als Collegium der Mitregenten, d. h. als ein Bundesrath erhalten, aber unterm Vorgeben der demokratischen Aufgabe des Imperators niedergedrückt. Der kaiserliche Absolutismus Cäsars und seiner Nachfolger erhielt dadurch die Form der "officiellen Lüge," wie sich Schiller ausdrückt, dass er der Demokratie, in deren Namen er sich mit der tribunicischen Gewalt gegen

     


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    den Bundesrath bewaffnete, ihre alte Organisation der Berathung und Gesetzgebung entzog und ihr dafür die Wohlthaten der Plünderung und des Raubes zuwarf, bis er ihre tägliche Ernährung übernahm. Diese Verwandlung der Bürger in ein Bettlervolk begann schon unter Cäsar und er selbst musste, als Kriegsherr und Richter über Krieg und Frieden schon die Militairmonarchie aufrichten, die er zur Beherrschung des Senats und zur Erhaltung der Ruhe unter den Volkshaufen nöthig hatte.

    Das war die von den neueren Historikern bewunderte cäsarische Organisation, die nach einem zweihundertjährigen Kampf zwischen Kaiser und Senat gerade noch gut und stark genug war, um nach der Steigerung ihres militairischen Charakters, vor welchem die andern auf den Imperator aufgehäuften Aemter erblassten, die latinischen Racen gegen den Ansturm der Germanen zu vertheidigen und für die Anregungen späterer Zeiten aufzusparen. Und noch dazu hatten die Lateiner Italiens und die latinisirten Völker Spaniens ihre letzte Rettung erst den absoluten Kaisern von Byzanz und den Arabern zu verdanken.

    Bei alle dem hatten beide Römer, von denen Mommsen nur den Einen erheben kann, um den Andern niederzudrücken, ein Herz, gross genug, um die höchsten Angelegenheiten und Fragen der Welt ihrer Zeit zu umfassen und zu verarbeiten. Cäsar erkannte, dass die Völkerschaften, welche die Waffen der Republik unterworfen hatten, nicht mehr als die Privatsache einer Stadt und deren Geschlechter behandelt werden können, und entzog sie den Launen und der Ausbeutung der römischen Parteien, denen er den Todesstoss gab. Cicero verkündigte dieser in den Bürgerkriegen geborenen Welt eine Moral, die über die Interessen und das Partikularrecht der siegreichen Stadt hinausging. "Wer da behauptet, schreibt er (de Offic. 3, 6), man müsste zwar auf seine Mitbürger Rücksicht nehmen, aber nicht auf Fremde, der trennt die allgemeine Verbindung des Menschengeschlechts, mit dieser aber hebt man Wohlthätigkeit, Freigebigkeit, Güte und Gerechtigkeit von Grund aus auf." Während Cäsar die Spitze schuf, von der aus die Interessen der Völker gepflegt und der

     


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    Habgier der römischen Patrizier entrissen werden konnten, war der Sinn Cicero's auf die "natürliche Gesellschaft" der Menschen (ebend. 1,16) und auf das ewige Gesetz gerichtet, welches weder "in den Köpfen der Menschen erdacht wurde, noch von einem Volksbeschluss herrühre, sondern die ganze Welt durch ein weises Gebieten und Verbieten lenke" (de legib. 2,4). Er war monarchisch in dem Sinne, dass er nach Anleitung der Griechen das "Höchste und Letzte" zu erfassen suchte, "auf welches sich alle Regeln des tugendhaften Lebens und rechten Handelns zurückbeziehen müssen" (de summo bono 1,14), und schloss "die ganze Welt in einen Verein zusammen, zu welchem die Götter und die mit ihnen geschlechtsverwandten Menschen gehören" (de legib. 1, 7. 8).

    Er hat sich in der Zeit der Auflösung schwankend, oft rathlos benommen, dazu den Cultus der eigenen Persönlichkeit auf das Höchste getrieben. Mit gleicher Schwärmerei hat er sich dem Gedächtniss seines staatsrettenden Consulats, wie der Selbstbeobachtung seiner Zermalmungen im Unglück, seiner Melancholie und eigenen Quälerei hingegeben. Diesen Cultus wie seine Schwankungen hat er durch die literarische Verewigung seines wechselnden Porträts hart büssen müssen, obwohl er als der Erste in der Reihe Derjenigen, die in ihrer. Confessioneu sich mit ihren Schwächen und Irrungen dem Urtheil Anderer preisgaben, vor dem billigen Richterstuhl der Nachwelt gerade durch diese Offenheit die Theilnahme für seine reizbare Natur steigert. Dennoch hat das Cäsarenthum diese in Täuschungen fluktuirende Persönlichkeit nicht dauernd unterwerfen können, und sie fühlte sich als etwas so Grosses und Werthvolles, dass sie eher untergehen musste, eho sie sich im blossen Nivellement unter den Cäsaren fortwarf.

    Seine Werke über die neue Weltmoral verfasste Cicero unter der Dictatur Cäsars und darauf in der Zwischenzeit, bis Octavian das Triumvirat gegen die Optimaten abschloss.

    Vor dem Bruch zwischen Cäsar und Pompejus hatte er bereits in seiner Schrift "de Republica" seine Ueberzeugung ausgesprochen, dass "die Republik, durch die Laster ihrer Angehörigen, nicht durch irgend einen Zufall, verloren gegangen, nur noch den Worten nach bestehe." Aber nach

     


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    dem "völligen Verlust des Staats" erklärte er (de Offic. 3, 6, dass man sich gegen die Tyrannen "nur im Kriegszustande befinden könne" und in der Schrift "de Divinatione" (2, 2) nannte er die schriftliche philosophische Ansprache an die Volksversammlung die "einzige seiner würdige" Beschäftigung und die ihm noch frei stehende Dienstleistung, die er seinen Mitbürgern darbringen könne.

    Nach dem Zeugniss des älteren Plinius (hist. natur. 1, 31) hat Cäsar über seinen philosophischen Gegner geschrieben: "der Lorbeer seiner Triumphe sei um so herrlicher, als es mehr heisse, durch die Güter des Geistes die Gränzen des römischen Ingeniums als die Reichsherrschaft erweitert zu haben." Cäsar hat mit diesem Ausspruch die Persönlichkeit, die im Selbstgefühl der eigenen Würde den Imperialismus überdauert, und dazu auch den herrschaftlichen Geist der Sprache seines Gegners, die mit ihrem Periodenbau dem damaligen geistigen Weltstoff gewachsen war, anerkannt. Er konnte als Sieger diese Grossmuth üben. Cicero, der politisch Ueberwundene, der sich nach der Niederlage zur Bildung einer auf das Höchste gerichteten Weltgemeinde aufraffte und nach seiner eigenen Rettung suchte, hatte sich zu der Anerkennung, dass das demokratische Nivellement der Parteien und Völker zum Siege seiner Weltmoral nothwendig war und Casars Bettelvolk ihm den Stoff für seine geistige Gemeinde lieferte, noch nicht aufschwingen können.

    Bald aber hatten die Anregungen Cicero's und ein vermehrter Zufluss griechischer Weisheit Rom so bearbeitet, dass ein Spanier, dem die alten Erinnerungen Roms nicht ans Herz gewachsen waren, kommen und den nivellirten Boden der Hauptstadt als die rechte Stätte für seine Gemeindestiftung benutzen konnte. Das war Seneca.

    Die Lehrer Senecas.

    Rom und die Welt hatten durch die Schlacht bei Actium eine neue Gottheit bekommen. Eine Macht, wie sie Augustus nach dem Siege über Antonius besass, hatte Rom noch nie über sich walten sehen. Der Sieger, in der ersten Zeit seines Auftretens die verständige Berechnung und Rücksichtslosigkeit

     


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    selbst, bei der Stiftung des Triumvirats ohne Achtung vor dem Bürgerblut, war ein Meister der Massigkeit geworden. Er selbst war im Rückblick auf seinen Lebenslauf und Erfolg geneigt, in seinem Friedenswerk die Erfüllung einer göttlichen Sendung zu erkennen, und die Völker waren nicht weniger dazu gestimmt, in dem Beendiger der Bügerkriege und Friedenstifter einen Boten des Himmels und die Personification der Macht Roms zu verehren. Die bekehrten Gegner zu Rom selbst schmückten ihre Unterwerfung unter den Sieger mit der Erhebung in eine göttliche Fügung und die Dichter, wie Virgil, feierten den Spross des göttlichen Cäsar unter der Larve des Aeneas als Reichsstifter und Erneuerer des Reichscultus oder besangen ihn, wie Horaz, als den irdischen Vertreter des oberen Jupiter.

    Rom. hatte daher, naeh dem Ausdruck des Valerius Maximus (Prolog ad Tiberium) in den Cäsaren die Mittler zwischen Himmel und Erde den Völkern hingestellt, ehe die Christen mit der Predigt von ihrem Mittler und Gesalbten auftraten. Daher im Laufe der nächsten Jahrhunderte die Spaltung der Welt zwischen den Verehrern beider Incarnationen, ein Kampf, der so lange dauerte, als die politische Macht Roms sich im Absterben erhielt. Die christliche Incarnation siegte, als der Imperator sich von Rom wegwandte und den Heiligenschein, mit dem ihn sein Amt des römischen Hohenpriesters und Mittlers auszeichnete, zu den Füssen des Gekreuzigten niederlegte.

    Dieser Kampf gegen das Cäsarenthum und gegen den Götterglanz seiner Vertreter war aber schon längst, ehe das Christenthum auftrat, eingeleitet. Ja, die Laufbahn des Sieges war bereits eröffnet.

    Der Bahnbrecher war die griechische Philosophie. Die Bemühungen des Augustus für die Erneuerung des alten Cultus prallten in Rom selbst an dem Zusammenfluss griechischer, orientalischer und afrikanischer Elemente ab, die nach der Hauptstadt strömten undihre eigenen Gottesdienste mitbrachten. Hoch und Niedrig unter den Eingeborenen wurden von dem Zauber der fremden Culte ergriffen und ergaben sich den . ausländischen Diensten. Hoch und Niedrig, die Paläste wie

     


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    die Strassen, waren den Predigten der Philosophen zugänglich geworden, die den Schluss der griechischen Weisheit, Einkehr ins Innere, Weltentsagung und Abwendung von den Aeusserlichkeiten der Tempelgebräuche lehrten.

    Derselbe Virgil, der in seinem Aeneas die Frömmigkeit des cäsarischen Religionserneuerers feiert, hat mit dem Preis der stoischen Weltseele seiner Dichtung eine ihrer Glanzstellen eingewebt (Aeneid. 6, 724 ff.) und in seinem Gedicht vom Landbau (Georg 2, 490-496) lässt er sich von der Bewunderung der Epikurischen Welterklärung und des lateinischen Verkünders von Epikurs Grösse und Göttlichkeit so weit hinreissen, dass er mit den Worten des Lucretius die "Unbeugsamkeit des Glücklichen, der der Welt Ursprung erkannt hat, vor den Obrigkeiten des Volks und vor dem Purpur der Könige" verherrlicht. Und derselbe Horaz, der in Augustus den Nächsten nach Jupiter besingt, widmet dem "Gerechten und Standhaften, den weder das widerrechtliche Gebot des Haufens, noch das drohende Antlitz des Tyrannen, noch auch die gewaltige Hand des Jupiter erschüttert1', eine seiner ergreifendsten Dichtungen.

    Augustus selbst betrat die Wege Cicero's und schrieb eine Aufforderung zum Philosophiren (oxhortatio ad philosophiam (Sueton. Octavian. cap. 84), die er im Kreise seiner vertrauten Freunde vorlas. Er hatte in Areus, einem Stoiker aus Alexandria, nach der Art der Grossen seit der Scipionenzeit, seinen eigenen Philosophen bei sich und demselben "übergab sich" auch Livia, um von ihm nach dem Tode ihres Sohnes Drusus Trost zu holen (Seneca, ad Marciam, cap. 4) Augustus hatte ihn in seinem Gefolge, als er nach der Schlacht bei Actium in Alexandria einzog, und führte ihn-, ihren Mitbürger, in der Rede, in welcher er den Alexandrinern für ihre Unterstützung des Antonius Verzeihung ankündigte, als eines der Motive seiner Milde an (Dio Cassius 51,16). Die gleichen geistlichen Führer sorgten in anderen Palästen und .Häusern für die Seelenbedürfhisse der Grossen. Früher Lehrer einer neuen Theorie, waren sie für die Römer nach den Bürgerkriegen praktische Seelenführer, geistliche Directoren, Tröster in Unglücksfällen, Beichtiger geworden. Die Opfer der cäsarischen

     


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    Willkür begleiteten sie zum Tode und gaben ihnen den letzten Zuspruch. Canus Julius, der sein Todesurtheil vom Kaiser Caligula mit Danksagung empfing und mit Ruhe und Gelassenheit starb, war auf seinem letzten Gange von "seinem Philosophen" begleitet (Seneca, de Tranquill, c. 14). Thrasea nahm mit seinem Schwiegersohn Helvidius den Cyniker Demetrius, gleichsam als seinen Hausgeistlichen, in die Kammer mit, wo er sich die Adern öffnen liess, und behielt bei den Qualen des langsamen Hinsterbens seine Augen auf ihn gerichtet (Tacit, Annal. 16, 35).

    Sich sammeln, an der eigenen Besserung arbeiten, leiden, dulden, sterben war das Ziel des Lebens geworden.

    Das spätere evangelische Wort: "Eins istnoth" (Luc. 10, 42) war längst der Spruch der Zeit. "Dringe mit aller Macht auf das Eine und lass das Hin- und Herreden und das Schlüsseziehen und die übrigen Spielereien des eitlen Scharfsinns," schreibt Seneca (Epist. 108). "Auf das Eine wollen wir hinarbeiten, dass wir von der Flüchtigkeit der Zeit nicht überrascht werden" (ebend.).

    Das Eine, worauf die ersten Meister der Stoa drangen, war der innere Frieden des Gemüths. Der Sokrates des Plato war ihnen in dieser Sorge für die Seele vorangegangen. Auf dem Wege zum "Protagoras" fragte er den jungen Freund, der von dem Sophisten sich Wunder der Weisheit versprach, ob er auch daran gedacht habe, in welche Gefahr er seine Seele, das schönste Kleinod, von welchem alles Glück und Unglück des Lebens abhänge, bringen könne. Diese Sorglichkeit für die Seele hatte in der ersten Zeit des römischen Kaiserthums so um sich gegriffen, dass die früh in Verfall gerathenen dialektischen und logischen Untersuchungen der Stoiker der Missachtung anheimgefallen waren. Seneca spricht die Stimmung seiner Zeit aus, wenn er über die logischen Anleitungen der stoischen Schule seinen Spott ausgiesst. "Wandelt man so zu den Sternen?" fragt er, indem er der "dialektischen Spielereien" der Schule gedenkt. Ist das die Philosophie, die uns verheissen kann, "uns, zu bessern und Gott gleich zu machen?" (Epist, 48. 49.)

     


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    Seneca und seine Zeitgenossen wussten, dass die geistigen Güter, die sie in ihren Vorträgen und Schriften in Umlauf setzten, nicht von ihnen erzeugt waren. Sie hatten sie von den Griechen überkommen, und manchmal schlug ihnen doch das Herz, wenn sie sich die Frage vorlegten, was sie zur Vermehrung und Verarbeitung des fremden Schatzes gethan haben? Seneca half sich mit dem Trost, dass die Kömer die Anwendung der von den Alten hinterlassenen "Heilmittel" gesucht und gefunden hatten (Epist. 64). Er selbst meint, man müsse die Rüge der Laster mit "rednerischem Feuer, tragischer Grösse, komischer Feinheit" beleben und wirksam machen (Epist. 101). In diesem Sinne hatten auch schon seine Vorgänger ihrer Empfehlung der griechischen Weisheit oratorischen Nachdruck gegeben. Sie waren die Tribunen der Kaiserzeit und setzten in den Zeiten eines Tiberius, Caligula, Claudius die Wirksamkeit der Redner des Forums fort. Aber eingeengt durch den Friedensstand, der mit den grossen politischen Parteien auch dem Kampf der Beredsamkeit zwischen Bewerber und Bewerber, Person und Person ein Ende gemacht hatte, waren sie in ihren donnernden Reden auf Allgemeinheiten beschränkt und blieben ihnen als Ausdruck ihrer Ueberzeugung und als Waffen des Angriffs nur Uebertreibungen übrig. Sie wurden die Vorgänger der christlichen Predigt vom vierten Jahrhundert und der späteren Bossuet's, Bourdaloue's und Reinhard's Sie sprachen, als sässen sie über die Welt und ihre Herrscher zu Gericht. "Attalus'S schreibt Seneca über einen seiner Lehrer (Epist. 198), "nannte sich selbst König; aber mehr als König schien mir der zu sein, der über die Herrscher zu Gericht sitzen durfte."

    Die Herrscher, welche diese Prediger vor ihren Richterstuhl zogen, waren unpersönliche, aber nichts desto weniger wirkliche Mächte des damaligen Roms, vor allem der Reichthum, die Habsucht mit ihren Begleitern: dem Aufgehen des Privatlebens in üppigen Genuss und der Lähmung der allgemeinen Arbeitskraft. Rom, seine Grossen und seine Finanzpächter aus dem Richterstande hatten die Provinzen als ein Feld betrachtet, welches ihrer Plünderung und Auspressung gehörte und die Schätze der Welt in der Hauptstadt zusammengehäuft.

     


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    Es gab nur zwei Mittel, um den Druck dieser auf Rom lastenden Beute zu lindern, bis die Fremden aus dem Norden kamen und sich den Rest aus den Häusern der Grossen und Kleinen holten: die kaiserlichen Confiscationen, deren Ertrag den hohen Räubern bald wieder in den Händen schmolz, und die Aufrufe zur Nüchternheit und die Mahnung an die Gedrückten zur Bereicherung durch die geistigen Güter. In die Evangelien und Episteln des Neuen Testaments sind die gleichen Proteste gegen die Habsucht übergegangen.

    Wie die Raserei, mit welcher die Grossen ihren der Welt abgenommenen Raub zur Schau trugen und die Kaiser den durch Verschwendung geleerten Schatz durch Confiscationen und Hinrichtungen wieder lullten, unter Nero ihren Höhepunkt erreichte und durch die Verzehrung des Stoffs sich wieder abschwächte, so liess auch gegen das Ende der Regierung Nero's das Feuer der stoischen Prediger nach. Die Predigerschule, in welcher Seneca erzogen ward -- "der Sextier Schule von römischer Kraft, die mit grossem Anlauf begann," sagt Seneca selbst in einer seiner letzten Schriften (Natur. Quest. 7, 32) -- "ist erloschen." Er meint, sie ist durch keinen grossen Redner und Führer mehr vertreten. Sie hatte aber ihr Werk vollbracht. Der Same, den sie in die Gemüther geworfen hatte, keimte und trug Früchte -- im Christenthum.

    Der Stifter jener Schule, Quintus Sextius, Zeitgenosse Casars, wies Ehrenstellen von sich (Seneca, Epist. 98) und nahm auch, obwohl er durch seine Geburt berufen war, sich um Staatsämter zu bewerben, den breiten Purpurstreifen und den Sitz im Senat, den ihm der Dictator angeboten hatte, nicht an. Vom Cynismus und Stoicismus begeistert, eröffnete er eine freie Schule und entzündete seine Zeit sowohl durch seine Vorträge als durch seine Schriften. "Himmel, welche Kraft, welcher Hochsinn," ruft Seneca, indem er von der Vorlesung einer Schrift desselben in seiner Hausgesellschaft berichtet (Epist. 64). "In welcher Seelenstimmung ich auch sein mag, wenn ich ihn lese, so möchte ich alle Wechselfälle des Glücks herausfordern und ausrufen: "'Trete in die Schranken mit mir, Schicksal, ich bin bereit.'" Haben möchte

     


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    ich etwas, das ich überwinden, in dessen Erdulden ich mich üben könnte."

    Von Sextius, dem Sohn, welcher im Leben und in Vorträgen die pythagoräische Lebensdis,ciplin erneuerte und sich des Fleisches enthielt, lernte Seneca die tägliche Selbstprüfung (recognitio sui. de Ira 3, 36) und stellte sich seitdem allabendlich nach dem Schluss seines Tagewerks in seiner Kammer vor sich selbst zur Verantwortung. Ein anderer seiner Lehrer, der Alexandriner Sotion, gewann ihn vollends für die Enthaltung von der Fleischnahrung und erst als in der Zeit des Tiberius die ausländischen Culte aus Rom ausgewiesen wurden, gab er den Bitten seines Vaters, welcher wegen des Zusammenhanges der Enthaltung von gewissen Thieren mit fremdem "Aberglauben" die "Verläumdung fürchtete, so weit nach, dass er wieder zu der gewöhnlichen Speise zurückkehrte (Epist. 108). Einem andern Lehrer, dem bereits erwähnten Attalus, der (Epist. 110) im Glück der Bedürfnisslosigkeit mit Jupiter rivalisiren wollte, verdankte er in Bezug auf Diät doch noch so viel, dass er von seiner Begeisterung für die Enthaltung die Verzichtleistung auf "Leckereien, Austern und Schwämme" und auf den Wein mit ins öffentliche Leben brachte.

    Das Werk der Sextier fand an den Cynikern seine Fortsetzer. Als die Jugend ihre vornehmen Redner verlor, zogen die bärtigen Stegreif! ehr er auf den Strassen ihr Publikum und auch das Interesse der Grossen auf sich. Demetrius, der unter Nero blühte und später unter Vespasian einmal aus Rom verwiesen wurde, war der bedeutendste dieser Strassenapostel. Seneca war für ihn ganz Verehrung. Er nennt ihn den Kräftigen und Edlen; seine Worte klingen und tönen in ihm nach, er hört seine Sprüche noch mit ganz anderem Ohr, wenn er ihn halb unbekleidet, auf der Erde liegend, in seiner Behausung findet; im Gedanken hat er ihn immer, auch am Hofe unter den Purpurträgern, als Begleiter bei sich und mit ihm, nicht mit den Mächtigen unterhält er sich; er ist ihm ein Zeuge (testis), nicht nur ein Lehrer der Wahrheit (Provident pap. 5, Epist, 20. 62),

     


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    In einer Zeit, in welcher die pythagoräische Seelenangst, Selbstprüfung und Diät in vornehme Häuser drang, wurden die Cyniker als eine Art von Heiligen betrachtet. Ihr Altmeister, Diogenes, stand noch in Ansehen, wie zur Zeit Alexanders. Seneca nennt ihn mit Bewunderung einen "Mann gewaltigen Geistes" (Tranq. cap. 8) und ruft in Bezug auf die Macht dieses Bedürfnisslosen staunend aus: "es ist ein Königreich, unter Geizigen, Betrügern, Räubern und Seelenverkäufern der Einzige zu sein, dem Niemand schaden kann."

    Für dieses geistige Königreich haben die römischen Nachfolger des Diogenes und Zeitgenossen Seneca's die Verzichtleistung auf Haus, Weib und Kind geübt, welche der spätere Spruch des Evangeliums (Luc. 18, 29) von den Gläubigen verlangt. Sie kannten schon jenes Schwelgen im Unglück, welches die Seligpreisungen der Armen, Leidtragenden und Hungernden in der evangelischen Bergpredigt (Matth. 5, 3-6) ausdrücken. Und als jener Demetrius des Seneca sagte, "ihm komme nichts unglücklicher vor als ein Mensch, dem nie eine Widerwärtigkeit zugestossen ist" (Provid. cap. 3), war er von den Wehe's des Lucas-Evangeliums über die Satten, Reichen, Lachenden und Umschmeichelten (Cap. 6, 24-26) nicht weit entfernt. Der Wonne des Leidens gab derselbe Demetrius einen gleich energischen Ausdruck, als er (Seneca Epist. 67) "ein Leben ohne Störung und ohne jeglichen Anlauf des Missgeschicks ein todtes Meer" nannte.

    Die Cyniker der ersten athenischen Blüthe hatten schon ein Apostolat der Warnung und Bekehrung ausgebildet. Es gab unter ihnen Häuserstürmer, "Thürenbrecher," Seeleninspectoren, die den Sorglosen und Lachenden die Zeit der Umkehr ankündigten. Der Gedanke dieses Apostolats lebte noch in den stoischen und cynischen Wanderpredigern vom Ausgang des ersten und Beginn des zweiten Jahrhunderts nach Christo. Arrian schreibt z. B. (Epictet. Diatr. 3, 22): "der wahre Cyniker sei ein Bote Jupiters, um den Menschen über ihre Irrthümer die Augen zu öffnen und sie mit hochgehobenen Händen zur Umkehr von dem Wege, auf dem sie in äusserlichen Dingen ihr Wohl suchen, zu beschwören,"

     


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    Seneca kannte so wenig wie Tacitus das Innere des Judenthums, als er, ohne es zu ahnen, aus dem theologischen Stoff des Stoicismus und mit Hilfe der ascetischen Stimmung seiner Zeit eine reiche Spruchsammlung zusammentrug, die in einer spiritualistischen Abzweigung der jüdischen Gemeinde Frucht tragen sollte. Als aber in einem Bunde von römischen, jüdischen und griechischen Elementen jene Vergeisterung des Judenthums um sich griff, welche das Christenthum in seinem Aufgange am römischen Horizonte war, da fanden jene Wanderphilosophen ein neues Arbeitsfeld, auf welchem sie ihrer Gnomenweisheit eine unerwartete Concentration geben und mit grösserem Gewicht als vorher auftreten konnten. Sicher ist es, dass viele der ersten christlichen Lehrer den griechischen Philosophenmantel trugen und die Cyniker waren unter diesen so zahlreich vertreten, dass Lucian, als er in seinem Peregrinus Proteus eine Parodie des Apostels Paulus, als Gesetzgebers, Gefangenen und Zirkelbriefschreibers, darstellen wollte, um seinem Bilde die rechte Lokal- und Zeitfarbe zu geben, dem Heiligen eine Schaar von Cynikern zur Seite stellen musste. Zur Zeit Tertullians trugen die aus dem Cynismus hervorgegangenen Christen und Gemeindelehrer noch ihren Mantel und der feurige Afrikaner ruft in seiner Schrift: "de Pallio" aus: "Freue dich, Pallium, und jauchze; eine bessere Philosophie hat dich als Ornat gewürdigt, seitdem du den Christen zu kleiden angefangen hast."

    Fassen wir nun Seneca's Vorarbeiten zum Christenthum ins Auge.

    4. Ansichten über Seneca's Christenthum.

    Der erste christliche Schriftsteller, dessen Name, Zeitalter und literarische Thätigkeit über allem Zweifel steht,. Tertullian, nach dem Zeugniss einer seiner Schriften Zeitgenosse Caracalla's, sagt von Seneca (de Anima cap. 20), er sei oft "der Unsere" (saepe noster). "Oft" also im Uebrigen ist ihm der Lehrer Nero's ein Heide. Lactantius, Hauslehrer in der Familie Constantins des Gr., bewundert neben den christlichen Aussprüchen Cicero's die oftmalige Uebereinstimmung Seneca's mit der wahren Gotteslehre

     


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    (z. B. Divin. Instit. 1, 5), meint aber (ebend. 6, 24), es hätte ihm zur vollkommenen Verehrung Gottes doch noch ein Wegweiser gefehlt, der ihn dem Zeno und seinem Lehrer Sotion abwendig machte.

    Ein Jahrhundert später war die kleine Briefsammlung entstanden, in welcher der Apostel Paulus während seines angeblichen Aufenthalts zu Rom mit dem christlich gläubigen Minister Nero's, Seneca, Grüsse und Herzenscrgiessungen austauscht. Augustinus erwähnt zwar (Epist. 153) die Zirkulation dieser Schreiben, ohne sich über die Echtheit derselben auszusprechen, jedoch ist er von der gründlichen Einweihung Seneca's in die christlichen Mysterien überzeugt und tadelt ihn nur, dass er es nicht "gewagt" habe, in seinen zahlreichen Schriften die Christen zu erwähnen, Dieses für ihn auffallende Schweigen erklärt der Kirchenvater aus der Furcht Seneca's, durch das Lob der Christen gegen die alten Gebräuche seines Vaterlandes anzustossen oder mit ihrem Tadel seine eigene Ueberzeugung zu verleugnen (de Civit. Dei 6, 10).

    Hieronymus nennt den Seneca geradezu "den Unseren" (Seneca noster. Adv. Jovinian.). Ueber die wahrscheinlich kurz zuvor entstandene Korrespondenz zwischen Paulus und dem römischen Stoiker spricht er sich zwar eben so vorsichtig wie Augustinus aus; er sagt nur, sie werde "von Vielen gelesen"; gleichwohl lässt er sich durch dieselbe bestimmen, den Lucius Annäus Seneca (in seinem liber de viris illustribus) in seinen Katalog der Heiligen aufzunehmen.

    Diese Verehrung, welche die genannten Kirchenlehrer Seneca widmen, ging auch in das Mittelalter über. Das zweite Concil zu Tours (im Dezember 567) bezieht sich in seinem 14. Kanon auf einen seiner Sprüche über den Ehebruch, der sich zwar nicht mehr in seinen vorhandenen Schriften, aber wohl in der Spruchsammlung "de moribus" vorfindet, welche zum grössten Theil nur eine Anthologie aus seinen Werken ist. Dieses Sammelwerk, welches Fabricius in seiner "bibliotheca latina" dem aus Ungarn gebürtigen Martin, Bischof von Braga in Lusitanien, Zeitgenossen jenes Concils, zuschreibt, war während des Mittelalters ein beliebtes Handbuch. Die "Imitatio Christi," am Schluss der mittleren Zeit entstanden,

     


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    zum Theil auch an den Formeln Seneca's grossgezogen citirt aus dem Gedächtniss eine Stelle aus den Schriften desselben, in welcher der römische Weise den Rückzug aus dem Menschenverkehr preist.

    Die Ueberzeugung des Hieronymus von der fast durchgängigen Ucbereinstiminung der Stoiker mit dem Christenthum (Comment in Jcsaiam c. XI: nostro dogmati in plcrisque concordant) fand auch nach der Wiederherstellung der Wissenschaften bedeutende Vertreter. Justus Lipsius ward in seinen Schriften über Seneca und die stoische Philosophie der begeistertste Bewunderer des christlichen Geistes seiner stoischen Helden. Sogar der besonnene, kritisch gesinnte Pierre Daniel Huet (gest. 1721) fand das christliche Dogma von der Trinität von Seneca wörtlich ausgesprochen.

    Trotz der fortgesetzten Bemühungen deutscher und abendländischer Gelehrter, den Unterschied beider Gedankenreihen hervorzuheben, hörten die wörtlichen Berührungen derselben nicht auf, die Geister zu frappiren. Kann man es natürlich nennen, fragte z. B. Schöll in seiner Geschichte der römischen Literatur, dass ein wohlgesinnter Mann bei seinem Nachdenken über die Beziehungen zwischen Gott und Mensch zu denselben moralischen Wahrheiten kommt, die sich in der heiligen Schrift finden? Aber warum trifft man bei Aristoteles, Plato, Cicero nichts Aehnliches an? Warum bei Seneca nicht nur Prinzipien des Christenthums, sondern auch Redewendungen, die bei den profanen Autoren nicht in Gebrauch sind und in dem gleichen Sinne nur im Neuen Testament vorkommen?

    De Maistre kann sich (in seinen Soirees de St. Petersbourg) dies Zusammentreffen, welches viele von den Seneca'schen Briefen mit leichten Aenderungen für die Kanzel Bourdaloue's und Massillon's geeignet mache, nur aus dem Umstande erklären, dass Seneca eine ziemlich gründliche Kenntniss der christlichen Dogmen gehabt hatte. Troplong endlich in seiner Schrift: De l'influence du Christianisme sur le droit civil des Romains (Paris 1843) leitet den Reflex christlicher Ideen und die Christensprache in den Schriften Seneca's aus der Atmosphäre ab, in welche das Christenthum diesen Autor eingehüllt und in

     


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    der es, heimlich und unbemerkt, den Geist und die Sprache des Stoikers umgewandelt und gereinigt hatte.

    Neuerlich haben die arbeitsamen Franzosen zwei Werke hervorgebracht, welche die seit Tertullians Zeit schwebende Frage der Entscheidung nahe bringen.

    Das eine, verfehlt, aber so gründlich und mit einem so immensen Aufwand von Gelehrsamkeit verfasst, dass es für die Frage epochemachend genannt werden kann, rührt von Amedee Fleury her und hat den Titel: "Saint-Paul et Sdneque, Recherches sur les rapports du Philosophe avec l'Apotre et sur l'infiltration du Christianisme naissant ä travers le Paganisme" (2 Tom. Paris 1853). Der Verfasser, der zu seiner Literargeschichte der Frage z. B. selbst die deutschen Schul- und Universitäts-Programme, Dissertationen und Promotions-Disputationen aus dem Staube der Jahrhunderte aufgestöbert hat, will die Wirklichkeit des Paulus-Seneca'schen Verkehrs nachweisen und glaubt, dass Seneca aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments geschöpft habe. Wichtiger aber als diese Ausführung, deren Erfolglosigkeit noch durch die Folie ihres gelehrten Apparats in ein grelles Licht gehoben wird, ist Fleurys Behauptung, dass die Ideen der universellen Liebe, der Gedanke der allgemeinen Gleichheit mit seiner Folge, der Aufhebung der Sklaverei, der Oberherrschaft des Geistes über die Materie, des Rechts über die Gewalt allein dem Christenthum zu verdanken seien. In diesem Satze liegt der Kardinalpunkt der Frage, -- hier handelt es sich um die Thatsache, dass die Ideen, welche Seneca nur dem Christenthum verdanken soll, sich schon Jahrhunderte vorher in den griechischen Schulen entwickelt und seitdem im griechischen und römischen Publikum verbreitet hatten, -- vor dieser Untersuchung sinkt die Untersuchung über die persönlichen Berührungen zwischen Paulus und Seneca auf das Niveau des Unbedeutenden herab.

    Lamennais hat schon in seiner Schrift "sur l'indiffe'rence en matiere de religion," in welcher er die Autorität der römischen Kirche als dj$ einzige Norm der Gewissheit vertheidigte, nachzuweisen gesucht, dass das Christenthum in der Reihe der moralischen Ideen nichts Neues gebracht und nichts

     


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    Wesentliches gelehrt hat, was nicht vor ihm bereits entdeckt und vorgetragen war.

    Das ist das Kapitel, um das es sich hier handelt, und in dieser Beziehung hat Herr Charles Aubertin in seinem "Se"neque et Saint-Paul, Etude sur les rapports supposös entre le philosophe et l'Apotre" (Paris 1872. Dritte Aufl.) die Schwäche der Fleury'schen Arbeit treffend nachgewiesen. Nur Einen Punkt der Untersuchung hat er nicht vollständig in Angriff nehmen können, -- die schriftstellerische Abhängigkeit des Einen der Beiden, Seneca's oder des Apostels, vom Andern. Die Scheu vor der Fleury'schen Hypothese liess ihn an die Möglichkeit des Gegensatzes nicht denken und sein Glaube an die Echtheit der Paulinischen Briefe sowie an den historischen Charakter der Apostelgeschichte hielt vor seinen Augen eine Binde, die ihn von dem Uebergang der Seneca'schen Weisheit in die Paulinischen Briefe und in die Evangelien Nichts ahnen liess.

    Diesen Uebergang werden wir nun nachweisen.

    5. Seneca's Ansicht von der Politik.

    Die evangelische Ansicht über die Staatsgewalt lautet: die Herren der Völker üben Gewalt über- sie aus und die Grossen üben Gewalt über sie aus (Matth. 20, 25); wer aber unter Euch gross sein will, sei euer Diener.

    Dieser Gegensatz der weltlichen Machtübung und der gegenseitigen Dienstleistung in einem die Welt umfassenden Verein war bereits durch die nachsokratischen Philosophenschulen aufgestellt und in die Praxis des Lebens eingeführt worden. Der Cyniker brannte dafür, seinem Nächsten das Heil zu bringen. Epikur's Schule verbreitete sich als ein Bund von Freunden und Helfern über die Welt; von der stoischen Schule sagt Seneca (Clement. 2, 5), keine sei "gütiger, milder, keine menschenfreundlicher, so dass man recht eigentlich die hilfreiche Dienstfertigkeit gegen Alle und jeden Einzelnen als ihre Seele bezeichnen könne."

    Wie diese Meister ungebrochenen Herzens an die Stelle der aufgelösten Staatswesen ihre Schulen setzten, so blickt auch Seneca ohne schmerzliches Bedauern auf den Untergang der Republik zurück. In seinen Augen hat Brutus gegen die

     


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    Grundsätze der Stoa und ihre Abneigung wider die Theilnahme an den politischen Machtfragen gefehlt, als er die Hoffnung hegte, es könne der Staat wieder in die vorige Verfassung gebracht werden, als die alten Sitten verloren gegangen waren und ein gleichmässiger Rechtszustand aufkommen, als zwischen den Tausenden unter Waffen die Frage schwebte, nicht ob, sondern wessen Sklaven sie sein sollten (Benef. 2. 20).

    Ebenso fragt er den Cato, was er denn mit dem Zank zu thun hatte, ob Cäsar oder Pompejus den Staat in Besitz nehmen solle, und warum er sich mit Verleugnung seiner Schule in die Frage mischte, wer von Beiden siegen solle, da der Sieger, auch wenn er der Bessere wäre, schon durch den Sieg der Schlechtere werden musste (Epist. 14).

    Die Führer der Bürgerkriege sind ihm Selbstsüchtige, die ihre Hoheit und Grösse darin suchten, dass sie Staat und Volk niedrig und gedrückt zu ihren Füssen sahen. Er geht (Benef. 5, 15. 17) die Reihe dieser "bösartigen Undankbaren," welche die Macht und die Heere des Staats gegen diesen selbst richteten, von Marius bis Antonius durch und sagt von Pompejus, er habe das römische Volk auf einen Punkt gebracht, wo der Verlust der Freiheit Wohlthat und Rettung war.

    Beim Augustus, der auf den Nacken der Republik, bevor sie unter das Joch gebracht wurde, seine Hand legte, will er es nicht Gnade nennen, wenn seine Milde erst eintrat, als seine Grausamkeit sich müde gewüthet hatte (Clement. 1, 10). Seine heftigen Ausfälle gegen Caligula sind nur Deklamationen; sein abgünstiges Urtheil über Claudius (Benef. 1, 15) wird uns erst später beschäftigen, wenn wir seinen Durchgang durch die kaiserliche Hofwelt darstellen. Nero dagegen ist ihm (in der an denselben gerichteten Schrift über die Gnade, dementia) das Ideal dessen, was auf den Trümmern der Republik noch möglich war, aber nach anderen Geständnissen doch noch mit so viel Schrecken umgeben, dass der Weise sein Heil in der Einsamkeit suchen muss und sich allein noch mit der Religionsstiftung beschäftigen kann.

    Er legt dem Kaiser einen Monolog in den Mund, worin derselbe (Clement. 1, 1) unter Anderm sagt: "ich bin durch

     


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    das göttliche Wohlgefallen unter allen Sterblichen erkoren worden, der Götter Stelle zu vertreten; ich bin den Völkern Schiedsrichter über Leben und Tod; in meine Hand ist es gelegt, welches Loos und welche Position Jeglichem zukommen soll. Was das Geschick einem Jeden der Sterblichen ertheilt wissen will, spricht es durch meinen Mund aus; mein Wort ist für Völker und Städte der Quell ihres Jubels. Nirgendwo ist Gedeihen, ausser mit meinem Willen und mei= ner Vergünstigung. Jeglicher, wenn ihn auch sonst Nichts empfiehlt, steht bei mir in Gunst, nur weil er den Namen Mensch führt."

    Wir haben in dieser Proklamation die Grundverfassung des Kaiserthums des Menschenthums vor uns. Der Entwurf rührt von Seneca selbst her und soll der Welt zeigen, zu welchen Grundsätzen er seinen Zögling herangebildet habe; später werden wir nachweisen, dass der Lehrer den Sinu und die Anlage seines Schülers richtig getroffen hatte und beide im Grunde ihrer Anschauung übereinstimmten. In der Erläuterung jener Proklamation geht der Meister sogar so weit, dass er den Kaiser als den Gnadenvollen schildert, "vor dem Niemand auf seine Unschuld pochen wird, vielmehr auf den Quell der Gnade hinblicken, welche der menschlichen Schwachheit aufhilft" (ebend.).

    Jedoch wird es dem Lehrer Angesichts der gepriesenen Allmacht selbst nicht recht geheuer. Der Gewaltige hat sich auf der Spitze seines Menschenreichs neben der Gnade mit einer Waffenkammer von Schrecken umgeben. Da giebt es "Eisen und Feuer, die Schaar von Bestien, auf die Menschenleiber zu hetzen, Kerker, Kreuz, Folter, den Haken, den Pfahl, in den Menschenleib zu treiben, auseinanderjagende Wagen, die Glieder der Opfer der Gewalt zu zerreissen, und jenes mit Brennstoffen bestrichene Hemde, den Unglücklichen überzuwerfen" (Epist. 14).

    Der Herr der Welt, der Alle und Jeden als Menschen annehmen will, ist auch ein eifersüchtiger Gebieter, der nicht einmal den Schein des Zweifels an seinem Recht aufkommen lassen will und mit einem Wort seines Mundes die Menschenhaufen zu seinen Füssen von den Unbotmässigen, die auch nur

     


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    mit einer Miene die Unabhängigkeit von seinem Gnadenkreise andeuten wollen, säubert.

    Früher, sagt Seneca (ebend.), waren es das Volk oder der Senat, die man zu fürchten hatte, jetzt sind es Einzelne, denen die Gewalt des Volkes gegen das Volk gegeben ist. Sie Alle zu Freunden zu hdben ist schwer, genug, wenn man sie nicht zu Feinden hat. Statt den Mächtigen zu reizen, wird ihn der Weise meiden, sich aber davor in Acht nehmen, dass er ihn zu meiden scheint, denn ein Theil der Sicherheit beruht darauf, dass man es nicht Worts hat, sie zu suchen.

    In diesem Angstleben unter dem Mächtigen bleibt dem Weisen nur Eine Zuflucht, -- dasselbe Menschenthum, zu welchem der Kaiser Rom und die Völker abgeplattet hat. Also Menschenthum gegen Menschenthum, ein Menschenverein gegen den Menschenhaufen, mit welchem der Kaiser fraternisirt, Welt gegen Welt, Universalismus der Weisen gegen den orbis terrarum des Kaisers!

    "Hat man," schreibt in diesem Sinne Seneca (Tranquill.) cap. 3), "das Amt des Bürgers verloren, so übe man das des Menschen. Darum haben wir uns mit hochherzigem Sinne nicht in die Mauern einer einzigen Stadt eingeschlossen, sondern zum Verkehr mit der ganzen Welt ausgedehnt und die Welt als unser Vaterland bekannt, um der Tugend ein weiteres Feld zu bieten. Schaue hinter dich, welche weitgestreckte Gebiete, wie viele Völker sich dir auffhun!"

    So erhebt sich Seneca als ein Empörer gegen die Autorität des Kaisers, dem er den Weltkreis abspenstig machen will. Für seine Idee eines Apostolats in der grossen Menschheitsrepublik stärkt er sich im Hinblick auf die Meister, die unter den Ruinen der griechischen Städte, welche Alexander und dessen Nachkommen erstürmten und in Brand steckten, ihren Blick auf die Welt richteten und aus dem eigenen Inneren das Gesetz für jene grosse Republik zogen. Er feiert sie oft als die Männer, die für die Menschheit wirkten, und einmal (de Brevit vit. cap. 14) als die hochberühmten Religionsstifter (wie Moser in der Stuttgart-Metzler'schen Uebersetzung sacrarum opinionum conditores treffend wiedergiebt), die der Welt einen neuen Glauben brachten.

     


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    Trotz der friedlichen Aera, die unter dem Menschenkaiser herrscht, sieht er den Anbruch einer ähnlichen Zeit wie jene, welche die Meister der Stoa auf ihr Inneres verwiess. Ich wüsste keinen Staat zu finden, schreibt er, "dem der Weise oder der dem Weisen recht wäre" (de Otio. 31, 32); sehen wir nun, welchen inneren Frieden er seiner Zeit bringt und was er als Weltapostel zu den Religionsstiftungen seiner Vorgänger hinzugefügt hat.

    6. Seneca's neue Religion.

    Die Scenerie um uns erfährt einen vollständigen Wechsel. Soeben noch öffnete Seneca vor uns die glänzende Scene, wo der Kaiser von seinem Thron herab den Schatz seiner Gnaden austheilt und mit der Menschheit Brüderschaft schliesst. Wiederum breitete sich vor unseren Augen die Menschheit als das Arbeitsfeld des Weisen aus, dem es in der Nähe jenes Thrones unheimlich wird. Jetzt beschreibt uns Seneca die Welt als ein grosses Krankenhaus.

    Dem Freund, der bei ihm Beistand zur Besserung suchte, antwortet er (Epist. 68), hier wohnt kein Arzt, sondern ein Kranker. Ich liege mit dir in einem und demselben Krankenzimmer und kann mit dir (Epist. 27) nur von unserem gemeinschaftlichen Uebel sprechen.

    Wie vor dem Kaiser Alle gleich sind und Keiner sich mehr als der Andere dünken darf, so kann sich auch in dem allgemeinen Lazareth der Welt Niemand über den Anderen überheben; da giebt es keinen Vorwurf, herrscht Sanftmuth und der Vorgerückte wird dem Presshaften mit wohlwollender Theilnahme begegnen. "Wird er sich wundern, dass am Waldgesträuch kein Obst hängt? Wird es ihn befremden, dass Hecken und Dornen nicht nützliche Frucht tragen?" (de Ira 2, 20.) In dieser Krankengesellschaft ist Billigkeit des Urtheils das erste Gebot und muss Jeder sich erinnern, dass "kein Mensch ohne Schuld ist" (ebend. 2, 27). Wer sich unschuldig nennt, denkt nur an Zeugen, für die an ihm nichts Auffälliges zu bemerken ist, nicht an das eigene Gewissen (ebend. 1, 14).

    "Ich habe es nicht zur Gesundheit gebracht," führt Seneca dies Thema weiter aus, "und werde es auch nicht dazu

     


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    bringen. Ich woge auf einem Meer von lauter Gebrechen'* (Vita beat. cap- 17. 18). "Gefehlt haben wir allzumal (peccavimus omnes) und werden auch bis zum äussersten Lebensalter straucheln" (Clement, cap. 6).

    In der obigen Stelle über den Missgriff, vom Dornenstrauch brauchbare Frucht zu verlangen, sagt er, Zorn nnd Verwerfung seien nicht an ihrer Stelle, wo "die Natur den Fehler entschuldigt." In diesem Sinne findet er die Schwierigkeit, zur Genesung zu gelangen, in der Unwissenheit der Selbsttäuschung über den inneren Sitz der Krankheit. "Was betrügen wir uns selbst? Nicht ausser uns liegt unser Uebel (malum); es lagert in uns selbst und haftet in unseren Eingeweiden" (Epist. 50). "Der Leib ist des Geistes Last und Strafe; er drückt auf den Geist und hält ihn in Banden" (Epist 65). "Durch dieses Gebein ist die Seele verdeckt, übertüncht, angesteckt, getrennt von dem, was das Wahre und Ihre ist und in Täuschung hineingeworfen; ihr ganzer Kampf ist mit dem lastenden Fleisch; sie strebt dahin, von wannen sie ausgeschickt ist: dort wartet ihrer ewige Ruhe, wo sie nach dem Massigen und Verworrenen dieser Welt das Reine und Klare schaut" (ad Marciam c. 23).

    Das Vaterland des Geistes ist also droben, in der Sphäre des Himmels, wo die Gestirne kreisen, wo das Göttliche thront und seinen Verrichtungen obliegt. Das irdische Leben ist ein flüchtiges Verweilen in der Fremde, was den Geist hier umgiebt, ist nur das Gerülle eines Gasthauses; Nichts davon betrachtet er als sein Eigenthum und gebraucht es wie ein vorübereilender Fremdling nur als etwas Geliehenes. Grosse Geister haben das lange Verweilen im Leibe niemals lieb; sie verlangen danach, loszukommen und auszubrechen. Der Leib, die zeitliche Herberge des Geistes, ist die Hülle, die nur für jetzt um ihn gelegt ist und an dem Tage, der "der Geburtstag der Ewigkeit" ist, von ihm genommen wird. "Kommen wird," schreibt Seneca an seinen Freund, "der Tag, der dich enthüllt und aus der Zeltgemeinschaft des hässlichen Lebens herausführt. Aus diesem schwinge dich schon jetzt, so gut du es vermagst, empor" (Epist. 102. 120. Ad Marciam cap. >-3),

     


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    Erwähnen wir noch, dass es nach Seneca in Uebereinstimmung mit den Stoikern, denen der menschliche Geist ein Bruchtheil des Göttlichen war, ein Gott ist, der im menschlichen Leibe als in seiner Herberge wohnt (z. B. Epist 31).

    Der geneigte Leser wird fast in allen diesen Sätzen alte Bekannte, mit denen er seit der Kindheit vertraut geworden ist, erkannt haben. Sie sind uns von den ersten Bibelstunden her bekannt. Der Leib als Herberge des Göttlichen entspricht dem Tempel Gottes, den der Apostel (I. Korinth. 3, 16) im Leib der Gläubigen geachtet wissen will. Wenn Seneca trotz dieser Bedeutung des Leibes nach der Befreiung von der drückenden Last desselben stöhnt, so seufzt auch der Apostel (Köm. 7, 24. 8, 3) nicht weniger nach der Erlösung vom Leib dieses Todes. Das Verlangen der Himmelsbürger Seneca's nach dem Loskommen von dieser Bürde klingt in dem Neutestamentlichen: "Sterben ist mein Gewinn. Mich verlangt, abzuscheiden und bei Christo zu sein," wieder. Wenn Seneca ausruft (Epist. 102): "noch können wir das himmlische Vaterland nicht anders als aus der Ferne schauen," so tröstet sich der Apostel (I. Korinther 13. 12): "Jetzt erkenne ich's stückweise, dann aber werde ich's erkennen." Ganz wie Seneca auch schon vor dem Geburtstage der Ewigkeit, an welchem der Seele ihre leibliche Hülle abgenommen wird, das Aufschwingen aus dem Leibe empfiehlt, ebenso sagt der Apostel (II. Korinth. 5, 1-9): "wir wissen, so unser irdisches Haus dieser Hülle zerbrochen wird, dass wir einen Bau haben, von Gott gebaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel .... Darum fleissigen wir uns, sind wir daheim-oder wallen wir, dass wir ihm Wohlgefallen." Unser Wandel ist im Himmel," setzt Philipp. 3, 18-20 diese Betrachtungen fort, während den Anderen ihr "Bauch ihr Gott ist," und der Mittelpunkt dieser ganzen Gedankenreihe beherrscht auch den Brief an die Hebräer, wo die Erzväter (Kap. 11, 13-16) sich auf ihrer Wanderung nach der himmlischen Heimat als Fremdlinge auf Erden bekennen.

    Sehen wir aber von Seneca aus in das Alterthum zurück, so bietet uns keiner seiner Sätze etwas Neues. Nur der klagende und schneidende Accent, mit denen er sie vorträgt, die

     


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    Gegenwärtigkeit, mit der sie sich ihm beständig aufdrängen, und ihr Ensemble ist Original. Der Inhalt selbst aber, -- all' jenes "Seufzen der Kreatur" (um einen nach-Seneca'schen Ausdruck zu gebrauchen), -- alle jene Kümmerniss um das "Eine, was noth thut" (um uns wiederum einer späteren Formel zu bedienen), ist schon zu einer früheren Zeit in die Welt getreten. Die Urheber sind Plato und Stoa.

    Der beredteste Schüler des Sokrates hat die Grundlage ("er späteren Theologie geschaffen. Die Versuche der alten Philosophen, von Thaies an bis auf Demokrit, die Weltbildung aus der Entwickelung der realen Elemente zu erklären, scheiterten an der Schwäche der Naturforschung und an der Macht, welche der untergehende Götterdienst der Griechen noch in seiner Auflösung besass. Einer späteren Nachwelt war es vorbehalten, die Versuche der Jonier und Demokrits auf dem Grund einer reicheren Kenntniss der Naturgesetze wieder aufzunehmen und an die Stelle der Theologie die Mechanik und Physik zu setzen. Die zweitausendjährige Zwischenzeit beherrschte Plato mit seinem OrdnungsStifter, welcher das (Ihaos der materiellen Stoffe nach den Ideen einer oberen Welt geformt hat und bei der Oberflächlichkeit dieser Einwirkung der Materie und dem Rest ihres eigenmächtigen Waltens die Verantwortlichkeit für die beständige Störung seines Weltplans überlassen musste.

    Aristoteles sagte in seiner Metaphysik von Anaxagoras, der als der. Erste den Geist (____) zur ordnenden Macht der Welt erhob, er sei im Vergleich mit den vorhergehenden Denkern wie ein Nüchterner unter Leuten, die in's Gelag hinein sprachen, aufgetreten. Dieser Nüchterne, von dem dagegen der Verfasser des, dem Plutarch fälschlich zugeschriebenen Sammelwerks "über die Lehrmeinungen der Philosophen" wie von Plato.sagt, sein oberster Satz "rieche nach den abgeschmackten Possen der Vorwelt," hat Plato dazu begeistert, der göttlichen Intervention in die Materie an der oberen Ideenwelt eine leitende Direktive vorzuschreiben und damit die Formel zu schaffen, an welche die von den Atomistikern und deren späterem Erneuerer, Epikur, aus der Atomenwelt vertriebenen Götter sich wieder anklammern und mit neuem

     


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    Leben ansaugen konnten. Die weitere Entwickelung des philosophischen Gehalts beschränkte sich auf die Verlegung der Zweckthätigkeit, die bei Plato durch die Uebertragung der Ideenformen auf die chaotische Masse geschah, in das Innere der Dinge (durch Aristoteles), über welcher inneren Weltfabrik (auch bei Aristoteles) der Himmel des Göttlichen in uralter Erhabenheit zu kreisen fortfuhr.

    Die Stoiker benahmen sich als die Erben und Fortsetzer eines philosophischen Systems, in welchem die Entwickelung der realen Welt und ihr Vernunftsgesetz (der Logos) die platonische Scheidung noch nicht erfahren haben, -- des Heraklitischen, aber sie standen unter dem Eindruck der Erhabenheit (oder Popularität) der Weisheit des Stifters der Akademie und wollten den Handgriff, der das Problem der Welt in der anschaulichsten Weise zu lösen schien, nicht entbehren. Wenn auch die Trennung des Göttlichen und der Materie, des Denkens und Seins, des Thätigen und Passiven bei ihnen nur ein (iedanke, das Nu und der Augenblick eines Gedankens ist, in welchem das Wirkende und Leidende, die Seele und ihre Welt, das Befruchtende und Empfangende, das Gesetz und der Stoff auseinanderstehen, so hat doch der Gedanke in einem philosophischen System die Bedeutung eines Herrschers, und diese Macht des gebietenden Herrn waltete in der stoischen Beschreibung der berechnenden Zweckthätigkeit des schöpferischen Prinzips, die das Gelächter des Altertlmms hervorgerufen und sich noch in der Bibliothek der teleologischen Arbeiten des vorigen Jahrhunderts und in der heutigen Opposition gegen die neueste englische Naturforschung erhalten hat.

    Dieser flüchtige Gedanke, der in das System der Stoiker die Scheidung des Geistigen und Materiellen brachte, zwang sie auch, von Plato die Verantwortlichkeit des Letzteren für die Gebrechen und Fehler des Geistes, den Kampf mit dem Fleisch und die Sehnsucht nach dem Abscheiden aus demselben in ihre Lehre aufzunehmen. Plato ist es, der diese Formeln für die Sehnsucht nach der oberen Heimat für die folgenden Jahrtausende zur Herrschaft gebracht hat. Der Stifter der Akademie, der für die Schuld der Sterblichen das grelle

     


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    Bild des Seelensturzes aus der oberen Aetherwelt in das' sinnliche Diesseits erfunden hat, fügte zu diesem Bilde auch die Klage über die Last des Leibes hinzu und seufzte nach der Flucht aus dem Kerker desselben. Plato hat für das sorgliche Trachten nach dem Absterben den klassischen Ausdruck gebildet (________ ______); Seneca verweist die trauernde Marcia (cap. 23) auf diesen Ausspruch des göttlichen Weisen vom Emporstreben der Seele naco dem Sterben; Philo hat dem Schöpfer der Ideenwelt dieselbe Formel entlehnt und sie ist auch in die Bücher des Neuen Testaments übergegangen. "Ihr seid gestorben," heisst es im Brief an die Kolosser (3, 3-5), "und euer Leben ist mit Christo in Gott verborgen; tödtet also eure Glieder hier auf der Erde."

    Der Weg aber, der über Plato und die Stoiker zu Philo und Seneca und durch die beiden Letzteren in die Schriften des Neuen Testaments führt, wird auf einer leuchtenden Höhe von Heraklit beherrscht. Der Ephesier steht mit seiner Welterklärung noch über dem mythologischen Geschichtsverlauf, in welchem Plato die Deutung von dem Herantreten des Göttlichen an die Materie des Chaos findet. Er ist auch an dem Nu des Gedankens, in welchem die Stoiker Denken und Sein bis zur zweckmässigen Formirung des Letzteren auseinanderstehen lassen, unschuldig. Bei ihm kommt in jedem Momente des Weltprozesses der Streit des Auf- und Niedersteigens, des dem Logos eigenen "Weges nach oben und unten" zur Erscheinung, aber auch in jedem Momente die Einigung des Gegensatzes. Wenn er die sinnliche Existenz als einen augenblicklichen Stillstand fasst, der als eine Hemmung des ewigen Prozesses nach dem Vernunftgesetz des Logos statt der gehofften Ruhe und Befriedigung nur Täuschung, Noth und Mühsal mit sich führt, so ist es nicht die Materie der Stoiker, nicht Plato's hylische Zuthat des Sinnlichen, was den Geist verleitet und irre führt, sondern der individuelle Eigenwille, der sich dem Weltprozess des Logos entgegensetzen will, verursacht die Spannung, die nach dem Gesetz desselben nach oben und unten sich bewegenden Logos gelöst werden muss. Und zwar freiwillig, durch die Aufhebung des Gegensatzes und durch den Frieden des Aufgehens in das Weltgesetz,

     


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    welches auch den Einzelnen durchwaltet -- thatsächlich durch den Tod, welcher die Unbill, dass das Sterbliche die Mischung mit dem Unsterblichen festhalten will, sühnt. Die Ruhe, in die sich der individuelle Eigenwille in seiner sinnlichen Existenz einzuwiegen glaubte, war nur eine trügerische; im Tode dagegen wird der ewige Friede, die Ruhe (dvaroxosi?) und die Uebereinstimmung mit dem eigenen Wesen geboren.

    Diese metaphysischen Sätze des Ephesiers sind es nun, die auf dem Wege durch die Akademie und Stoa die Form der Moralsprüche angenommen haben und endlich durch Philo's Einfluss die Grundlagen der christlichen Ascetik geworden sind. Bei Heraklit war es ein metaphysischer, aus dem beständigen Umschlagen des logischen Wegs nach unten in den nach oben, folgender Satz, dass Leben und Sterben im Menschen Tag für Tag zusammen und Eins sind. Bs war ferner eine Deutung des Thatsächlichen im Licht jenes Satzes, wenn der Dunkle sagte: wir leben der Götter Tod und sterben der Götter Leben. Endlich beschrieb Heraklit im Sinne seiner Lehre vom Logos, der auf dem Wege nach unten in das zerstreute und vereinzelte Sein eingeht und es auf dem Wege nach oben wieder zur Einheit und Ruhe einführt, die beständige Thatsache, wenn er sagte, dass Gott die krankende Welt heilt, indem er die Ungleichmässigkeiten ins Gleiche bringt. Es war ferner eine Schilderung des Faktischen, wenn der Ephesier das individuelle Leben einen Mikrokosmus nennt, der eine Nachahmung des All und seines wechselnden Prozesses ist.

    Die Späteren haben aus diesen Sätzen, als das Ich und Selbstbewusstsein auf dem Wege der Geschichtserfahrung und der Dialektik sich emaneipirte, Forderungen der Moral und Gemeinplätze der Belehrung gemacht. Plato empfahl das sorgliche Trachten nach dem Sterben, die Stoiker bevölkerten die Welt mit entsagenden Mönchen, Seneca schwelgt in Todesgedanken, wenn er auch Heraklit's Spruch von dem täglichen Sterben, in die simple Wahrheit verwandelt, dass das Leben täglich abnimmt (z. B. Epist. 24), und das Neue Testament, in welchem die Vollendung des Einzelnen im Sterben ihre beredteste Darstellung erhalten hat, lässt seinen Logos den Mühseligen und Beladenen die wahre Ruhe auf seinem Wege

     


                                               Das Ideal Seneca's.                                            43


    (__________ Matth. 11, 23) verkünden. Und der Heraklitische Satz, dass der menschliche Mikrokosmus und der Makrokosmus des All, Jeder das Abbild des Anderen sind, ward bei Plato die Mahnung, der Gottheit möglichst nachzuahmen, das stoische Gebot, der Natur zu folgen, das Thema von Seneca's Predigten über die Nachahmung Gottes, sowie im Neuen Testament zur Aufforderung (z. B. Fphes. 5, 1), Nachahmer (______) Gottes zu werden. Das christliche Mittelalter schloss in der "Imitatio" mit einem Nachklang der Heraklitischen Weisheit.

    7. Das Ideal Seneca's.

    Plutarch führt in seinem Dialog "gegen die Stoiker" als eine Probe ihrer "Unsinnigkeiten" den Satz an, dass "wenn ein einziger Weiser än irgend einem Orte nur den Finger auf eine vernünftige Weise ausstreckt, alle Weisen auf der ganzen Erde davon Nutzen und Vortheil haben."

    Der Popularphilosoph des zweiten Jahrhunderts wusste nicht, dass der stoische Verein eine mystische Gemeinschaft der Heiligen war, zu deren Gnadenschatz die Werke ihrer Mitglieder gehörten und in der ein Meister nicht denken und sprechen konnte, ohne dass das Ganze fruchtbar angeregt wurde. Dieser Verein hatte Helfer und geistige Beistände, vor denen die weltlichen Machthaber und sinnlichen Götterbilder ihre Bedeutung verloren. Er hatte ein eigenes Ideal an dem Weisen, der, in seiner Vollendung zwar unerreichbar, in die Ferne schwebt, aber doch die Norm abgiebt, der die Suchenden nachzustreben haben. Man suchte die monarchische Spitze.

    Auch Seneca ging darauf aus, dies Ideal zu erfassen und zu gestalten. So entspricht z. B. der Spruch Epikurs: "wir müssen uns irgend einen edlen Mann aussuchen, den wir stets vor Augen haben, damit wir leben, als schaue er zu, und handeln, als sehe er es" (Epist. 11), ganz seinen Intentionen. Er findet ihn nützlich und heilsam (salutarem). "Wir bedürfen," fährt er fort, ,.einen Hüter und Erzieher. Eine grosse Anzahl von Sünden fällt weg, wenn dem Strauchelnden (peccaturis) ein Zeuge zur Seite steht. Der Geist muss Einen haben, den er mit einer Scheu verehrt, die auch sein geheimstes Innere heiligt (sanetius facit). Schon der Gedanke an solchen Helfer

     


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    hat regelnde und bessernde Kraft; er ist Wächter, Musterbild und Norm, ohne welche man das Verkehrte nicht ins Gleichgewicht bringen wird."

    "Ziehe an (indue)," heisst es Epist. 67, "den Geist eines grossen Mannes" -- also ganz wie im Neuen Testament: "Ziehet an den Herrn Jesum Christum" (Rom. 13, 14) oder: "ihr habt Christum angezogen" (Galat. 3, 27).

    Seneca macht Ansätze auf Ansätze, die Gestalt dieses erneuernden Ideals zu entwerfen. Es schwebt ihm, besonders in den Briefen, immer vor der Seele. Er möchte es ganz, wie esist, erfassen und im Verkehr mit den Gebrechlichen festhalten. "Wenn die Anschauung der Seele des Tugendhaften uns doch vergönnt wäre," ruft er Epist. 115 aus, o, wie schön, wie heilig in sanfter Hoheit strahlend würden wir sie erblicken! Wenn Jemand diese Gestalt schaute, höher und glänzender als Alles, was das Auge in dieser Men3chenwelt zu schauen gewohnt ist, würde er nicht, wie bei der Begegnung einer Gottheit, staunend innehalten und in stillem Gebet flehen, dass ihm der Anblick ohne Sünde gegönnt sein möge? Und wenn sie ihn dann mit der einladenden Güte des Antlitzes zum Nahen ermuthigt, wie wird er sich zum Anbeten neigen und in die Worte (Virgils) ausbrechen: ""sei heilbringend und erleichtere uns, wer du auch seist, unsere Mühsall"" Und sie wird uns beistehen und uns aufrichten, wenn wir sie nur verehren wollen. Verehrt aber wird sie nicht durch Thieropfer und das Fett der Stiere, noch durch Weihbilder von Gold und Silber, sondern durch fromme und rechte Gesinnung." '

    Ein andermal (Epist. 120) beschreibt er dieses Tugendbild an dem Manne, der in allem Thun sich selber gleich, nicht mehr mit Vorsatz und Absicht gut, durch seine Art und Gewöhnung dahin gelangt war, dass es ihm unmöglich war, nicht recht zu handeln. In ihm war jenes selige Leben zu schauen, welches in ungehemmtem Laufe dahinfliesst und keinem Gesetze ausser ihm gehorcht. Diese Vollkommenheit leuchtete daraus hervor, dass er niemals dem Schicksal fluchte, Nichts, was ihm zustiess, mit Unmuth aufnahm, und er offenbarte sich, wie ein Licht, dass in der Finsterniss erglänzt."

     


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    "Komme mir," schreibt er, nachdem er wieder einmal sein Ideal geschildert hat (Constant. sap. cap. 7), "nicht mit deinem gewöhnlichen Einwande, dass dieser Weise nirgends zu finden sei. Nein, ich erdichte kein eitles Schaustück menschlicher Geisteskraft, noch entwerfe ich in dem Gewaltigen ein wesenloses Bild, sondern wie ich ihn in meiner Ueberzeugung trage, habe ich ihn aufgestellt, und würde ich ihn auch aufstellen, wenn er auch, wie alles Grosse, Ausserordentliche und Ungemeine, nicht oft hervortritt."

    Oft nimmt Seneca Züge für das Bild seines Ideals aus den Erlebnissen Cato's. Was wird der Weise thun, fragt er z. B. (Constant. sap. cap. 14), wenn er Backenstreiche bekommt? Was Cato that, lautet die Antwort, als er ins Gesicht geschlagen ward: er gerieth nicht in Zorn, er rächte sich nicht für die Beleidigung; er verzieh nicht einmal, sondern erklärte, es sei ihm keine zugefügt worden. Ein andermal erinnert er daran, wie Cato "die unentweihte Hand an die heilige Brust legt" (Epist. 67). "Ans Kreuz geschlagen werden, gefesselt, verstümmelt werden, sich als Opfer darbringen" (Provid, cap. 5), gehört zu den Kennzeichen der Tugendhaften, die sich für das grosse Gemeinwesen der Menschheit abmühen.

    In einer Epistel (41), in welcher er von der Nähe und vom Innewohnen Gottes in den Guten spricht, fährt er fort: "wenn du einen Mann siehst, in Gefahren ungebeugt, von Lüsten unberührt, im Unglück beglückt, wirst du nicht sprechen: eine göttliche Kraft ist über ihn gekommen? Darum ist er seinem besseren Theile nach dort, von wannen er gekommen ist. Wie der Sonne Licht zwar auf die Erde trifft, aber dort ist, von wo es ausstrahlt, so ist auch eine grosse und heilige, zu unserer näheren Erkenntniss des 'Göttlichen herabgesandte Seele zwar im Verkehr mit uns, aber unzertrennlich von ihrem Ursprunge."

    Schliesslich nennt es Seneca die Pflicht des Kämpfers, die Hoffnung zu nähren, dass der Sieg in der erhabenen Gestalt des Weisen zur Erscheinung kommt, da das Wesen der Menschheit es mit sich bringt, dass diese Darstellung des Vollkommenen sichtbar wird. "Dass es," schreibt er, "Einen (aliquem)

     


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    giebt, den Nichts besiegt, dass es Einen giebt, gegen den das Schicksal Nichts vermag, -- das liegt im Gemeinwesen (e republica est) des Menschengeschlechts." (Constant. sap. cap. 19.)

    Der Ueberblick dieser Züge, welche Seneca zum Bilde seines Ideals zusammenfügt, und die nahe Berührung derselben mit der messianischen Gestalt des Neuen Testaments wird es dem Leser erklärlich machen, dass gelehrte und wissenschaftlich gebildete Männer sich eine solche Sprache des Ministers Nero's nur aus dem Umgang desselben mit einem Hauptapostel und aus der Benutzung der christlichen Urschriften verständlich machen können. Für uns, denen die Kritik die christliche Urliteratur zu einem allmäligen Erzeugniss der Zeit vom Ausgang des ersten bis zum Schluss des zweiten Jahrhunderts gemacht hat, erhalten die Anschauungen Seneca's einen höheren Werth, als ihnen diejenigen beilegen können, die in ihnen nur eine Reproduction dessen anstaunen, was dem heidnischen Lehrer Roms irgend ein Apostel mitgetheilt hat. Seneca wird uns ein wirklicher Mitarbeiter am Urchristenthum. Wenn Philo den Logos Heraklits zu einem priesterlichen Vermittler gemacht hat, der, zwischen Himmel und Erde schwebend, die Extreme des Göttlichen und Menschlichen zu einander in Beziehung bringt, so hat der Römer diesen Vermittler als wirklichen und durch Leiden bewährten Mittler auf die Erde und in den Verkehr des Menschen gebracht. Was bei Philo noch Vision ist, hat bei Seneca die Kraft der Ueberzeugung (wie er sich selber ausdrückt) und der leibhaftigen Erfahrung gewonnen. Philo hat, von seinem jüdischen Boden aus, den Logos Heraklits auf seinem Wege nach oben und unten zum priesterlichen Vertreter der Menschheit gemacht; der Römer ging von dem Wesen des stoischen Weltvereins aus und hielt an der Ueberzeugung fest, dass derselbe kein blosses Schaustück der Einbildung sei und in Einem sich doch einmal als Retter und Aufrichter leibhaftig darstellen müsse. Die spätere Combination des Orientalen und Abendländers, des Juden und Römers, Philo's und Seneca's, des Heraklitischen Logos und des stoischen Weisen brachte dann die belebte Gestalt, die man auf beiden Seiten suchte.

     


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    8. Seneca im neuen Testament.

    Der Gründer einer Gemeinschaft theilt denen, die sich um ihn sammeln oder aus seinen Schriften Nahrung ziehen, nicht nur einen neuen Gehalt mit, sondern fesselt auch ihr Denken und Sprechen in Redewendungen, von denen sie sich nur durch einen völligen Bruch mit dem verehrten Meister losmachen können. Jede philosophische Schule hat ihren eigenen Styl, jede religiöse Verbindung ihre eigene Phraseologie und ihren besonderen Satzbau und an ihren Sprachwendungen können wir sogleich die einzelnen Fractionen oder Schattirungen eines solchen Vereins erkennen.

    Die Erhaltung und Vererbung solcher charakteristischer Formeln werden wir nun an einem charakteristischen Beispiel nachweisen. Wir werden zeigen, dass die Spruchweisheit Seneca's in einer Gemeinde, in welcher sich die Elemente einer geistigen Opposition gegen die römische Militärdiktatur und gegen das mit ihr verbundene Staatspriesterthum sammelten, den ersten Einigungspunkt bildete und auch dann, als sie sich mit jüdischen Anschauungen verwebte, sich als Einschlag des neuen Gebildes erhielt. Die Thatsache, die wir in den folgenden Zeilen darstellen, wird den Beweis liefern, dass die Sprüche Seneca's nicht nur in der mündlichen Ueberlieferung cursirten und den Stamm bildeten, an den sich neue Bildungen ansetzten, sondern dass die Lehrer jenes römischjüdischen Verbandes den Schriften des Meisters selbst noch bedeutende Anregungen verdankten und auch stylistische Konstruktionen entnahmen.

    Es handelt sich um die parallelen Berührungen zwischen den Seneca'schen und Neutestamentlichen Sprüchen.

    Wir beginnen mit einer Stelle aus dem Trostschreiben an die Marcia. Seneca führt hier (cap, 10) seine Ansicht, dass der Durchgang durch dieses Leben nur eine flüchtige Wanderschaft durch die Fremde ist, dahin aus, dass "Alles, was uns als ein zugefallenes Gut umglänzt, Kinder, Ehren, die Zierde einer Frau, nicht unser Eigenthum, sondern nur ein geliehenes Gut sind, womit die Bühne dieses Lebens geschmückt

     


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    wird, und welches wie das Gerülle eines Gasthofes nach dem Scheiden des Reisenden dem Herrn wieder zufällt." Daher müsse man die Seinigen wie einen flüchtigen Besitz lieben und was das Glück gegeben hat, wie etwas im Scheiden begriffenes besitzen. "Rasch," schliesst er, "pflücket daher die Lust an den Kindern und gebt euch eurerseits den Kindern zu geniessen; hascht ohne Verzug jegliche Wonne -- es hat Eile!"

    "Die Zeit ist kurz," sagt der Apostel (I. Korinth. 7, 29-31), "die da Weiber haben, seien, als hätten sie keine, und die sich freuen, als freuten sie sich nicht, die da kaufen, als besässen sie nicht, und welche dieser Welt brauchen, als verbrauchten sie dieselbe nicht, denn das Gefüge dieser Welt vergeht."

    Also dieselbe Konstruktion, derselbe Gedanke auf beiden Seiten, aber bei Seneca die originale Komposition mit der Gründlichkeit und Motivirung der ersten Erfindung!

    Eins der bedeutendsten Schriftstücke des Evangeliums Matthäi führt den Gegensatz des alten und neuen Gebots in der Formel ducch: den Alten, habt ihr gehört, ist gesagt, ich aber sage euch (Matth. 5, 27 ff.). Ebendaselbst wird gegenüber dem neuen Gebot der allgemeinen Liebe die alte Einschränkung der Liebe auf die Gegenliebe mit der Frage abgefertigt, was diese Engherzigkeit für Lohn erwarten dürfe, ob nicht auch die Zöllner so handeln und ob man damit etwas Besonderes thue? (ebend. 5, 46. 47.)

    Das Sparrwerk zu diesem Bau hat Seneca gezimmert, als er sich in einer Reihe von Wendungen versuchte, um die Ueberschwenglichkeit seiner neuen Auffassung des Gesetzlichen zum Ausdruck zu bringen. "Das ist noch wenig" schreibt er (z. B. Epist. 95), die Vorschriften zur Tugend zu befolgen, "denn nicht das Thun verdient das Lob, sondern die Art, wie Etwas gethan wird." "Es mag Einer hören, welches Maass er bei den Opfern zu beachten, wie weit er sich von der Last des Aberglaubens fern zu halten hat; damit wird niemals genug gethan sein, wenn er die Gottheit nicht, wie es sich gebührt, im Geist als die Alles habende, Alles umfassende und die Wohlthaten umsonst spendende auffasst." Ferner

     


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    ebendaselbst: "Es kommt die andere Frage, wie mit den Menschen zu verkehren sei? Was verlangen wir? Was geben wir für Vorschriften? Dass man Menschenblut schonen soll? Wie wenig ist es, dem nicht zu schaden, dem man nützen soll! Wahrlich, ein grosses Lob, wenn Einer gegen den Anderen zahm ist! Wir schreiben vor, dass man. dem Hungrigen sein Brot theile" u. s. w.

    Wie eifrig sich Seneca mit diesen Wendungen für die Ueberschwenglichkeit seiner neuen Forderungen beschäftigte, ersehen wir daraus, dass er auch anderwärts auf diesen Gegensatz zurückkommt, z. B. Epist. 110: "Damit thust du nichts Grosses, wenn du das Ueberflüssige nicht achtest; dann bewundere ich dich erst, wenn du das Nothwendige verachtest."

    Eben so eifrig suchte er nach einer umfassenden Formel für seine neuen Gebote. Z. B. in dem oben genannten 95. Schreiben fragt er: "wann werde ich Alles sagen, was zu thun und zu lassen ist? Das ist in Kurzem die Formel für die menschliche Pflicht: Alles, was du siehst und was Göttliches und Menschliches in sich beschliesst, ist Eins; die Natur hat uns als Verwandte geschaffen und uns wechselseitige Liebe eingepflanzt; nach ihren Befehlen sollen unsere Hände zur Hilfe bereit sein" -- also ganz dieselbe Frage nach der Formel, an der das Gesetz hängt, wie im Evangelium (Mark. 12, 29-31), dieselbe Antwort und die Einheit des Gebots in gleicher Weise von der Einheit des Absoluten abgeleitet.

    Ein so gediegener Gliederbau, wie ihn Seneca seiner Antithese des Neuen und Alten, des Ueberlieferten und des Seinigen, wie der obersten Formulirung des der Einheit des Göttlichen und Menschlichen entsprechenden Gebots gegeben hat, war recht dazu geschaffen, in dem Kreis der Sanffcmüthigen, die uns zur Zeit Domitians entgegentreten, modulirt und fortgebildet zu werden, bis er die jetzige evangelische Form erhielt.

    Ein anderes Sparrwerk des Stylisten Seneca! " Wirf das Alles von dir (projice. Epist. 17; es ist von Vermögenssachen die Rede) und trachte nach einem weisen Sinn. Ist Etwas, was dich aufhält, so wickle dich los oder schneide es ab."

     


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    Ferner: "wirf von dir (projice), was dein Herz zerfleischt, oder kann es nicht anders fortgeschafft werden, so wäre mit ihm das Herz selber auszureissen." Die neue Bekleidung in der evangelischen Mahnung an den Reichen und im Spruch vom Ausreissen des Auges lässt das ursprüngliche Fachwerk noch deutlich erkennen.

    Der evangelische Spruch (Matth. 6, 8): "euer Vater weiss, was ihr bedürft, ehe denn ihr bittet," ist eine wörtliche Wiederholung des Seneca'schen Spruchs (Epist. 100): "was uns zum Guten dienen soll, hat unser Gott und Vater in unsere nächste Nähe gesetzt; er hat auf unser Ansuchen nicht gewartet; von selbst hat er es gegeben."

    Die stylistische Construction eines und desselben Gedankens kann nicht gleichförmiger sein als diejenige, die wir in der Beschreibung einer geistigen Metamorphose bei Seneca und im Brief an die Philipper finden. Der Römer schreibt (Epist. 6): "ich finde, mein Lucilius, dass ich mich nicht nur bessere, sondern umgestalte (transfigurari), nicht als nähme ich schon an (nec hoc jam) oder hoffte ich, dass Nichts in mir zurück sei, was zu ändern wäre. Wie sollte ich nicht noch Manches an mir haben, was gestärkt oder gedämpft oder gehoben werden müsste."

    Der Verfasser des Briefes an die Philipper (3, 10-12) ist dagegen dem Tod seines Herrn eingestaltet (____ ____) und hofft zur Auferstehung der Todten entgegenzukommen, fügt aber hinzu: "nicht dass ich's schon (___ ____) ergriffen hätte oder schon vollkommen wäre; ich jage ihm aber nach, ob ich's ergreifen werde."

    Die Metamorphose, von welcher Seneca spricht, die er jedoch mit vorsichtiger Einschränkung noch nicht für die absolute Vollendung ausgeben will, ist. die Wiedergeburt, die eins der Dogmen der Stoiker war und in welcher sich nach ihrer Ansicht der Mensch als eine neue Schöpfung aus dem Alten erhebt. Plutarch, ihr leidenschaftlicher Gegner, karrikirt dies Dogma und führt in seiner Schrift über ihre "Ungereimtheiten" als eine ihrer Thorheiten die Lehre an, dass "wer des Morgens vielleicht noch der ärgste Bösewicht war, am Abend der tugendhafteste Mensch sein könne."

     


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    Wiederum derselbe Satzbau beherrscht die Antithese, in welcher das Neue Testament den natürlichen und den geistlichen Menschen, Seneca die Sinnlichkeit und die Vernunft einander gegenüberstellen. "Der natürliche Mensch," heisst es I. Korinth. 2, 14. 15, "vernimmt Nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Thorheit und kann es nicht erkennen, denn es muss geistlich gerichtet werden. Der Geistliche aber richtet Alles." Bei Seneca (Epist. 66) lautet die Antithese: "Ueber Gut und Uebel kann die Sinnlichkeit (sensus) nicht urtheilen; was frommt und was nicht, ist ihr unbekannt. Sie kann über Nichts ihre Stimme abgeben, was sie nicht unmittelbar berührt. Sie sieht nicht in die Zukunft, gedenkt nicht des Vergangenen und kennt nicht die Reihe und Ordnung der Polgen, in denen die Einheit des Lebens zur Vollendung schreitet. Die Vernunft also ist die Richterin über Gut und Uebel."

    Von den vielen anderen wörtlichen Berührungen zwischen Seneca und Paulus heben wir noch folgende kurze Sätze hervor, auf der Seite des Ersteren (Ira 1, 13): "der Mensch ist zum gegenseitigen Beistand geboren," des Letzteren (Galat. 6, 2): "Einer trage des Anderen Last" -- des Ersteren (Epist. 9): "wozu gewinne ich mir einen Freund? Um Jemand zu haben, für den ich sterben kann, für dessen Leben ich meines einsetze und ich mich opfere," -- des Letzteren (II. Korinth, 12, 15): "ich will mich gern opfern und mich aufopfern für euch."

    Gemeinsam ist es Beiden, obwohl sie in der Mahnung zur Milde gegen die Fehler Anderer und im Satz von der allgemeinen Sündhaftigkeit übereinstimmen, vor dem Verkehr mit Andersgearteten zu warnen. Paulus gebietet (II. Korinth. 6, 14): "ziehet nicht mit den Ungläubigen ein Joch, denn was für Theil hat die Gerechtigkeit mit der Gesetzlosigkeit, das Licht mit der Finsterniss, der Gläubige mit dem Ungläubigen?" Seneca (z. B. Epist. 123. 32, 10) citirt in letzterem Brief sogar den Cyniker Krates, der auch schon sagte: "Hüte dich und nimm dich wohl in Acht, dass du nicht mit einem Schlechten sprichst." Der Verein der Stoiker, der auf der Ueberzeugung seiner Mitglieder beruhte und dessen Gemeingeist aus der beständigen Erzeugung durch die angespannte

     


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    Theilnahme und Thätigkeit seiner Angehörigen hervorging, hatte eben schon einen religiösen Charakter und sah mit derselben Angst und Eifersucht wie die spätere Kirche auf die Versuchung eines der Seinigen durch "Profane" hin.

    Wegen einer Parallele, die uns sofort beschäftigen wird, erwähnen wir den wörtlich übereinstimmenden Spruch, mit welchem beide Autoren sich aus dem Widerspruch, welchen die widerwärtigen Schicksale der Guten mit der göttlichen Vorsehung zu bilden scheinen, herausfinden. Seneca meint (Provid. cap. 1. 2): "Gott hege gegen die Guten einen väterlichen Sinn und übe sie, die er gern kräftig hat, durch Schmerzen und Schaden. Gott prüft (experitur) den Guten, härtet ihn ab und bereitet ihn für sich zu." Ebenso heisst es im Römerbrief (9, 18): "wen Gott lieb hat, härtet er ab," und im Hebräerbrief (12, 6. 7): "wen Gott lieb hat, züchtigt er, und stäupt Jeglichen, den er aufnimmt."

    Die Seelenruhe des stoischen Weisen entsprang der Zustimmung, mit der er von dem göttlich geordneten Weltlauf die Leiden und Unfälle hinnahm, an denen er seine innere Kraft übte und auf die Probe stellte. Dieses Wohlgefallen an der Weltordnung war aber zugleich eine Art von Selbstspiegelung in der Menge von Leiden und Prüfungen, die auf den Weisen losstürmen und sich an ihm brechen. Je düsterer die Folie des weltlichen Hintergrundes ist, um so leuchtender tritt die Heldenruhe des Erprobten hervor. Die Antithese zur Welt gehört also zum Bild des Weisen und mitten in seiner Beruhigung zittert etwas von der Gereiztheit des Kämpfers über die Anfälle des Wettlaufs nach.

    Diese Erregtheit über die Feindseligkeit der Welt erhält auch die Seele Seneca's, trotz ihrer Triumphe, in zitternden Schwingungen und labt seine Phantasie mit den Leidensgemälden, in denen der Weise seine Erhabenheit bewährt. "Der Weise," schreibt er z. B. Epist. 85, "ist ein Meister in der Kunst, Uebel zu bändigen. Schmerz, Armuth, Schmach, Gefängniss, Verbannung, überall sonst schrecklich, werden ahm, wenn sie an ihn kommen."

    Ganz so sind die Leiden der Gefangenschaft der Hintergrund der meisten sogenannten Paulinischen Briefe und das

     


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    Gesammtbild, welches der Apostel (II. Korinth. 11, 23-28) von seinen Trübsalen und Leiden giebt, trägt unverkennbar die Unabhängigkeit von den Schreckensgemälden Seneca's zur Schau. "Ich habe mehr gearbeitet," soll der Apostel schreiben, "mehr Schläge erlitten (nämlich mehr als seine angeblichen Rivalen in der Gemeinde), bin öfter gefangen, oft in Todesnoth gewesen; von den Juden habe ich fünfmal empfangen vierzig Streiche weniger eins; ich bin dreimal gestäupt, einmal gesteinigt, dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einmal habe ich Tag und Nacht hindurch im Abgrund (des Meeres) zugebracht" .... Die noch weit ausgedehnte Reihe der bestandenen Fährlichkeiten können wir wohl nach diesem Aufenthalt im Meeresgrunde sich selbst überlassen.

    Der gelehrte Ame'de'e Fleury hat (Tom. H. pag. 247-249 seines Werks) daran erinnert,- wie Abraham Scultetus, der Hofprediger und kirchlich-politische Rathgeber des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, während er zu Prag sich' an der Diplomatie des kurzen böhmischen Königthums dieses Fürsten (1620) betheiligte, noch Musse fand, seine "Deliciae theologicae Pragenses" abzufassen und in denselben nachzuweisen, dass der Apostel Paulus sichtbarlich aus den Briefen Heraklits sich begeistert habe. Fleury findet zwar die Berührung zwischen der Paulinischen Literatur und den Briefen Heraklits gleichfalls denkwürdig genug, beeilt sich aber, zum Schluss auf den apokryphen Charakter derselben und ihren späten Ursprung hinzuweisen, und vermuthet, dass vielmehr der Verfasser der beiden Briefe, auf die es hier ankommt, die Sendschreiben des Apostels vor Augen gehabt und kopirt habe.

    Für uns bleibt nach dem Beweis vom späten Ursprung der Paulinischen Briefe die Behauptung der umgekehrten Möglichkeit unbenommen, haben aber beide Heraklitischen Schreiben, die dem ersten christlichen Jahrhundert angehören, jedenfalls ein besonderes Interesse, da sie die Verwickelung des von den christlichen Skribenten des zweiten und dritten Jahrhunderts bewunderten Heraklit mit platonischer und stoischer Ascetik beweisen. Wenn der vermeintliche Epheser an seinen Freund Hermodorus schreibt (im vierten Briefe der von Bernays herausgegebenen Sammlung: "die Hcraklitischen

     


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    Briefe," Berlin 1869): "Viele schreckliche Kämpfe habe ich glücklich durchgeführt" und dann alle seine Siege und Triumphe aufzählt, so führt er uns, wenn auch seine Widersacher moralische Gelüste und Gebrechen sind, doch in die Atmosphäre einer Zeit, deren Vertreter sich uns in der Stellung von kampfbereiten oder triumphirenden Streitern präsentiren. Die andere, von Scultetus bewunderte Stelle im Schreiben an Amphidamas (dem fünften in der genannten Sammlung): "meine Seele ahnt auch bereits ihre Erlösung aus diesem Gefängniss und, aus dem durchschütterten Leib herauslugend, gedenkt sie der Heimat, von wannen sie in die Hülle eines fliessenden und todten Leibes herabkam," hat an den schon oben nachgewiesenen Sprüchen SeVieca's und des Philipperbriefes ihre Parallelen und legt ein verstärkendes Zeugniss von den Fluchtgedanken einer Zeit ab, die durchaus dieser Welt entrinnen wollte.

    Wir eilen zum Schluss! Nur im Vorübergehen können wir die Ansicht bedeutender Männer, wie Huet, erwähnen, die in den Schriften Seneca's auch den Beweis seiner Bekanntschaft mit der christlichen Trinitätslehre finden wollten. Dem geistvollen Bischof von Avranches war aber schon von deutschen Zeitgenossen entgegengehalten, dass er Prädikate, welche der römische Anhänger der Stoa dem schaffenden und ordnenden Prinzip beilegte, viel zu persönlich genommen habe, während sie bei Seneca nur beliebig zu wählende oder nach den verschiedenen Relationen des Einen wechselnde Namen desselben sind. Wenn es z. B. in der Trostschrift an Helvia cap. 8 von dem "Bildner des Alls" heisst: "wer er auch sein mag, sei er ein allmächtiger Gott, oder eine unkörperliche, in gewaltigen Werken schöpferische Vernunft, oder ein göttlicher, durch alles Grosse und Kleine in gleichmässiger Spannung ausgestreckter Hauch (spiritus)," so ist die Wahl, unter welchem Prädikat man das Eine auffassen will, Jedem freigestellt. Die Fortsetzung dieser Freilassung jeglicher Bezeichnung: "oder sei er das Schicksal oder die unabänderliche Reihenfolge zusammenhängender Ursachen," müsste Männern wie Huet oder Fleury statt der Trinität

     


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    sogar eine Quaternität oder eine fünffache Personifizirung des Einen ergeben.

    Die Freistellung der Wahl tritt am deutlichsten in den Quaest. natural. (2, 45) hervor, wo Seneca auseinandersetzt, dass auf Jupiter, "nicht Jenen, der im Capitol und anderen Tempeln verehrt wird und den man mit Blitzen spielen lässt, sondern Jenen, der, nach der Ueberzeugung der Erleuchteten, Wächter und Regierer des Alls, der belebende Geist, der Herr und Werkmeister dieser irdischen Welt ist, jeglicher Name passt." Man mag ihn "Schicksal, Urgrund von Allem, Vorsehung, Natur, die Welt, das Ganze, was sichtbar ist, ganz in die Theile eingegangen und sich selbst durch eigene Kraft tragend nennen und wird nicht fehlen."

    Philo hat vor Seneca in diesen Fragen den Vorsprung und konnte mit seiner Construction des Göttlichen eher als sein römischer Mitarbeiter in der neuen Gemeinde, die sich unter dem Einfluss Alexandria's und Roms bildete, durchdringen. Seine Combination des Stoicismus mit dem platonischen Weltmeister, welcher die Materie nach dem Vorbilde der Ideen umformte, gab dem stoischen Logos zwischen dem anonymen Seienden und der Welt einen selbstständigen Spielraum und liess ihn als den Mittler hervortreten, in dessen Gestalt und Amt wir ihn besonders in den Paulinischen Briefen und im vierten Evangelium wiederfinden. Der Einfluss Seneca's auf die Bildung jener Gemeinde beruht dagegen auf dem ascetischen Charakter seiner Betrachtungen über den Menschen und dessen Verhältniss zu seinem Schöpfer und auf seinen Anstrengungen, das Ideal eines Mittlers zwischen Erde und Himmel persönlich zu gestalten und demselben durch die Bewährung im Kampf und Leiden den äussersten Ernst mitzutheilen.

    Den Werth seiner stoischen Formeln über des wahren Jupiters Vielnamigkeit haben wissenschaftlich gebildete Männer, wie Huet, bei alledem wider Wissen und Willen nicht ganz unrichtig gewürdigt, wenn sie aus ihnen den Keim der späteren Trinitätslehre herausklaubten.

    Die Ascetik seiner Auffassung des Menschen führte ihn unwillkürlich zu einer spiritualistischen Umwandlung der stoisehen

     


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    Theologie. So konnte er es, obwohl er ein paar Male (z. B. Epist. 106. 117) sich zum orthodoxen Glauben der Schule bekennt, dass alles Wirkende ein Körper ist, doch nicht über sich bringen, die schöpferische Vernunft, die er in der angeführten Stelle des Schreibens an Helvia als einen der Namen des Weltregierers aufzählt, körperlich zu nennen. Die Muthmaassungen einiger Gelehrter, dass "incorporalis" eine christliche Aenderung sei, 'ist unnöthig; corporalis wäre ihm zu hart gewesen. Geht er doch über die Theorie seines Meisters schon so weit hinaus, dass er im Vorwort zu seinen Untersuchungen über die Natur die Frage stellt, ob Gott einfür allemal geschaffen habe oder fortwährend schaffe, und es schön (utile) nennt, wenn man wissen könnte, "ob er sich die Materie selber bilde oder sie gegeben vorfinde."

    Nun ein Wort über die Stellung Seneca's und der Paulinischen Briefe zur Sklaverei I Fleury meint, der Einfluss des Christenthums habe Ersterem seine Sätze über das Menschenrecht der Sklaven eingegeben und die späteren Reformen des römischen Rechts seien somit dem Ansehen des Lehrers Nero's zu verdanken. Es genügt dagegen, an die grosse Umwendung zu erinnern, welche mit der Lehre der Stoa in der allgemeinen Ansicht vom Dienstverhältniss eintrat. Schon die Cyniker durchbrachen die conventionelle Schranke und rühmten sich der Sklaven, die zu ihrem Bunde gehörten. Zeno nivellirte die Klassenunterschiede im Namen der Tugend; die tragische und komische Bühne Athens machte die Freiheit der Seele zum Regulator der Menschenachtung und Plautus brachte ihre Lehren auf die römische Bühne. Sollen wir nun, um den Einklang der griechischen Dichter und Philosophen mit ihrer Zeit zu beweisen, der Lichtung des bürgerlichen Standes durch die Kriege zwischen den griechischen Einzelstaaten und durch Alexanders und seiner Nachfolger Verwüstungen und an die Aufnahme der Sklaven in die Bürgerarmeen, oder der volkswirthschaftlichen Umwälzung in den Arbeitsverhältnissen gedenken, welche die Sklavenarbeit in Lohn-, endlich in freie Arbeit verwandelte? Oder der gleichen Umwendung in Rom, welche zahlreiche Freilassungen zur Folge hatte und

     


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    schon unter Augustus und Claudius Gesetze zur milderen Behandlung der Sklaven hervorrief?

    Genug, Seneca hatte von der Stoa (und auch von Epikur vergl. Epist. 107) das allgemeine Menschenrecht der Sklaven hochachten gelernt und im dritten Buch seiner Schrift "de Beneficiis" (cap. 18-28) holt er aus der Geschichte der römischen Bürgerkriege zahlreiche Beispiele von Sklaven, die in der Zeit der allgemeinen Verwilderung und Grausamkeit ihre Herrschaften durch Hingebung und Selbstaufopferung retteten und den Beweis lieferten, "dass die Tugend Niemand verschlossen ist und auch der Sklave gerecht und grossmüthig sein kann,"

    Und er ist noch dazu mit der Begründung der Intimität zwischen Herrn und Diener auf ihre gleiche Abhängigkeit von einem gemeinsamen Oberen (dem Schicksal) späteren Reformern vorangegangen. Sein Satz, dass die Sklaven nicht nur "Menschen, Hausgenossen, Freunde, sondern Mitsklaven" sind (conservi; Epist. 47), ist in der christlichen Form (Ephes. 6, 5-9) die Vereinigung von Knecht und Herrn zum gleichen Dienst unter Christus geworden.

    Ja, Seneca ist auch dem Paulus der Briefe in der Zurückweisung gefährlicher Consequenzen vorangegangen. Der Römer hat, in dem oben genannten Briefe, mit der Einwendung zu thun, "er wolle also dem Sklaven die Freiheitsmütze aufsetzen und die Herren von ihrer Höhe herabstürzen, wenn er verlangt, der Sklave solle seinen Herrn ehren, nicht fürchten." Und er, als das Original, hat die Kühnheit, einfach darauf zu bestehen, dass er ihn allerdings so ehren solle, wie man einen Höheren ehrt, dessen Client man ist und dem man seine Achtung beweist. Die Dichtung des Briefes an den Philemon, in welchem Paulus einen unnützen Sklaven (Onesimus, d. h. der Wohlnützliche), der seinem Herrn entlaufen, nun aber von ihm für Christus gewonnen ist, dem Philemon zurückschickt und um freundliche Aufnahme desselben als eines Holden und Bruders bittet, ist weiter nichts als die christliche Apologetik gegen den gleichen Vorwurf, dass der neue Verein das Dienstverhältniss der Sklaven am Ende ganz auflösen wolle.

     


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    Versäumen wir es endlich nicht (ohne zerstreuenden Rückblick auf Heraklit und die ältere Lehre der Stoa), darauf hinzuweisen, wie Seneca mit der Ausmalung des der Erneuerung des Alls vorhergehenden Weltbrandes den christlichen Autoren die Materialien zu ihrem Bilde von den jüngsten Dingen geliefert hat. Die Welt, schreibt er, (ad Marciam cap. 26), wird auf dem Uebergang zu ihrer Erneuerung (se renovaturus) in Feuer aufgehen, Alles sich durch seine eigene Kraft aufreiben, Gestirn auf Gestirn stossen und Alles, was jetzt in Ordnung leuchtet, in Einer Eeuermasse brennen." Dieselben Farben glänzen im Neutestamentlichen Bilde des jüngsten Tages (II. Petri 3, 12. 13): Am Tage des Herrn "werden die Himmel mit Krachen zergehen, die Elemente im Brand zerschmelzen und die Erde und Alles auf ihr in Brand aufgehen. Wir aber warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde." Durch Seneca ferner ist die Heraklitische Ruhe (______) mit den Formeln, dass der Verstorbene quiescit, excepit illum magna et aeterna pax, aeterna requies manet (ad Polybium cap. 28. ad Marciam cap. 19. 24), in das kirchliche Todtenamt übergegangen, und aus seinem Trostschreiben an die Marcia (cap. 25), dass ihr abgeschiedener Sohn vor dem Aufsteigen zu den seligen Geistern der Höhe in einem Zwischenraum von den anhängenden Resten und Gebrechen des irdischen Lebens sich reinigt (expurgatur), gestaltete sich bis zum Schluss des zweiten Jahrhunderts die Lehre von einem Zwischenzustand der Reinigung der abgeschiedenen Seele bis zur Ruhe der Seligen und später die classische Formel des Augustinus: ignis purgatorius.

    Während wir von diesem Abschnitt Abschied nehmen, wird vielleicht Manchem unserer Leser immer noch die Frage auf der Zunge schweben, ob es denn also wirklich an dem war, dass die Verfasser mehrerer Neutestamentlicher Schriften die Episteln und Aufsätze Seneca's in Händen hatten.

    Zunächst erinnern wir an die eigenen Citate biblischer Autoren, welche beweisen, dass sie in der classischeu Literatur nicht unbewandert waren und die Berührungen derselben mit ihrer Botschaft recht wohl kannten. Wenn der Paulus des Briefes an Titum, den er in Kreta zur Bekämpfung der

     


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    dortigen Verführer zurück gelassen hatte, zur Ausdauer ermahnt, so verweist er ihn an einen kretischen Dichter, der zur Charakteristik seiner Landsleute gesagt hatte: sie "sind immer Lügner, schlechte Geschöpfe und faule Bäuche." Nach den Kirchenvätern, die noch im Besitz der betreffenden Literatur waren, ist es der Kreter Epimenides, der in einem der ihm untergeschobenen mystisch-philosophischen Gedichte seinen Landsleuten diese Freundlichkeit gewidmet haben soll.

    Der Verfasser des ersten Briefes an die Koiinther (15, 33), verwebt in seine Ermahnungen den Vers: "Böser Umgang verdirbt gute Sitten." Hieronymus sagt uns, der Trimeter gehöre dem Menander an; Grotius und Meineke glauben behaupten zu dürfen, es sei die "Thais" jenes Bühnendichters, welcher der Apostel sein Citat entnommen habe. Die tragischen Dichter Athens wie die Meister der neueren Komödie haben aber die Lehrsätze der Philosophen als Moral des Löbens auf die Bühne gebracht; ihre Werke boten daher den Aposteln einer strengen Lebensrcgel manche Anregung und manchen Anknüpfungspunkt.

    Die neuernden Volkslehrer wandten sich aber auch an die ernsteren Bearbeiter der stoischen Philosophie. Der Verfasser der Apostelgeschichte kennt, die intimen Beziehungen zwischen dem neuen Glauben und der Lehre der Stoa und lässt den Apostel Paulus in seiner Ansprache an die Athener an die Uebereinstimmung seiner Botschaft mit den Sprüchen eines ihrer Dichter appelliren. Der Dichter ist Kleanth, der Nachfolger Zeno's in der Leitung der "Halle"; seinem Hymnus auf Zeus ist das Citat des Apostels: "seines Geschlechts sind wir" entnommen und in dem Eingang der Ansprache: "in ihm leben, weben und sind wir," ist des Aratus Spruch (in seinen "Phänomenen") von der Allgegenwart Gottes -- jene Stelle, die auch Virgil zu seiner oben erwähnten stoischen Apostrophe begeistert hat -- frei verarbeitet.

    Auch bei Plato erholten sich die christlichen Autoren Raths. Der Spruch, mit welchem die Führer der ersten Gemeinde sich zweimal vor dem hohen Rath zu Jerusalem verantworteten (Apostelgesch. 4, 19. 5, 29: "man muss Gott mehr als euch gehorchen," ist wörtlich der Rede des Sokrates an

     


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    seine Richter in der dem Plato zugeschriebenen Apologie entlehnt, und wenn der Athenische Weise fortfährt, darum werde ich, "so lange ich athme, nicht aufhören, mich der Philosophie zu widmen," fahren auch die Jünger der christlichen Gemeinde nach ihrer Bedrohung durch den hohen Rath unerschüttert in ihrer Predigt fort.

    Aber, wird man einwenden, Seneca's wird nirgends in den neutestamentlichen Parallelstellen gedacht. Auch Plato's nicht, wenn ihm ein Gruudspruch entlehnt wird; -- auch Philemon's nicht, des Dichters der komischen Bühne, wenn . z. B. I. Timoth, 2, 11. 12 mit seinen Worten die Unterthänigkeit der Frau uuter den Mann empfohlen wird; -- auch Menander's nicht, wenn in der Frage des ersten Korintherbriefes ('6, 7): "warum leidet ihr nicht lieber (statt mit einander vor Gericht zu hadern) Unrecht?" der Spruch des Meisters der komischen Bühne: "Das ist der Beste unter den Menschen, der am meisten Unrecht zu leiden versteht," dem Verfasser offenbar vorschwebt.

    Seneca konnte schon deshalb nicht citirt werden, weil sein Latein in einem literarischen Verkehr, der zwischen Griechenland, Alexandrien und Rom in der griechischen Weltsprache unterhalten ward, sich nicht einfügte. Ausserdem besitzen wir in den angeblichen Paulinischen Briefen nur eine späte Literatur, welcher mannigfache Modulationen griechischer und lateinischer Grundtöne vorangegangen sind, wie in unseren jetzigen drei ersten Evangelien verschiedene Typen und Versuche, die ihnen zu Grunde liegen, noch sichtbar zu Tage stehen. Es kann daher mit Sicherheit angenommen werden, dass der römisch-jüdische Kreis, der sich zur Zeit der Flavier in Rom bildete, sich schon vielfach mit der Umwandelung der Seneca'schen Sehätze in Symbole seiner Gemeinschaft beschäftigt und die neue Spruchweisheit durch das jüdische Wandervolk und dessen auswärtige Verbindungen auch nach Griechenland und dem Orient verbreitet hat, ohne dass die letzten Compilatoren solcher Sprüche immer die erste Quelle kannten.

    Die Uebereinstimmung des Styls aber, die zwischen den Hauptsätzen Seneca's und den neutestamentlichen Parallelen stattfindet, bleibt bei alledem ein sicherer Beweiss, dass die

     


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    Verfasser solcher Parallelen, wie z. B. der ersten, mit der wir diesen Abschnitt begannen, die Schriften des römischen Weisen selbst vor Augen hatten. Fleury hat mir kurze Sätze oder dogmatische Stichworte Seneca's und der Bibel in Parallele gestellt; wenn man aber auf beiden Seiten die stylistische Form der Composition und die Diction erwägt, so wird man erkennen, dass auf Seiten des Römers Inhalt und Form sich original entwickeln und ihre natürliche Motivirung besitzen, während auf Seiten des Neuen Testaments ein gegebener Stoff zu neuen Pointen zugespitzt wird.

    9. Seneca's Compromisse.

    Nachdem wir Seneca als Religionsstifter und die umfassende Nächwirkung seiner Stiftung in den Schriften des Neuen Testaments dargestellt haben, können wir es dem Urtheil unserer Leser überlassen, darüber zu entscheiden, ob die schroffe und wegwerfende Härte, mit welcher sich Herr Schiller (pag. 626 ff. seines Werks) über den römischen Weisen ausspricht, ein Bild von dessen historischer Bedeutung geben kann.

    "Seneca," sagt Schiller, "schrieb, weil es Mode und die Schriftstellerei eine Macht war. Die Phrase beherrscht die Darstellung (in seinen Schriften) ganz; denn sie hat die Aufgabe, die Wärme des Gefühls und der sittlichen Tiefe zu ersetzen, welche ihm fehlte und ohne welche doch ein ethischer Schriftsteller nie zu wirken vermag. Nicht der Gedanke bestimmt den Ausdruck, sondern um eine pikante Antithese zu gewinnen, wird jeder entstellt und schief, und um geistreich zu scheinen, hascht der Schriftsteller oft nur nach den äusseren Mitteln und Merkmalen des Geistreichseins. Im eigenen Bewusstscin der geringen Begabung für die dialektische und darstellende Kunst suchte Seneca durch Bonmots und Sentenzen, auch durch forcirte Mittel der Rhetorik die edle Popularität zu ersetzen, welche die Griechen erreicht hatten, weil sie aus der Fülle des Stoffes und Lebens mit vollen Händen zu schöpfen vermochten und die sprachliche Darstellung von selbst dem richtigen Gedanken sich anschloss."

    Dass die Griechen aus der Fülle des Stoffes und des Lebens schöpften, damit ist so wenig gesagt, wie mit der modernen

     


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    Aufforderung: "Greift nur hinein in's volle Menschenleben!" Was die griechischen Philosophen betrifft, die uns in der vorliegenden Frage vorzugsweise interessiren, so war es vielmehr das Unglück und die Leere ihrer Umgebung, was sie dazu antrieb, in ihrem Innern Ruhe und dauerndes Glück zu suchen. Der Absolutismus der Demokratie und deren Verwandtschaft, so wie ihr augenscheinlich vergeblicher Kampf mit der aufsteigenden Militärdictatur kündigte ihnen den Verlust des Vaterlandes an und verleidete ihnen die Politik, fürderen in Trümmer fallende Satzungen sie sich im Weltgesetz und dessen Uebereinstimmung mit dem eigenen Ich Ersatz holten. Originalität, welche Herr Schiller bei Seneca ganz vermisst, ist in der Welt überhaupt etwas Seltenes; hat sich doch die Zeit von Heraklit bis zum Christenthum, ja, bis zum Ausgang des Mittelalters hin (wenn wir von der Verwandtschaft Luther's mit dem Ahnen der griechischen Philosophie hier noch absehen wollen) in den höchsten Fragen mit der Verarbeitung der Weisheit des Ephesiers begnügen müssen.

    Die "Bonmots," mit welchen der Schiller'sche Seneca seine Arinuth an Begabung für Dialektik und (lomposition ausschmücken soll, sind vielmehr Concentration der von Heraklit durch Plato auf die Cyniker und Stoiker ausgehenden Weisheit in ergreifende Sprüche, -- Zurückführung der philoso. phischen Forschung auf das Eine, was Noth thut, -- Anwendung der Theorie auf die Bedürfnisse der Seele.

    Die angeblich pikanten Antithesen, mit denen der Schillersche Seneca den Schein des Geistreichseins hervorbringen will, sind vielmehr die Gegensätze, in denen seine Zeit lebte und die er in einer kernigen Sprache formulirte. Geist und Fleisch, -- Krankheit und trügerische Gesundheit, -- der Reichthum der Armuth, -- der Segen des Unglücks und die Wonne des Elends, -- die belebende und aufrichtende Kraft des Leidens, -- diese in der Disharmonie siegende Harmonie War es, was die Zeit seit dem Elend der Bürgerkriege dunkel als Lösung des allgemeinen Missgeschicks empfand und Seneca mit seinen schneidenden Sprüchen zur Klarheit brachte. Die Ausdauer des Stoikers unter den Schlägen des Unglücks und der Jubel des Cynikers über seine Unerreichbarkeit für

     


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    die Angriffe der Welt hatten das erste Gefüge für diese Sprüche geliefert und die Devotion, die nach dem Sieg des Friedensfürsten bei Actiuin in der allgemeinen Stimmung und in der Sprache der Dichter, wie in der Reorganisation des Staats eine Zeit lang um sich griff, hatte die religiöse Haltung bewirkt, mit welcher Seneca die Lösung seiner Antithesen auf das Weltgesetz seiner ordnenden Gottheit zurückführte.

    Noch ein Zug aus dem Porträt des Schiller'schen Seneca. "Er ist," schreibt der Geschichtsschreiber der Neronischen Zeit, "den Verhältnissen gegenüber nicht rigoros, sondern sein Grundgedanke über das sittliche Fortschreiten ist, dass das Leben aus Compromissen besteht, und indem er beständig (!?). zwischen seinen Lehren und Leben, zwischen Epikur und Stoa, zwischen Form und Inhalt solche zu Stande zu bringen sucht, kommt er zur Ansicht, ein kleiner kaum (!?) bemerkenswerther Fortschritt sei der völligen Abweisung einer zu starren Forderung vorzuziehen."

    So kleinlich ist das Eingehen Seneca's auf Compromisse nicht aufzufassen. Er weiss sich auch gewöhnlich anders auszudrücken. Er sagt zum Beispiel Epist. 5: "der Name Philosoph sei für sich schon gehässig, auch wenn er noch so anspruchslos auftritt, man solle daher durch ein gesuchtes Aeussere die Leute nicht noch obenein reizen, und vielmehr nach einer besseren Lebensweise als derjenigen der Welt streben und nicht mit der entgegengesetzten Andere gegen sich aufbringen; auch sei die Genügsamkeit, welche die Philosophie verlangt, noch keineswegs Kasteiung und Quälerei des Leibes; durch eine auffallende Lebensweise würde man diejenigen, die man bessern wolle, von sich zurückscheuchen."

    Also ähnlich wie der Paulus des ersten Briefes an die Korinther (9, 10-22), der "sich Allen gefügt hat, um ihrer Viele zu gewinnen: den Juden bin ich Jude geworden, um Juden zu gewinnen, denen unter dem < resetz einer unter dem Gesetz, um die unter dem Gesetz zu gewinnen, denen ohne Gesetz einer ohne Gesetz, um die ohne Gesetz zu gewinnen, den Schwachen ein Schwacher, um die Schwachen zu retten; Allen bin ich Alles geworden, um in allen Wegen Einige zu retten."

     


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    Diese Herablassung zur Welt verschmäht es auch nicht, auf das gewöhnlichste Detail der Casuistik einzugehen. Philo (siehe meine Schrift über denselben) behandelt die Frage der griechischen Moralphilosophen, ob der Weise sich auch einen Rausch gönnen dürfe, und bejaht sie. Desgleichen meint Seneca (Tranquill, cap. 15): "man muss der Seele etwas zu Liebe thun und ihr zuweilen Musse gestatten, die ihr zur Nahrung und Stärkung dient. Zuweilen darf's wohl gar zu einem Räuschchen kommen, nicht dass es uns hinunterzieht, aber doch etwas untertaucht. Das spült die Grillen weg und rüttelt den Geist in der Tiefe auf." Und gehört das Wort im ersten Brief an den Timotheus (5, 23): "Lass das Wassertrinken und gebrauch ein wenig Weins um deines Magens willen!" nicht auch in dieser Kapitel?

    Ich habe in meiner Kritik der Paulinischen Briefe nachgewiesen, dass die beiden Briefe an die Korinther, nach der gewöhnlichen Annahme der theologischen Kritiker neben dem Römer- und Galaterbriefe die Säulen der angeblichen Paulinischen Literatur, ein später Compromissversuch des zweiten Jahrhunderts sind. Dies Jahrhundert war überhaupt die Zeit eines lebhaften Hin- und Herwogens zwischen Kampf und Compromiss, nur darf man letzteren, aus dem die allgemeine (katholische) Kirche hervorging, sammt dem vorhergehenden Zwist nicht nach dem Schema des Streits und der Verwickelung zwischen Juden- und Heidenchristen auffassen, an dem die Theologie bis auf diesen Augenblick sich abgearbeitet hat, ohne zu einem haltbaren Ergebniss zu gelangen.

    Die Zeit nach dem Untergang der Republiken Griechenlands und Roms war überhaupt die Periode der Compromisse, da die Kritik seiner mythologischen Philosophie über die Kräfte des Alterthums ging und ihm nur die mythologische Verschmelzung und Einigung seiner gewonnenen Lebensgesetze für den erweiterten Weltkreis übrig blieb.

    Das Eingehen in einen Compromiss macht für sieb allein keinen Makel aus. Seneca's Religionsstiftung beruhte auf der Combination der Unerschütterlichkeit des stoischen von platonischer Ascetik unterstützten Weisen mit dem milden Ideal des in Leiden und Schmach bewährten Dulders, welches ihm

     


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    aus der Nacht der Bürgerkriege entgegenleuchtete. Und in der Reife seiner Entwicklung befreundete er sich auch vollends mit der Moral Epikurs, eines Mannes, wie er sich in den Briefen an Lucilius oft ausdrückt, wenn er auch, bildlich genommen, in weiblicher Tracht geht. Die Gelassenheit und den inneren Frieden dieses Mannes brauchte er, um sich und seine Freunde mit dem Bückzug aus der Welt und ihrem Treiben völlig zu versöhnen.

    Gleichwohl durchzieht das Leben Seneca's ein Compromiss, der ihn in die Intriguen des Claudius'schen Hofes und mit den blutigen Staatsaktionen, die, in diesen Intriguen vorbereitet, unter Nero zur Reife kamen, verwickelte und das Urtheil der Welt bis jetzt über ihn beschäftigt hat Er, der Weise, der mit seiner Doctrin die Gemüther dem Staatsleben entfremdete, den Kaiserthron untergrub und eine Schaar in's Leben Tief, die sich nur auf Kosten Roms behaupten konnte, nahm den Ruf Agrippina's zum Erzieher ihres Sohnes an, ward leitender Minister seines Zöglings Nero und stand den Tragödien, welche über die Regierung dieses Kaisers ihre Schrecken verbreiteten, nahe. Zuletzt durch die Ungnade seines Herrn zum wirklichen Rückzug aus dem Staatsleben gezwungen, sah er einer Verschwörung, die den Kaiser mit dem Sturz bedrohte und in seiner Person den Weisen auf den Thron heben wollte, nicht ohne Theilnahme zu. Versuchen wir es nun, das Wagniss dieses Compromisses zu schildern und zu deuten.








     

    [ 66 ]



    II.
    Seneca als Lehrer und Minister Nero's.


    1. Die Auflösung des römischen Particularismus.

    _____

    Mit Nero's, von ihm selbst verschuldetem Sturz verschwand das julische Haus von der Weltbühne. Das Kaiserthum, von dem grossen Julier und dessen adoptirten Neffen, Augustus, mit der Gewalt der Waffen begründet, galt als das Erbe einer Familie, welche den Zweifel an ihrem Rechte mit ihrer Militärmacht einschüchterte. Da die beiden Stifter des Familienguts der eigenen männlichen Erben entbehrten und nur durch die weibliche Verzweigung das julische Blut erhalten wurde, brachte die Aneignung des Claudischen Stammes in das Gesammthaus den Zwist zweier Linien. Wenn die zahlreichen Todesfälle, welche die Familie schon unter Augustus lichteten und die Tage dieses Kaisers trübten, von der Volkssage mit Unrecht auf Nachstellungen durch Gift zurückgeführt wurden, so fehlte es doch unter den Nachfolgern nicht an wirklichen Morden, in denen Nero's Mutter sich zuletzt als Meisterin bewies, bis dieser Kaiser um sich herum vollends aufräumte und als der letzte Spross des cäsarischen Hauses dastand.

    Die Nachkommen der Männer, die im Kampf mit Cäsar und Augustus unterlagen, waren durch Verheirathung in die kaiserliche Familie zur Theilnahme am Glanz der Sieger berufen worden und sie fielen Alle demselben düstern Schicksal anheim, welches die Nachkommen der Triumphatoren verfolgte. Als der letzte Julier einen Freigelassenen um die Gnade des Todesstosses anbettelte, hatten hundert Jahre an den Stufen des Thrones die Leichen der mit den Cäsaren

     


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    verschwägerten Antonier, Aemilier, Junier, Pompejer, dazu auch noch des letzten Sprosses des Dictators Sulla aufgehäuft. Bin weites Grab bedeckte die Erinnerungen der B ürgerkriege; Sieger und zu Gnaden aufgenommene Unterlegene wurden von den Generationen, die für neue Gedanken und Interessen lebten, der gleichen Vergessenheit übergeben.

    Auch unter demjenigen Theil des Adels, welcher zur gefahrvollen und endlich mörderischen Ehre der Aufnahme in die cäsarische Familie nicht gelangt war, hatte das erste Jahrhundert des Kaiserthums gewaltig aufgeräumt. Nachdem die Bürgerkriege zahlreiche Familien dahingerafft und die Aechtungen des letzten Triumvirats die alten Geschlechter um ihre Häupter und Besitzungen gebracht hatten, verfielen die übrig gebliebenen Häuser durch Verschwendung, durch die Verwickelung in die Hofintriguen oder durch die kaiserliche Rache; welche ihre Vertreter wegen der Theilnahme an den zahlreichen Verschwörungen traf.

    Cäsar und Augustus hatten die Lücken, welche die Bürgerkriege in die Reihen des Senats gerissen hatten, noch erweitert, die Verarmten und Herabgekommenen, welche die Würde der hohen Körperschaft nicht mehr repräsentiren konnten, aus dem Kreis derselben verwiesen und die Anhänger der repu. blikanischen Vergangenheit durch einen gebieterischen Wink oder Kraft ihrer Dictatur entfernt. In die Lücken, welche Zeit und censorischer Befehl auf den Bänken der adligen Corporation verursacht hatten, brachten sie niedrig geborene Anhänger, die sich im bürgerlichen Dienst und in der Armee während der Bürgerkriege bewährt, auch solche, die sich in den provinzialen Kolonieen als Stützen des neuen Regiments bewiesen hatten.

    Unten im Volke ging indessen eine Veränderung vor, welche nicht weniger wie die Umwandlung des Senats den römisch-städtischen Particularismus abschwächte und sein Aufgehen in die weiten Schwingungen einer Weltgemeinde vorbereitete. Die Triumvirn hatten ihre Schlachten mit Hilfe auswärtiger Völker, die zu ihrer Zeit noch als Barbaren galten, gewonnen und belohnten die fremden Haufen mit dem Bürgerrecht und Antheil an den italischen Grundstücken, mit deren

     


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    Verlust die Gegner bestraft wurden. Vermischung und Tagesverkehr mit diesen Eingedrungenen schliff allmählich die Eigenthümlichkeiten und Erinnerungen des untern Volkes, besonders in der Hauptstadt ab und die Adligen sahen sich, soweit sie sich über der neuen Mischung erhielten, mitten in einer Masse isolirt, mit der sie den Zusammenhang verloren hatten.

    Kaiser Claudius vollendete diese Isolirung des alten Adels indem er, als der Senat trotz der letzten Auffrischungen wieder gelichtet war, mit Berufung auf den Vorgang seiner Ahnen von Julius Cäsar an bis auf Tiberius, welche Freigelassene und die Blüthe der Pj-ovinzialstädte und Kolonieen in den Senat beriefen, auch Vertreter der gallischen Aeduer in die Corporation des Adels einführte. So sahen sich nun, nachdem das alte Band, welches die Herren der Curie mit dem städtischen Volke verknüpfte, gelockert und fast durchschnitten war, die Vertreter des römischen Particularismus im Senat von den Auserlesenen der unterworfenen Barbaren umgeben, die mit dem in Rom wogenden Weltpublicum mehr als die Calpurnier, Cornelier und anderen Grossen des alten Regime sympathisiien konnten.

    Der letzte Rest dieser Hochadligen wurde noch von dem harten Geschick, welches die Regierung Nero's über sie verhängte, aufgebraucht und unter den Flaviern konnte die Zeit des neuen Senats beginnen, der sich aus den Landstädten, Kolonieen und Barbaren ergänzte, wie die Kaiser von nun an ausserhalb Roms, dann ausserhalb Italiens ihren Ursprung hatten und endlich aus den Barbaren hervorgingen.

    Der Verfall des cäsarischen Hauses zeigte sich ferner in der Abschwächung der militärischen Tüchtigkeit seiner Häupter. Der Sieger von Actium, der als einzelner junger Mensch die Schule von Apollonia verliess, um mit allen Partheien Roms den Kampf um das Testament seines Oheims aufzunehmen, und im Bunde mit seinem Feldherrn den Bürgerkriegen ein Ende machte, wurde in den letzten Jahren seiner Regierung durch die Vernichtung seiner Legionen in Germanien in der Weisheit seines Entschlusses bestärkt, dass der Verschmelzung der Reichsvölker die Wagnisse auswärtiger Uuternehmungen nachstehen müssen. Seine beiden Stiefsöhne, Tiberius und

     


                            Die Auflösung des römischen Particularismus.                         69


    Drusus, mussten sich damit begnügen, den Rhein sicher zu stellen und die Völker im Süden der Donau im Zaume zu halten, und die vergeblichen Einbrüche seines Neffen, des Germanicus, in Germanien zwangen Tiberius, den Legionen am Rhein Stillstand zu gebieten. Caligula setzte diese Politik im Norden fort, aber stürmte doch selbst nach Gallien, um den Lentulus Gätulicus, der mit seinen Schaaren am Rhein dem Tiberius ungestraft Argwohn eingeflösst und sich jetzt im Einverständniss mit den Schwestern des Kaisers in eine Verschwörung eingelassen hatte, abzusetzen und hinrichten zu lassen. Claudius stellte sich sogar, während sein Vorgänger nur von der gallischen Küste aus mit den britischen Freunden unterhandelt hatte, an die Spitze des Heeres, welches unter Aulus Plautius und dessen Legaten Plavius Vespasianus in Britannien einfiel und legte persönlich den Grund zu der römischen Herrschaft jenseits des Canals.

    Nero dagegen hat nie die Waffen geführt, nie ein Heer befehligt und liess sich im letzten Augenblick, als Vindex in Gallien und in Spanien Galba sich erhoben, durch die Gerüchte, mit denen sich die römischen Volkshaufen allarmirten, so ausser Fassung bringen, dass er selbst seiner Leibwache die Lust benahm, für ihn das Schwerdt zu ziehen.

    Tacitus machte schon (Annal. 13, 3) auf eine Eigenheit aufmerksam, wodurch sich Nero von seinen Vorfahren auf dem Thron unterschied. Bei Gelegenheit seiner, von Senecaverfassten Leichenrede zu Ehren des Claudius erwähnt der Verfasser der Kaisergeschichte, dass man damals darauf hingewiesen habe, wie Nero der Erste der römisohen Machthaber war, der sich fremder Beredsamkeit bediente. Julius Cäsar, fügt Tacitus zur Erläuterung dieses Rückblicks hinzu, konnte neben den grössten Meistern um die Palme der Rede wetteifern. Augustus sprach fliessend aus dem Stegreif, hatte einen würdevollen Vortrag, wie er einem Fürsten ansteht, und befleissigte sich eines hingebenden und ausdrucksvollen, sich alles Gesuchten in Sentenzen und Wortflosccln enthaltendenStyls. Tiberius war Meister in der vorsichtigen Abwägung der Worte und machte durch die Kraft der Gedanken Eindruck, wenn er es nicht vorzog, mit Absicht

     


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    vielsinnig zu sprechen und den Zuhörern die Deutung zu überlassen. Selbst dem gestörten Sinn Caligula's sagt der Gegner des julischen Hauses nach, dass derselbe die Kraft der kaiserlichen Redegabe nicht verdarb, während wir von Suetonius (Calig. cap. 53) hören, dass der Sohn des Germanicus durch ein eingehendes Studium der Beredsamkeit grosse Leichtigkeit und Fertigkeit gewonnen hatte und hoch über dem Meister Seneca zu stehen glaubte, dessen Vortrag er als gekünstelt und gesucht und dessen Reden er als blosse Preisreden verachtete. Wahrscheinlich ist die ihm in den Mund gelegte Drohung, wenn er (im Senat zur Vertheidigung oder Niederwerfung eines hohen Angeklagten) sprechen wollte: "er werde das Schwerdt seines nächtlichen Nachdenkens ziehen," nur ein Karikaturwort, mit dem sich seine Gegner in den vornehmen Kreisen über die Leidenschaft, die zuweilen aus seinem Vortrag hervorbrach, lustig machten. Dem angeblich schwachköpfigen Claudius, der sich im Privatverkehr zuweilen manche naive Combination erlaubte, lässt Tacitus den Ruhm, dass er, wenn er vorbereitet auftrat, Eleganz mit Verstand vereinigte, und auch Sueton giebt es zu, dass er im Ganzen (Claud. 40) nicht ohne Gabe der Rede war.

    Bei Nero dagegen ist die Kunst des lebendigen Wortes völlig in's Stocken gerathen und während sein Arm für die Führung des Schwerdts, mit dem seine Ahnen die Weltherrschaft gewannen, erlahmt war, besass auch sein Geist Nichts von jener Kraft mehr, mit welcher die Gründer der julischen Macht, ehe sie das Schwerdt als Beweismittel ihres Rechts zückten, auf dem Forum und in der Curie mit ihren Gegnern rangen. Das Forum war längst stille geworden; der Senat, dessen Willigkeit und Fügsamkeit die Kaiser von Augustus an bis auf Claudius je nach der Anlage ihres Geistes und nach den wechselnden Umständen zu gewinnen oder zu erzwingen verstanden, wurde zuletzt von einem rhetorischen Souffleur beschwichtigt, bis die Versammlung der Väter mit blutigen Bxecutionen von dem Ende ihrer Herrschaft überzeugt wurde. Nach dem Fall Nero's brach in der Curie noch einmal der Sturm der Beredsamkeit zwischen den Helfershelfern der Neronischen Regierung, den Anklägern der Opposition, und den

     


                                           Nero Nichts als Mensch.                                        71


    Republikanern aus, wurde aber bald wieder durch einen Wink Mucian's und Domitian's, den Stellvertretern des noch abwesenden Yespasian, beruhigt.

    Die julische Periode, in welcher die Fiction der Erblichkeit durch Militär und römische Beredsamkeit unterstützt war, ist vorüber und die Herren der Welt konnten nun aus jedem Winkel des Erdkreises hervorgehen.

    Eine andere Seite, wonach Nero's Person einen Wendepunkt in der Geschichte des römischen Genies bildet, verdient noch besondere Beachtung. Wir meinen seine Stellung zur Götterwelt, in welchem Punkte er ebenso wenig die Ueberzeugung des Augustus von seinem Bunde mit den himmlischen Mächten als Caligula's schwärmerischen Glauben an seine reale Göttlichkeit theilte. Er wollte nichts als Mensch, der reine Mensch und ein blosses Menschenkind sein, aber in seiner Person das Höchste darstellen, was menschliche Natur an Macht und geistigem Vermögen hervorzubringen vermag.

    2. Nero Nichts als Mensch.

    Er war, wie sich Sueton (Nero, cap. 56) ausdrückt, "durchweg eiu Religionsverächter." Die Verehrung der syrischen Göttin, der er sich einmal widmete, liess er bald wieder fallen, nachdem er das Bild der Göttin in übermüthig - verächtlicher Weise verunreinigt hatte. Eine dauernde Zuneigung schenkte er darauf einem Mädchenspielzeug, einer Puppe, womit ihm. als einem Gegenmittel gegen feindliche Nachstellungen, ein unbekannter Mann aus dem Volke eine Freude gemacht hatte. Als das Amulett bei der Entdeckung einer Verschwörung sich wirksam zeigte, erhob er es zu seinem höchsten Wesen, brachte ihm" täglich ein dreifaches Opfer dar und benutzte es, um seine Gegner mit dem Vorgeben, dass ihm dasselbe über die Zukunft Aufschlüsse ertheile, in Furcht zu erhalten.

    Seine profan-autonome Natur, der es vor Allem auf Machtbesitz ankam, sprach sich auch in seiner Uebung der "falschen Kunst" aus, der er nach Plinius (hist. natur. 30. 5) Geld, Anstrengung und Studium widmete. Als Zauberer und Todtenbeschwörer übte er über die Schatten der Unterwelt Zwang aus und nöthigte sie, vor ihm zu erscheinen und ihm über

     


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    die Zukunft Rede zu stehen. Tiridates musste ihm, als er zur Huldigung und Belehnung mit Armenien nach Rom kam, über die Magie neue Aufschlüsse geben und ihn auch in die magischen Geheim-Mahle einweihen. Den Schatten und Beherrschern des Todtenreichs zu gebieten, ging ihm fast über sein Streben, im Zitherspiel und im tragischen Gesang der Erste zu sein.

    Es wird zwar aus der Zeit seiner kaiserlichen Regierung viel von öffentlichen Sühn- und Bitt-, sowie Dankfesten berichtet. Aber meistens ist es, wie Tacitus ausdrücklich bemerkt, der Senat, der z. B. für die einzelnen günstigen Wendungen des armenischen Krieges, für die Errettung Nero's von den feindlichen Nachstellungen seiner innern Feinde wie Sulla, Plautus, Piso Dankfeste anordnet oder die Einlösung der Gelübde beschliesst, welche die versammelten Väter bei der Schwangerschaft der Poppäa übernommen hatten. Wenn die Opferschauer, desgleichen die sibyllinischen Bücher bei merkwürdigen Zeichen, z. B. nach dem Brande Roms, sich für die Reinigung der Stadt und für Bussfeste aussprachen, so hatte jedenfalls auch der Senat für die Befragung der Seher und der heiligen Bücher die Initiative ergriffen.

    Der Senat leistete dem Kaiser einen Dienst, wenn er nach dem Brande Roms das durch die Unglückstage um Dach und Fach gebrachte Volk durch Bittfeste wieder ruhig stimmte. Die Begleitung des armenischen Krieges mit Dankfesten war eine Huldigung für den Oberherrn, dem in seinem Palatium die Erfolge seiner militärischen Diener zu Füssen gelegt wurden, und die Anordnung von Festen für die Besiegung seiner Mutter und der adligen Widersacher drückt die erneuerte Anerkennung seiner Regierung aus.

    Die Religion war zu einer todten Maschinerie des Staatsdienstes geworden. Das gerührte Aufathmen, mit dem Augustus nach der Besiegung des Antonius die Gunst der Götter anerkannte, die ihn als Mitregenten über den Erdkreis angenommen hatten, gehörte einer vergangenen Zeit an. Die Bewunderung, die Virgil entgegenkam, als er die Erneuerung der Religion in den Cultusfeiern des Aeneas auf seinen Wanderungen verherrlichte, hatte sich bald nur auf seinen glänzenden

     


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    Preis des römischen Berufs zur Weltherrschaft und auf die Episoden beschränkt, in denen er die Helden der nächsten historischen Vergangenheit feierte. Vielleicht fühlte man aus den Versen des nationalen Dichters allmählig das Stöhnen heraus, mit dem er aus dem Schatz seiner Cultus-Gelehrsamkeit die Züge für sein Bild des llischen Auswanderers hervorholte und mühsam zu heiligen Idyllen vereinigte. Auch die religiöse Weihe, welche Ovid in seinen "Fasten" über das tägliche Leben des Hauses und des Volkes verbreitete, wurde bald nur ästhetisch genossen, wie die Restaurationsdichter der Augusteischen Zeit überhaupt den Erfolg, in dem sie sich sonnten, gewiss von vornherein schon hauptsächlich der Glättung ihrer Diction verdankten, die ohne Lücken, Extravaganzen und störende Ermattungen dahinfloss.

    Neben diesen Künstlern der Sprache gab es aber noch zwei wahre und auch jetzt noch ergreifende Dichter, die sich abseits von den politischen Interessen ihrer Zeit hielten und sich durch die Darstellung ihrer Seelenerfahrungen ihre Ewigkeit schufen. Der Eine, angeblich im Geburtsjahr Virgil's gestorben, immer mit Respect genannt, erzwang sich sogar, bis auf Makrobius, von den Grammatikern der Kaiserzeit die Anerkennung der Originalität seiner vom Sänger des Aeneas benutzten Diction; der Andere, in der letzten Zeit des Augustus hervorgetreten, wurde in einem Kreise von Stillen verehrt, deren Privatcultus er es verdankte, dass er in einigen Manuscripten den gefährlichen Weg in's Mittelalter bestehen konnte. Beide, Lucretius und Manilius, haben sich an die Deutung des Welträthsels gemacht und ihre Poesie in das innere Durchleben und in die Bewältigung des gewaltigen Stoffes durch die gebundene Rede gesetzt. Beide stolz darauf, dem Geiste neue Bahnen gebrochen zu haben, der Erstere Schöpfer seiner Diction, der Zweite im Besitz einer eignen Kraft, die er durch das Vorbild seines Vorgängers stärkte und nur zuweilen mit den rhetorischen Combinationen der späteren Zeit schmückte, während er sich von der kleinen Münze der Formeln, aus welchen die Dichter der Augusteischen Zeit den poetischen Sprachschatz der Nation zusammenbrachten, unabhängig erhielt.

     


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    Beide stehen hoch über dem officiösen Dienst, welchen die Dichter des lateinischen goldenen Zeitalters der Verherrlichung der Nation und der Machthaber widmen. Frei vom römischen Partikularismus, werfen sie tiefe Blicke in den Gang und das Gesetz der Geschichte und widmen sie ihre Theilnahme am liebsten den Erlebnissen, Kümmernissen und inneren Triumphen der Seele. Sie haben zwar an entgegengesetzten Systemen ihre poetische Begabung geübt, der Aeltere an der epikuräischen Bildung der Welt aus sich selbst und an der Befreiung des Menschen von den Schrecken des alten Tempeldienstes; aber auch der Jüngere hat den modernen Freiheitsgeist in den himmlischen Absolutismus der Stoa gebracht und den Einklang der Welt, der Natur und des Menschen mit ihrem göttlichen Urbild und Urquell in eine freie Zustimmung des Abbildes (alterno consensu, Astronomicon 2, 60 flgdd,) umgewandelt. Das Zusammentreffen und der Bund zwischen dem Himmlischen und Irdischen, der oberherrlichen Vernunft und der nach oben strebenden und sich erweiternden Seele, beruht ihm auf dem beiderseitigen Bedürfniss, wonach sie sich einander suchen und die Verwandtschaft im freien Bündniss bestätigen. So hat Manilius dem Gottgefühl, welches zu seiner Zeit die Brust. des Menschen erweiterte, den kühnen Ausdruck gegeben,- dass er den Menschen, als verwandtes Gebilde, sich selbst droben, im Himmel, in seinem Vater aufsuchen (4, 883 flgdd., 905 flgdd.) und andererseits Gott in die Brust des Menschen "herabsteigen, daselbst Wohnung nehmen und gleichfalls sich selbst suchen lässt" (2, 108).

    Lucretius, der Feind der Götter, hat nur den oberen Wesen des Alterthums den Krieg erklärt. Auch aus seiner, durch eigene Bildungskraft bestehenden Welt gehen Götter hervor; ein Gott ist ihm Epikur, der den Menschen aus den Schrecken des alten Dienstes erlöste und auch der, von ihm gefeierte Empedokles kann schwerlich, wie er meint, aus menschlichem Saamen entsprossen sein (Reruin Nat. 1, 734). Wenn Manilius ein paar Mal Augustus die Götterwürde (Astron. 1, 9) zuschreibt oder als sicher und gewiss in Aussicht stellt, so ist er fern vom höfischen Dienst eines Horaz und feiert er nur den "göttlichen Gesichtskreis" des Menschen "der

     


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    selber Götter macht, zu den Gestirnen Götterwesen schickt und unter dem Fürsten Augustus den Himmel erweitern wird" (4, 963-965).

    Wenn auch Lucretius und Manilius beim Publikum keinen grossen Namen hatten, so klingt doch durch die Simplicität ihrer Diction das Ideal durch, welchem ihre Zeit nachstrebte. Ein Gottmensch, hervorgegangen aus der Kraft der autonomen Welt oder aus dem gegenseitigen Zug der oberen und irdischen Region zu einander, hiess das Ideal. Um so eigenthümlicher muss auf diesem Hintergrunde des Zeitbedürfnisses das rein menschliche Wesen Nero's und seine Ablösung von den obern Mächten erscheinen, noch auffallender aber, wenn wir ihm Caligula mit dem ganzen Pomp seiner Göttlichkeit zur Seite stellen.

    Nero'wollte als Menschenkind alles der Welt erreichbare Grosse in sich vereinigen und die Menschheit beherrschen; Caligula dagegen schmückte sich, um seine Allmacht zu zeigen, mit den Attributen der Gottheit. Manilius sah in der Erweiterung des Himmels durch die Einbürgerung eines Gottmenschen ein Zeugniss von der göttlichen Kraft des Menschen; für Nero und Caligula war die Wahl: reiner Mensch oder Gottmensch! auch eine Machtfrage. Beide wollten den Umfang der eigenen Persönlichkeit beweisen; Nero bestand auf sich selbst; der Sohn des Germanicus wollte sich auch durch Nichts in der Welt beugen lassen und gleich einem Stoiker sagte er z. B., nichts sei ihm an seiner Natur lieber und rühmlicher, als seine "Unerschütterlichkeit" (_______) wie er sich scholastisch ausdrückte (Sueton, Calig. K. 29). Seine Vorgänger kamen ihm schwach und zaghaft vor, da sie ihre Macht noch nicht recht gekannt hätten: er war, wie er zu seiner Grossmutter Antonia sagte (Sueton, ebend.), dahintergekommen, dass ihm Alles und gegen Alle freistehe.

    Cäsar und Augustus hatten sich mit dem Schwerdt den Weg zur Gewalt erkämpfen und die Kraft der Gegner erfahren müssen und dann durch Milde und Schonung der alten, Gewohnheiten ihr Principat eingeführt. Tiberius hatte sich ehe er der persönlichen Reibung mit dem Adel auf Capri entwich, mit dem Stichwort des liberalen Absolutismus, er

     


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    sei nichts als Diener des Staats, eingeschmeichelt; "ich habe es gesagt, jetzt und oft, sagte er zum Senat (Sueton, Tiber, Kap. 29), ein guter und gedeihlich wirkender Fürst muss Diener des Senats und Volks sein, -- im Allgemeinen und auch für die Privaten, und gute und billige und freundlich gesinnte Herren habe ich an euch gehabt und habe ich noch."

    Diese Bescheidenheit und solche Umwege schienen dem Selbstgefühl Caligula's veraltet; er wollte keine Gefahren mehr anerkennen, den Grund seiner Macht im eigenen Innern besitzen und als Obereigenthümer der Welt auch Herr über Alles sein, was seine Gewährung und Gnade den Privaten noch zum Niessbrauch überlässt. Im Vergleich mit Nero, und wahrscheinlich auch in den Augen desselben, war er aber erst ein Stümper und Anfänger in dieser Machtübung, weil er sich, um seinen Zeitgenossen zu imponiren, hinter die Larven der Himmlischen verkroch.

    Als dieser mächtige Oberherr der Welt trat er mit der Strahlenkrone und anderen Insignien der alten Götter aus seinem Palast hervor, liess er sich vom jubelnden Volk als die gegenwärtige Gottheit begrüssen, drohte mit dem Schwerdt dem Senat, stürmte nach Gallien, um Verschwörer zu zerschmettern, machte in kolossalen Bauten das Unmögliche möglich, ergötzte die Massen als Sänger, Tänzer, Wagenlenker und Fechter, traf missliebige Personen, die noch etwas Besonderes sein wollten, mit humoristischen Witzfunken, plante die Reform des Rechts nach eigenen Dictaten, richtete die Weltliteratur mit seinem nicht ungebildeten Geschmack und hatte es unter Anderem auch besonders auf Virgil abgesehen, dem er (Sueton, Calig. Kap. 36) schöpferischen Geist absprach, wahrscheinlich, weil er sich abgemüht hätte, die alten Götter in ihrer abgenutzten Hoheit wieder zu beleben.

    Caligula hatte Recht. Der Himmel konnte die Beute des Kühnen werden. Die Götter fühlten sich an ihren alten Sitzen nicht mehr recht sicher und unter den Völkern verbreitete sich die Sage, dass sie an die Flucht dächten und von ihrer Heimath Abschied nehmen wollen. In Alexandrien z. B. hatte man, wie Plutarch ,im "Antonius" erzählt, in der Nacht vor der Schlacht bei Actium gehört, wie die Götter aus der Stadt

     


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    zogen und die Luft mit ihren Stimmen und mit dem Lärm des Aufbruchs erfüllten, während der Klang der heiligen Instrumente die Flucht begleitete. Der Götterauszug ging zum nördlichen Stadtthor hinaus, welches nach dem feindlichen Lager blickte. Josephus hat uns von demselben Auszug des Nationalgottes der Juden aus seinem Heiligthum erzählt und den letzten Vertheidigern Jerusalems mitgetheilt, dass ihr Gott zu den Römern übergegangen sei und nun in Italien wohne. Die Götter, Jehova wie die Isis, waren Wanderer geworden und suchten bei den Siegern ihr Heil.

    Die Römer fühlten, während die fremden Einzügler dem capitolinischen Gotte manche Seele abwendig machten, auch etwas von der Unbeständigkeit ihrer göttlichen Beschützer. Der Republikaner fluchte ihrem verräterischen Wankelmuth. Lucan lässt seinen Pompejus am Abend von Pharsalus erkennen (Phars. 7, 647), dass die Götter aus seinem Lager, das heisst nach der Anschauung ,des Magnus und seines Sängers, aus Rom, der Republik und dem Senat entwichen seien. Der Dichter der Pharsalia hat aber auch für diese Unbill, welche die alten Götter an der Freiheit und dem Geschiok der Menschheit begangen haben, die Rache bereit und vor Augen: Rom schmückt und bewaffnet (7, 455 folgdd.) die Geister seiner Grossen mit dem Blitz und mit Götterstrahlen, schickt sie zum himmlischen Bürgerkrieg gegen die alten Gottheiten nach oben und wird unten in den Tempeln der Verräther bei seinen auserwählten Schatten und Seligen schwören.

    Der angeblich "gestörte Geist," wie sich Tacitus ausdrückt, oder die Ueberspanntheit Caligula's bestand darin, dass er schon bei lebendigem Leibe als Gott unter den Menschen wandeln und gebieten wollte. Die Sache selbst war nicht neu. Sein Ahne der Triumvir Antonius, hatte sich schon, nach Art der griechisch-macedonischen Machthaber, in Aegypten, Asien und auch den Athenern, die ihm mit Weib und Kind entgegen zogen und' ihn als Dionysos begrüssten, als Liber Pater gezeigt, bei welcher letzteren Gelegenheit den muthwilligen Athenern die Schärfe ihres Salzes, dass sie ihn zur Vermählung mit ihrer Athene einluden, übel bekam, da sie die Ausstattung ihrer Göttin mit tausend Talenten bezahlen

     


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    mussten (Seneca Rhetor, Suasoria I). Der Hof des Triumvir bei der Kleopatra war der einer Gottheit und der Verräther aller Partheien des Bürgerkrieges, Plancus, putzte sich, ehe er im letzten Augenblick zu Augustus überlief, dem Liber Pater in Alexandrien zu Gefallen als seinen göttlichen Dienstmann Glaukus aus, indem er nackt und blaugefärbt, das Haupt mit Schilf bekränzt und unten in einen Fischschweif endigend, vor seinem göttlichen Gebieter auf dem Boden rutschte (Vellej. Paterc. II, 83).

    Das war freilich im Barbarenlande oder in der Provinz. Augustus liess sich in Provinzialgcmeinden in Verbindung mit der Gottheit Roma auch in Tempeln verehren. Der bescheidene, ja zaghafte Claudius gründete in dem von ihm wieder geöffneten Britannien in der Militärkolonie Camoludunum "als Burg einer ewigen Herrschaft" (Tacit. Anal. 14, 31) einen Tempel, in dem er, während eine eingeborne Priesterschaft ministrirte, göttlich verehrt wurde. Neu war an Caligula nur die Offenheit und Rücksichtslosigkeit, mit der er mitten in Rom, vor den Augen des Senats und der hohen Geschlechter sich als leibhaftiges Pantheon hinstellte. Sueton hat uns zahlreiche Aussprüche dieses Kaisers mitgetheilt, aber keiner derselben zeugte von Blödsinn oder einem irren Geiste. Entweder enthalten sie eine geistreich pointirte Charakteristik hervorragender Persönlichkeiten der ersten kaiserlichen Zeit, des Adels und der Literatur, oder sie sind der krasse Ausdruck des Uebermuths, mit dem er auf das gebrochene und von seinen Grossen selbst aufgegebene Rom zu seinen Füssen herabsah. Manche Sprüche der letztern Art mögen von seinen adligen Gegnern erfunden sein.

    Ob Nero, indem er einen andern Weg zur Behauptung seiner Staatsallmacht einschlug, sich vom gewaltsamen Tode seines Oheims von mütterlicher Seite warnen liess, oder ob ihm das elementarische Feuer und die sanguinische Kraft fehlten, welche Cajus Caligula's Willen und Phantasie nach oben trugen und auf den Thron des Capitolinus hoben, wollen wir hier noch nicht fragen. Genug, er wollte als Fürst, ohne göttliche Attribute, die Souveränität über die Welt üben und als Mensch an der Spitze der Menschheit stehen. Kein Fürst,

     


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    sagte er, hat gewusst, was er darf, (Sueton, Nero Kap. 37). Er will also zeigen, wie weit die Macht des Menschenhäuptlings geht.

    Der griechisch-macedonische Geist des Orients liess es sich zwar nicht nehmen, ihm auf Münzen als Zeus und als Weltheiland (_____ ___ _____), seiner Mutter als Gottesmutter (_____) zu schmeicheln. Er selbst aber liess dem Antrag des Senators Cerialis Anicius, nach der Vereitlung der Pisonischen Verschwörung, dass ihm sofort auf Staatskosten ein Tempel errichtet werde, keine Folge geben. Mensch sein und alle menschenmögliche Triumphe für seine Person davontragen, war ihm das Höchste. Tacitus deutet in seinem wirren Pragmatismus und seiner gekräuselten Sprache an, er hätte seinen Feinden, die ihm einen baldigen Tod, die ordnungsmässige und prosaische Bedingung seiner Apotheose, wünschten, nicht entgegenkommen wollen (Annal. 15, 74). Uebrigens nahm sich jener Antragsteller bald darauf selbst das Leben, weil er von dem Vater Lucan's, den als angeblichen Verbündeten seines Sohnes und Piso's das Todesedikt getroffen hatte, in seinem Testament als Feind des Fürsten denuncirt war. Nero hatte wahrscheinlich schon vorher seinen Mann gekannt.

    Um aber das Feld, auf dem Nero und sein Lehrer und Minister zusammen wirkten, ganz zu übersehen, haben wir noch einer besondren Schule des Menschenthums, den Uebungssälen der Kontroversdebatten einen Besuch zu machen.

    3. Die Humanitätsschule der Rhetoren.

    Der Vater unseres Weisen, der Rhetor Annäus Seneca, hat seinen Söhnen, dem ältesten Novatus, den später der Rhetor Gallio adoptirte, dem Philosophen Lucius Annäus Seneca und dem Mela, Vater des Lucan, zu Gefallen seine Erinnerungen aus den Controversübungen seiner Zeit aufgeschrieben und den zehn Büchern seines Werks, von denen uns fünf vollständig, die andern nur in Auszügen erhalten sind, Vorreden vorangeschickt, die, wie die Controversen selbst, für die Geschichte des römischen Seelenlebens höchst wichtig sind. Er berichtet, er hätte, wenn ihn nicht die Bürgerkriege,

     


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    welche die ganze Welt in ihren Wirbel zogen, zu Hause, im spanischen Corduba zurückgehalten hätten, Cicero noch hören können, hatte also die Katastrophe, welche die römische Beredsamkeit unter dem letzten Triumvirat-erlitt, vollständig miterlebt.

    In einer der Declamations-Uebungen, die er seiner Controvcrssammlung vorangestellt hat (Suasoria 6), wird die Frage behandelt, ob Cicero bei Antonius Abbitte leisten soll, und spricht sich die Mehrzahl der Redner für die Unmöglichkeit aus, dass der grosse Redner wieder in einen Senat treten könne, der grausam gelichtet und schmachvoll ergänzt worden und in dem er sich wie in einer fremden Welt befinden und zum Schweigen verurtheilt sehen würde. Dahin ist es, ruft ein Hitzkopf aus, mit dem römischen Volk gekommen, dass man fragen muss, ob es besser ist, mit Antonius zu leben oder mit Cato zu sterben.

    Nach diesem Selbstbekenntniss der Zeit brauchen wir es nicht noch eigens hervorzuheben, dass die Auslegung des Gesetzes im Interesse der politischen Streitfragen nicht mehr möglich und auch nicht mehr nöthig war. Bei Actium waren die Fragen des Forums entschieden und die Debatten geschlossen. Die Uebungen der Schule mussten Fragen, für deren Behandlung es kein Feld mehr gab, meiden und sich mit gemachten Themas beschäftigen. Als die neue Schule in Gang gekommen war und die allgemeine, der Politik entrückte Aufmerksamkeit erregte, war Augustus zuweilen als Zuhörer zugegen und hielt auch mit seinem Urtheil über die Aufsehen machenden Häupter privatim nicht zurück, wie er z. B. dem Einen wegen seines reissend schnellen Vortrags einen Hemmschuh wünschte und von einem Andern, der im Extemporiren auch vor Gericht besonders stark war, sagte, der habe sein Genie im Baaren, brauche also nicht immer erst umzuwechseln.

    Einmal wohnte er mit Agrippa und Mäcenas einer Controversübung bei, in welcher Latro, Freund und Landsmann Seneca's und eines der Häupter der neuen Schule, das Capitel von der Adoption und der damit verbundenen Erhebung in den Adel behandelte (Controv. 2, 12), ward aber in der Hitze seiner Abhandlung von dem niedrigen Ursprung manches hohen

     


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    Geschlechts durch einen Wink des Mäcenas daran erinnert, dass vor ihm ein Fürst sass, der eben damit umging, seine beiden:heranwachsenden Enkel zu adoptiren, und dass Agrippa, der Vater derselben, zu denen gehörte, die sich durch ihre Thaten den Adel erworben haben. Seine Freunde bedauerten ihn, dass eine Entschuldigung nur noch grösseren Anstoss gegeben hätte. Indessen ging die Sache noch ohne Geräusch vorüber und Seneca beendigt das Capitel mit dem Preis der Freiheit, die unter dem göttlichen Augustus gestattet war.

    Es entwickelte sich unter Augustus und in der ersten Hälfte der Regierung Tiber's eine geistige Regsamkeit, deren Bedeutung die Kaiser selbst noch nicht übersehen konnten. Seneca macht dies seinen Söhnen im Vorwort zum ersten Buch der Controversen in folgender Weise verständlich: "Cicero declamirte während seiner Vorübung zur Beredsamkeit auch, aber über Thesen; die Materie, in der wir geübt wurden, ist so neu, dass sie auch einen neuen Namen erforderte; wir nennen es Controversen, Cicero nannte es Rechtssachen (causas)." Der alte Meister der Beredsamkeit bildete sich also an erdichteten Fällen aus, die sich in den Grenzen des bestehenden Rechts hielten und die Fragen, welche in den öffentlichen Actionen vorkamen, nicht überschritten. Die Neueren aber, welchen die Realität der republikanischen Verhandlungen des Forums nicht mehr erreichbar war, übten sich an chimärischen Fragen, welche dem Rechte selbst m Leibe gingen und dasselbe dem Zweifel und der Prüfung unterwarfen, ja, zur Verneinung desselben aufforderten.

    Die Aussenseiten dieser Debatten haben ihnen später, als sie ihr Werk vollbracht und Frucht getragen hatten, einen üblen Ruf verschafft. Tacitus klagt in der Abhandlung de Orat. Kap. 35 über den Schaden, welchen die Geister in den Rhetorenschulen erleiden, über die raffinirten Declamationsstoffe, die aller Wahrheit und Wirklichkeit fern stehen, und führt als abschreckende Beispiele dieser Themas das Lob der Tyrannenmörder und die Wahl prostituirter Frauenzimmer zu dem Amt jungfräulicher Priesterinnen an. Quintilian (5, 12, 17-20) sieht in den Declamationen nur die Lust an einem entmannten und zerflossenen Wesen. Selbst Petron, der noch

     


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    an der Grenze der Zeit, welche die Blüthe dieser Studien sah, gestanden hatte und sonst in seinem "Satyrikon" einen feinen, für die edeln Bestrebungen seiner Zeit empfänglichen Sinn zeigt, spricht sich mit Strenge über den "Wahnsinn der Declamatoren aus, welche die Schüler in eine fremde Welt einführen und dem Forum entfremden." Ja, der Rhetor Seneca schildert (Vorwort zu Controv. liber 4) die Helden,- die er seinen Söhnen vorführt, in der bedenklichen Weise, dass sie als selbstgefällige Redehelden erscheinen. Ein solcher Declamator, schreibt er, sucht alle Reizmittel zusammen; Beweisführung, weil sie lästig ist und zu Redeblumen wenig Anlass giebt, lässt er bei Seite. Sich, nicht die Sache will er zur Geltung bringeD. An den Beifall eines gewohnten Kreises gewöhnt, wird er auf dem Forum schwach oder fällt er ganz zusammen.

    Freilich sind die Themas jener Uebungen gesucht und abgeschmackt, die Haarspalterei der Casuistik kleinlich, die Sprache, wenn die Declamatoren das Gesetz der Zwölf Tafeln in erdichteten Collisionen erdrücken, allzu pointirt. Aber nur auf den ersten Anblick. Sehen wir vielmehr das Gewebe dieser feinen Distinctionen, Pointen und übertreibenden Antithesen genauer an, so flimmert uns durch dasselbe eine Morgenröthe entgegen, die den Aufgang eines seiner selbst gewissen Geistes ankündigt.

    Die leichtesten Uebungen der Rhetorenschule sind die Suasorien. Der Redner steigt in die Seele eines grossen Mannes hinab, der über sich und zugleich über die Zukunft der Welt entscheidet. Da beräth Cicero, ob es sich für ihn schickt und bei den neuen Verhältnissen möglich ist, mit den Siegern Frieden zu schliessen. Da steht (Suasor. 1) Alexander der Grosse am Saum der alten Welt und geht mit sich zu Rathe, ob er die Fahrt über den Ocean wagen soll, ob es drüben noch eine Welt giebt und ob der Mensch eine solche zu seiner alten braucht.

    Das ist eine Orientirung über die Geschichte mit Nutzanwendungen auf die Bedürfnisse der Gegenwart und mit Blicken in die Zukunft. In den Controvers-Verhandlungcn dagegen kommt ein neues, den Zwölf Tafeln überlegenes moralisches

     


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    Recht zum Durchbruch. Es steht ein Angeklagter vor den Schranken, der das alte Gesetz verletzt hat und von seinem Recht überzeugt ist. Eine Phalanx von Rednern strengt ihren Scharfsinn an, um den Angeklagten im Namen des Bestehenden schuldig zu finden. Sie sind nach dem Ausdruck einer späteren Zeit die Advocati Diaboli. Eine andre Schaar von Sachwaltern, unter die sich auch Viele der Ankläger drängen, spannt die Kraft ihrer Antithesen an und erhebt den Angeklagten so hoch, dass die Action oft die Form der spätem christlichen Heiligsprechung annimmt, Wenn dann Einige die Streitpunkte noch einmal geordnet haben, folgt der "Color," wird diejenige Farbe aufgetragen, die dem Gemälde das rechte Licht giebt. Meistens kommt diese Farbengebung dem Schuldigen zu Gute, oft bildet sie über dem Haupt des Angeklagten einen Heiligenschein.

    Man erzählt von einem Maler des Alterthums, dem ein Pinselstrich genügte, um ein weinendes Gesicht in ein lachendes umzuwandeln. Der Maler nennt den Strich, der seinem Bilde den rechten Schick giebt, auch einen Drucker; mit einem derben Schatten vollendet er die Rundung, mit einem Schlaglicht das Leben seines Werkes. In diesem Sinne wetteiferten die Rhetoren als Coloristen unter einander in der Meisterschaft. Ein rechter Color machte Aufsehen; man gratulirte dem Entdecker zur Unsterblichkeit und Latro war einmal von einem frappanten Color so entzückt, dass er ausrief (Controv. 1, 2), er möchte ihn abküssen.

    Wir können uns die Erregtheit, die in diesen Controverssälen herrschte, nicht fieberhaft genug vorstellen. Den, von den cäsarischen Verhältnissen zusammengepressten Geistern waren die schneidenden Antithesen und pointirten Sätze ein Labsal. Sie zerrissen ihnen die erstarrte Atmosphäre der Gegenwart und öffneten die Aussicht ins grosse Menschenleben. An die Stelle der früheren Partei-Motive traten allgemeine Maximen, moralische Gesetze und die geheimen Triebfedern des Seelenlebens. Dass die Meister dieser Rhetorik auf dem Forum nicht mehr zu Hause waren, wie z. B. Seneca (Controv., Liber 4. Praefatio) vor dem grossen Declamator Latro erzählt, dass er einmal, bei der Vertheidigung

     


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    eines Landsmanns ganz aus der Fassung gekommen, mit einem Sprachschwupper begann und in seinem Verlangen nach den vertrauten Wänden erst wieder zu sich kam, als man seine Bitte gewährte und die Verhandlung vom Forum nach einer Basilika verlegte, -- thut dem Verdienst dieser Männer keinen Abbruch. Für rhetorische Heldenthaten war auf dem Forum kein Raum mehr und grosse Actionen, die der Beredsamkeit Flügel gaben, kamen unter den Cäsaren bis Nero nur in Ausnahmefällen vor.

    Unterlassen wir es nicht, noch zu bemerken, dass die Griechen in ihrer politischen Musse die Controversen, Themas und deren Ausführungen zuerst ausgebildet haben, wie Seneca z. B. (Controv. 5, 33) einmal von einem Thema bemerkt, dass es bei den Griechen besonders berühmt war, und ein andermal ^, 1.) auf eine juristische Feinheit aufmerksam macht, welche die Römer zu der griechischen Behandlung des Themas hinzugefügt haben. Die Hauptsache bleibt doch immer, dass dieser Kampf zwischen Moral und Recht, Menschenrecht und Staatssatzung in die Reichshauptstadt verlegt war und unter den Augen der Cäsaren und Gesetzeswächter vor sich ging.

    Nun ein paar Proben! Es handelt sich (Controv. I, 1.) um den Sohn, der gegen den Willen seines Vaters dessen Bruder im Elend unterstützt, darum enterbt und verstossen, von dem Oheim, der indessen reich geworden, adoptirt und auch von diesem wiederum verstossen wird, weil er gegen seinen Willen den, indessen verarmten Vater nährt. Die Batterien zu Gunsten des Ungehorsamen donnern: die Natur steht über dem väterlichen Gebot, -- die Welt würde untergehen, wenn nicht Erbarmen und Mitgefühl den Zorn löschten, -- nicht jedem Gebot ist man Gehorsam schuldig, -- der Elende ist Mensch. Soll man ihm nicht die Nothdurft reichen? -- heilig ist die Stimme des Volks, welche das harte Gebot verurtheilt, -- die Billigkeit entscheidet gegen das Recht für den Verurtheilten, -- über unsere Gemüthsregungen haben wir allein zu verfügen und sie stehen in keiner fremden Gewalt, -- es giebt ungeschriebene Gesetze, die über allen geschriebenen dagegen, -- unrecht ist es, dem Verfallenen nicht die Hand zu

     


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    reichen; das ist das allgemeine Recht des Menschengeschlechts. Latro bringt endlich den Color an, das der Jüngling sich nicht zu entschuldigen, sondern zu rühmen hat, und Fuscus den von ihm "gewöhnlich gebrauchten Color der Religion," dass die Pietät den Angeklagten rechtfertigt.

    In einer andern Controverse (I, 6) geht es über den Geburtsadel her. Ein Sohn, von einem Piratenhauptmann aufgefangen, wird trotz seiner Bitten vom Vater nicht losgekauft; durch die Tochter des Räubers befreit und nach Hause begleitet, heirathet er sie und wird vom Vater enterbt, weil er sie nicht verlassen und ein Weib seiner Wahl nehmen will. Aber nicht die Geburt, der angeborene Stand, sagen die Vertheidiger des Piratenmädchens, kann ihr zum Makel gereichen. Wir werden nicht gefragt, welchem Stande wir angehören wollen; darüber verfügt die Natur; unser Verdienst fängt erst da an, wo wir uns selbst angehören und über uns selbst bestimmen können. Marius war sein eigner Schöpfer, als er seine Consulate gewann, und Pompejus ward Magnus ohne ererbte Ahnenbilder, während manche Erlauchte mit ihren Lastern die Bilder ihrer Vorfahren beflecken.

    Es war eine ähnliche Controverse, bei deren Verhandlung Latro gegenüber Augustus und seinem Hofe sich eines argen Verstosses schuldig glaubte. Damals (II, 12) war der Vater, dessen verstossener Sohn eine Hure heirathet und von ihr einen Sohn erhält, der Schuldige. Er war auf die Bitte des Sohnes, der auf dem Todtenbette lag, zu demselben gekommen, hatte auch seinem Gesuch nachgegeben und dessen Sohn adoptirt, ward aber von den Brüdern des Verstorbenen des Blödsinns angeklagt. Vielleicht war Augustus verlegener als der Rhetor des Augenblicks, nicht sowohl wegen des Kapitels der Adoption, mit dem sich die römische Gesellschaft wegen seiner Pläne mit den Söhnen Agrippa's gerade beschäftigte, sondern weil ihm der Redner mit seiner Antithese des innern, den dunkeln Schichten innewohnenden Werths und des alten, oft entarteten Adels, den Blick in eine Gedankenreihe eröffnete, die er gern vollständig verfolgt und für sein Regiment nutzbar gemacht hätte, Es hätte ihm Nichts willkommener sein können, als dass die alten Geschlechter, denen er blutige

     


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    Feldschlachten hatte liefern müssen, nach ihrer Niederlage an die Würdigkeit der unteren Klassen erinnert und zur Bescheidenheit gemahnt wurden. Aber er konnte und durfte diesen Gedanken noch nicht weit verfolgen; für jetzt war eine so tief greifende Umwälzung noch auf den Schulsaal beschränkt und er selbst musste sich mit einer behutsamen innern Politik und mit der Kunst begnügen, die sein Hofdichter Horaz zur Einschläferung der unruhigen Ansprüche des Hochadels anwandte.

    Indessen arbeiteten die Rhetoren an dem Abbruch der Schranken, welche die Stände von einander schieden. Da steht (Controv. II, 9) wieder ein Rebell, den sein Vater, ein Armer, verstossen hatte, weil er, trotz seines Gebots aus Liebe zu ihm das Anerbieten eines Reihcen, der seine drei Söhne verstossen hatte, ihn zu adoptiren, nicht annehmen wollte. Die "V ertheidigung dieses edlen Ungehorsamen und Ausgestossenen giebt den Coloristen Anlass, die Furien der Begierden und der Knechtschaft zu verwünschen, die in die "einige und blutverwandte Familie" der Menschheit gefahren sind und sie zerfleischen, und sich mit Ausdrüeken des Hasses gegen den Reichthum zu überbieten. Fabianus Papirius glaubte schon mit seinem Worte: "ich will nicht reich sein!" viel geleistet zu haben; aber Rufus Vibius triumphirte mit dem Satze: "ich sage nicht: ich will nicht, sondern ich weiss nicht, reich zu sein." Sie ahndeten nicht, dass bald ein menschenfreundlicher Kaiser kommen wird, der Alle arm macht.

    Eine wichtige Controverse (V, 33), ob der Elende, der ausgesetzte Kinder aufzieht und verstümmelt, um sie zum Betteln zu gebrauchen, das Gemeinwesen beschädigt, ist gegen die Sklavenwirthschaft der Grossen und Duldung des Gladiatorenspieles gerichtet. Die Coloristen, die sich selbst dieses grausamen Egoisten annahmen, thun es nur um den Preis, um die ganze Gesellschaft der Mitschuld an demselben Verbrechen anzuklagen. Ihr thut besorgt, ruft z. B. Labienus, dass Jemand eure Kinder aus der Einöde und Verlassenheit holt, die, wenn sie Niemand aufhöbe, umkommen müssten? Macht es euch auch Sorge, dass die Herren unter euch Heerden von Verschnittenen halten und ihre Lieblinge, um sie für ihre

     


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    Ausschweifungen länger brauchbar zu erhalten, verstümmeln ? Kümmert es euch, dass jene Glückseligen ihre Einöden mit Sklavenhorden von Freigebornen bebauen, -- dass sie die Unerfahrenheit unglücklicher Jünglinge bethören und die Schönsten, die für's Kriegslager passten, dem Fechterspiel zuwerfen? Was dünkt euch vom Fechtmeister, der einen jungen Menschen zum Schwerdte presst und doch nicht der Beschädigung des Gemeinwesens angeklagt wird, -- vom Kuppler, der weibliche Gefangene hütet und frei ausgeht?

    Endlich holen sich die Coloristen aus dem Himmel ihre Verbündeten, um mit deren Hülle die irdische Anklage zu vernichten. So steht z. B. dem Gesetz: "die Priesterin sei keusch von keuscher, rein von reiner Abkunft," folgender Fall gegenüber (Controv. I, 2.): eine Jungfrau wird von Piraten aufgefangen, von einem Kuppler gekauft und ausgestellt; einen Soldaten, den sie wie die früheren Besucher nicht zur Schonung bewegen konnte, tödtet sie im Ringen; vom Gericht freigesprochen, wird sie den Ihrigen zurückgegeben und sie bewirbt sich um das Amt einer Vestalin. Nachdem die Advokaten der Schlechtigkeit ihre Kunst erschöpft und die Reinheit des Mädchens bestritten haben, kommen die Künstler des Lichts und zaubern um die Reine und Keusche einen Heiligenschein. Die Götter, sagt Fuscus, wollten an diesem Mädchen ihre Kraft zeigen, damit es sichtbar würde, wie keine menschliche Gewalt dem Göttlichen widerstehen könne. Die Freiheit sollte in der Gefangenen, die Schaamhaftigkeit in der Prostituirten, die Unschuld der Angeklagten gerade recht als ein Wunder erscheinen. Marillius, der Lehrer Latro's, nachdem er die Hoheit und Majestät geschildert, die aus dem Antlitz der Jungfrau strahlte, rief aus: sagt es nur dreist, Alle waren zu ihr wie zu einer Prostituirten gekommen und wie von einer Priesterin hinweggegangen. (Das ist jener Color, den Latro nicht genug bewundern konnte.)

    Die Götter, führt ein Andrer, Albutius, aus, drangen den Wüsten und Gewalthätigen die Scheu vor der Keuschheit der künftigen Priesterin auf und gaben der Jungfrau die Kraft, den Soldaten, welcher der himmlischen Mahnung nicht folgen wollte, zu tödten. Sie haben die Jungfrau in ihren Gefahren

     


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    für sich selbst aufgehoben und ihr für das Priesterthum die erste Stimme abgegeben, Silo Pompejus brachte die Wendung hinzu, in einer Zeit, wo auch Matronen in der Wollust Unterricht geben, war das Mädchen ein Zeugniss, dass die Reine auch im Lusthause ihre Unschuld unverletzt bewahren kann. Triarius endlich lässt die Angeklagte vor Gericht bestreiten, dass der Soldat durch ihre Hand gefallen sei. "Eine über das Menschliche hinausgehende Gestalt, sagt sie zu den Richtern, hat mich umschwebt und meinem Arm eine mehr als männliche Kraft mitgetheilt. Wer ihr auch seid, unsterbliche Götter, die ihr die Keuschheit aus jenem ehrlosen Ort mit einem Wunder herausreissen wolltet, ihr habt keiner Undankbaren geholfen. Euch, denen sie gebührt, weiht sie ihre Schaamhaftigkeit".

    Das sind die Grundrisse einer neuen Welt, an welcher die strebenden Geister der Zeit des Augustus und Tiberius zimmerten. In jenen Hörsälen begeisterte sich die Jugend für eine Lebensordnung, in welcher die moralische Freiheit über die Satzungen einer untergehenden Zeit triumphirt und die Menschheit zu einem neuen Bunde vereint. Latro und seine Genossen bereiteten demnach den Boden für das Christenthum vor, wenn es nicht, richtiger ausgedrückt, lautet: die späteren christlichen Lehrer füllten nur das Sparrwerk aus, welches die Zeitgenossen der ersten Cäsaren zu ihrem Weltbau aufgerichtet hatten. Diese ersten Baumeister entwarfen jene Antithesen des Moralischen und Gesetzlichen, des Himmlischen und Irdischen, in denen sich später die Christen bewegten, und sie schufen die überschwengliche Sprache-, in welcher ein von der gesetzlichen Ordnung unbefriedigtes Herz seine Wünsche und Räthsel andeutete. Hier, unter den Augen des Augustus, wurde der Rahmen für jene Heiligen- und Wundergeschichten angelegt, an denen sich dann die Christen erbauten; ja, die Controversdebatten haben auch für jene Legenden, in denen christliche Märtyrer und heilige Jungfrauen gegen die Lockungen und Qualen der Welt ihre Reinheit bewahren, die Umrisse gezeichnet.

     


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    4. Seneca's rhetorische Ausbildung.

    Der Rhetor Seneca bezieht sich im Vorwort znm ersten Buch seiner Controversen auf das Bedauern seiner Söhne, dass Zeit und Alter es ihnen versagt hätten, Männer von so grosser Geisteskraft wie die Declamatoren zu hören. Allein der Moralphilosoph Seneca hat gleichwohl noch einige derselben persönlich gekannt und ihren Vorträgen beigewohnt. In den Briefen seines späten Alters (z. B. Epist. 40) spricht er von solchen, die er noch selbst gehört hat, und kritisirt die Art ihres Vortrags. Fabianus Papirius, dessen "Colores" sein Vater oft erwähnt, war sogar einer seiner Lehrer, dessen Andenken er in jeder Zeit (Epist. 100) hoch hielt.

    Fabianus hatte über die Philosophie beinahe mehr als Cicero geschrieben und besass auch in der Naturforschung einen angesehenen Namen. Auf Seneca hatte er besonders durch seiDen Vortrag und durch seine Richtung auf die Gesinnung der Zuhörer Eindruck gemacht. Er näherte sich noch, wie unser Weiser in den angeführten Briefen auseinander setzt, dem ausführlichen, mit ruhiger Berechnung dem Schlusse zufliessenden Vortrag Cicero's, während die Anderen durch blendende Ueberraschungen den Zuhörer zu fesseln suchten und die Menge mit dem Klang ihrer Redefiguren betäuben und im Sturm ihrer Cadenzen mit fortreissen wollten.

    Seneca hatte die Wahl, welcher Richtung er folgen sollte. Cicero galt der älteren Generation noch als das Muster des zusammenhängenden, der Sache sich hingebenden und doch seine Herrschaft behauptenden Styls; die aufgeregte jüngere Welt verlangte aber Reizmittel und mitten im brausenden Strom des Vortrags das Schillern des Farbenspiels, Lichtfunken und blendende Blitze. Die Ueberstürzungen der letzten Meister, eines Asinius Pollio, der in den Controversdebatten eine bedeutende Rolle spielte, und der hastige Sturm eines Haterius konnten dem künftigen Meister, der für seine Zeit die Leitung übernehmen wollte, nicht genügen. Er vermisste an ihnen eine in die Tiefe dringende Kraft. "Wer sich nicht selbst beherrscht, schreibt er (Epist. 40), kann nicht herrschen,

     


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    wer sich nicht selbst leiten lässt, nicht leiten. Eine Rede, die zur Heilung unsrer Gemüther dienen soll, muss in unser Inneres niedersteigen.

    Um diesen Weg in's Innere zu finden, reinigte er die Sprache seiner Zeit von der Unruhe des Flitterwesens und von der Hast, mit welcher die Declamatoren die Zuhörer überfielen. Die Zierden des neueren Styls, die "Colores," welche die Rhetoren populär gemacht hatten, wollte und konnte er nicht missen, aber er ordnete sie seinem idealen Zweck unter und machte sie zu- Mitteln. Er stimmte mit Petron (Satyr. 2) und Kaiser Augustus (Suet. Octav. K. 86), welche die neuere pointirte Schreibart als einen asiatischen, über Griechenland nach Rom gekommenen Schwindel der Sprache verurtheilten, so weit überein, dass er den neueren Styl (Epist. 40) von den Griechen ableitete, aber er nahm dessen Dienste an und combinirte ihn, wie er sich ausdrückt', mit römischer Umsichtigkeit und Würde.

    Die Antithesen und belebenden Lichter des neuen Styls konnte er um so weniger entbehren, als sein Vortrag auf Einer grossen Antithese beruht. Den Hintergrund des Gemäldes, zu welchem sich seine Arbeiten vereinigen, bilden die Schrecken der Bürgerkriege und die Eigenmacht der Grossen, welche sich in denselben austobte und erschöpfte. Hierin hoch über Tacitus stehend, für den das Kaiserthum eine wurzellose Erscheinung oder ein finsterer Deus ex machina ist, sieht er die Ankündigung des Cäsarismus in den früheren Kämpfen der Grosseu um das Principat. Der republikanische Zwist gilt ihm als erledigt, das Kaiserthum als eine unwiderrufliche Erscheinung und es fragt sich für ihn nur, was man aus demselben macht Ebenfalls hochherziger und tiefblickender als Tacitus lässt er auf dem dunkeln Bild, welches die Ausartung und Zerflossenheit der Grossen bieten, den Edelmuth und die bis zur Aufopferung gehende Theilnahme glänzen, welche die Sklaven wahrend der Bürgerunruhen ihren Herrn erwiesen, und verurtheilt er Volk und Grosse, die sich an den blutigen Schauspielen des Cirkus ergötzen. Die Welt mit ihren Irrungen und Leiden war ihm in seiner umfassenden Antithese der Ausgangspunkt, von wo sich die Seele zu einer

     


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    höhern Ordnung voll Licht und Frieden aufschwingt, das Kaiserthum der Durchgang zu einem moralischen Weltreich. Die Sprühfunken endlich, mit welchen die Rhetoren im Kampf für die Gesetze der Natur und des Gewissens gegen das positive Eecht entzückten, fasste er gleichsam zusammen und verdichtete sie zu Leitsternen, indem er sie vom Schein augenblicklicher Impromptus entkleidete und ihnen das Gewicht gebietender Wahrheiten gab.

    Cicero hatte in den Aufregungen, welche die Schlachten der Bürgerkriege begleiteten, noch die Ruhe dazu, den grossen Periodenbau seiner Reden zu entwerfen und abzurunden. Es war nur Eine Frage, welche die Geister beschäftigte, -- ob man die "Schaale des Senats oder der Demokratie mit dem Gewicht des Worts beschweren sollte. Jetzt war die Zeit inmitten eines erweiterten Gesichtskreises unruhig und ungeduldig geworden und während man die Ahndung einer grossen moralischen Aufgabe hatte, ward man von der Leere des Augenblicks gemartert, der ein ergreifender Spruch, eine inhaltreiche Antithese willkommen waren.

    Tacitus, der dem Staatsmann Seneca nicht hold ist, spricht sich (im Anfang des zweiten Jahrhunderts) auch über den Schriftsteller etwas unfreundlich aus und nennt ihn (Annal. 13, 3) einen Schöngeist, der dem Geschmack seiner Zeit entsprach. Quintilian, der Zeitgenosse des Historikers, kann sich nicht stark genug (Instit. 10, 1, 125-131) über seine verderbte durch alle verführerische Ausschweifungen des Styls um Haltung gebrachte Schreibart aussprechen. Fronto, in seinem Briefwechsel mit dem Kaiser Marc Aurel (um 160 n. Chr.) schreibt ihm nur Bonmots, keine wirklichen Sprüche zu und vergleicht seine Sentenzen mit steifen Passgängern, die in ihrem hitzigen Anrennen das Feld erdröhnen lassen, aber nicht Stand halten, noch einen ernstlichen Kampf bestehen können.

    Diese abgünstigen Urtheile gingen aus jener Reaction des Altrömerthums hervor, deren Beginn wir in der Zeit Domitian's begegnen werden, während unter der Regierung desselben Kaisers schon die Verschmelzung der europäischen Ascetik mit dem jüdischen Monotheismus beginnt. Seit dem Anfang

     


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    des zweiten Jahrhunderts befestigten sich beide Richtungen neben und gegen einander und Seneea ward in den Kreisen, die von Rom aus den Grund zum Christenthum legten, für die Verwerfung, welche seine Landsleute über ihn aussprachen entschädigt, bis er ganz der christlichen Kirche angehörte. Aber die Ungeduld seiner Zeit, die er mit seinen Sprüchen stillen und befriedigen wollte, war ihm auch nicht fremd geblieben; er wollte selbst schon einärnten, was er aussäete, und, nicht zufrieden mit dem Amt des Lehrers und Predigers, traute er sich die Kraft zu, Rom vom Gipfel der Macht aus zu beherrschen und zum E echten zu führen.

    5. Seneca am Hofe des Claudius.

    Bei seiner reichen Begabung, die er durch ein encyklopädisches Studium von der Rhetorik an bis zu den Naturwissenschaften entwickelte, durfte er auf eine hervorragende Stelle unter seinen Zeitgenossen rechnen. Es fehlte ihm auch nicht an Selbstgefühl und er trat in die Gesellschaft mit der Sicherheit, als könnte ihm keine Stufe derselben verwehrt sein, während die Simplicität seiner Haltung Jedermann zeigte, dass er ein Innres hatte, in welches er sich nach seiner Wahl aus der Welt zurückziehen konnte.

    Geboren zu Corduba im Beginn des ersten christlichen Jahrhunderts, befand er sich in Rom mitten in seinen philosophischen Studien, als ihn sein altrömisch gesinnter Vater bewog, die pythagoräische Enthaltung der Fleischnahrung, für die er sich durch seinen Lehrer Sotion hatte begeistern lassen, wieder aufzugeben; das Edict des Tiberius gegen die Juden und Isisdiener, welches den Rhetor Seneca eine Verdächtigung seines Sohnes befürchten liess, fällt nach Tacitus in das Jahr 19n. Chr. Seneea war damals gegen neunzehn Jahre alt und dies Zusammentreffen zweier Daten ist einer der schlagendsten Beweise für die Unzuverlässigkeit der Chronologie des Josephus, der jenes Edict in das letzte Regierungsjahr des Tiberius (37 n. Chr.) verlegt.

    Als junger Mensch (juvenis Quaest. natur. 6, 4) gab Seneea eine Schrift über die Erdbeben heraus, wie seine bis ins Greisenalter bewahrte Erinnerung, dass er unter Augustus

     


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    (gest. 14 n. Chr.) ein feuriges Meteor beobachtet habe, die Lebhaftigkeit seines frühen Interesses für die Natur beweistPlinius (Hist. natur 6, 21) bezieht sich auf seine Schrift über Indien; Servius, in seinen Anmerkungen zur Aeneide, spricht von einer Schrift über das Land und die Religion der Aegypter. Nach seinen eigenen Andeutungen (ad Helv. Kap. 17) begleitete er die Schwester seiner Mutter aus Aegypten und war er zugegen, als diese ihren Mann, der nach einer sechzehnjährigen Verwaltung jener Provinz nach Rom zurückkehrte, auf dem Schiff durch den Tod verlor. Er selbst spricht davon (Epist. 49), wie er früher als Sachwalter auftrat, und wahrscheinlich sind die Reden, welche Quintilian (10, 1, 129) neben Dialogen unter seinen Schriften aufzählt, Documente seiner früheren Gerichtspraxis, die Dialogen dagegen nach dem Vorbild Cicero's und des Livius der Orientirung in den philosophischen Systemen der Griechen gewidmet.

    So haben wir von einer reichen und mannichfaltigen Literatur, durch welche sich Seneca bis zum Ende der Regierung des Tiberius einen Namen gemacht hatte, ziemlich zuverlässige Nachrichten und jedenfalls gehört die Trostschrift an die Marcia der ersten Zeit des Caligula an, da der Verfasser (Kap. 1.) von den veränderten Zeiten spricht, die es der vom Tod ihres Sohnes betrübten Wittwe möglich machten, die von Sejan zum Feuer verurtheilten Schriften ihres Mannes wieder herauszugeben. Caligula war es, der (Suet. Cal. Kap. 16) unter anderen verpönten Schriften auch die des Cordus Cremutius aufsuchen und frei cirkuliren liess.

    Die gedrückten Verhältnisse der letzten Regierungsjahre, welche Tiberius an dem Einsiedlerhof auf Capri zubrachte, lasteten auf der Gesellschaft zu Rom und schränkten den Spielraum für die Talente ein. Seneca war Mann geworden, auch der Mann eines Kreises von Verehrern, aber mit dem Hofe fehlte einem hochstrebenden Geiste der Hebel, um in die Gesellschaft wirksam einzugreifen. Die tollkühn aufgeregte Zeit Caligula's machte wieder Luft und Seneca durfte sich mit seiner Unternehmungslust eine Zukunft versprechen, wenn nur das verwegene Genie auf dem Thron einem Andern ausser sich selbst die neue Freiheit hätte zu Gute kommen lassen wollen I

     


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    Dazu war Caligula, der die Welt sammt ihren alten Göttern vor seinen Richterstuhl zog und den Adelsgeschlechtern wie ausgedienten Geschöpfen ihre Wappen und Ehrenzeichen nahm, auch in der Literatur ein strenger und gefährlicher Kritiker. Es kündigte sich in ihm schon jene römische Reaction an, die seit Domitian in weiteren Kreisen um sich griff; ihm war z. B. die Sprache des Livius nicht mehr der correcte Ausdruck der originalen Latinität, um so mehr war ihm Seneca's, des Gewichts und der vollen Abrundung entbehrender, geschmückter Styl zuwider und er nannte ihn (Sueton. Calig. Kap. 53) Sand ohne Kalk (also nicht Mörtel). Er, der stolz auf seine Beredsamkeit, mit den berühmtesten Anwälten sich in Wettstreit einliess und für seine Anklage und Vertheidigungsreden im Senat durch Edicte den Ritterstand einlud, wollte Seneea einmal (Dio Cassius 59, 19) sogar ans Leben, weil er unter seinen Augen eine Rechtssache mit Geschicklichkeit durchgeführt hatte, und er liess ihn nur wieder frei, als ihm eine von den Frauen seines Umgangs sagte, er habe die Auszehrung und werde nicht mehr lange leben.

    Sollte es aber wirklich nur der Styr gewesen sein, was den Kaiser gegen den Lehrer der damaligen Zeit aufbrachte? -- nur der Ruhm seiner Beredsamkeit, was den Neid des hohen Nebenbuhlers erweckte? Oder fürchtete er, dass Seneea bei seiner Intimität mit den beiden kaiserlichen Schwestern, Agrippina und Julia, die er beim Antritt seiner Regierung in das Gebet der Consuln und in die Huldigungseide der obern Beamten hatte einschliessen lassen, politische Zwecke verfolge ?

    Wir finden einen der vertrautesten Freunde Seneca's Lucilius Junior, dem er die Schrift über die Vorsehung und die Untersuchungen über die Natur gewidmet und an den er seine Briefsammlung gerichtet hat, in genauen Beziehungen zu dem Befehlshaber der Legionen in Germanien, Gätulicus, den Caligula hinrichten liess, weil er sich mit den Schwestern und M. Aemilius Lepidus zu seinem Sturz verschworen hatte. Den Lucilius lässt Seneea in dem Vorwort zum vierten Buch der Naturuntersuchungen bei einem Rückblick auf die kritischsten Lagen seines Lebens daran erinnern, dass "ihm des

     


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    Gätulicus Freundschaft das Vertrauen des Caligula nicht entzogen habe." Bis zu der letzten Katastrophe werden wir die Freunde und Verwandten Seneca's als Helfer und Vertraute in seinen verwickeltsten Situationen kennen lernen. Sollte nun Lucilius in der nächsten Umgebung des verschworenen Feldherrn Nichts von dessen Plänen gewusst und Caligula's Vertrauen wirklich nicht getäuscht haben? War Seneca in das Geheimniss Juliens und Agrippina's in der That nicht eingeweiht? Wir wollen zunächst nur fragen.

    Einer der ersten Akte des Claudius, als er nach dem Sturz seines Vorgängers den Thron bestieg, war die Zurückberufung jener beiden Schwestern, mit deren Verbannung sich Caligula bei den Strafexecutionen in Gallien begnügt hatte, und schon im ersten Jahre nach ihrer Rückkehr (41 n. Chr.) wurde die Jüngere, Julia, wieder in's Exil geschickt, in welchem sie vor Ablauf eines Jahres durch ihre Todfeindin das Leben verlor. Messalina, die fünfte Frau des Claudius, hatte, schon verletzt durch ihr hochmüthiges Benehmen gegen sie selbst, mit Eifersucht ihre einschmeichelnde Zuthulichkeit gegen den Kaiser bemerkt und aus Furcht, dass sie den Frauen gegenüber schwachen Mann ihr abspenstig machen würde, die Gerüchte von ihren Auschweifungen zu ihrem Sturz benutzt. Seneca's Name kam in diesen Gerüchten auch vor und als er später noch auf der Höhe seiner Gunst bei Nero stand, hatte ihm Publius Suilius in seiner heftigen Rede gegen ihn, mitten im Senat (58 n. Chr. Tacit. Annal. 13, 42. 43), den Ehebrecher des cäsarischen Hauses genannt.

    Dio Cassius, d. h. einer der Epitomatoren, die nach Jahrhunderten seinen Text abkürzten und zugleich durch Einschiebsel entstellten, beginnt (61, 10) eine Aufzählung aller Schwächen und Schlechtigkeiten Seneca's, die mit seiner Philosophie in Widerspruch standen, mit seinem ehebrecherischen Verhältniss zur Julia. Dieser lange Excurs, für dessen Bau schwerlich noch Jemand im Anfange des Mittelalters die Leidenschaft besass und der wahrscheinlich einer Schrift aus der dem Seneca abholden Zeit des Marc Aurel entnommen ist, beeinträchtigt selbst seine Glaubwürdigkeit, wenn er die Gerüchte von seinem unerlaubten Umgang mit der Agrippina

     


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    aufnimmt und ihm, dem "Ehemann," noch Geschmack an Lustknaben und die Anleitung Nero's zu derselben Ausschweifung vorwirft. "Er, der auf den Umgang mit den Machthabern schmähte, heisst es in einigen dieser Antithesen, war vom Palast nicht wegzubringen. Er zog gegen die Schmeichler los und machte Messalinen und den Freigelassenen des Claudius dermaassen den Hof, dass er von seiner Insel aus ihnen eine Schrift zusandte, die Lobsprüche auf sie enthielt und die er später aus Schaamgefühl selbst unterdrückte." An diesem Vorwurf ist so viel wahr, dass Seneca nach den Höhen der Gesellschaft trachtete und dieselben als den rechten Platz für einen Reformator hielt. Die Gerüchte über seine mehr als intimen Beziehungen zur Julia hatte er durch einen Glauben an die Macht des weiblichen Geschlechts herzorgeiufen, den er mit den griechischen Reformatoren theilte. Die Cyniker, die zuerst die Gleichberechtigung der Frau und ihre Berufung zur Weisheit verkündigten, fanden unter den Frauen. schwärmerische Anhängerinnen und Prophetinnen ihrer Lehre. Frauen gehörten zum Freundschaftsbund des Epikur, waren im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die eifrigsten Proselyten der orientalischen Culte, welche durch ihre Vermittelung in die römischen Familien drangen, und sie behaupteten auch in den ersten christlichen Gemeinden eine hervorragende Stellung. Seneca selbst setzt bei den Frauen, an die er zwei Trostschreiben gerichtet hat, der Marcia und seiner Mutter, die vollständigste Kenntniss seiner Philosophie voraus und hat in diesen beiden Aufsätzen dem Vortrage seiner Weisheit den gewinnendsten Ausdruck gegeben. Wenn er aber einmal des Glaubens lebte, dass seine Lehre von den höchsten Punkten der Gesellschaft aus ihre Strahlen in die weiteste Form verbreiten würde, so kann es wenigstens nicht auffallen, dass er auf jener Höhe auch die Macht der Frauen für sich zu gewinnen suchte. Was seine Bestrafung auf der Insel betrifft, so kann er diesmal (denn später büsste es für sein Streben nach oben mit dem Leben,) noch gelinde davon, indem ihn Claudius mit der Verbannung nach Corsika begnadigte.

    Die Schrift, die er von hier aus an den Kabinetsschreiber des Claudius schickte und später gern der Vergessenheit

     


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    preisgegeben zu sehen wünschte, war durch den Tod des Bruders des Polybius und durch die schwache Hoffnung veranlasst, durch die Fürsprache dieses mächtigen Freigelassenen den störrigen Sinn des Kaisers für sich umzustimmen. Seine Berechnung schlug fehl, da der Vertraute des Kaisers bald nach der Absendung jenes Schreibens, wie Dio Cassius, der später n Anschauung von Messalina's Bösartigkeit folgend, berichtet, durch die Intriguen derselben das Leben verlor. Die Aechtheit dieses Schreibens, welches manche Verehrer Seneca's als untergeschoben hinstellen möchten, wird durch Styl und Uebereinstimmung mit den Trostgründen anderer Schreiben an Bekümmerte bewiesen. Die Ueberschwenglichkeit der Verherrlichung des Kaisers, indem Seneca den Trauernden anweist, sich durch den Hinblick auf die "grosse und strahlende Schutzgottheit, auf den Arzt der kranken und zerschlagenen Menschheit und den gemeinsamen Trost aller Menschen "aufzurichten (ad Polyb. Kap. 31-33), mag der Verfasser allerdings später bereut haben. Aber sie stimmt zu dem Ideal, welches er sich von dem Kaiserthum gebildet hatte, und auch wenn die verloren gegangenen Kapitel, die, nach der Andeutung jener Dionischen Antithesen, für die Messalina einigen Weihrauch enthalten hatten und deshalb der später n Erregtheit gegen diese Frau, als Abschaum der weiblichen Welt, zum Opfer fielen, uns noch geblieben wären, würden sie nicht gegen die Aechtheit des Schrifststücks zeugen können.

    Nebenbei erwähnen wir noch, dass in jenen Dionischen Hohnantithesen die "glänzende Heirath" Seneca's bei einem Philosophen als auffallend bezeichnet wird. Seine Paulina stammte also aus einem angesehenen Hause und war reich. Sein Vater hat nach einem langen Leben in der Rednerlaufbahn, die Anderen, wie dem auch im Controversenbuch heimischen Passienus, grosse Reichthümer eingebracht hatte, den Söhnen gewiss ein gutes Erbtheil hinterlassen und der Weise selbst wird als Anwalt nicht versäumt haben, sich ein Vermögen zu sammeln, welches ihm für die erstrebte hohe gesellschaftliche Stellung nöthig schien. Sein Bruder Mela hatte sich, um schnell zu Reichthum zu gelangen, nur um die Procuratorenposten zur Verwaltung der Kroneinkünfte in den

     


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    Provinzen beworben und dessen Sohn Lucan erfreute sich, wahrscheinlich zum Theil durch seine geistvolle und geliebte Polla, einer glänzenden Unabhängigkeit, die ihm eine selbstständige Haltung am Neronischen Hofe möglich machte. Der ältere Bruder unseres Weisen (er selbst war der mittlere unter den Dreien), Novatus, trat wohl mit der Adoption durch den, im Controversbuch gleichfalls thätigen Gallio auch in ein ansehnliches Erbe ein. Kurz, die Annäer haben es im Geist der letzten republikanischen und ersten kaiserlichen Zeit verstanden, ihrem Auftreten in der Welt eine solide Unterlage zu verschaffen.

    Man vermuthet, dass der Präfect der Getreidesachen Roms, Paulinus, welchem Seneca seine bald nach dem Tode Caligula's abgefasste Schrift über die Kürze des Lebens widmete, (siehe das "Modo" Kap. 18 derselben: "ist's doch nicht lange her, dass in jenen paar Tagen nach des Cajus Cäsar Tod Rom nur auf sieben oder acht Tage sich mit Lebensmitteln versorgt sah") ein junger Verwandter seiner Frau war. Ein Sohn aus dieser Ehe starb drei Wochen vor der Verbannung des Vaters nach Corsica (ad Helv. Kap. 2).

    Der Zwist zweier Frauen und der Sieg der Einen bahnte endlich dem Exilirten den Weg zur Rückkehr. Was Messalina nicht bewirken konnte, vielleicht auch wegen seiner früheren Beziehungen zur Julia nicht wollte, setzte die Siegerin, Agrippina, durch. Die Letztere brachte in den Hafen der Ruhe, in welchem Claudius durch seine fünfte Frau, die ihm den Brittannicus und die Octavia geschenkt hatte, sich g eborgen glaubte, einen wilden Sturm, der zuletzt den ganzen Claudischen Stamm entwurzelte.

    Claudius, ein verständiger und wohlwollender Fürst, für dessen Thätigkeit seine Gesetzgebung, seine kühnen Bauten, die Reinigung und Auffrischung des Senats durch frisches Blut und sein Zug nach Britannien zeugen, war von energischen Freigelassenen, die ihn der Berührung mit verdriesslichen und hochfahrenden Aristokraten überhoben, in der Kanzlei bediente. Neben der Neigung zur Ueberfüllung bei der Tafel hatte er nur die Schwäche, dass ihn Sinnlichkeit an die Liebkosungen der Frauen fesselte und seine angeborene, durch

     


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    frühere Zurücksetzungen gesteigerte Zaghaftigkeit ihm das Zureden und Einreden derselben zu einem Bedürfniss machten. Der Mann, der in seiner militärischen Politik und bürgerlichen Gesetzgebung einen gemessenen Gang befolgte, dem auch z. B. bei seiner Tiberregulirung keine Einreden und keine Schwierigkeit von der Ausführung seines Plans abbringen konnten, war im Stande, sich von weiblichen Berathern das Blut in den Kopf treiben und die übereiltesten Befehle entlocken zu lassen, die er, dann ausser sich, mit polternder und stammelnder Sprache dictirte.

    In beiden Frauen, die, mit gleicher Schönheit ausgestattet, sich um ihn seit den ersten Tagen seiner Thronerhebung (41 n. Chr.) stritten, halten sich Antonisches und Octavianisches Blut gemischt. Julus Antonius, der Sohn des Triumvir und der Fulvia, auf die Bitten der Octavia, Schwester des Siegers von Actium und verlassenen Frau des Besiegten, mit dem Leben verschont, erzogen und mit Marcella, ihrer Tochter, welche sie in ihrer ersten Ehe mit Marcellus geboren hatte, vermählt, zeugte in dieser Verbindung zwei Antonia's. Die jüngere, mit einem Domitier, Lucius Ahenobarbus vermählt, gebar die Domitia Lepida, welche mit M. Valerius Messalinus verbunden, der Messalina das Leben gab. Die jüngere Antonia gebar in der Ehe mit Drusus, dem Bruder des Tiberius, den Germanicus, der mit Agrippina I, der Tochter des. Agrippa und der Julia, also der Enkelin des Augustus, die jüngere Agrippina zeugte.

    In den Familienerinnerungen der Letzteren, der Nebenbuhlerin Messalina's reihte sich Andenken an Andenken an die tödliche Feindschaft des Claudischen Geschlechts gegen ihre Vorfahren. Germanicus, obwohl selbst Claudier, die Hoffnung der Römer, fiel nach dem Volksglauben dem Neid seines Oheims, des Tiberius, als Opfer. Seine Frau Agrippina I, hatte das Missfallen Tiber's auf sich gezogen, als sie beim Rückzug des Unterfeldherrn ihres Mannes aus Germanien sich auf die Rheinbrücke stürzte und deren Abbruch durch die Ansiedler des linken Ufers, die schon die Ankunft der jenseitigen Feinde fürchteten, verhinderte. Der Kaiser, der die Unternehmungen des Germanicus als unnütze Ruhmesjagden satt

     


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    hatte, sah es ungern, dass sie als Mannweib sich in die militärische Politik mischte und gleichsam für die Zukunft den Weg in die verhängnissvollen Wälder und Sümpfe behaupten wollte. Jene berühmte, in Paris aufbewahrte Came'e, welche Germanicus und Agrippina bei Gelegenheit der Reise nach den östlichen Provinzen, letztere mit der Rolle ihrer milden Gesetze in der Hand als Demeter, Ersteren als Triptolemus die Erde mit seiner Saat beglückend, auf dem Drachenwagen darstellt, zeigt gleichfalls, dass das Paar mit höheren Ideen nach Asien reiste, als ihren Fähigkeiten und den Verhältnissen entsprach. Es war, als ob in Agrippina wie auch in ihren älteren Söhnen Nero und Drusus das wilde Blut des Antonius und der rasenden Fulvia kochte und die verschlossene Düsterkeit, mit welcher Agrippa auf die Erfolge des Einen, dem er auf Erden allein noch dienen wollte, zuweilen hinblickte, aufgelebt wäre und die Herrschaft, der er sich auch für würdig glaubte, endlich ergreifen wollte. So lange Livia lebte, die sich den Schein gab, als ob sie den Argwohn ihres Sohnes gegen das cäsarische Blut in Agrippina und gegen ihre Herrschaftsgelüste zu massigen suche, hielt Tiberius noch an sich. Nach ihrem Tode mit dem ältesten Sohn Nero in's Exil getrieben, stirbt Agrippina wie* dieser des Hungertodes. Als sie in die Verbannung geschleppt wurde, fiel sie über den Hauptmann, der sie fortführen sollte, her und verlor im Ringen mit ihm ein Auge. Kurz vorher, ehe die wilde Tigerin ihre Wuth über das Schicksal ausgehaucht, war auch ihr zweiter, gleich leidenschaftlicher Sohn Drusus den dreijährigen Qualen, die er unter Misshandlung seiner Wächter im unterirdischen Verliess des Palatiums erlitten hatte, erlegen. Nachdem man ihm zuletzt die Nahrung entzogen hatte, fristete er noch eine Woche lang mit dem Stroh seines Lagers das Leben und rächte sich mit Flüchen und Verwünschungen des Tiberius, der das Blut Cäsars vergebens verfolge und der Rache der Nachkommen des gehassten Hauses nicht entgehen werde.

    Dieser im untersten Versteck des Palatium angeflehte Rachegeist stand jetzt in Agrippina da. Die Liebkosungen, mit denen sie Claudius lockte, sollten ihr und dem Sohn, den

     


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    sie ihm mitbrachte, den Weg zum Thron bahnen. Herrschsüchtig wie ihre Mutter und deren Söhne, wollte sie, die Tochter eines Imperators (Germanicus), Schwester eines Kaisers (Caligula), die Frau eines Kaisers und was nur durch den Tod desselben und den Untergang seines verhassten Hauses möglich war, durch ihren Sohn die Mutter eines Kaisers werden.

    Tacitus legt ihr in einem ihrer späteren Wuthausbrüche, als sie sich in der Berechnung, durch ihren Sohn zu herrschen, getäuscht sah, die Drohung in den Mund, alles durch sie angestiftete Unheil des Claudischen Hauses -- oben an das Geheimniss ihier Heirath zu enthüllen (Tac. Annal. 13, 14). Der Weg zum Ehebett des Kaisers war ihr durch die Komödie jener Scheinheirath, welche Messalina mit Einwilligung des Claudius mit Silius vollzog und die ihr zum Verderben gereichte, möglich geworden. Claudius hatte durch ein Scheidungsprotokoll seiner Frau die Erlaubniss gegeben, sich mit jenem Silius zu vermählen, weil man ihm vorgeredet hatte, dass nur durch diesen Scheinact einer gefährlichen Verschwörung entgegengewirkt werden könne; sein Freigelassener Narcissus aber hatte ihn, während die Hochzeit des neuen Paares gefeiert wurde, durch das Vorgeben, sie sei ernst gemeint und der erste Schritt zu seinem Sturze, in Schrecken gesetzt und den Feinden der Messalina die Freiheit verschafft, sie aus dem Wege zu räumen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Meisterin der Intrigue, Agrippina, bei diesem verwickelten und blutigen Werk ihre Hand dazwischen hatte, wie sie später durch das Gerede ihrer Kreise und in ihren Denkwürdigkeiten Messalinen in den Ruf eines ausschweifenden Weibes brachte, das für ihre Buhlen im Palatium eigene Lustgemächer hatte und des Nachts, wie Juvenal in seinen grässlichen Kaiser-Karikaturen es ausmalt, vom Lager des trunkenen Gemahls sich wegstahl, um in den öffentlichen Lustorten des Volkshaufens eine nimmersatte Begierde zu befriedigen.

    Nach der Beseitigung der Messalina bangte es dem zaghaften. Claudius vor der Ehe mit seiner Nichte, -- einer Verbindung, die römischer Sitte und Rechtsanschauung als Blutschande

     


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    galt. Als der Senat auf Betrieb der Agrippina das störende Gesetz aufgehoben hatte, half der mächtige Freigelassene Pallas nach, indem er dem Kaiser vorstellte, dass jene Verbindung den Zwist der Claudier und Julier auslöschen und sein eigenes Haus vor der Gefahr, die ihm durch den ehelichen Bund der Agrippina mit einer andern Familie entstehen könnte, sicher stellen werde. Aber seine Nichte hatte ja schon einen Sohn, der älter als sein eigener Britannicus war und der den Zwist der beiden kaiserlichen Häuser in den Schooss der Familie verlegen musste.

    Die ältere der beiden Antonien, in denen das Blut der beiden Männer von Actium gemischt war, hatte das Geschlecht der Domitier mit der gefährlichen Ehre der Verschwägerung mit dem Kaiserhaus beschenkt. Cnejus Domitus, der Sohn ihres Mannes, ward durch Tiberius (29 n. Chr.) mit der Enkelin der jüngeren Antonia, unserer Agrippina, vermählt und der Vater des später n Nero.

    Sueton erzählt vom Grossvater des letzten Cäsaren (Nero Kap. 4) einige Züge, die, freilich im Colorit der Kaiserzeit, ganz dem harten und hochmüthigen Familiencharakter der Domitier entsprechen. Er hatte in der Jugend als Meister im Wettfahren einen Namen und gehörte später, im germanischen Krieg, zu den zahlreichen Unterfeldherren, denen Augustus die triumphalischen Ehrenzeichen zuerkannte. Er war anmaassend, verschwenderisch und grausam, nöthigte in seinem Adelstolze als Aedil den Censor Plancus, ihm auf der Strasse auszuweichen, liess als Prätor und Consul römische Ritter und Frauen im Mimenspiel auf der Bühne auftreten und gab in allen Theilen der Stadt Thiergefechte und Fechterspiele mit solcher Grausamkeit, dass ihm Augustus, nachdem er ihn insgeheim ernstlich gewarnt hatte, durch einen öffentlichen Befehl in Schranken halten musste.

    Dessen Sohn, einer von den vier Adligen, welche Tiberius als Männer von Töchtern seines Hauses nach dem Brande Roms (36 n. Chr.) mit der Vertheilung der von ihm zum Neubau bestimmten Unterstützungen beauftragte (Tacit. Ann. 6, 45), wurde bald darauf in die Sache der Albucilla, der Frau eines öffentlichen Angebers, verwickelt und der Theilnahme an ihren i

     


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    Majetätsvergehen und Ausschweifungen angeklagt, jedoch durch den Tod des Tiberius, der bald darauf eintrat, während er durch Vorbereitungen zu seiner Vertheidigung Zeit zu gewinnen suchte, vor weiterem Schaden bewahrt (Tacit. a. a. O. Kap. 47. 48).

    Die Züge, die Sueton (Nero Kap. 5) zu seinem Porträt beibringt, mögen, wie z. B. von seinen Prellereien im Privatverkehr und in amtlicher Stellung oder gar die Anklage der Blutschande mit seiner Schwester Domitia Lepida, übertrieben oder zum Theil erfunden sein. Aber der Zug, wie er als Begleiter des jungen Cajus, Enkels des Augustus, bei einem Gelage im Orient einen Freigelassenen, weil er nicht auf Kommando sich berauschen .wollte, niederstiess und deshalb aus dem Gefolge des Prinzen entlassen wurde, -- mitten auf dem Markt zu Rom einem Ritter, der in einem Wortwechsel sich etwas frei verantwortete, ein Auge ausschlug, sehen ganz nach der Rücksichtslosigkeit der früheren römischen Herren aus, die durch die Musse der damaligen Zeit und am Ende durch die prinzliche Stellung des im Kaiserhaus aufgenommenen Adligen noch gesteigert wurde. Seine Bezeichnung bei Vellejus Paterculus (11, 10) als eines "jungen Mannes von adligster Einfachheit" kann bei einem Historiker, der im Glanz der Sejanischen Herrschaft schreibt und Alles, was zum Haus des Tiber gehört, rühmlich findet, nicht von Bedeutung sein.

    Der Tod des "Tiber, im Frühjahr 37 öffnet dem Cnejus das Gefängniss und am Schluss desselben Jahres, den 15. Dezember, wird jihin ein Sohn geboren, Lucius Domitius. Das Freuden- und Jubelleben, in welches sich Agrippina und ihre Schwester nach der Thronbesteigung Caligula's stürzten, vielleicht auch die Vertraulichkeit seiner Frau mit dem jungen Kaiser scheinen ihm das Leben am Hof verleidet zu haben; ausserdem war er krank. Er zog nach Pyrgä in Etrurien, wo er im dritten Jahr seines Sohnes an der Wassersucht starb. In seinem Testament machte er den Kaiser zum Erben, seinen Sohn zum dritten Theil, welchen jedoch Caligula mit dem Seinigen auch einzog, so dass der junge Lucius, als unmittelbar darauf seine Mutter in die Verbannung getrieben wurde, als eine Waise dastand.

     


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    Hier beginnt nun, also sehr frühzeitig, die Geschichte des späteren Nero mit Daten, die von den Historikern zur Erklärung seines Charakters mit nicht geringer Uebereilung aufgenommen und benutzt werden. "Hier," sagt z. B. Schiller, wenn Sueton (Nero Kap. 6) erzählt, dasa der "beinahe hilfslose und dürftige" Knabe bei seiner Tante Octavia Lepida, Messalina's Mutter, unter zwei Pädagogen, einem Tänzer und einem Barbier, aufgezogen wurde, "sind die ersten Keime seiner späteren Thorheiten und Verbrechen gelegt worden." Lepida, pragmatisirt Schiller weiter, "scheint Alles gethan zu haben, um den Knaben seiner Mutter zu entfremden. Hier haben die Heuchelei und der Mangel alles tieferen Gefühls, welche später für Nero so bezeichnend sind, ihre erste Begründung und Entwickelung erhalten." Der dürftige Anstrich, welchen Sueton dieser Periode der Kindheit Nero's giebt, erinnert aber an sein Gemälde von der Verlassenheit und Verkommenheit, in welcher er den Domitian aufwachsen lässt, und unterliegt wie dieser übertriebene Schilderung demselben Verdacht. Ferner holt Schiller im Dienst seiner Pragmatik aus den Annalen des Tacitus (12,64) einen Zug herbei, wonach Lepida ihren Neffen der Mutter durch Schmeicheleien und Geschenke abspenstig zu machen suchte. Aber dieser Streit zwischen der Muhme und der strengen und harten Mutter, die auch von ihrem Sohne die strenge Haltung des künftigen Gebieters verlangte, fiel, dreizehn Jahre später, in die Zeit, als sich Agrippina zur Beseitigung des Claudius rüstete, an Eile dachte, weil sie den steigenden Einfluss der Lepida beim Kaiser fürchtete, und als Vorspiel des Hauptschlages die blutige Execution ihrer Schwägerin als einer Verschwörerin durchsetzte (a. a. O. Kap. 65). Sodann ist die Zeit, in welcher Nero der Erziehungskunst des angeblichen Bedientenpaares überlassen war, nur nach Monaten zu rechnen, da dem Tode seines Vaters bald der des Caligula folgte und seine Mutter sofort aus dem Exil zurückkam und die ganze Hinterlassenschaft des verstorbenen Cnejus ausgeliefert erhielt.

    Nero war eilf Jahre alt, als sie (49 n. Chr) nach dem Sturze Messalinens bei Claudius für Seneca die Erlaubniss zur Rückkehr aus Corsica und zugleich die Prätur erwirkte.

     


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    Der gefeierte Redner undDenker, Moralphilosoph und Polyhistor sollte als Erzieher den Knaben dem Publicum interessant machen und die Erwartungen Roms von seiner einstigen Reife aufs höchste spannen. Tacitus meint (Annal. 12, 9), sie hätte zugleich darauf gerechnet, dass der welterfahrene Weise ihr beim Ringen nach der Herrschaft mit seinem Rath zur Seite stehen würde, da sie bei ihm neben der Dankbarkeit für die Befreierin eine gereizte Stimmung gegen Claudius voraussetzen zu dürfen glaubte.

    So entsteht nun bei jeder der Scenen, in denen sich das Hof-Drama bis zum Tode des Kaisers entwickelte, die Frage, ob Seneca wusste, was sie zu bedeuten hatten, ob er das Ende, auf welches man hinarbeitete, kannte und ob und wie weit er zur Erreichung des Zieles half.

    Die Frau, welche das gefährliche Spiel leitete, hatte für Schwierigkeiten kein Gefühl und schritt von Erfolg zu Erfolg. Was waren nun die Gedanken Seneca's, als er sie in Schnelligkeit zur Mitregentin des Kaisers aufsteigen und den Geist der Mannweiber, die bisher dem Throne nahe gestanden hatten, mit gesteigerter Leidenschaft in ihr wiederkehren sah? Claudius inusste ihr beim Senat den Titel der Augusta auswirken. Sie fehlte nicht, wenn der Kaiser auswärtige Gesandte empfing, und sie sass neben ihm auf seinem von der Leibwache umgebenen Tribunal, als der gefangene Brittenführer Caractacus vorgeführt wurde. Die sanften, aber später, besonders gegenüber ihrem kaiserlichen Söhn verhärteten Formen von Livia's Diplomatie hatten bei ihr gebieterische Strengigkeit und ein militärisches Costüme angenommen. Bei den Revuen der Prätorianer erschien sie als militärischer Oberst; dem Seegefecht, welches Claudius zur Feier der Ablassung und Regulirung des Ficinersees gab, wohnte sie an der Seite desselben im Kriegsmantel bei. Um ihre soldatische Hoheit auch auswärts zu zeigen (Tacit. Annal. 12, 27), befahl sie die Absendung einer Veteranenkolonie nach ihrer Geburtsstadt, dem Flecken der Ubier, der seitdem die Agrippinische Kolonie (Cöln am Rhein) hiess.

    Sie war, ins Kolossale ausgearbeitet, was die letzte Frau Caligula's, Milonia Cäsonia, war, die (Sueton Cal. Kap. 25)

     


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    ihren Mann entzückte, wenn sie neben ihm bei militärischen Revuen in Kriegertracht einhersprengte. Was ihre Mutter gern genossen hätte, kaiserliche Gewalt im Verein mit militärischem Glanz, war ihr Ideal.

    Gleich ihrem Bruder verehrte sie Herrscherkraft als das Höchste und als ihre natürliche Mitgift. Mit ihm hielt sie es schon, schwärmte und brütete sie über Rache an den Feinden ihres Vaters und ihrer Mutter, als sie nach der Verbannung der Letzteren sammt Schwester und Bruder von Tiber der Pflege und Obhut der Grossmutter Antonia, der einzigen Frau von mütterlich gütiger Sorglichkeit, von der wir in der Geschichte des Cäsarenhauses hören, übergeben wurde. Nur darin unterschied sie sich von Caligula, dass sie sein Gottgefühl und die Schwärmerei für sein Gottmenschthum nicht theilte. Sie war profan und Herrschaft galt ihr als Beweis der Menschenkraft.

    Wir fragen weiter: handelte der Freigelassene Pallas allein im Einverständniss mit Agrippina, als er (50 n. Chr.) Claudius dazu bewog, den Lucius Domitius als Nero Claudius Cäsar Drusus Germanicus zu adoptiren und mit Octavia, die nun seine Schwester war und deshalb erst in eine audere Familie durch Adoption versetzt werden musste, zu verloben ? Ahnete der Erzieher des Knaben und geheime Minister des Agrippinischen Kreises nichts davon, dass es jetzt um Britannicus, der drei Jahre jünger war als sein nun über ihm stehender älterer Bruder Nero, geschehen war?

    Das Geheimniss enthüllte sich schnell, denn ehe Nero im December des Jahres 51 das Alter für die männliche Toga erreichte, ward er von Claudius schon im März in den Senat eingeführt, von diesem für das zwanzigste Jahr zum Consul ernannt und sofort mit proconsularischer Gewalt und mit dem Titel des prineeps juventutis bekleidet, also zum Thronfolger designirt. Und am Schluss des folgenden Jahres ward der funfzehnjährige Prinz mit der dreizehnjährigen Octavia vermählt.

    Blieb ferner Seneca die Bedeutung der Ernennung des Burrus Afranius zum Befehlshaber des Prätoriums, welche Agrippina nach der Beseitigung des, aus der Zeit Messalina's

     


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    stammenden Doppelcommando's durchgesetzt hatte, unbekannt? War es zufällig, dass die für eine Action geeignete Einheit des Commandos einem hausbackenen zuverlässigen Manne übertragen wurde, von dem man die Einhaltung seiner Verpflichtung mit Gewissheit erwarten konnte? Traf es sich von ungefähr, dass der neue Kommandant mit seiner barschen Strengigkeit und Diensttreue zu einem stoischen Diplomaten passte, der gleichfalls, koste es, was es wolle, an der Linie festhielt, die nach seiner Ueberzeugung zum Heil der Welt führte?

    War das die Hauptarbeit Seneca's am Hof der Agrippina, dass er für seinen Zögling die Reden ausarbeitete, mit denen derselbe im Senate Gnadenschenkungen für einzelne Städte, wie Ilium, die Heimath der Ahnen der Julier, und für Rhodus, oder Unterstützungen für andere Städte, die von Unglücksfällen heimgesucht waren, erwirkte?

    Allmählig wird es am Hofe düster. Narcissus erkennt die Gefahr, dass er beim Sturz Messalinens sein Leben für Claudius vergebens gewagt haben würde, wenn Nero zur Herrschaft kommen und das ganze Claudische Haus vertilgen sollte. Die Kaiserin merkt seine Stimmung, weiss vielleicht auch, dass er sie wegen ihres Umgangs mit Pallas bei ihrem Mann anschwärze, und wirft ihm, als sein Bau am Ficinersee nicht ganz nach seiner Berechnung ausfiel, in Gegenwart des Kaisers Unterschleif vor, worauf er stolzen Hauptes sie der Zügellosigkeit und allzu kühner Pläne anzeigt.

    Claudius wird in sich gekehrt und brummt im Abendrausch über das Leidwesen, das er mit den Frauen hat, deren Schandthaten er erst ertragen, dann bestrafen muss. Agrippina, dadurch gewarnt, beeilt sich, ihre vermeintliche Nebenbuhlerin, Octavia Lepida, unschädlich zu machen. Narcissus, der sich dem Morde widersetzte, sieht darin den Vorboten seines Untergangs, wenn es ihm nicht gelinge, das Leben seines Herrn gegen Nachstellungen zu schirmen, und fleht, indem er den Britannicus zärtlich umarmt, die Götter und den unglücklichen Knaben an, er möge aufwachsen, die Feinde seines Vaters verjagen und die Mörder seiner Mutter (sollte auch er selbst mit büssen) am Leben strafen.

     


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    Merkte Seneca von diesen trüben Hausgeschichten gar nichts, blieb es ihm aueb unbekannt, wie Agrippina, als Narcissus, plötzlich erkrankt, im Bade Sinuessa Heilung suchte, ihren Mann mit Hülfe eines Freigelassenen vergiftete und durch einen Arzt vollends umbringen lässt? War er bei der Verwirrung, die am Morgen und Vormittag nach dieser OctoberNacht (54 n. Chr.) im Palatium herrschte, nicht zugegen, -- nicht betheiligt an der Aufforderung an den Senat, für den Kaiser, der schon todt war, die Götter um seine Genesung anflehen zu lassen, -- kein Augenzeuge, wie Agrippina, bis die von den Astrologen berechnete Mittagsstunde kam, Mimen kommen liess, um durch deren Spiel vor dem Kaiser das Volk über das Ereigniss der Nacht in Unkenntniss zu erhalten, und Britannicus, so wie seine Schwestern Octavia und Antonia durch zärtliche Liebkosungen und Tröstungen im Palatium zurückzuhalten suchte?

    Sicherlich befand sich Seneca auch im Palast, als zur Mittagsstunde sich die Pforten desselben öffneten, Burrus mit Nero heraustrat, ihn den Zurufen der Leibwache vorstellte und dann nach dem Prätorium begleitete, wo er nach der Zusicherung des Donativs als Imperator begrüsst wurde.

    Dass es seit dem Einzug Aprippina's in's Palatium auf die Erhebung Nero's abgesehen war, konnte Niemandem zweizweifelhaft sein. Der Sinn der früheren Bekleidung des Knaben mit der proconsularischen Gewalt ward den Prätorianern durch ein Donativ und dem Volk durch Cirkusspiele und ein Victualiengeschenk erklärt. Was alle Welt kommen sah, mussten Seneca und Burrus um so gewisser wissen; jedoch ist uns kein Wort von ihnen überliefert, aus dem wir auf ihre Ansicht über das öffentliche Geheimniss schliessen könnten. In Einem Falle wird aber ihr Schweigen bedenklich. Narcissus strengte sich an, den Mord der Octavia Lepida zu verhindern, und vielleicht hätte es Seneca und Burrus nur ein Wort gekostet, um den Freigelassenen seine edlen Absichten erreichen zu lassen; warum sprachen sie nun dieses Wort nicht?

    In den ersten Tagen der Neronischen Regierung liess Agrippina den Julius Silanus, auf den wir, wenn Nero den

     


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    letzten Vertreter dieses mit der cäsarischen Familie verschwägerten Zweigs der Junier umbringt, zurückkommen werden vergiften. Eben so eigenmächtig brachte sie durch Einkerkerung den Narcissus, der mit glänzendem Grossmuth die in seinen Händen befindlichen Schreiben des Claudius gegen seine Mörderin verbrannt hatte, um's Leben. Das erstere Yerbrechen geschah ohne Wissen Nero's, das zweite gegen seinen Willen; diesmal aber traten Seneca und Burrus - der Kaiserin-Mutter entgegen, verbaten sich fernere blutige Eigenmächtigkeiten und riefen ihr ein gestrenges Halt! zu. Ein solches Wort konnten sie aber früher zu Gunsten der Tante -Nero's nicht einlegen, weil es gegen Agrippinen einen ärgerlichen Sturm erregt und das Gebäude, an welchem sie zu Gunsten Nero's mit arbeiteten, erschüttert hätten. Sie waren mit dem Sturmschritt der Mutter Nero's nach der Herrschaft und mit den Mitteln, die sie gegen die früheren Rechte des Britannicus zur Eroberung der Macht anwandte, einverstanden. Der Weise und sein militärischer Gesinnungsgenosse überredeten sich, dass die bedenklichen Zwischenfälle ihres Weges am Ende doch der Herrschaft der Tugend, Moral und Milde zu Gute kommen würden. Zu ihrem Besten können wir nur und müssen wir wohl auch das Eine annehmen, dass sie in die Art und Weise, wie Agrippina das Lebensende ihres Mannes beschleunigte, nicht eingeweiht waren.

    Der philosophische Unterricht, den Nero von Seneca empfangen hatte, wird sehr summarisch gewesen sein, ohnehin hatte dieser nur die Hauptdirection, da ihm für das Detail zwei namhafte Philosophen zur Seite standen. Die angebliche Mahnung Agrippina's (Sueton, Nero, cap. 52) an ihren Sohn, er möge seiner hohen Bestimmung nichts vergeben und sich nicht zu weit in die Philosophie einlassen, wäre nur vergeblich gewesen, da der Hofmeister selbst keine Neigung hatte, sich in die Dialektik der alten Systeme zu verlieren. Die historische Folie seines Moralunterrichts wird, wie in seinen Schriften, die Lehre der Bürgerkriege gewesen sein, dass die Eigenmacht und Gcwaltthätigkeit der alten Geschlechter die Herrschaft eines Einzigen nothwendig machte, mit mahnenden Rückblicken auf die späte Milde des Augustus, auf die finstere

     


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    Strengigkeit des Tiberius und die Ausschweifungen von Caligula's Gotteswahnsinn. Gnade, Milde, Wohlthun waren schon die Themas, die der Lehrer dem Schüler in den ersten für ihn ausgearbeiteten Senatsreden eingeprägt hatte, und indem er zu diesen Grundsätzen noch die Gleichheitsideen der Rhetorenschule und das über den hergebrachten Satzungen stehende Menschenrecht hinzufügte, wird er dem Zogling seine Bestimmung in dem malerischen Bilde, wonach von ihm als dem Gipfel der Menschheit alle Gnaden auf den Brdkreis herabströmen sollen, vor Augen gestellt haben.

    Seine am Schluss von Nero's ersten Regierungsjahre veröffentlichte Schrift "über die Gnade" sollte die Welt daran erinnern, dass sein Ideal verwirklicht und das goldne Zeitalter für die Menschheit wieder gekommen ist.

    6. Der Menschenfreund auf dem Thron.

    Die Periode, in welcher der junge im siebzehnten Jahre auf den Thron erhobne Fürst die ihm von seinem Lehrer empfohlene Milde und Gewalt übte, umfasst fünf Jahre und lebte im Andenken der späteren Zeit als das Quinquennium Nero's fort. Trajan soll geäussert haben, hinter demselben ständen alle Cäsaren zurück (Aurel. Victor, cap, 5.).

    Zunächst kam die "Clemenz" dieser Zeit dem Senat zu Gute. Der Volkstribun und Wächter der Demokratie, der in der tribunicischen Gewalt des Kaiserthums fort lebte, regte sich erst allmählich.

    Später war für Nero und seine demokratische Lust nichts schmeichelhafter als der Ausspruch seines humoristischen Vertrauten Vatinius: "ich hasse dich Nero, weil du ein pater conscriptus (Senator) bist!" So oft Seneca in seinen Schriften auf die Thatsache kommt, dass nach der unwiderruflichen Zerstörung der Republik durch den Krieg der Parteihäupter in der Herrschaft eines Einzigen allein die Rettung lag, so lässt er sich doch nirgends eingehend auf die Stellung des Senats in dem neuen Regiment ein, geschweige denn, dass er demselben einen wohlwollenden und theilnehmenden Blick gönnte. In seiner Schrift "über die Gnade," gleichsam dem offiziellen Extract des Geistes von Nero's erstem Regierungsjahre,

     


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    kommt die Position eines Jeden aus dem gnädigen Entschluss des Fürsten, ohne dass einer eigenthümlichen Position des Senats und eines eignen Rechts desselben gedacht wird. Seneca hat ferner (de benef. 7, 4) das Königsrecht des Fürsten schon dahin erweitert, dass ihm nach bürgerlichem Recht Alles gehört, und seine Herrschergewalt, wenn auch jeder Einzelne über seinen Besitz Eigenthumsrecht hat, in andrer Hinsicht, was ihm als eigen abgesprochen wird, wieder als das Seinige in Anspruch nehmen kann. Der Lehrer Nero's macht diesen Satz an dem gefährlichen Beispiel des Weisen deutlich, der dem Recht und Eigenthum nach nur das Seinige, der Idee nach (wie Moser "animo" treffend übersetzt), Alles besitzt und, was ihm Andre geben, von dem Seinigen empfängt. Auch in diesem Zusammenhange wird einer Theilnahme der senatorischen Gesetzgebung an den Verfügungen über das private Eigenthum nicht gedacht.

    Dennoch beugt sich Nero vor dem Senat und wird von Tacitus das mit Würde gepaarte entgegenkommende Wesen gerühmt, mit welchem Seneca als oberster Minister des Fürsten und als Leiter des Senats die Rechte seiner Pairs in demselben anerkannte und zur Geltung kommen liess. Der Senat war auch als Ruine noch die einzige constituirte Gewalt neben der des Fürsten; im Pakt mit ihm hatte sich das Cäsarenthum unter Augustus constituirt und das Kaiserthum hatte noch keine Idee davon, in welcher Form es den definitiven Schicksalsspruch über seinen altersschwachen Genossen überleben sollte.

    So floss das Programm, welches Seneca seinem Schüler für die erste Thronrede aufgesetzt hatte (Tacit 13, 4) von Ergebenheits - Versicherungen gegen den Senat über. Die Augusteiche Theilung der Gewalten sollte bleiben und dem Senat die Gesetzgebung, die Gerichtsbarkeit über seinen Stand und die Oberhoheit über die Provinzen, die noch unter seiner Leitung standen, dem Kaiser die imperatorische Gewalt über die Heere und die Oberleitung der ihm vorbehaltenen Provinzen.

    Die Anerkennung dieser Parität mit der alterthümlichen Corporation und den republikanischen Oberbeamten leistete

     


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    auch Nero, als er es bei der Uebernahme des ersten Consulats, welches ihm als Kaiser zufiel (55 n. Chr.), nicht zugab, dass ihm sein Genosse im Amte, Antistius, den Eid auf die durchgängige Aufrechterhaltung seiner Verfügungen leistete. Der Senat hob dies Compliment in den Himmel und hoffte damit den jungen Menschen zu inhaltsreicheren Beweisen seiner Fügsamkeit anzuspornen. Bald darauf griff er eigenmächtig zu Gunsten der Gerechtsame der Aristokratie zu und erwirkte von Nero die Bestätigung eines Beschlusses, in welchem er eine alte Frage gegen das Interesse der Demokratie entschied.

    Es handelte sich um die Honorare der Sachwalter vor Gericht. Zwei Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung hatte ein Gesetz dieselben verboten, aber nicht verhindert, dass, besonders seit den letzten Parteikämpfen der Republik, die Beredsamkeit mächtig und reich machte. Unter Claudins hatte aber der Hass des Senats gegen einen der kühnsten öffentlichen Ankläger, Suilius, dem aristokratischen Stande eine wahre Begeisterung für die uneigennützige Vertheidigung des Rechts und für die Genügsamkeit mit dem Nachruhm und dem Bewusstsein der guten That eingeflösst. Claudius, von beiden Parteien bestürmt und an die Lage der Plebejer erinnert, die, auf die Friedensarbeiten des Studiums angewiesen, ohne den mässigeu Ertrag derselben weder bestehen, noch zur Förderung der Rechtskenntniss und Beredsamkeit das Ihre beitragen konnten, stand auf Seiten der Demokratie und war gegen das Monopol der Reichen, welche durch ihren unentgeltlichen Gerichtsbeistand sich ihre Klientel erweitern konnten. Er liess sich auch durch den aristokratischen Gesichtspunkt, (welchen Tacitus, Annal. 11, 7, theilt,) dass die Hervorhebung des Geldpunktes nicht recht geziemend sei, nicht irre machen und schlug zwischen den beiderseitigen Interessen einen Mittelweg ein, wonach die Summe von zehntausend Sestertien (etwa vierthalb hundert Thaler) als Maximum für das Anwaltshonorar festgesetzt wurde.

    Agrippina gab ihre Unzufriedenheit mit der Abweichung ihres Sohnes von diesem Claudiusschen Ausgleich zu erkennen. Indessen führten sowohl der Einfluss Seneca's, welcher den

     


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    Ursprung seiner bürgerlichen Unabhängigkeit nicht vergessen konnte, als die eigene demokratische Neigung Nero's zu dem späteren Beschluss, wonach (Sueton, Nero. Kap. 17) die Parteien für die Sachwaltung eine "bestimmte und gerechte" Summe zu zahlen hatten, die Gerichtshaltung aber, deren Kosten die Staatskasse bestritt, unentgeltlich war.

    Einen neuen Anlauf für die Behauptung ihres Herreninteresses machten die Senatoren im folgenden Jahr (56 n. Chr.), als sie einen Beschluss durchzusetzen suchten, welcher die Freigelassenen wieder ihrer Willkür-Verfügung unterwerfen würde. Der "Uebermuth" derselben sollte durch die Bestimmung, dass die Patrone gegen die "Nichtsuutzigen" das Recht zur Zurücknahme der Freiheit erhielten, gebrochen werden, der Ansicht des Fürsten entsprachen aber diejenigen, die in einem von ihm berufenen Comite" auf die Ungerechtigkeit, wegen der Vergehen Einzelner die Gesammtheit büssen zu lassen, auf die weite Verbreitung dieses Corps, ihre bedeutende Vertretung in der Stadt, auch als Diener der Verwaltung und der Priesterschaften und als die Cohorte der Nachtwächter, endlich auf den Ursprung der meisten Ritter und vieler Senatoren aus ihrem Stande und auf den römischen Grundsatz hinwiesen, wonach bei aller Gliederung der Stände die Freiheit ein Gemeingut sein müsse. Sein Antrag, dass man in den einzelnen Fällen die Schuld der Freigelassenen untersuchen, ihre Rechte insgemein aber nicht verkürzen solle, ward Beschluss (Tacit. Annal. 13, 26. 27).

    Später (61 n. Chr.) hatte er einmal einen schweren Stand, als er zwischen der Volksaufregung, welche sich gegen die Hinrichtung des ganzen Sklavengesindes des Stadtpräfecten Pedanius Secundus, der von einem seiner Hausdiener ermordet war, erhob, und der aristokratischen Härte, welche die Vollziehung des alten Gesetzes verlangte, zu entscheiden hatte (Tacit. Annal. 14, 42-45). Kein geringerer als C. Cassius, Stoiker und einer der Führer der republikanischen Opposition, dazu Nachkomme des Mörders Cäsars, war diesmal der Hauptredner im Senat. Er, der bisher zu allen Aenderungen und Neuerungen, die ihm immer nur als "Verschlechterungen" des Hergebrachten erschienen, geschwiegen haben wollte, um nicht

     


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    zu sehr als Vertheidiger des Alten verschrieen zu 'werden, glaubte diesmal das Wort nehmen zu müssen, weil sich die allgemeine Stimmung für die Milde entschieden zu haben schien. In der That wurde sein Vortrag, in dem er das System des Verdachts gegen die Sklaven an den Vorfahren lobte, jetzt aber, da man ganze Nationen mit verschiedenen Religionsriten, mit auswärtigem Gottesdienste oder gar keinem um sich habe, die Furcht für die Zügelung dieses Abspülichts der Welt unumgänglich nothwendig nannte und die Unbilligkeit eines grossen Exempels mit dem Decimiren in der Militärzucht rechtfertigte, mit verworrenen Stimmen, welche ihm die Zahl der Bedrohten, (das Hausgesinde des Ermordeten bestand aus 400 Köpfen), das Alter, das Geschlecht, die unzweifelhafte Unschuld der Meisten entgegenhielten, begleitet und beantwortet. Aber Niemand von der ansehnlichen, jedoch eingeschüchterten Minderheit wagte in einer offenen und ausführlichen Rede für das Gegentheil aufzutreten. Auch der Fürst hielt die Umstimmung der Majorität, die schon ein paar Jahre vorher (57 n. Ch. Tacit. 13, 32) für einen gleichen Fall die durch Testament Freigelassenen den Sklaven gleichgestellt hatte, nicht für möglich. Nachdem er die Volksmassen, die mit Brand und Demolirung drohten, durch ein Edict gescholten hatte, liess er die Strassen, durch welche die Verurtheilten geführt wurden, an beiden Seiten militärisch besetzen.

    Dagegen widersetzte er sich dem Antrage, dass auch die Freigelassenen, die mit den Verurtheilten unter demselben Dach gewohnt hätten, aus Italien deportirt würden. Wenn Mitleiden und Erbarmen, erklärte er in Seneca's Styl und Sklavenfreundlichkeit, die alte Sitte nicht gemildert hätten, so dürfe man sie nicht noch überspannen. Derselben Sklavenfreundlichkeit ist seine Einsetzung eines eigenen Richters entsprungen, der (Seneca, de benef. 3, 22) "über Misshandlung der Sklaven durch ihre Herren ein Verhör anzustellen und der Grausamkeit und Willkür der Herren, so wie ihrem Geiz in Darreichung der Lebensmittel Schranken zu setzen hatte."

    Hören wir nun, wie ein anderer Stoiker und Führer der aristokratischen Opposition das Missvergnügen seiner Gesellschaft

     


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    mit dem kaiserlichen Interesse für einen anderen Theil der unterdrückten Massen ausspricht. Nero blieb dem Grundsatz seiner Vorfahren, die Provinziellen der Ausbeutung durch die Verwalter möglichst zu entreissen, treu. Er selbst bestimmte durch einen Erlass (Tacit. Annal. 13, 32), dass kein Verwalter einer Senats- oder kaiserlichen Provinz ein Gladiatorenspiel, eine Thierhetze oder sonstige Aufführungen spenden sollte, damit ihnen der Anlass zu Erpressungen, durch die sie sich für ihre Ausgaben schadlos hielten, oder die Mittel zur Bestechung der grossen Massen, die nach solchen Vergnügungen eine Anklage wegen etwaiger Gewaltmissbräuche nicht leicht aufkommen liessen, entzogen würde. Die Dreistigkeit eines reichen kretischen Magnaten, Claudius Timarch, der sich öffentlich rühmte, es hinge von ihm ab, ob den Verwaltern Creta's für ihre Amtsführung eine Danksagung gewährt würde, gab aber (62 n. Chr.) zu einer eingehenden Verhandlung im Senat Anlass. Sie wurde im grossen Styl geführt, wie selbst die vornehme, auf die Provinz herabsehende Rede des Pätus Thrasea, die Tacit. (Annal. 15. 20. 21) als Meisterwerk allein anführt, noch beweist. Das Recht der Anklage wohl, meint dieser Führer der Republikaner, das möge den Provincialen zur prahlerischen Bezeugung ihrer Macht bleiben, aber falsches und durch die Bitten der Beamten erpresstes Lob möge untersagt werden. Sonst, wenn Prätoren, Consuln oder selbst Private, zur Berichterstattung abgeschickt wurden, zitterten die Provinzen vor dem Urtheil eines Einzelnen, jetzt komme man den "Auswärtigen" entgegen, schmeichle ihnen und ermuthige sie zur Anmaassung eines Urtheils über die Verwalter, welches nur den Pairs derselben, den "Bürgern" und deren Gerichtshof, dem Senat, zustehe.

    Offenbar lag in dieser Stellung der Frage eine tiefeingreifende Verschiebung der Tendenz, in welcher ein Theil des Senats die Angelegenheit aufgefasst und entschieden sehen wollte. Für die aristokratische Vornehmheit und Starrheit Thrasea's existiren nur die Hochbeamten, die aus Gnade das Recht der Anklage gewähren, aber falsches Lob zurückweisen, und überhaupt auf Anerkennung von Seiten der Provincialen kein Gewicht legen wollen, während die humaner urtheilenden

     


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    Mitglieder des Senats das Interesse der Provincialen im Auge hatten und dieselben durch das Verbot aller Dankesadressen oder Deputationen vom Druck der Beamten befreien wollten.

    Die Consuln, die gewiss auch die Ansicht des Kaisers kannten, wagten es daher trotz des geräuschvollen Applauses, den Thrasea gewann, nicht, den Beschluss zur Perfection kommen zu lassen. Erst, als der Kaiser den Senat von seiner Ansicht unterrichtet hatte, vereinigte sich derselbe in einem Beschluss, der die verächtliche Motivirung Thrasea's nicht mehr hindurchblicken liess.

    Das Verbot für die Statthalter, in ihren Provinzen Feste und andere Spiele zu geben, wirkte mittelbar zur Einschränkung des Gladiatorengemetzels. Nero ging aber auch in Rom selbst mit einem Beispiel zur Beseitigung von Gräueln vor, von denen sich die gemilderten Sitten und Anschauungen allmählig abwandten. So liess er (Sueton, Nero Kap. 12) bei dem Spiel, welches er in dem hölzernen, in der Gegend des Campus Martius errichteten Amphitheater gab, Niemanden, auch nicht von den Verurtheilten tödten.

    "Aber dieser hat einen Strassenraub begangen," lautet das Zwiegespräch, welches Seneca nach einer Schilderung des Gemetzels bei den Gladiatorenspielen (Epist. 7) einführt. Nun, so hätte er verdient, gehangen zu werden. "Jener hat einen Menschen-ermordet." Hat er gemordet, so verdient er dasselbe zu erleiden. Aber was hast du verdient, Elender, Solches mit anzusehen?

    Wir haben in unserer Darstellung von Seneca's geistiger Deutung des römischen Universalismus jenen Ausspruch hervorgehoben, in welchem er es als einen Beweis der römischen Hochherzigkeit rühmt, dass die Kinder Roms sich nicht in die Mauern einer Stadt eingeschlossen, sondern zum Verkehr mit der ganzen Welt ausgedehnt und die Welt als ihr Vaterland bekannt haben. Diesen freien Verkehr der Geister wollte Nero auch im Austausch der irdischen Güter zur Wahrheit machen. ,Durch die Beschwerden des Volks, schreibt Tacitus (Annal. 13, 50. 51) kam er auf die Idee (58 n. Chr.), ob es nicht besser wäre, alle Zölle aufzuheben und damit dem Menschengeschlecht das schönste Geschenk zu machen." Er hatte es

     


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    auf die Beseitigung der Hafenzölle abgesehen, denn die "Aelteren, die seine Hitze mässigten und die Auflösung des Reichs weissagten, wenn die zur Erhaltung desselben nothwendigen Einkünfte verkürzt würden," sagen ausdrücklich, nach der Aufhebung der "Hafenabgaben" würde man auch den Fall der directen Steuern verlangen. Die Erfahrenen, die den Enthusiasmus des Kaisers für Verkehrsfreiheit abkühlten, wiesen ihn ferner auf die von Consuln und Volkstribunen sanctionirten Finanzpächter-Societäten hin und auf das, was sie (a. a. 0.) das immer noch eifersüchtige Freiheitsgefühl des römischen Volks nennen, welches sich einem Eingriff in seine Rechte nicht leicht fügen werde. Dieses "römische Volk" waren aber die Geldleute der Hauptstadt, die, bei der Steuerzahlung in den Provinzen betheiligt, von einer Reform des Zollwesens empfindlich berührt werden mussten. Nero sah sich daher gezwungen, sich mit einer Reform des Steuerwesens zu begnügen: er schaffte einige Erfindungen des Finanzgenies der Pächter ab, lichtete die Wirrniss der Steueredicte, in der sich die Pächter wohl fühlten, erleichterte und ordnete den Recurs gegen die Steuereinnehmer an den Prätor zu Rom und die Gerichtshöfe in den Provinzen und suchte die Rhederei durch einigt Begünstigungen zu fördern. Einem späteren Kaiser, Pertinax (192,193 n. Chr.) war es erst vergönnt (Herodian 2, 4), die Abschaffung der Zölle an den Ufern der Flüsse, an den Häfen der Städte und an den Kreuzwegen durchzusetzen.

    7. Der Tod der Agrippina.

    Nero erscheint uns in den Acten seiner ersten Regierungsjahre als ein fähiges und für alles Edle erregbares Kind. Er folgt willig der Anleitung seines Lehrers und ist der humamen, von den Rhetorenschulen erweckten Tendenz seiner Zeit, im Weltbürger den Menschen zu schätzen, persönlich zugethan. Sowohl seine eigene, zum Warten geneigte Natur, als die besonnene Politik seines Ministers bewogen ihn zur Nachgiebigkeit gegen den Senat, wenn dessen Beschlüsse nicht ohne einen harten Zusammenstoss zurückgewiesen werden konnten. Dabei hielt er, wie z. B. in der Sklavenfrage, mit seiner vom aristokratischen Gesichtspunkt abweichenden Ansicht nicht zurück

     


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    und geduldete sich, bis die Zeit gekommen war, die Härten eines senatorischen Beschlusses zu mildern und zu corrigiren.

    Seine Mutter trug zuerst dazu bei, dass er der Kindheit entwuchs. Der Kampf mit ihrer Herrschsucht, die ihn nach Sueton (Nero, Kap. 34) einmal zu der allarmirenden und das Volk beunruhigenden Drohung bewogen haben soll, er werde sich, um einer beständigen Kritik seiner Worte und Handlungen zu entgehen, als Privatmann nach Ehodus zurückziehen, dauerte fünf Jahre. Seneca, welcher durch die Eingriffe der Kaiserin-Mutter in die Regierung sowohl die Würde des Throns als seinen eigenen Einfluss gefährdet sah, stand dem mündig werdenden Kinde mit Rath und That zur Seite. Er war es, der im Bunde mit Burrus den Blutbefehlen Agrippina's in den ersten Tagen der Regierung ihres Sohnes ein Ende gebot. Er ertheilte ihr, die bei dem Empfange von Gesandtschaften sich als die eigentliche Regentin einstellte, endlich eine empfindliche Lehre. Als sie sich wieder im Senat einfand, um der Audienz armenischer Gesandten und deren Gesuch um Hilfe gegen die Parther auf dem kaiserlichen Thron beizuwohnen, gab der Minister dem Kaiser einen Wink, ihr vom Thron herab entgegenzugehen und die Audienz unter einem Vorwande abzubrechen (Tacit. Annal. 13, 5. Dio Cass. 61, 3).

    Seneca war ferner nicht gegen das Liebesverhältniss, welches Nero in dem Umgange mit dem Lebemann Otho und Claudius Senecio, dem Sohne eines Freigelassenen des Claudius, mit der Freigelassenen Acte anknüpfte. Der stoische FürstenInformator schlug seine Bedenken mit dem Trostgrund nieder, dass sein Zögling eine gewisse Fremdheit gegen die Gemahlin Octavia doch einmal nicht überwinden zu können scheine, und zog auch den Umstand in Rechnung, dass das anspruchslose, wahrscheinlich griechische Mädchen Niemanden in der nächsten Umgebung des Fürsten beeinträchtigen werde. Die Mutter schöpfte dagegen Argwohn und liess sich von der Eifersucht auf den Einfluss eines fremden Weibes zu harten Ausdrücken über die Freigelassene fortreisseu, welche den Sohn reizten und nur intimer zu dem nachsichtigen Lehrmeister hinzogen. Ja, ein Verwandter Seneca's, Annäus Serenus, Oberster der Leibwache, dem die Schrift "über die Gemüthsruhe" gewidmet ist,

     


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    und dessen Tod später (Epist. 63) seinem älteren Freund sehr schmerzhaft war, wurde dazu auserlesen, dem Liebesverhältniss seinen auffallenden Charakter zu nehmen. Serenus spielt öffentlich den Liebhaber Acte's und überreicht ihr die Geschenke, die ihr Nero gewidmet hatte. Agrippina lenkt darauf ein, schmeichelte dem Sohn, beschenkt ihn aus ihrem Privatschatz, der dem kaiserlichen nicht nachstand, und bietet ihm an, er möge seine Liebschaft nur ihrer Mitwissenschaft und Theilnahme anvertrauen. Aber Nero liess sich nicht mehr täuschen und seine nähcsten Freunde, also auch Seneca, war- nen ihn vor der Verstellung der harten Frau.

    So stieg die Verbitterung zwischen Mutter und Sohn. Jene, die neulich von Nero Geschmeide und Zierrathen aus dem Schatz der Kaiserfrauen zugeschickt erhalten hatte, verbat sich fernere Geschenke, die dem kaiserlichen Hausschatz angehörten, welchen er nur durch sie erhalten hätte. Der Sohn rächte sich durch die Entlassung des Pallas, der den Fiscus unter sich hatte und (nebenbei bemerkt), als er stolz den Palast verliess, von einer Schaar treuer Freunde begleitet wurde. Dann kam Agrippina's Drohung, sie werde mit Britannicus, den die Götter ihrer Rache aufbewahrt hätten, ins Prätorium gehen und als Tochter des Germanicus den Wettstreit mit dem invaliden Burrus und mit dem "Exil-Seneca", der mit seiner Schulmeistersuada die Herrschaft über die Menschheit üben wolle, kühn bestehen -- endlich des Britannicus Tod.

    Tacitus deutet sichtlich auf Seneca hin, wenn er (Annal. 13, 18) bemerkt, als Nero den Nachlass des gemordeten Bruders unter seine Freunde veitheilte, hätten es einige den Männern, die eine strenge Gesinnung zur Schau trugen, sehr verdacht, dass sie die Paläste und Villen wie eine Beute unter sich theilten, während Andere sie mit dem Zwangeent schuldigten, welche der Fürst übte, um durch die Verpflichtung der bedeutendsten Männer eine Art vou Verzeihung zu erkaufen. Merivale bezeichnet Seneca geradezu als Urheber des Verbrechens und dieses selbst als einen Meisterstreich der Staatskunst.

     


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    Indessen steht dem Bericht des römischen Annalisten ein sehr gewichtiges Zeugniss, das des Josephus entgegen.

    Es kann nichts anschaulicher und dramatischer sein als die Darstellung des Tacitus. Erst wird Nero's durch die Drohungen der Mutter erregter Sinn noch durch ein Ereigniss am ersten Saturnalienfest, das er als Kaiser feierte, in Angst gesetzt. Durch das Loos zum König des Festes ernannt, fordert er den Britannicus auf, vor den Gästen ein Lied vorzutragen, und hofft, der blöde Knabe werde den Spott der grossen Gesellschaft einerndten. Als aber der Prinz mit Entschlossenheit vortritt, ein Lied anstimmt, welches mit den Klagen eines um Erbe und angestammte Herrschaft Gebrachten sein eigenes Schicksal abmalt, und statt des Gelächters die Theilnahme der trunkenen Gäste einerndtete, ersann Nero seinen Mordplan. Die Ausführung geschah Angesichts des Hofes und einer grossen Gesellschaft, während der Tafel und an dem massiger besetzten Tisch, an welchem Britannicus nach der Sitte des Hofes mit adligen Altersgenossen speiste. Der Knabe fiel leblos zusammen, als er aus dem Becher trank, dessen heissen Wein er sich so eben mit Wasser hatte schwächen lassen. Das Wasser war mit dem, in einer wahren Höllenscene bereiteten Gift versetzt. "Die Gäste entsetzen sich; die Vorschnellen fliehen davon; die sich besser auf die Künste dieser Welt verstanden, rührten sich nicht und sahen Nero, der unwissend thut und das Ganze einen der gewöhnlichen und bald wieder vorübergehenden Anfälle nennt, ins Auge; Agrippina unterdrückt ihr Entsetzen, doch blitzt es aus ihrer Miene; die unreife Octavia hatte es schon gelernt, Schmerz, Liebe und Gemüthsbewegungen zu verbergen." (Annal. 13, 16).

    Tacitus will uns ferner glauben machen, dass Nero den Holzstoss, auf welchem der gemordete Prinz noch in derselben Nacht verbrannt wurde, schon vorher hatte aufrichten lassen. Mit den in einander geschachtelten Andeutungen seines Pragmatismus lässt er den Volkshaufen im Sturmregen, welcher die Beisetzung der Asche auf dem Campus Martius begleitete,

     


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    den Zorn der Götter über das Verbrechen erkennen, viele aber auch in Uebereinstimmung mit dem Urtheil des Himmels dem Brudermord Verzeihung widmen, weil er die weiteren Scheusslichkeiten, die der Bruderzwist um die Herrschaft erzeugt haben würde, abschnitt. Ja, er übergipfelt diese religiösen Deutungen noch durch die Betrachtungen von Zeitgenossen der Begebenheit, die wegen der Schändung und Befleckung des Britannicus durch Nero in den Tagen vor der Katastrophe den Tod des Knaben noch für ein Glück erklärten.

    Alle diese einander jagenden Scenerien, Deutungen und Zurechtlegungen verfliegen vor dem Zeugniss eines Mannes, der seine unpartheiische Beurtheilung Nero's ausdrücklich den Darstellungen der Schmeichler und Hasser entgegenstellt. Josephus hat bei seinem ersten Aufenthalt in Rom, zur Glanzzeit der Neronischen Regierung allen Anlass gehabt, Stimmungen und Urtheile an Ort und Stelle zu studiren; später, in Rom selbst als Flavier sesshaft, hatte er eine jahrelange Musse dazu, für sein Geschichtswerk die Arbeiten seiner römischen Zeitgenossen zu prüfen ; er zählt auch die "Verbrechen des todten Kaisers mit der Kälte eines Fremden auf, aber er unterscheidet (Archäol. 20, 8, 2): "den Britannicus bringt Nero heimlich durch Gift um, öffentlich aber tödtet er seine Mutter." Diese paar Worte entscheiden für uns gegen die Malerei und pragmatische Wirrniss des Tacitus. Ob der Tod des unglücklichen Knaben durch Gift oder in einem epileptischen Anfall erfolgt sei, ist natürlich jetzt nicht mehr zu entscheiden. Seneca's Mitwirkung in dieser Episode beschränkt sich aber auf die Abfassung des Edicts, in welchem Nero nach dem Tode seines Bruders erklärte, dass er nun als allein noch erhaltener Vertreter der Claudischen Familie sich um so inniger dem Senat und Volke widmen werde.

    Noch in demselben Jahre (55) erscheint Seneca als Mit. glied einer Hausjury, welche Nero unter Burrus Vorsitz und mit einigen Freigelassenen als Beisitzern anordnet und zur Agrippina schickt, als diese von zwei Feindinnen der Verschwörung gegen ihn angeklagt wird. Es waren die ältere

     


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    gleichnamige Schwester der von Agrippina hingemordeten Domitia Lepida, die es der Verfolgerin ihres Hauses nicht vergessen konnte, dass sie ihr (nach der Rückkehr aus dem Exil) ihren Mann, den reichen Redner Crispus Passienus abspenstig gemacht und nach wenigen Jahren beerbt hatte, und Julia Silana, die ihren Mann Silius durch dessen Scheinheirath mit der Messalina verloren und sich für eine frische Beleidigung an der Agrippina zu rächen hatte. Beide hatten die wachsende Entfremdung zwischen Mutter und Sohn, die Verweisung der Ersteren aus dem Palatium und das öffentliche Gerede von ihren Umtrieben mit dem alten Adel und den Obersten und Hauptleuten des Prätoriums und ihrer zur Schau getragenen Theilnahme für die vernachlässigte Octavia benutzt, um Nero durch ihre Freigelassenen mit dem Schreckbilde einer Verschwörung noch vollends gegen seine Mutter aufzubringen. Jedoch gelang es dieser, das Hausgericht noch einmal durch leidenschaftliche Appellation an die Unmöglichkeit, dass sie bei ihren und ihres Sohnes Feinden ihr Heil suchen könne, zu betäuben und für manche unbedachte Worte, die ihr die Reizbarkeit der Mutterliebe entrissen hatte, vor dem obersten Tribunal ihres kaiserlichen Sohnes die Gelegenheit zu einer Verständigung zu erhalten. Diese Audienz führte zur Verbannung der Silana und ihrer beiden Freigelassenen und zur Hinrichtung des Freigelassenen der Domitia.

    Der endliche Sturz Agrippinen's sollte durch ein Weib herbeigeführt werden, welches eben so, wie sie selbst um das Ehebett des Claudius gebuhlt hatte, entschlossen war, sich über ihrer Leiche den Weg zum Thron Nero's zu bahnen. Es war Sabina Poppäa, -- eine Kokette von sanfter Schönheit, die unter dem Schein der Bescheidenheit ihre schöngeistige Bildung, das Gewinnende ihrer Unterhaltung und die Anmuth ihrer Gestalt für ihren gesellschaftlichen Vortheil zu verwerthen verstand. Verheirathet mit Rufus Crispinus, dem sie schon einen Sohn geboren hatte, lockte sie Otho, den Freund und Tafelgenossen des Kaisers an sich, um durch den Vertrauten des Fürsten diesen selbst zu gewinnen. Otho, mit ihr verheirathet, macht seinen Herrn zum Hausfreunde und

     


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    wird, um diesem Platz zu machen, mit der Präfectur von Lusitanien abgefunden.

    Und wieder erscheint Seneca. Plutarch erzählt in seiner Biographie Galba's, Seneca sei mit Otho befreundet gewesen und habe ihm die Verwaltung Lusitaniens verschafft. Bedurfte aber der Vertraute des Kaisers einer Empfehlung? Kam es nicht vielmehr nur darauf an, die Ehe Otho's zu lösen und ihn an das Ende der Welt zu schaffen? Sollte sich also Seneca an dieser Angelegenheit wenigstens soweit betheiligt haben, dass er seinen Zögling von dem ärgerlichen Gerede einer ehebrecherischen Hausfreundschaft befreien half und mit Nero den Winkel des Reichs suchte, in den man Otho verstecken könnte?

    Jetzt kam die Zeit, wo Nero die Hülle der Kindheit ablegte und der Mann geboren wurde. Die Geburtswehen waren schwer und Seneca musste noch einmal helfen. Poppäa setzte Nero mit ihrem Anliegen zu,. sich von der Vormundschaft der Mutter zu befreien. In dieser, der Wächterin Octavia's, erblickte sie das einzige Hinderniss, welches ihrer Verbindung mit dem Fürsten entgegenstehe; an Seneca's und Burrus Theilnahme für die Gemahlin Nero's dachte sie nicht oder sie hoffte, diese Aufseher nach dem Fall der Mutter leicht zu beseitigen.

    So erfolgten im März des Jahres 59 das Gastmahl, welches Nero Agrippinen zu Bajae gab, und die leidenschaftlichen Bezeigungen seiner kindlichen Ergebenheit und Dankbarkeit, -- die Ueberfahrt der Mutter nach ihrem benachbarten Landhause zu Bauli auf dem trügerischen Schiffe, welches, von dem Freigelassenen Anicet, Admiral der Flotte von Misenum, hergestellt, sie den Wellen übergeben sollte, ihre Verwundung bei der Rettung und die düsteren Nachtstunden, in denen Mutter und Sohn den Abgrund des Nichts, der sich,vor ihnen aufthat, anstarrten.

    Die Mutter sah nun nach den Erlebnissen der Nacht, dass die Liebe und Hingebung, welche der Sohn beim Gastmahl zu Bajae geschworen hatte, nur Verstellung war, um sie auf das Schiff zu locken. Nach diesem Verrath war an ein Erwachen

     


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    der kindlichen Neigung nicht mehr zu denken, war es vielmehr gewiss, dass der entlarvte Verbrecher, von der Scham der Entdeckung gepeinigt, seinen Plan mit sichern Mitteln verfolgen werde. Es blieb für den Augenblick nur Ein Ausweg -- Zeit gewinnen und sich stellen, als ob sie nichts von seinen Absichten ahne.

    Der Sohn ward nicht weniger erschüttert, als, statt der Nachricht vom Untergange der Mutter, ihr Bote kam und meldete, dass sie durch die Güte der Götter mit einer loichten Verwundung einem schweren Unfall entgangen sei. Nach seiner Kenntniss der Mutter sah er mit Einem Blick, dass Vergessenheit des Geschehenen und Herstellung eines beruhigten Verhältnisses zwischen Beiden unmöglich sei.

    Burrus und Seneca, die er in seiner Betäubung rufen lässt, blieben lange sprachlos, als er ihnen die Situation erklärt hatte. Tacitus sagt, man wisse nicht (Annal. 14, 7), ob er sich ihnen ganz entdeckte, -- aber sie durchschauten die Sache, sahen das Vergebliche eines Abrathens von Gewaltmassregeln ein, getrauten sich jedoch mit der Sprache nicht heraus, bis Seneca mit einem Blick auf Burrus den Wink fallen lässt, ob dem Militär der Mord zu übertragen sei. Der Befehlshaber des Prätoriums erwidert: "gegen ein Mitglied des Hauses des Germanicus gewiss nicht," und weist dem Anicet die Sache zu. Nero athmet auf und fühlt sich endlich als Mann, als dieser die Ausführung übernimmt. Der Freigelassene eilt mit seinen Leuten von der Flottenmannschaft nach dem Landhause Agrippinens und lässt sie von einem Schiffskapitän mit einem Knüttel niederschlagen, von einem Hauptmann mit dem Schwerdt vollends tödten. Seneca beschliesst die Angelegenheit mit einem kaiserlichen Bericht an den Senat, in welchem Nero den Boten der Mutter in einen gedungenen Mörder verwandelt und erzählt, dass sie sich im Bewusstsein ihrer Schuld selbst umgebracht habe. Die von Quintilian (8, 5, 18) aufbewahrte Antithese dieses Berichts: "an meine Rettung kann ich noch nicht glauben, noch mich über sie freuen," beweist seinen Seneca'schen Ursprung.

    Sallust sagt, Herrschaften würden mit denselben Mitteln, mit denen sie erworben sind, auch erhalten; richtiger würde

     


                                           Der Tod der Agrippina.                                        125


    der Schluss lauten: gehen sie auch verloren. Der grosse Kenner der Welt und des Lebens, Lucretius, (de Rerum Natur. 5, 1152) wusste es besser: "Gewalt und Unbill fallen auf den, von dem sie ausgegangen sind, zurück." Dieser, durch die Geschichte gehenden und den Missklang in die Symphonie des Ganzen auflösenden Gerechtigkeit ist Agrippina erlegen; auch Seneca wird für die Geschäftigkeit, mit der er, um das Reich der Tugend auf Erden zu gründen, am claudischen und neronischen Hofe die Künste der Ueberlistung für seine Zwecke benutzte und zuletzt selbst nach der obersten Gewalt die Hand ausstreckte, büssen und Nero wird als Mann das Maass der Gewalt, mit welcher seine Vorgänger, bis auf den Dictator Julius zurück, die Alleinherrschaft gründeten und behaupteten, zum Ueberschäumen bringen und unter der Last seiner Thaten zusammenbrechen. Mit ihm wird das Haus der julisch-claudischen Cäsaren fallen.







     

    [ 126 ]



    III.
    Nero's und Seneca's Untergang.


    1. Der Kosmopolit auf dem Thron.

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    Nero war kein römischer Nationalpatriot mehr in jenem exclusiven Sinne, in welchem der alte Römer sich im Stolz auf sein Blut das Vorrecht von den Völkern der Erde zuschrieb. Virgil hatte dieses Nationalgefühl noch einmal in einigen seiner pomphaftesten Verse zum Ausdruck gebracht, jedoch standen schon am Saum des Morgens und der Mitternacht die dunklen Massen, welche diesen Stolz demüthigen sollten, und im Innern des Reichs begannen die Kaiser, eine Ausgleichung der Rechte und des Blutgegensatzes herbeizuführen. Nero, der Menschenfreund, schritt auf ihrer Bahn kühn vorwärts und wollte den Universalgeist seines Weltreichs zur Erscheinung bringen.

    Wie Seneca die Hochherzigkeit rühmte, mit welcher die Römer ihre städtische Natur zum Weltverkehr erweitert haben, in welchem der Mensch dem Menschen gleichberechtigt zur Seite steht, so sah der kaiserliche Zögling des Philosophen von seinem Thron auf eine Menschengemeinde herab, in welcher seine "Clemenz" den Unterschied der Rechte nicht duldete und im Kreis der Besiegten die Erinnerung an ihre frühere Niederlage zu tilgen suchte. Was bürgte aber dafür, dass an der Spitze dieser grossen Gemeinde immer ein römischer Herrscher stehen würde? -- dass die Gemeinde einmal wieder zerfallen oder in zwei Hälften auseinander klaffen, der Schwerpunkt nach dem Osten wandern wird?

     


                                    Der Kosmopolit auf dem Thron.                                 127


    Der Gedanke der Theilung der Welt hatte in der Zeit der Bürgerkriege und Triumvirate schon gespukt und Gestalt gewonnen, Augustus den Besitz des Abendlandes durch die Ueberlassung des Ostens an Antonius erkauft. Kaum ein Jahrhundert war nach Nero's Tod verflossen, als am Hof der Wittwe des Alexander Severus der Plan erwogen wurde, den Bruderzwist zwischen Geta und Caracalla durch die Vertheilung des Orients und Abendlandes an die beiden Prinzen auszugleichen. In seiner Leidenschaft für die Welteinheit traute Nero Rom für sich allein und mit seinen absterbenden oder verstimmten Geschlechtern nicht mehr die Kraft zu, die Völker des Erdkreises auf die Dauer zusammenzuhalten, und alle Einheit der Verwaltung und Centralisation der Herrschaft konnte den Unterschied der lateinischen Hälfte im Abendlande und der griechichen im Morgen nicht verwischen.

    Die römische Sprache und Literatur machte im Osten keine umfassenden Eroberungen. Horaz und Virgil wurden unter den Griechen keine populären Dichter, ohnehin besassen die Letzteren die Originale, welchen die Lateiner nacheiferten. Auch für die Beredsamkeit des Forums und des Senats konnten sich die Nachkommen des Demosthenes und Aeschines als die Meister ihrer abendländischen Schüler betrachten. Das Lateinische war in Griechenland und Asien durch das Recht und durch das Beamtenthum der Verwaltung und der Armee die officielle Sprache, aber in Gemeinde, Cultus und Haus behauptete das Griechische die Alleinherrschaft. Und obwohl politisch die Unterworfenen, übten doch die Griechen mit ihren Schulen, ihrer Literatur und mit den Kunstwerken ihrer Tempel und öffentlichen Plätze auf das Abendland einen Zauber aus, der ihnen die Sieger botmässig machte.

    Es ist, als ob die Wogen des Bosporus sich über die Axe dahinwälzten, um welche sich die Geschicke des Morgens und Occidents bewegen und welche die emancipirten Flüchtlinge des Abendlandes mit ihrer Centralisationskraft immer wieder in ihren Bann zieht. Justinus und sein Autor Trogus Pompejus hatten keine schlechte Idee, als sie die Weltgeschichte in den Rahmen der macedonischen Vereinigung des Abendlandes und Orients und deren Vorbereitungen und Störungen spannten.

     


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    Ehe nach Nero's Tode sieben bis acht Jahrzehnte vorübergehen, werden wir Griechen im Philosophenmantel in Rom einziehen und den Kaisern ihre Vertheidigung der Botschaft widmen sehen, dass der Logos des Ephesiers Heraklit in Menschengestalt erschienen ist und die Völker der Welt zu seiner Gemeinde berufen hat. Und^ anderthalb Jahrhunderte darauf wird sich Constantin d. G. an die Spitze dieser Prediger und Bekenner des griechisch-orientalischen Logos stellen und fern vom römischen Senat am Bosporus sein und dieser Bekenner Hauptquartier aufschlagen. Von diesem östlichen Schwerpunkt des Reichs aus werden dann drei Jahrhunderte hindurch neben den Kaisern die Bekenner jenes Logos mit ihrem dialektischen Streit über das Verhältniss desselben zum Urwesen und zur menschlichen Natur die Welt erfüllen und kommenden Geschlechtern die metaphysische Grundlage ihres Glaubens vorschreiben.

    Nero bewegte sich in dieser Strömung, die nach dem griechischen Schwerpunkt des Reichs hinging, als er die Kluft zwischen Abend und Morgen ausgleichen, Rom gräcisiren und sein Ideal einer einigen Welt verwirklichen wollte, in welcher die Herrscherin des Abendlandes und Athen sich die Hand reichen. Er wollte Gefahren vorbeugen, die er ahnte, von deren bitterem Ernst indessen er sich noch keine deutliche Vorstellung machen konnte. Zugleich setzte er damit in Rom die Assimilation des Griechenthums fort, die seit ihrem Beginn in der Zeit der letzten punischen Kriege, während der Bürgerkriege und unter den ersten Kaisern reissende Fortschritte gemacht hatte. Wir erinnern nur an den begeisterten Preis, welchen Lucretius (Rer. Natur. 6, 1-33) Athen als der Trösterin der kranken Welt und Mutter Epikur's, des Herzensreinigers, widmete. Cicero verehrt die Philosophie Athens als seine Hausgöttin und Begleiterin durchs Leben. Aus Griechenland ist die Kunde vom Menschenrecht und dessen Ueberlegenheit über die Satzung in die römischen Hörsäle der Kaiserzeit gekommen und Seneca hat dem kaiserlichen Nivellement durch sein, der Stoa und dem Garten Epikurs entlehntes Dogma von der allgemeinen Gleichheit die philosophische Weihe gegeben.

     


                                    Der Kosmopolit auf dem Thron.                                 129


    Als Cicero's Freund, Cornelius Nepos in dem Vorwort zu seinen biographischen Skizzen und in dem Abschnitt über Epaminondas den Gegensatz der griechischen und römischen Lebenshaltung zeichnete, hatte derselbe schon seine Schroffheit verloren. Bs war nicht mehr ganz richtig, wenn er Tanz und Musikübung, in denen sich Epaminondas von den berühmtesten Meistern unterrichten liess, als Etwas bezeichnet, was römische Sitte für Ausschweifung hält. Nero war nicht der Erste, der den alten Römer für eine einseitige Figur hielt und durch die Combination mit der künstlerischen Vielseitigkeit der Griechen ergänzen wollte. Schon in der Zeit des letzten punischen Krieges gab es Senatoren, welche die griechische Virtuosität mit dem Ernst des militärischen Herrschers vereinigten. Der Cato jener Zeit hielt sich z. B. über einen Senator auf, der, kaum vom Streitross gestiegen, sich zum "Possenreisser" macht und ein Menuet aufführt. Er zeigt sich, sagt von demselben der strenge Censor, als Sänger, wo es ihm beliebt, setzt griechische Verse in Scene, trägt Farcen vor und macht Calembourgs. Scipio Aemilianus Africanus, der Jüngere, klagt in einer Rede, dass die Leute dieser Art sich in unehrenhaften Gaukeleien üben, mit Saiteninstrumenten in die Komödiantenschule gehen, tanzen und singen lernen. In dieselbe Schule strömen Jungfrauen und freie Knaben: -- als ich die Erzählung von diesem Treiben nicht glauben wollte, sagt der Besieger Karthago's, führte man mich in eine solche Tanzschule und wahrlich, ich sah daselbst mehr als fünfhundert Mädchen und Knaben, und darunter ein Kind, den Sohn eines Staatsamts-Candidaten, nicht mehr als zwölf Jahre alt, mit Klappern tanzen. Der Triumphator Appius Claudius, bis in sein hohes Alter Mitglied der Salier, war stolz darauf, dass er bei den Aufzügen seines Priestercorps unter seinen Collegen am besten tanzte. Zur Zeit Cicero's rühmten sich drei adlige Grosse, darunter der Sohn des Triumvir Crassus, die vollendetsten Meister der Tanzkunst zu sein, und der Dictator Sulla selbst war nach Macrobius, dem man diese Notizen über die frühe Gräzisirung des Adels zu verdanken hat (Saturnal3, 14) Virtuos im Gesang und beschenkte den von ihm hochgeschätzten Schauspieler Roscius mit dem goldenen Ritterring.

    Nero war nach der Ermordung seiner Mutter als Triumphator

     


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    (über die angeblichen Anschläge Agrippinens auf sein Leben) in Rom kaum eingezogen, als er die Bühne aufschlug, auf welcher die Metamorphose Roms in Griechengestalt vor sich gehen sollte. Der altrömische Sinn, -welchen die Mutter mitten in der Demokratisirung und Nivellirung der römischen Gesellschaft bewahrte, stand ihm nicht mehr im Wege. Er war frei geworden. Nach dem Bericht des Tacitus soll er, als der Flottenpräfect Anicet sich zur Ausführung des Schlags bereit erklärte, mit einem sprechenden Blick auf die zaudernden Pädagogen, Seneca und Burrus, ausgerufen haben, einem Freigelassenen verdanke er zu dieser Stunde den wirklichen Antritt der Herrschaft. Herrschen hiess ihm aber nach seiner Idee die Welt umgestalten, und er war überzeugt, dass er auch in der schöneren Welt, die seiner Phantasie vorschwebte, zur. ersten Rolle berufen sei.

    Tacitus nennt (Annal. 14, 15) die Juvenalia, die er noch im Jahre 59 zur Feier seiner ersten Bartabnahme gab, einen vorbereitenden Versuch und Uebergang, da er sich nicht sogleich im Anfang durch das Auftreten auf einem öffentlichen Theater "entehren" wollte. Er hatte also ein auserlesenes Publikum eingeladen; die vornehme Welt betrat selbst die Bühne und Tacitus berichtet mit unwilliger Miene über die Entehrung der hohen Geschlechter, dass nicht Adel, Alter oder Ruhm des obersten Staatsdienstes Jemanden abhielt, sich nach Art griechischer und lateinischer Bühnenhelden blosszustellen und in unmännlicher Weise zu tragiren und zu singen. Nero selbst trat als Sänger auf und spielte die Zither. Prätorianer, Soldaten, Hauptleute, Oberste umgaben die Scene; Burrus spendete, Trauer im Antlitz, wie sich Tacitus ausdrückt, auch sein Lob. In jene Zeit verlegt der Verfasser der Cäsarengeschichte auch die Bildung des Augustianercorps, welches aus Rittern bestand, die ihr Glück machen wollten und es sich zur Ehre rechneten, die Schönheit des Fürsten und die Göttlichkeit seiner Stimme zu preisen.

    Dem folgenden Jahr (60) gehört die Stiftung der Neronien an, die alle fünf Jahre gefeiert werden sollten und, nachdem sie Domitian als die capitolinischen erneuert hatte, sich bis zu den Zeiten Constantin's erhielten. Sie waren ganz nach

     


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    griechischem Muster den musischen Uebungen, also Musik, Poesie und Beredsamkeit, dem Ringkampf und dem Wagenrennen gewidmet (Sueton, Nero 12. Tacit. Annal. 14. 20, 21). Das Publikum war wieder ein auserlesenes und der Schauplatz die Bühne des Fürsten. Lucan bezeichnete auf diesem Feste seine Einführung an den Hof durch den Vortrag seines Gedichtes zur Verherrlichung Nero's; dieser selbst erhielt, ohne mit einem Gedicht oder mit einem Vortrage aufzutreten, den ersten Preis der Beredsamkeit. Bei der Wiederholung der Neronien (Tacit. Annal. 16, 4) im Jahre 65 wollte ihm der Senat das Auftreten auf der Scene ersparen und bot ihm den Preis im Gesang und in der Beredsamkeit an. Nero erklärte aber, er wolle als Gleicher unter den Mitbewerbern sich stellen und von den Richtern das verdiente Lob einernten, trägt zuerst ein Gedicht vor und zeigt sich dann mit allem Ceremoniell dieser Virtuosen als Zitherspieler.

    Bleiben wir einen Augenblick bei der Angabe des Tacitus stehen, wonach (Annal. 16, 4) das Auditorium die Kunstleistung des Kaisers mit einem Beifall belohnte, welcher harmonisch gestimmt war und sich in melodiösen Figurationen bewegte (certis modis plausuque composito). Auch Sueton, der (Nero Kap. 20) den Fürsten jene Agustianer-Cohorte aus dem Ritterstande erst nach dem Wohlgefallen bilden lässt, das er bei seinem späteren Auftreten auf der Bühne von Neapel an den Beifallsbezeugungen der dortigen alexandrinischen Gäste empfand, bezeichnet dieselben als harmonisch gestimmt (modulatae). Erinnern wir uns dann, dass Augustus (Sueton Octav. 57), wenn er aus der Provinz in die Stadt zurückkehrte, vom Volk mit melodiösen Gesängen empfangen wurde, so werden wir in diesen Huldigungen einen gewissen religiösen Charakter nicht verkennen dürfen.

    In der That waren die Neronien eine Art von Cultus zur Feier der Gottheiten, welche die Dichter und Künstler zu ihren Werken begeistern. Die fünfjährigen Spiele, welche Augustus nach dem Siege bei Actium an der Stätte seines damaligen Hauptquartiers stiftete und dem actischen Apollo widmete, das Original der Neronien, waren auch heilige und heissen bei Tacitus die "actische Religion." So stolz

     


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    Nero auf sein Menschenthum und seine Menschenkraft war, so liess es sich doch mit seinem Kunstenthusiasmus vereinigen, dass er sich mit seinen höchsten menschlichen Leistungen, als Virtuose, in der Rolle des auserlesenen Priesters des Musageten und Lichtgottes gefiel. Seine Augustianer, deren Name' an das Priestercorps der Augustalen erinnert, welche Tiberius (Tacit. Annal. 2, 95) dem julisehen Geschlechte widmete, waren gleichsam der Chor, welcher der Action des Oberpriesters einen bekräftigenden Zuruf folgen liess.

    (Beiläufig! Den späteren Kaisern, zuerst dem Trajan, leistete, wie aus des Plinius Panegyricus hervorgeht, der Senat innerhalb seiner vier Wände mit melodiös gestimmten Acclamationen eine ähnliche Huldigung; Aelius Lampridius hat uns in seinem Leben des Alexander Severus (Kap. 6-9) den Choral oder Canon, mit welchem der Senat diesen Kaiser in seiner Mitte empfing, aus den Staatsacten mitgetheilt.)

    Tacitus, der bei Gelegenheit der ersten Neronienfeier, unter der Maske der altväterlich Gesinnten die Klage über die künstlichen Anstalten zur Verderbniss der vornehmen römischen Welt anbringt, giebt zuletzt zu, dass die griechische Tracht, die für das Auditorium jener Auflührungen vorgeschrieben war, schon etwas Alltägliches geworden war. Der Zusammenfluss der Nationalitäten in Rom hatte längst die römische Toga in die Minorität gedrängt und die herabgekommenen Eingeborenen legten nach den Bürgerkriegen auf die Ehrentracht, die Virgil noch in demselben Augenblick verherrlichte (Aeneid. 1, 281), kein Gewicht mehr. "Seht die Römer," sagte mit den Worten des Dichters Augustus (Sueton Octav. 40), als er einmal bei einer Volksversammlung einen Schwarm von Leuten in dunkeln Mänteln sah, "seht die Weltherrn, das Togavolk." Das Gebot des Augustus an die Aedilen, Niemanden mehr mit einem Mantel auf das Forum und in dessen Umgegend zuzulassen, half so wenig wie Domitian's spätere Versuche, im Völkergewimmel Roms die Toga wieder zu Ehren zu bringen; der dunkle Ueberwurf behaup. tete doch seine Herrschaft. Die vornehme Welt hatte es von ihrem Villenleben im griechischen Unteritalien gelernt, sich's im leichten Ueberwurf bequem zu machen, und auch Claudius,

     


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    der sonst auf römischen Anstand hielt, lebte, wenn er Neapel besuchte, mit seinem Hofe ganz auf griechischem Fuss.

    Der kaiserliche Zwang, dem nach Tacitus und Dio Cassius Senatoren und Ritter bei ihrem Auftreten auf der Bühne unterlagen, hat schwerlich in dem Sinne stattgefunden, wie diese Schriftsteller ihren Lesern einreden wollen. Der grosse Mimendichter Laberius, den Julius Cäsar nach dem Antritt seiner Dictatur aufforderte, sich ihm auch als Acteur zu zeigen, klagte in seinem rührenden Prolog über den Zwang, der ihn, den von Jugend an kein Ehrgeiz, kein Geschenk, keine Furcht noch Gewalt und kein Machtgebot aus seiner Positur bringen konnten, in seinem hohen Alter in eine Lage versetzte, aus der er nicht mehr als Ritter, der er heute noch war, seinen Heerd wieder sehen werde (Makrob. Saturn. 2, 7). Laberius jammert darüber, dass Demjenigen, dem die Götter selbst Nichts versagen konnten, er als Mensch Nichts abschlagen durfte. Die Kaiser seit Augustus machten aber schon vergebliche Anstrengungen, den Zudrang der Ritter und vornehmen Damen nach der Bühne zurückzudämmen; Tiberius (Sueton, Tiber. 35) bestrafte die jungen Leute des senatorischen und Ritterstandes, die, um ihrer Leidenschaft für Bühne und Arena zu fröhnen, sich entehrende Urtheile zuzuziehen suchten, mit dem Exil. Caligula's Passion für den Tanz und die tragische Bühne erweckte unter den höheren Ständen wieder eine so lebhafte Lust für das öffentliche Auftreten, dass Claudius sie nicht mehr zurückhalten konnte.

    Die Sucht, mit welcher der hohe Adel in Frankreich unter Ludwig XV, einen intimen Verkehr mit Tänzerinnen, Sängerinnen und Schauspielerinnen unterhielt und ihnen sein Vermögen zu Füssen legte, ist ein Beispiel von der Auflösung der Standesunterschiede im beginnenden Imperialismus und von der freiwilligen Verzichtleistung der oberen Reihen auf die herrschaftliche Stellung, der sie sich nicht mehr gewachsen fühlten. Mit der neueren Reife des Imperialismus sind an die Stelle jenes freien Verkehrs zahlreiche Eheschliessungen getreten.

    Rom ging in dieser Ausgleichung mit antiker Rücksichtslosigkeit soweit, dass der Adel die Bretter, deren Glanz und

     


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    wechselnde Lebensbilder ihn bezauberten, selbst betrat. Mochten auch einige Freunde der alten Zeit noch über die Entartung ihrer Standesgenossen klagen, so wird das Volk gejubelt haben, wenn es Ritter und Senatoren als Schauspieler sich gemein machen und als Seinesgleichen vor sich sah. Die Zeit des inneren Friedens, der sich auch in der Eintracht zwischen Fürst und Senat und in der Schaustellung der Reichthümer zu erkennen gab, erhielt in dem künstlerischen Bild der allgemeinen Gleichheit einen phantastischen Ausdruck.

    "Als sein Volk, sagt Merivale, nachdem er die Erniedrigung geschildert, welche Nero durch die Verlockung oder Pressung zur Bühne über den Adel verhängt hatte, genugsam verdorben war, stieg er, um der allgemeinen Entartung die Krone aufzusetzen, selbst auf die öffentliche Bühne."

    Er war aber der Fürst der Demokratie, der Erste in der Weltgemeinde der Gleichen. Wenn die Adligen und Ritter beim Anblicke der wogenden und die socialen Höhen in ihren Strudel reissenden Massen vom Schwindel ergriffen wurden und der Lust, sich in diesen Wirbel zu stürzen, nicht widerstehen konnten, so fühlte sich Nero als den Leiter und Moderator dieser Nivellirung und hielt es auch für seines Amts, sich in der Ausübung der höchsten Kunst als die Spitze zu zeigen.

    Er bewiess indessen dabei die Geduld des Abwartens, in der er auch sonst Meister war. Erst im Jahre 64, dem zehnten seiner Regierung und dem vierten nach Eröffnung seiner Privatbühne, begab er sich nach Neapel (Tacit. Annal. 15, 33), um dort, als einer griechischen Stadt, als Künstler vor die Oeffentlichkeit zu treten. Bis dahin hatte er in" seinem stehenden hölzernen Amphitheater in Rom den Kunstaufführungen seines Adels, auch ihren gladiatorischen Uebungen von seiner Loge aus zugesehen. Dass er die Senatoren und Ritter zur Arena, die er ihrer Kampfeslust öffnete, auch "stellte," wie Sueton (Nero 12) sich ausdrückt, oder nach Dio Cassius (61, 17) zum Auftreten zwang, ist spätere Uebertreibung und des Ersteren Angabe, er habe 400 Senatoren und 600 Ritter zum Fechten gestellt, völlig haltlos.

    Nach dem Gelingen seines Debuts in Neapel zeigte er sich dem grossen Publikum Roms in seinen Lieblingsrollen als

     


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    "rasender Herkules, kreisende Canace, Orestes der Muttermörder, als geblendeter Oedipus." Lassen wir ihn nun vom Herbst des Jahres 66 bis zum Frühjahr 68 seine Triumphe auf dem klassischen Boden Griechenlands feiern, die Siegeskränze aller Kampfspiele, welche die Griechen um seinetwillen in dasselbe Jahr verlegen mussten, einsammeln, -- das Land der Kunst, dessen Freiheit er in Korinth verkündete, Eom als gleichbürtige Schwester zur Seite stellen und endlich in seiner Begeisterung für den freien Handelsverkehr das von anderen absolutistischen Völkerbeglückern versuchte und nie zu Ende gebrachte Unternehmen der Durchstechung des korinthischen Isthmus in Angriff nehmen, um es, als ihn die unruhigen Anzeichen des Abendlandes nach Hause riefen, unvollendet liegen zu lassen.

    Wenden wir uns dagegen zu einer anderen Seite seiner imperialistischen Volkstümlichkeit!

    Im folgenden Jahrhundert begegnen wir einem christlichen Kreis, der des nahen Anbruchs einer tausendjährigen Periode harret, in welcher ein allmächtiger Herrscher den Kindern seines Reichs die Sorgen des Besitzes und der Arbeit abnehmen und ihnen den mühelosen Genuss aller Gaben der Natur gewähren wird. Die Stadt dieses tausendjährigen Reichs wird glänzender als Sonne, Mond und Sterne sein und von Gold und Edelsteinen funkeln. Die freiwilligen Früchte der Erde werden zum Genuss winken, die Bäche voll Weins in die Ebene fliessen und die Flüsse von Milch überströmen (Lactank Divin. Instit. 7, 24); die Bürger des Reichs werden sich neben ihrem Genuss der Erdengüter an der Niederlage und Knechtschaft ihrer Feinde weiden.

    Ein Vorspiel dieses glücklichen Zeitalters war der Verkehr Nero's mit seinem Volke. Bei grossen Theatervorstellungen liess er (Sueton Nero 11) unter das Volk Täfelchen mit Anweisungen auf Lebensmittel, Kleider und Geschmeide und zuletzt auch auf Häuser und Ländereien werfen. Der Cirkus Maxiraus, der Campus Martius und die Strassen waren sein Speisesaal und sein Gast das Volk, mit dem er banquettirte und fraternisirte. Fuhr er nach Ostia die Tiber hinunter oder den Meerbusen von Bajae entlang, so waren an den Ufern

     


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    Lauben und improvisirte Gasthallen errichtet, vor denen edle Frauen standen, die sich als Wirthinnen darstellten und die Vorüberfahrenden zum Eintritt einluden. Berühmt war das Festgelage, welches nach Tigellin's Arrangement (Tacit. Annal. 15, 37) auf dem Teich Agrippa's stattfand. Die Gäste tafelten auf einem Floss, welches von prächtig geschmückten Schiffen einhergezogen wurde; am Abend fand sich die Gesellschaft im Wald und in den Villen am Ufer zusammen, während die Scenerie durch Gesangaufführungen und Illumination belebt wurde.

    "Fressen und Saufen, sagt dazu Merivale, waren nicht die einzigen Unmässigkeiten, die er schamlos und öffentlich zeigte. Er hatte die Bürger bereits zu einem solchen Grade moralisch verdorben, dass sie selbst durch die nacktesten Vorstellungen der Wollust nicht mehr beleidigt wurden." Der englische Geschichtsschreiber will zwar die Möglichkeit zulassen, dass Manches in den Schilderungen Sueton's und des Tacitus auf Rechnung der Uebertreibungen späterer entrüsteter Moralisten und der üppigen Phantasie der Erzähler gebracht werden dürfte, aber die Thatsache, dass die Prostitution ermuntert, anbefohlen, selbst erzwungen war, gilt ihm als jedem Zweifel unzugänglich.

    Betrachten wir aber z. B. nur die Scene, welche Sueton (Nero 29) und Dio Cassius (63,13) aus solchen Land- und Gartenparthiecn anführen und mit welcher noch die kurze Epitome des Aurelius Victor (cap. 5) ausgeputzt ist, so werden wir den überreichen Antheil, welchen die Phantasie der Gegner Nero's an diesen ausschweifenden Schilderungen hatte, nicht bezweifeln dürfen. Dass sich der Fürst in das Fell eines Raubthiers stecken liess und dann aus einer Höhle auf die Schaamtheile von Knaben und Mädchen, die an Pfähle gebunden waren, losfuhr, sieht doch zu sehr nach dem Geschmack der gröbsten Volksphantasie aus, als dass wir einen nicht geistlosen jungen Imperator einer solchen Verkehrtheit fähig halten könnten. Dieselbe Phantasie vermochte sich die kaiserlichen Landparthieen nicht ohne den abendlichen Schluss zu denken, wo Huren bei der Illumination des Parks nackt sich darboten und erlauchte Frauen den Gästen zu Gebote

     


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    standen, und auch jener Markt, in dessen Buden am Augustusteich Nero den Gästen der ersten Neronienfeier gegen Freimarken die Auswahl unter glänzenden Geschenken darbot, musste (Tacit. Annal. 14, 15) mit Ausschweifungen der vornehmen Frauen schliessen.

    "Wenn der Imperialismus den Schluss der Staatengeschichte aufführt, findet bei ihm das Volk einen gedeckten Tisch. Der demokratische Absolutismus Athens fing unter Perikles mit der Auspressung der Bundesgenossen, mit der marmornen Ausschmückung der Bundesstadt und mit dem freien Theater der hauptstädtischen Bevölkerung an und endigte ein Jahrhundert darauf mit Brodspenden. Cäsar durchstürmte die Uferländer des Mittelmeers, um die Aristokratie zu entwaffnen und um dem Volke die verheissene Beute mit nach Hause bringen zu können. Augustus wäre verloren gewesen, wenn er nicht die Schatzkammer der Kleopatra zur Befriedigung seiner Armee und des "Togavolks" in seine Gewalt bekommen hätte. Später machte er vergebliche Anstrengungen, die Getreidespenden an das Volk einzustellen, und brachte es nur zu einer Einschränkung derselben, bei der auch die Pächter der Staatsgüter und die Kornhändler allenfalls noch bestehen konnten,

    So war es in der Zeit Nero's und blieb es auch nachher noch, wie z. B. Aurelian, der Besieger der Zenobia, mit der Idee umging, das Gelände des Gebirgs von Btrurien bis zu den Seealpen aus öffentlichen Mitteln zu Weinbergen terrassiren zu lassen und den Weinertrag dem Volk zu spenden (Fl. Vopisc. Aurel cap. 48). Der Präfect der Leibwache brachte ihn zwar von der Ausführung dieses Plans, welche jene christliche Phantasie von Weinbächen beinahe wörtlich realisirt haben würde, durch die Bemerkung ab, dann müsse er zu dem Wein dem Volke auch noch junge Hühner und Gänse geben; aber so viel setzte der Kaiser doch durch, dass dem Volk in dem von ihm erbauten Sonnentempel gegen ein Geringes Wein ausgeschänkt wurde.

    Ein Mann, der wie Nero den Genius des Abendlandes und des Ostens verschmelzen wollte, bis auf die letzte Zeit seiner Regierung die Eintracht mit dem Senat pflegte und zugleich mit dem Volke fraternisirtc, -- die Verwaltung der Provinzen

     


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    nicht ausser Acht liess und bei der Wahl der grossen Armeekommandanten ein gutes Auge hatte, konnte schwerlich in einer so versunkenen Privatumgebung leben, wie die Autoren des Alterthums behaupten. "Kein Hof, sagt Tacitus (Annal. 14, 13) war jemals an schlechten Leuten so reich gewesen" wie dieser, Männer aber wie Seneca, Lucan, Petronius, Vespasian würden es an einem Hofe, dessen Verderbtheit zu schildern auch die neueren Historiker sich um die Wette bemühen, keine paar Wochen ausgehalten haben.

    Der Ruf, den Petron als Schiedsrichter des Geschmacks am Hofe erworben haben soll, stimmt noch in der Verdickung, die er beim Uebergang in das allgemeine Gerede erfahren hat, nicht zu der herrschenden Annahme, dass dieser geistvolle Mann sich bloss beim Arrangement von Gelagen als Meister gezeigt habe. Wenn Tacitus (Annal. 16, 17) die Sache so darstellt, dass es das Anmuthige, das Fernhalten des Massigen und Drückenden gewesen sei, was seine Arrangements bei Gelagen für Nero mustergültig machte, so muss er doch auch Züge beibringen, wonach die Unterhaltung seine Stärke war, sein Geheimniss also darin bestand, dass er auch bei Gelagen den geistigen Verkehr zur Hauptsache zu machen wusste. Haltung und Wort zeichneten sich bei ihm durch ein nachlässiges Sich gehen lassen, Anspruchslosigkeit und Verzichten auf pretentiöses Geltendmachen von Würde und Pathos aus. Er fesselte die Gesellschaft, wenn er in seiner humoristischen Laune ein bedeutendes Bild entwarf, welches die gewöhnliche Welt in seiner naiven und zugleich grossen Natur reflektirt hatte, und überraschte die Zuhörer durch die Naturwahrheit eines Gemäldes, welches dem gewöhnlichen Blick verborgene tiefere und edle Seiten des Weltverkehrs enthüllte.

    Es wird selten an einem grossen Hofe eine so geistvolle Unterhaltung gegeben haben wie in den neronischen Abenden oder Nächten. Lucan war ganz der Mann dazu, die Genrebilder Petron's mit seinen schmetternden und feurigen Accenten zu erläutern und die Abenteuer wie die verdienten Schicksale der Grossen der letzten hundert Jahre die Revue passiren zu lassen. Seneca, der seine Schriften mit historischen Anekdoten und Zügen aus der Geschichte der Machthaber während

     


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    der Bürgerkriege und der ersten Kaiserzeit belebt hat, wird nicht verfehlt haben, die Schilderungen des geistreichen Genremalers und des stürmischen Poeten zu ergänzen und zu einem Gesammtbilde zusammenzufassen. Sie Alle hatten die Welt gesehen und beobachtet, interessirten sich für die Geheimnisse der Natur und der ferneren Welttheile bis zu dem Problem der Nilquellen und hatten reichen Stoff zu anregenden Hypothesen und Weltconstructionen. Nero mag dann wohl zum Schluss sein neuestes Poem und mit seiner, wie die Autoren sagen, etwas heiseren ünd schnurrenden Stimme vielleicht auch einen Gesang zum Besten gegeben haben.

    Wenn wir von der Treue und Tüchtigkeit des Helius, den Nero während seiner anderthalbjährigen Herkulesarbeiten auf der Kunstarena Griechenlands als sein Alter Ego in Bom zurückliess und von der militarischen Diplomatie Polyklet's weiter schliessen dürfen, so waren auch die Freigelassenen des kaiserlichen Hofs keine unbedeutenden Männer. Nero schickte z. B. den Letzteren, als der Legat Sueton und der Procurator Paulinus wegen der Kriegsführung in Britannien in Zwiespalt geriethen, mit ansehnlichen Verstärkungen ins nordische Heerlager und verliess sich darauf, dass er mit den Eingeborenen, welche Sueton nach seinen Siegen zur Verzweiflung trieb, ein friedliches Verhältniss herstellen würde. Polyklet verstand es, die ihm. zu diesem Zweck übertragene Autorität gegen den Feldherrn geltend und sich zugleich bei den Soldaten, welche die Freigelassenen bei militärischen Missionen zu verspotten liebten, respectirt (terribilis; Tacit Annal. 14, 39) zu machen.

    Tacitus hat es bei seinen Excursen gegen die "Creaturen" des Hofes besonders auf Vatinius gemünzt. Er ist ihm (Annal. 15, 34) ein "schmutziges Ungethüm, Zögling der Handwerksherbergen, verwachsen, ein Mensch von närrischen Einfällen, an dem sich der Hof anfangs belustigte und im Spott übte, der aber durch die Verdächtigung der Guten zu Gunst, Geld und Einfluss und unter den schlechten Elementen des Hofes obenauf kam." Er war der demokratische Hofnarr des Kaisers und dieser fühlte sich zugleich gekitzelt und gehoben, wenn er ihn als einen seiner eigenen Feinde, als geborenen Aristokraten

     


    140                                 Nero's und Seneca's Untergang.                                


    (Junker) und als Senator schraubte. Als Nero nach seinem theatralischen Debut in Neapel nach Rom zurückkehrte, war Vatinius schon soweit gekommen, dass er in Benevent ein Fechterspiel gab, welches der Kaise mit seiner Gegenwart beehrte.

    Wenn Tacitus diesem nicht einmal sein Bischen Verskunst gönnen will und erzählt, er habe unbedeutende Dichterlinge zusammengerafft, die in seiner Behausung auf seine Impromptus und Versansätze aufpassen und daraus ein nothdürftiges Poem fabriziren mussten (Annal. 14, 16), so ist das ziemlich arm und ausserdem durch Sueton (Nero 52), der Gedichte von Nero's Hand mit fleissigen Correcturen gesehen hat, widerlegt. Seine Behauptung (Annal. ebend.), der Kaiser habe den Philosophen die Zeit nach der Tafel gewidmet, um sich an ihrem gelehrten Zank zu ergötzen^ ist neben einem vertrauten Umgang mit Seneca und Lucan sehr übel angebracht.

    2. Seneca's Ungnade.

    Der Seitenblick, den Nero in jener Nacht, als ihm ein Freigelassener den Tod seiner Mutter versprach, auf seinen Lehrer warf, bezeichnete im Schicksal Seneca's eine Wendung. Diesmal |hatte er rathlos dagestanden und seinen Schüler, der nach der ganzen Herrschaft die Hand ausstreckte, sich selbst überlassen. Er half ihm dann zwar als oberster Staatssocretär noch einmal über die Schwierigkeit der Form hinweg, wie dem Senat der Muttermord erklärt werden möge. Burrus leistete auch seinen Beistand, führte dem Kaiser die Obersten und Hauptleute des Prätoriums zu und liess sie ihm zu seiner Rettung Glück wünschen. Nero nahm aber diese Dienstleistungen als pflichtmässige Beamtenschuldigkeit hin und schritt fest und sicher über jene Barre, die ihn von der Hauptstadt trennte, dahin.

    Die Behauptung des Tacitus (Annal. 14, 10), er habe nach dem Empfang der Nachricht von der Vollziehung des Muttermordes schweigend dagesessen, sich öfter schaudernd und wie von Sinnen erhoben und dem Verderben, welches der Tag mit sich bringen würde, voll Angst entgegengesehen, hat so viel historischen Werth wie seine malerischen Schilderungen

     


                                               Seneca's Ungnade.                                            141


    der Zermalmung, der er ihn bei ein Paar nächtlichen Botschaften von Verschwörungen erliegen lässt. Aus den anderthalb Jahren der griechichen Reise werden uns fast nur gemachte Anekdoten von dem lebensgefährlichen Zwang, dem die Zuhörer bei den Kunstleistungen des Kaisers ausgesetzt waren, und von dessen Attentaten auf das Leben von Concurrenten oder gar auf die Bildsäulen früherer Sieger mitgetheilt, so dass wir den Nachrichten von der Gewissensscheu, welche Nero von der Einweihung in die eleusinischen Geheimnisse oder von dem Besuch Athens als dem Sitz der Erinnyen abgehalten haben soll (Sueton, Nero 34, Dio Cassius 63, 14) keinen Glauben schenken können.

    Erst spät, nach dem Bruch mit dem Senat, verbreitete sich im Volk die Kunde davon, dass Agrippina durch ihren Sohn gefallen sei und zirkulirten Spottverse über den neuen Orestes und Alkmäon, der die Mutter umbrachte, nachdem er sie im Incest zu seiner Frau gemacht hatte. Nero sah aber auf diese Pasquille wie überhaupt auf literarische Angriffe mit kaltblütiger Verachtung herab und fühlte auch keine Scheu davor, als Sänger in den Rollen des Orest und des MutterGemahls Oedipus aufzutreten. Dem Schauspieler Datus, der auf der Atellanenbühne bei den Versen: "lebe wohl Vater, lebe wohl Mutter," mit Anspielung auf des Claudius und der Agrippina Ende, die Bewegung des Trinkens und des Schwimmens machte und bei den Worten: "der Orkus zieht euch an den Beinen zu sich herab," auf die Senatsbänke zeigte, begnügte er sich, mit der Verbannung aus Rom und Italien einen Denkzettel zu geben (Sueton, Ebend. 39).

    Seneca war doch auch kaltblütig über alle Bedenken hinweggeschritten, als er an der Seite Agrippinens den Sohn des Claudius um seine Rechte brachte; aber in seinem Schüler sah er einen Meister aufstehen, der es noch besser verstand, alle Bedenken niederzuschlagen. Der Lehrer hatte seine Betheiligung an den Intriguen des Claudischen Hofes mit dem Interesse der Tugend geschmückt, die mit seinem Zögling den Thron besteigen sollte; Nero zeigte dagegen, was der Humanitätsglaube vermag und dass vor der Person gewordenen

     


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    Menschenmacht Recht und Verbrechen in ein gleichgültiges Nichts zusammensinken.

    Das nächste Ziel, auf welches er jetzt losschritt, war die Beseitigung seiner Frau, der Octavia. Um die Poppäa auf den Thron zu führen, hatte er die Mutter gemordet; Burrus wollte aber von der Entlassung der Tochter des Claudius nichts wissen und sagte einmal, als Nero die Scheidung zur Sprache brachte, trocken, dann müsse er der Octavia auch ihre Mitgift, die Herrschaft zurückgeben. Nach einem dreijährigen Warten befreite den Fürsten (62 n. Chr.) die Bräune vom Befehlshaber des Prätoriums. Burrus hatte das Leben am Hofe Nero's satt und benahm sich gegen diesen auf seinem Sterbebett mit geflissentlicher Kälte; als Nero bei den täglichen Besuchen an seinem Krankenbette einmal an ihn die gewöhnliche Frage nach seinem Befinden richtete, antwortete er, indem er sich von ihm abwandte: "ich befinde mich wohl."

    Seneca war jezt ohne Rückhalt und sein Sturz unausbleiblich. Tacitus kann sich in seinem kindlichen Pragmatismus diese Wendung nicht anders als aus den Zuflüsterungen der schlechten Elemente des Hofs erklären, die den Fürsten auf den Reichthum seines Lehrers, die Schönheit seines Parks und Pracht seiner Villen hinwiesen. Dann soll der Staatsminister nach dem ersten Preis der Beredsamkeit getrachtet und sich mehr als sonst in der Verskunst geübt haben, seitdem Nero an derselben Geschmack bekommen habe. Bekannt sei es ferner, dass der Schulmeister den Gesang des Fürsten mit seinem Spott begleite und auch seine Meisterschaft im Pferdelenken nicht gelten lassen wolle.

    Seneca, der wie sein Schüler mit den innersten Gedanken in Griechenland lebte, aber in der griechischen Weisheit das Heil der Welt sah, wird mit der Idee des Eleven, durch Einführung der griechischen Faustkämpfe und Erbauung von Gymnasien (wie zu Rom und Ravenna) Rom zu hellenisiren und die Welt zu einigen, allerdings nicht zufrieden gewesen sein. Nero's Glaube an die Völker-verbindende Kraft des Cirkusfahrens und des Zither- und Flötenspiels wird ihn geschmerzt haben. Aber bei den Gesangsvorträgen des Kaisers

     


                                               Seneca's Ungnade.                                            143


    spötteln, über sein Cirkus-Kutschiren sich moquiren, -- sich hinsetzen und Verse machen, weil sein Schüler lür diese Kunst Passion hat?

    Die Sache war anders und ernster. Sophonius Tigellinus, dessen Name das Wahrzeichen der kommenden Periode ist, hatte schon vor dem Tode des Burrus so viel Einfluss, dass er seinen Schwiegersohn Cossutianus Capito in den Senat bringen und durch denselben, im Beginn des Todesjahres des alten Prätorianers, die erste Klage auf Majestätsbeleidigung, die seit Nero's Regierungsantritt vorgekommen war, an den Senat bringen lassen konnte. Es galt (Tacit. 14, 48, 49) dem Prätor Antistius, der in aristokratischer Gesellschaft Spottgedichte auf den Kaiser vorgelesen hatte. Die Entscheidung des Senats lautete auf Verbannung des Verfassers und Nero kam es nur darauf an, den aristokratischen Kreisen, in denen es sich, wie jener Vorfall zeigt, regte, einen Wink zu geben.

    Tigellinus, der nach des Burrus Tod, mit Fänius Rufus, einem Anhänger der alten Claudischen Zeit, das gemeinschaftliche Kommando über das Prätorium erhielt, drückte sich über die Auffassung seines Amts, als es bald darauf einem grossen Schlag gegen die Aristokratie galt, (Tacit. Annal. 14, 57) dahin aus, die Person des Herrschers und deren Sicherheit sei sein Augenmerk und er schiele nicht nach anderen Seiten hin. Damit war auch Seneca's Rücksicht auf den Senat gezeichnet. Der neue Präfect war dem Imperator ergeben, Seneca sah im Fürsten den Princeps Senatus. Es war derselbe Unterschied, der Alexander dem Gr. vorschwebte, als er sagte, Parmenio liebe Alexandern, Kraterus den König.

    Das Einzige, was Seneca in den Verdächtigungen vor dem Kaiser schmerzlich empfand, war die Hinweisung auf seinen Reichthum. Dieser Fingerzeig traf eine Wunde, die sich seit einem hartnäckigen Kampf im Senate noch nicht geschlossen hatte und ihn zeitlebens schmerzen sollte. P. Suilius hatte ihm im Jahre 58 mitten im Senat die Wunde geschlagen. Dieser Mann, Angeber, d. h. Majestätsanwalt im Senat, hatte unter dem Vorgänger Nero's die Agitation der Aristokratie gegen jedes Honorar für die gerichtliche Anwaltschaft bekämpft.

     


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    Als der Mittelweg, den Claudius in dieser Sache durchgesetzt hatte, im ersten Regierungsjahr Nero's wieder verschlossen und jede Vergütigung für die Bemühung der Anwälte durch Senatsbeschluss untersagt wurde, trat zwischen Suilius und Seneca, welchem Jener die Schuld an der Begünstigung der Aristokratie zuschrieb, eine Spannung ein, die endlich vier Jahre darauf (58 n. Chr.) in offenen Kampf ausbrach. Suilius, der als Vertreter des Claudischen demokratischen Regiments auch unter Nero das Haupt hochtrug, brachte gegen Seneca, den damals mächtigen Leiter des Senats, den Geldpunkt in der empfindlichsten Weise zur Sprache. Er fragte ihn, der dem Vertheidiger der Bürger den Lohn seiner ehrenvollen Bemühung nicht gönnen wolle, welche Weisheit, welche Philosophensätze es ihm möglich gemacht hätten, in den vier Jahren königlicher Freundschaft seine Millionen zusammenzuscharren, und weist dann auf Erbschleicherei und die unermesslichen Wucherzinsen hin, die er aus Italien und den Provinzen, seinen Schuldnern, ziehe. (Mit letzterem Vorwurf stimmt Dio Cassius Behauptung überein (62, 2), wonach der Aufstand der Britten unter Nero unter Anderem auch dadurch hervorgerufen war, dass Seneca ihnen 10,000,000 Denare gegen hohe Zinsen aufgedrungen und dann Alles mit Einemmale und mit Härte wieder eingetrieben habe).

    Seneca hielt jene Kriegserklärung für so wichtig, dass er auf die Vernichtung des kühnen und gefährlichen Gegners ausging. Erst wollte er ihn durch eine Anklage wegen Unterschleüs während seiner Verwaltung Asiens stürzen; da aber die Herbeiziehung der Zeugen den Process in die Länge ziehen würde, versuchten es die zahlreichen Verbündeten Seneca's, ihn wegen seiner städtischen Vergehen, nämlich der Blutschuld, die er unter Claudius als Ankläger von Senatoren und Rittern sich aufgeladen habe, zu verderben. Jedoch gelang es auch damit nur, ein ziemlich gelindes Exil auf den Balearen als Strafe zu erwirken.

    Der schwache Ausgang des Prozesses bot Seneca für den empfindlichsten Schlag, den sein Ansehen erlitten hatte, keine rechte Entschädigung, auch war leicht zu erkennen, dass der Kaiser wenig Lust hatte, sich gegen den früheren Diener

     


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    seines Adoptivvaters besonders zu erhitzen. Der Minister wandte sich daher an das Publikum, widmete seinem älteren Bruder Gallio die Schrift vom "seligen Leben" und behandelt in einem grossen Tneil derselben die Frage (cap. 21), "warum sich Der und Der mit Philosophie beschäftigt und doch als ein Reicher lebt? Warum er die Verachtung der Reichthümer lehrt und solche doch hat?" Seine Antwort ist schwach und bewegt sich auf dem Schleichwege des stoischen Satzes, dass es "unter den gleichgültigen Dingen auch solche giebt, die irgend einen Werth in sich haben und dass Eins über dem Anderen stehe." Nur Einmal wird er bitter, wenn er (cap. 23) schreibt: "Hinschenken wird der Weise -- was spitzt ihr schon die Ohren? was haltet ihr eure Taschen auf? -- hinscheuken wird er an Solche, die gut sind oder die er etwa gut machen kann. Er wird eingedenk sein, dass wir vom Geben wie vom Empfangen Rechenschaft abzulegen haben. Er wird oifene Taschen haben, aber nicht durchlöcherte, dass wohl Vieles hineingeht, aber Nichts herausfällt".

    (Beiläufig eine Frage an diejenigen, die in dem Proconsul Achaja's Gallio, dessen die Apostelgeschichte (cap. 18, 12) erwähnt, den Bruder Seneca's sehen wollen, ob ein solcher Beamter, wenn sich ein Fieberanfall anmeldet, mit dem Witz, wort: "die Krankheit kommt von der Localität, nicht vom Leibe," sofort (protinus. Seneca Epist. 104j zu Schiffe gehen und das Fieberland Achaja verlassen kann?)

    Feiner und edler als in der seinem Bruder gewidmeten Schrift ist seine Behandlung der Eigenthumsfrage in der Abhandlung "von den Wohlthaten." Hier (6, 3) fusst er auf dem Satze, dass "Alles, was die Mühen der Menschen entzündet, nicht das Ihre, sondern nur ein anvertrautes Gut ist," und giebt er auf die Frage, wie man solches zu seinem Eigenthum machen könne, die Antwort: "Schenke es weg. Hast Du es weggeschenkt, so ist's eine Wohlthat. Vorher lastet darauf nur ein gemeiner Name. Es ist eben nur ein Haus, ein Sklave, Geld".

    Sein Geld fühlte er, als er nach Tigellin's Einzug Alles um ihn herum am Hofe, auch den Fürsten ganz fremd fand, wirklich als eine Last. Er bat Nero, dessen Gnade er es

     


    146                                 Nero's und Seneca's Untergang.                                


    doch verdanke, seine Güter als sein Eigenthum zurückzunehmen und ihm zu gestatten, seine noch übrige Zeit der Veredlung seines Geistes zu widmen. Die Schmeichelei des Fürsten, der das Anerbieten nicht annehmen durfte und ihn ersuchte, ihm auch fernerhin den Rückhalt seiner Erfahrung zu widmen, konnte ihn über die neue Situation nicht täuschen und er hielt sich seitdem in jener Zurückgezogenheit, aus der er seinen Lucilius in die Weisheit der Verborgenheit ein. weihte. "Lass deine Musse, schreibt er unter Anderem (Epist. 68), Andere nicht merken. Es kommt auf den Titel der Philosophie nicht an; gieb deinem Vorhaben jeden andern Namen; nenne es Krankheit, Schwäche, träge Unlust. Mach' es wie die Thiere, die, um sich unsichtbar zu machen, die Fusstapfen um ihr Lager herum in Unordnung bringen".

    3. Octavia.

    Der Tod des Burrus und Rücktritt Seneca's gaben Nero doch noch nicht die genügende Sicherheit für den Schlag, mit dem er sich seit mehr als drei Jahren gegen seine Frau Octavia trug. Es gab noch hochgeborene Männer, die, mit dem kaiserlichen Haus verschwägert, das Mitgefühl des Volkes für das Opfer der fürstlichen Grausamkeit erwecken und ihre Augen selbst auf den Thron richten konnten.

    Antonia, die ältere Schwester Octavia's, Tochter des Claudius von seiner vierten Frau, Aelia Petina, Messalinens Vorgängerin, war an einen Nachkommen des Dictators Sulla verheirathet. Faustus Sulla war schon im Jahre 55 angeklagt, mit Pallas und Burrus sich zum Sturz Nero's und zur Eroberung des Throns verschworen zu haben, ward aber von einem Hausgericht des Kaisers, welchem derselbe, der der Anklage kein Gewicht beilegte, Burrus selbst als Beisitzer beigegeben hatte, freigesprochen (Tacit. 13, 23). Jedoch scheint sich später ein gewisser Argwohn in Nero geregt und im Lauf der Jahre zugenommen zu haben, denn er nahm im Jahre 58 das erdichtete Vergehen von Sulla's Leuten, die ihm auf dem Rückweg von einer seiner nächtlichen Stadtschwärmereien hätten aufpassen wollen, zum Vorwand, ihn nach Massilien zu verweisen, wo er ihn im Jahre 62 wegen der Nähe Germaniens

     


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    und der dortigen Legionen, welche sein Name, wie seine Verbindung mit dem Claudischen Hause auf seine Seite hätte ziehen können, ermorden liess.

    Ein gleicher Gewaltakt traf den Rubellius Plautus, Sohn des Rubellius Blandus, welchem Tiberius Julia, die Tochter, seines Sohnes Drusus zur Frau gegeben hatte. Auch dieser Plautus war in jener Zeit, als der Kampf zwischen Nero und seiner Mutter ungewiss hin und her schwankte (55 n. Chr.), als Mitglied einer Verschwörung gegen den Thron und das Leben Nero's denuncirt worden. Er sollte von Agrippinen dazu auserlesen gewesen sein, mit ihr gemeinsam und durch die Ehe verbunden, den undankbaren Sohn zu stürzen (Tacit. Annal. 13, 19). Der Kaiserin-Mutter gelang es zwar, das Ungewitter, welches die Denunciation einer Feindin über ihrem Haupte heraufbeschworen hatte, in einem Zwiegespräch mit ihrem Sohn wieder zu zerstreuen, und dieser liess die Verwickelung des Plautus in die Anklage unbeachtet. Aber nicht für immer. Fünf Jahre später konnte er es nicht mehr ertragen, dass die Abgeschlossenheit, in welcher Plautus mit seiner indessen heimgeführten Frau Antistia lebte, das Wachsthum seines Ansehens und die allgemeine Achtung, die er sich durch seine strenge und sittenreine Haltung erwarb, nicht verhindern konnte. Ein paar Zeilen von seiner Hand, in welchen er ihm seine Erbgüter in Asien als eine passende Stätte für die Befreiung der Hauptstadt von aufregenden Gerüchten und für die Pflege seines jugendlichen Familienglücks empfahl, trieben ihn (im Jahre 60) nach Asien und hier fanden ihn die. von Nero abgeschickten Mörder in der Gesellschaft des griechischen Köranus und des Musonius, die ihm zugeredet hatten, den Vorspiegelungen seiner römischen Freunde und des Schwiegervaters Antistius Vetus, ein kühner Entschluss von seiner Seite werde ganz Asien auf seine Seite ziehen, nicht zu vertrauen.

    Jetzt erst konnte der Gewaltakt gegen Octavia folgen, dessen Ausführung er in seinem Bericht an den Senat mit seiner Verpflichtung für das Staatswohl zu wachen, begründete. Das Verfahren gegen Octavia leitete er selbst als Hausherr; Tigellin stand ihm für die Formalitäten zur Seite. Zuerst

     


    148                                 Nero's und Seneca's Untergang.                                


    ward das unglückliche junge Wesen der Anklage eines ehebrecherischen Umgangs mit dem Flötenspieler Eukärus unterworfen, sodann, als sich keine genügende Zeugenschaft fand, wegen Unfruchtbarkeit entlassen und nach Campanien'verwiesen und als das Volksgerücht von ihrer Zurückberufung einen Auflauf nach dem Palatium und gegen die neue Kaisersfrau hervorrief, ward nach der militärischen Zerstreuung desselben das letzte Mittel gegen das Opfer der Poppäa angewandt. Jener Plottenpräfect, welcher sich zur Ermordung Agrippinens hatte bereit finden lassen, Anicet, ward von Nero gezwungen, den ehebrecherischen Umgang der Octavia mit ihm und die Tödtung der Frucht desselben zu erdichten und zu bekennen. Der Kaiser verurtheilt hierauf Octavia zum Exil auf Pandataria, wo sie bald darauf einen gewaltsamen Tod findet.

    Octavia wandelt sprachlos wie ein Schatten durch die Geschichte Nero's. Kein Wort wird uns von ihr gemeldet, keine Handlung, und auf ihrem Antlitz ist nicht das Zucken einer Miene zu entdecken. Wenn Tacitus von ihr sagt, dass sich bei dem tödtlichen Zusammenbrechen ihres Bruders Britannicus kein Zug in ihrem Gesicht regte, weil sie trotz ihrer unreifen Jahre es schon gelernt habe, Gemüthsbewegungen zu verbergen, so ist sogar die gleichsam sprechende Bewegungslosigkeit dieses Augenblicks nur ein Gedicht wie die ganze Scenerie vom Mord ihres Bruders. Von dem Augenblick an, wo sie die Mutter durch ihre künftige Stiefmutter gestürzt und ersetzt, dann ihren Bruder um sein Vorrecht auf den Thron beraubt, -- sich selbst endlich an den Räuber gekettet und von diesem einer Freigelassenen, der Acte, hintangesetzt sieht, bis sie länger als drei Jahre hindurch von einem weiblichen Thronräuber, der Poppäa, gemartert ward und vielleicht, wenn wir Sueton (Nero 35) glauben können, unter dem wilden Jähzorn ihres Mannes, der sie öfters zu erwürgen suchte, zu leiden hatte, -- da erblicken wir sie nur im Zustand der Erstarrung unterm Druck ihrer Lage, ohne errathen zu können, ob sie vor ihrem Mann ein Grauen empfand oder dieser selbst das Opfer, welches Agrippina und Seneca an ihn gefesselt hatten, mit einer Regung des Grauens betrachtete. Der nachlässige Bericht Sueton's (a. a. O.), Nero jhabe den Umgang mit ihr

     


                                                       Octavia.                                                   149


    bald oder früh (cito) verschmähet, kann uns nicht einmal in dieser Frage aufklären.

    Ihre ältere Schwester, Antonia, steht einer späteren Verschwörung, der Pisonischen, nicht ganz fern und ist wahrscheinlich auch an der Seite Sulla's nicht unthätig gewesen, Verbindungen zum Sturz des, für ihren Vater und Bruder verderblichen Mannes anzuknüpfen. Ob Octavia jemals auch daran gedacht hat, die Erinnerung an ihren Vater unter Adel und Volk gegen ihren Mann wachzurufen, wissen wir nicht und sie selbst bleibt uns ein Geheimniss. Aus ihrer Todesstunde will uns zwar Tacitus (Annal. 14, 64) die Worte berichten, mit denen sie das Mitleiden und Erbarmen der Mörder auf Pandataria angerufen habe: als Wittwe sei sie ja nur noch die Schwester des Fürsten; sie hätte auch ihren und ihres früheren Mannes gemeinsamen Ursprung von den Germanikern des Tiberischen Hauses zur Hilfe gerufen und des Namens der Agrippina gedacht, bei deren Lebzeiten sie eine zwar unglückliche, aber noch nicht tödtliche Ehe zu ertragen hatte. Allein diese genealogische Ansprache an die Mörder ist wei. ter Nichts als eine jener vielen zeugenlosen Reden, in welchen Tacitus seine pragmatischen Reflexionen unterzubringen sucht.

    Nachdem einmal mit dem Rücktritt Seneca's der Bruch des friedlichen'Verhältnisses zum Senat besiegelt war, forderte der Kriegszustand ein Opfer nach dem andern. Die früheren Denunciationen der Verwandten des kaiserlichen Hauses wären durchaus unmöglich gewesen, wenn nicht die Augen von Vielen auf dieselben gerichtet waren; die Zurufe aus Rom an Rubellius Plautus beweisen auch, dass man sich in den aristokratischen Kreisen mit Plänen für eine Erhebung beschäftigte, und Nero, dem diese Regungen nicht unbekannt bleiben konnten, wurde dadurch immer tiefer in sein blutiges Vertheidigungssystem hineingerissen.

    Es gab noch eine mit dem julischen Haus verwandte Familie, die Junier. Appius Junius Silanus war mit Aemilia Lepida, einer Urenkelin des Augustus, aus der Linie der Julia und Agrippa's, verheirathet; von seinen drei Söhnen hatte sich Lucius, der, mit der Octavia verlobt, auf Betrieb Agrippinens, ah sie in ihrem Sturmschritt auf Ehebett und Thron des Claudius,

     


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    sich schon nahe am Ziele sah, wegen erdichteter Vergehen aus dem Senat gestossen war, am Hochzeitstage seiner Feindin (im Jahre 48) erstochen; Marcus war sogleich nach dem Regierungsantritt Nero's auf Befehl der Kaiserin-Mutter als Proconsul von Asien abgeschlachtet worden. Nun war noch Decimus Junius Silanus Torquatus übrig, ihn liess der Kaiser, während er sich im Jahre 64 auf seiner Theaterreise nach Neapel befand, durch einen Majestätsanwalt hochverräthischer Pläne anklagen und Decimus, der durch die Organisirung seiner Haus verwaltung nach dem Vorbild der Kanzlei, des Kabinets und des Finanzamts des Kaisers sein Streben über den Privatstand hinaus gezeigt haben sollte, schnitt sich vor der Verurtheilung die Adern auf.

    So war nun mit Allem, was zum kaiserlichen Hause gehörte oder mit ihm blutsverwandt war, beinahe aufgeräumt. Aber im ganzen aristokratischen Rom schien es dem Kaiser rächt recht geheuer zu sein. Er hatte ursprünglich die Idee gehabt, nach Griechenland überzusetzen und daselbst seine • Kunsttrophäen zu sammeln; der Zwischenfall mit Decimus Silanus rief ihn jedoch nach Rom zurück, wo er im Tempel der Vesta die Scene aufführte, dass er sich durch erschütternde Visionen bestimmen liess, beim Volke, seinem Volke, dem nach ihm bangte, zu bleiben.

    Das war ein Wink für die unruhigen Grossen! Indessen brachte die Noth und Aufregung, welche der Brand der Stadt hervorrief, in diesen Kriegszustand eine Pause.

    4. Der Brand Roms und die Christen.

    Die Poeten, Rhetoren und Philosophen der ersten Kaiserzeit haben ein geistliches Rom gegründet, auf dessen Fruchtboden die Grundtypen zu den Sprüchen, die darauf in den Formeln der Evangelien und der Paulinischen Briefe unter die Massen des Reichs kamen, gezeitigt sind. Tacitus dagegen, der von diesem römischen Urchristenthum keine Ahnung hat, führt auf einmal veritable Christen auf die Scene und die Ausleger, sowohl von der weltlichen wie geistlichen Section, die seine Unkunde über jenes Urchristenthum theilen, haben sich bis

     


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    jetzt vergeblich abgemüht, das Räthsel, woher jene Gäste des heidnischen und jüdischen Roms kommen, zu lösen.

    Für uns ist die Frage zunächst nur die, ob die Sätze des Tacitus wirklich den Namen eines Berichts verdienen.

    Schon der Anlass, der nach seiner Darstellung jene Christen an das Tageslicht zog, kann für seinen Bericht über das Herkommen dieser Gäste keine günstige Meinung erwecken. Bs ist ein Werk des Scheins und der Sage, was die blutige Scene der Christenverfolgung motiviren soll. Wenn jenes Motiv sich in Dunst verflüchtigt, wird dann die tragische Folge sich behaupten können?

    Der Gang des ganzen Abschnitts ist darauf berechnet, die Leser für die Ueberzeugung zu gewinnen, dass Nero den Brand, der am 18. Juli 64 in Rom ausbrach, angestiftet hat und dass das Volk nicht ganz Unrecht hatte, wenn es ihn für den Urheber des Unglücks hielt und dadurch zwang, andere Leute, eben jene Christen, als die Sündenböcke vorzuschieben.

    Der Anfang des Abschnitts lässt es sogleich ungewiss, ob der Brand zufällig oder auf Befehl entstanden sei, und schliesst wenigstens die Entscheidung gegen Nero nicht aus, da er sich darauf beruft, dass es für beide Erklärungen Gewährsmänner gebe. Wenn das Publikum durch die Miene finsterer Gestalten sich am Löschen verhindert sah und Manche, welche sich auf höheren Befehl beriefen, ungescheut Zündstoffe in die Häuser warfen, soll es eine offene Frage sein, ob diese Leute einem Gebote folgten, oder ein solches zur Betreibung ihres räuberischen Gewerbes nur vorschützten; -- welchen Eindruck muss indessen die trotzige Sicherheit dieser dunkeln Gestalten machen!

    Der Fürst, der sich beim Anfang des Brandes zu Antium befand, kam zwar auf die Nachricht vom Ereigniss nach Rom, aber "nicht eher," (Tacit. Annal. 15, 38 -- 43) als bis sein Haus, welches das Palatium mit dem kaiserlichen Erbe der Mäcenatischen Gärten verband, Feuer fing. Obwohl er sodann zur Milderung und Bezwingung des Unglücks alles Mögliche that, wie Tacitus später einmal (Annal. 15, 50) unwillkührlich verräth, in der Nacht, von keiner Wache begleitet, durch alle Theile der Stadt lief und zur Unterbringung der obdachlosen Massen in

     


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    seinen Gärten und Prachthäusern und in den kolossalen bauten Agrippa's, auch zu ihrer Nährung die wirksamsten Maassregeln ergriff, so war das Alles vergeblich und das Geruch verbreitet, er habe während des Brandes seine Hausbühne bestiegen und als Gegenstück zum Unglück des Tages den Brand Troja's gesungen. Wessen muss also eine Schlechtigkeit, die Jedermann kannte, fähig gewesen sein und welche Kraft des historischen Effects wohnt der Scene inne, wie er gegenüber dem allgemeinen Missgeschick bei sich zu Hause einen poetischen Pendant hertragiert!

    Als das Feuer, nachdem ihm eine sechstägige Anstrengung Stillstand geboten hatte, auf den Grundstücken Tigellin's von Neuem ausbrach, "schien" es wieder, als ob es Nero auf den vollständigen Untergang der Stadt abgesehen habe und nach dem Ruhm verlangte, eine vollständig neue Stadt, die dann natürlich seinen Namen tragen musste, zu gründen.

    Auch Seneca muss wieder einmal auftreten und für die Gottlosigkeit, mit welcher Nero zur Ausschmückung des neuen, also bereits wieder in Bau begriffenen Roms mit Bildsäulen, die Tempel Griechenlands angeblich geplündert haben soll, zeugen. Er "soll," um seinem Namen dem Schein einer Betheiligung an jenem Frevel zu entziehen, um Urlaub für ein Landleben in weiterer Ferne angehalten und nach dem abschläglichen Bescheid unter dem Vorgeben von Krankheit sich bettlägerig gemacht haben. Aber er hatte sich schon längst nur selten in der Stadt gezeigt und bald darauf befindet er sich nach unsers Autors eigner Angabe ungestört in Campanien und kommt nur zu einem besonderen Geschäft nach Rom. Eher ist zu vermuthen, dass er sich der Last seines Geldes, welches er nach Dio Cassius (62, 55) dem Fürsten zu seinen Bauten gegeben haben soll, bei Gelegenheit des neuen Stadtbaues entledigt hat.

    Zuletzt muss noch jener Prätorianer-Obrist, der in der Pisoniscen Verschwörung eine leitende Rolle spielte, dem Fürsten, wie Tacitus (Annal. 15, 67) mit wahrer Wollust bemerkt, einen tiefdringenden, schmerzlichen Stich beibringen. Auf die Frage Nero's, weshalb er es bis zur Verläugnung des Fahneneids habe kommen lassen, soll er geantwortet haben:

     


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    "ich hasste dich, seitdem du Mutter- und Gattinmörder, Cirkuskutscher, Komödiant und Brandstifter wurdest." Nichts, sagt unser Autor, traf bei dieser Verschwörung Nero's Ohr, der Vorwürfe nicht ertragen konnte, empfindlicher. Nichts ? Aber den Vorwurf des Muttermords war er schon längst gewohnt, den Glauben an sein Virtuosenthum konnte Niemand erschüttern, also bliebe nur der Schandfleck der Brandstiftung! Wenn nur nicht Tacitus erst diese Erinnerung dem tapfern Obersten in den Mund gelegt hätte! Dio Cassius, der im Uebrigen wie Tacitus und Sueton uns den Fürsten als geflissentlichen Urheber des Brandes hinstellt, hat uns die Antwort jenes Flavius Subrius wahrscheinlich in einer ältern, zuverlässigeren Form (62, 24): "einem Kutscher und Zitherspieler mag ich nicht dienen," erhalten.

    So sieht die Kunst aus, mit welcher Tacitus die Waage, die er Anfangs nur noch als schwankend den Lesern vor Augen führt, zu Ungunsten Nero's beschweren möchte. Der Pragmatismus, mit dem er sich unter den Schauern und Gewittern des Imperialismus bewegt, hat öfters die Naivität des Kindes, welches sich in der Dämmerung gruseln macht und Andere zum Gruseln bringen will; das Schauergemälde aber, welches er aus Nero's Beziehungen zum römischen Brande zusammengesetzt, hat geradezu den Charakter einer kleinlichen Gehässigkeit.

    Wenden wir uns nun zu seinem Christenbild!

    Es ist. schon auffallend, dass wir in der Zeit, als die Stadt soeben erst in Asche gelegt ward und die Trümmer noch rauchten, Nichts von einem Wuthausbruch des Volkes gegen die angeblich verhassten Christen hören. Nero vielmehr kam auf den Gedanken, die Verhassten ans Licht zu ziehen und ihnen die Schuld an dem Unglück aufzuladen, und auch das nur erst spät, nachdem der Schaden durch seine kräftigen Maassregeln und durch die Freigebigkeit, mit der er alle Stände, je nach ihrem Range beim Wiederaufbau ihrer Häuser unterstützte, geheilt war. Nur die angebliche Hartnäckigkeit, mit der sich nach allen Beweisen seiner Theilnahme und Fürsorge der Glaube an seine Anstiftung des Brandes erhielt, soll ihm keine Ruhe gelassen haben.

     


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    Nichts kann abrupter und zugleich verwirrter sein, als die Art, wie die Verhassten eingeführt werden. "Zuerst, heisst es, wurden diejenigen ergriffen, welche gestanden." Abgesehen davon, dass die Geständigen nicht erst ergriffen, gepackt, gefasst zu werden brauchten, -- was gestanden sie? Die Ausleger, weltliche und geistliche und zwar beide bunt durcheinander, theilen sich in die beiden Punkte, die in dem ganzen Abschnitt überhaupt zur Sprache kommen. Die Einen meinen, sie hätten sich zum Verbrechen der Brandstiftung, was Nero'n im Kopfe lag, bekannt, die Andern, sie hätten ihr religiöses Bekenntniss eingestanden. Allein der Autor sagt: "sie wurden nicht sowohl der Brandstiftung als vielmehr des Hasses des Menschengeschlechts überwiesen"undzwar"gemäss," "zufolge," "entsprechend" (proinde. Annal. 15, 44) ihrem Geständniss. Also hatten sie ihr Bekenntniss eingestanden, nur bleibt es dabei ein unbegreiflicher Ueberfluss, dass sie noch einer Untersuchung unterworfen wurden, nachdem sie, die zuerst eingestanden und dann noch eine ungeheure Menge, die dann doch auch nur als Genossen jener Ueberzeugung ergriffen werden konnten, angezeigt hatten, jede richterliche Formalität unnöthig gemacht hätten.

    Was hatte es also Nero geholfen, dass er in seiner Angst wegen des hartnäckigen Volksglaubens an seine Brandstiftung auf diese Leute verfallen war? Weder in ihrem Geständniss, noch bei der polizeilichen oder gerichtlichen (noch dazu vollständig überflüssigen) Untersuchung oder Feststellung wurde des städtischen Unglücks gedacht, ja, das Volk widmete ihnen, als sie Nero in seinen Gärten zu Tode marterte, sein Mitleid und bedauerte sie, dass sie nicht des allgemeinen Bestens wegen, sondern zur Lust des Fürsten an blutigen Schauspielen hingeopfert wurden, und nur der Autor ist es, der, während er dem Kaiser diesen Stich versetzt, es nicht unterlassen kann, den Gegenständen des öffentlichen Erbarmens auch noch einen Stoss zu geben und ihre exemplarische Strafe (wegen ihres Aberglaubens) verdient zu nennen.

    Das ist keine Geschichte und daraus lässt sich keine machen.

     


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    Tacitus weiss den angeblichen Christen der Neronischen Zeit weiter Nichts Schreckliches und Schändliches nachzusagen, als was er in seiner früheren Schrift den Juden vorzuwerfen hatte, -- den Hass gegen alle anderen Völker (Hist. 5, 5), Und dass der Urheber des Christennamens unter Tiberius durch den Procurator Pontius Pilatus zum Tode verurtheilt war, wird der sonst nicht besonders gründliche Archivforscher wohl demselben Staatsarchiv entnommen haben, in welchem nach Tertullian (Apologet. 21) auch die Thatsache, dass im Augenblick des Todes Jesu, zu Mittag, die Sonne verdunkelt war, sich aufgezeichnet fand.

    Wenn sich die Historiker mit der Verwirrung des Tacitusschen Christenbildes vergeblich abgemüht und der Zusammenhangslosigkeit desselben einen nicht weniger chimärischen und haltlosen Zusammenhang aufgedrungen haben, betreten sie zuletzt doch (wie Schiller) die Wege Gibbon's und meinen, unser Autor habe auf eine Calamität, welche eine Gemeinde betraf, in welcher christliches und jüdisches noch nicht scharf gesondert war, das Colorit der später n Domitianischen Verfolgung übertragen. Allein erstlich traf die römische Reaction Domitians, wie ich in dem Abschnitt über die Flavianische Zeit nachweisen werde, nur einzelne Höhen der Gesellschaft und auf diesen auch erst jene Seelencombination, in welcher das Römerthum sich an das monotheistische Gesetz angeklammert und andererseits mit demselben eine Innerlichkeit und Entsagung auf die Welt combinirt hatte, die dem Judenthum ursprünglich fremd war.

    Das Zerrbild des Tacitus findet eine Erklärung nur unter den Einflüssen der Zeit, in welcher er seine Annalen abfasste, der Zeit Trajan's, des zweiten Jahrzehnts vom zweiten Jahrhundert. Da gab es allerdings schon christliche Elemente in Rom, da konnte er von einem Christus und dessen Schicksal unter Ponlius Pilatus gehört haben und konnte er sich auch die Ansicht bilden, dass das Unheil, welches im Tode dieses Christus erstickt zu sein schien, nachher wieder ausgebrochen und bis nach Rom, dem Sammelplatz alles Unreinen, gedrungen sei. Unter den Einflüssen derselben Zeit und des Tacitus stand des Suetonius Biographie Nero's, (cap. 16, 17) welche

     


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    die Bestrafung der Christen, als Leuten eines neuen und schändlichen Aberglaubens unter den polizeilichen Maassregeln dieses Kaisers erwähnt.

    Also in der Schilderung des Christenthums in seiner Entwickelung gegenüber dem Kaiserthum des zweiten Jahrhunderts werden wir erst unser Urtheil über jene Episode der Neronischen Zeit abschliessen können.

    Wenn wir übrigens Tacitus in dieser Episode unter dem Einfluss der Trajanischen Periode stellen, so ist damit noch gar nicht gesagt, dass es unter Nero eine gewaltige Judenschlächterei gegeben hat. Dio Cassius, der im Abschnitt vom Brande Roms noch weiter geht als Tacitus, und der Sueton's directe Beschuldigungen Nero's als Brandstifters wiederholt, glaubte keinen Grund zn haben, einer Christen- und Judenverfolgung bei dieser Gelegenheit zu gedenken. Hätte ferner Josephus positive Nachrichten über die Brandstiftung Nero's gehabt, so würde er das Unglück der Stadt erwähnt haben, um auch diese Nummer unter den Verbrechen des Kaisers aufzuzählen. Wäre es in Folge dieser Katastrophe den Juden übel ergangen, bis zum Anschlagen ans Kreuz und Aufstellen in brennenden Gewändern, so würde er des Casus gedacht haben.

    Nur im Vorübergehen verweise ich gegenüber den Historikern, die gemäss der Neutestamentlichen "Apostelgeschichte" die frühe Existenz einer Christengemeinde in Rom annehmen, auf meine Kritik dieser Schrift (Berlin, 1850) und wenn sie aus den Grüssen des Apostels Paulus am Schluss seines Briefes an die Römer sich ein Bild von dieser Gemeinde machen, so erinnere ich an das Resultat meiner Kritik dieses Briefes ("Kritik der paulinischen Briefe," Berlin 1852), wonach derselbe allmählig durch Hinzufügung heterogener Aufsätze an den Grundaufsatz entstanden ist und der Gnostiker Marcion um das Jahr 140 in Rom diesen Brief noch ohne die beiden letzten Capitel in Händen hatte. Dieselben und unter ihnen das sechszehnte, nur aus Grüssen bestehende Capitel, sind erst nach dem Jahre 140 entstanden und die Gemeinde im Hause des Narcissus, in dem man gewöhnlich den Claudischen Freigelassenen sieht, ist somit sehr späten Datums.

     


                                                Der Tod Seneca's.                                            157


    5. Der Tod Seneca's.

    Wenden wir uns nun von den Völkerhass-Christen des Tacitus zu dem Christen Tertullian's, dem Lehrer der Menschenliebe -- Seneca. Sein Ende naht. Ein günstiges Geschick hatte ihn noch einmal vom Abgrunde, an dem er, um von den steilen Höhen der irdischen Macht herab die Welt umzugestalten, wandelte und manchmal strauchelte, hinweggeführt. Er lebte in der Einsamkeit, die er während seines Hoflebens oft genug verherrlicht hatte, und unterhielt sich mit seinem Lucilius über die Verschmelzung stoischen Muthes mit der Milde und inneren Stille Epikur's.

    Indessen kam doch wieder eine Versuchung, der er nicht widerstehen konnte. Er begab sich in die Gefahr und kam darin um.

    In den stoischen Kreisen machte sich eine zwiefache Bewegung geltend. Die Lehrmeister und Prediger der Secte hielten, wie z. B. jener Musonius und Köranus, die dem Rubellius Plautus zur Ergebung in den Todesstreich mahnten, an der politischen Entsagung der Schule fest und wollten von keiner anderen Thätigkeit als von der Arbeit an der eigenen Seele wissen. Die aristokratischen Häupter waren jedoch mit dieser stummen Verzweiflung am Weltlauf nicht immer zufrieden und verstanden unter der philosophischen Mannheit das Mittel, das Reich zu reformiren und mit der Freiheit der alten Zeit zu beglücken.

    Man kannte am Hofe diese Strömung. Als Tigellin den Schlag gegen Plautus forderte, sagte er, derselbe gebe sich den Anschein eines altrömischen Geistes und bekenne sich zur Parthei und Anmassung der Stoiker, welche die Geister unruhig und ueuerungslustig mache (Tacit. Annal. 14, 57). Ebenso feuerte Cossutianus Nero's Erbitterung gegen Thrasea mit den Worten an, das sei der Führer der Neuerer, die, um die Kaisergewalt zu stürzen, die Freiheit zur Schau tragen und, wenn sie jene niedergeworfen haben, gegen die Freiheit selbst losgehen (Tacit. Ebend. 16, 22).

    Seneca hatte sich noch in einem jener Briefe an Lucilius

     


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    (Ep. 73) auf die Seite der Entsagenden und Stillen im Lande gestellt und es für einen Irrthum erklärt, wenn man glaube, "dass die Anhänger der Philosophie widerspenstige und zum Ungehorsam geneigte Menschen und Verächter der Obrigkeit seien. Im Gegentheil sei diesen Niemand dankbarer als die Philosophen, die e's ihnen zu verdanken haben, dass ihnen in Ruhe und Frieden zu leben vergönnt ist. Nothwendig, fährt der Weise fort, müssen also diejenigen, welchen die öffentliche Sicherheit zur Erreichung ihres erhabenen Zweckes, rechtzuleben, förderlich ist, den Urheber dieses Guten (den Fürsten) als einen Vater ehren."

    Dennoch erlag Seneca der Versuchung, die ihn wieder in die Oeffentlichkeit rief. Die Gährung, die seit einiger Zeit in der Aristokratie und im Ritterstande sich regte, hatte sich endlich zu einer Verschwörung gestaltet, die in Cn. Piso ihren Mittelpunkt, eigentlich nur ihren Namen fand. Ihre Kraft besass sie im Militär. Tüchtige Oberste und Hauptleute des Prätoriums, denen der Fürst durch sein Virtuosenthum verleidet und fremd geworden war, gaben dem Unternehmen seinen Rückhalt und leiteten es im Geheimen nach eigenen Gesichtspunkten. Piso, aus dem erlauchten Geschlecht der Calpurnier, einer der römischen grossen Herren, die sich durch ihre Geldmacht und durch Anwaltschaft bei den Gerichten eine zahlreiche Clientel schufen, prachtliebend und dabei der Genusssucht ihrer Zeit nicht fremd, schien ihnen für die Ersetzung Nero's doch nicht genügend. Selbst Fänius Rufus, der College Tigellin's im Commando, hatte sich neben der Gunst desselben am Hofe nicht sicher gefühlt und brachte seinen unbescholtenen Namen zur geheimen Verbindung.

    Piso selbst hatte von seinen Vorfahren das Streben nach der Höhe und Ansprüche geerbt, welche diese trotz ihrer grösseren Härte und Willenskraft nicht hatten befriedigen können. Jener Calpurnier, der nach dem Bürgerkriege unter Augustus die Annahme von Aemtern und Ehrenstellen verweigerte, liess sich doch durch den Fürsten zur Uebernahme des Consulats bewegen. Dessen Sohn Cnejus gestand in seinem Stolz (Tacit. Annal. 2, 43) kaum dem Tiber den Vorrang zu und sah dessen Kinder tief unter sich; er war jener harte

     


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    Adlige, der, von Tiberius seinem Neffen Germanicus auf dessen orientalischer Reise als Beirath mitgegeben, seine Stellung dazu benutzte, den Willensschwachen Prinzen zu Tode zu martern, und dann dem Ausgang der Untersuchung im Senat durch den Selbstmord zuvorkam. Der jetzige Piso, die nominelle Spitze der Verschwörung, war sich seiner geistigen Unbedeutendheit wohl bewusst, fürchtete Concurrenten und betrachtete, z. B. den Ruf des von C. Cassius gebildeten L. Junius Silanus, Neffen des Decimus Junius Torquatus mit Argwohn, als könnte der junge Mann, der letzte Spross des Juniergeschlechts, im Fall des Gelingens seines Unternehmens die Augen des unbetheiligten Volks auf sich ziehen.

    In einigen Kreisen der Verschworenen ward der Name der Antonia genannt, aber es scheint, dass man nicht recht wusste, was mit ihr am Schluss anzufangen sei, da die Zuneigung Piso's zu seiner Frau dem Plan, ihn mit der Tochter des Claudius zu verheirathen, im Wege stand.

    Die Frauen scheinen gegen Nero wegen der Härte gegen Octavia eine wahre Erbitterung gehegt zu haben, wie z. B. jene Dienerin dieses unglücklichen Wesens, als sie wegen des Umgangs ihrer Herrin mit Eukärus aussagen sollte, in Gegenwart des richterlichen Hausherrn dem Tigellin mit den Worten: "die Schaam meiner Herrin ist reiner als dein Mundl" in das Gesicht spie. Eine ähnliche Erbitterung scheint jetzt jene Epicharis geleitet zu haben, welche die zaudernden Mitglieder der Pisonischen Verschwörung vorwärts trieb und sich selbst an den jetzigen Flottenpräfecten von Misenum, Volusius Proculus, machte und ihn, der für seine Theilnahme an seines Vorgängers Schlag gegen Agrippinen sich nicht genügend belohnt glaubte, zur Bereithaltung der Flottenmannschaften gegen Nero aufforderte. Sie war auch die einzige Person, der nach der Anzeige der Verschwörung durch die Tortur kein Name abgepresst werden konnte, und sie erwürgte sich selbst in den Riemen des Martersessels.

    Die erste Anzeige ging von dem Hause des einen mitbetheiligten Senators, Scävinus, aus. Er hatte sich am Vorabend des Unternehmens seinen Leuten durch eine besondere Feierlichkeit und durch den Wechsel seines Benehmens zwischen

     


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    starrem Tiefsinn und scheinbar lustiger Faselei auffällig gemacht. Sein Testament hatte er versiegelt, die Lieblingssklaven, mit der Freiheit, Andere mit Geld beschenkt und nach einem mehr als gewöhnlich reichlichen Mahl von dem Freigelassenen Milichus seinen verrosteten Dolch schärfen und Verbandzeug bereiten lassen. Dieser Milichus zeigte dem Fürsten diese Verdachtsgründe an und fügte in der sofortigen Confrontation mit seinem Herrn als fernere Indizien die geheimen Berathungen desselben mit dem Ritter Natalis und Beider intime Freundschaft mit Piso hinzu.

    Im Publikum wunderte man sich nachher, wie dieser, durch sein schwelgerisches Leben bekannte Scävinus unter die Verschworenen gekommen war. Seine Aussage im Verhör, er habe öfter an seinem Testament gearbeitet und seine Sklaven diesmal reichlicher mit Geld beschenkt, weil sein Vermögen auf die Neige ginge und dem Testament bei dem Drängen der Gläubiger nicht mehr zu trauen war, beweist, dass er auch verschuldet war.

    Natalis, nach dessen Citation Piso sich die Adern öffnete, brachte endlich auch den Namen Seneca's zu Tage. Seine Aussage giebt über die Verschwörung die beste Aufklärung. Er sei der Bote zwischen dem Philosophen und Piso gewesen; dieser habe ihn, erklärte er, während Seneca krank war, abgeschickt, um demselben sein Bedauern darüber auszusprechen, dass er sich lür ihn unzugänglich mache'; Seneca habe aber geantwortet: Austausch von Worten und häufige Unterredungen würden keinem von Beiden zuträglich sein; übrigens hänge sein eigenes Wohl von Piso's Erhaltung ab.

    Der nominelle Häuptling des Unternehmens hatte also auch wegen Seneca's Angst gehabt und in der Zurückhaltung desselben ein Zeichen gesehen, dass er eigene Absichten hatte, und Dieser hatte sich im Hintergrund gehalten und abwarten wollen, ob Versprechungen, die man ihm gemacht hatte, in Erfüllung gehen würden.

    Seneca war gerade an diesem Tage aus Campanien in einer Villa vor Rom eingetroffen. Seine ausweichende Erklärung, die sich Nero durch den prätorianischen Obersten Granius Silvanus sofort von ihm ausbat, genügte ihm nicht und

     


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    er befahl dem Obersten, zu Seneca umzukehren und ihm den Abschied vom Leben zu befehlen.

    In diesem Augenblick war die militärische Seite der Verschwörung noch nicht entdeckt und Fänius Rufus noch Mitglied des Gerichtshofes, dem Nero präsidirte, und leitete das Verhör der Eingezogenen. Erst, als er bei der Fortsetzung desselben dem Scävinus um weitere Aussagen zusetzte, lachte ihm der Senator höhnisch in's Gesicht und bemerkte, Niemand könne ja dem Fürsten besser als er mit Enthüllungen dienen.

    Jener Oberste, der Seneca das Todesurtheil bringen sollte, hatte sich nicht geradeswegs vor die Stadt begeben, sondern war erst zu Fänius in's Prätorium umgebogen und hatte ihn gefragt, ob er dem Befehl des Kaisers nachkommen solle; bejahend beschieden, wollte er sich und Seneca die Pein des Anblicks ersparen und schickte einen Hauptmann in die Villa hinein, um seinen Auftrag zu melden.

    Die militärischen Mitglieder der Verschwörung scheinen wirklich an den Beruf des Weisen zur Herrschaft geglaubt zu haben. Das Prätendententhum Piso's behandelten sie mit dem Uebermuth, welchen das Militär späterhin bei seinem Kaisermachen bewies. Flavius Subrius sagte z.B.: es bleibe sich bei der Blamage (der Verletzung des Fahneneids) gleich, wenn man dem Zitherspieler auch den Tragöden (Piso trat nämlich in tragischen Rollen auf) nachschicke.

    Seneca starb eines langsamen Todes; das Blut wollte aus den geöffneten Adern nicht reichlich fliessen, das von seinem vertrauten Arzt bereit gehaltene Gift in dem absterbenden Leib nicht mehr wirken; zuletzt erstickten ihn die Dämpfe eines heissen Bades, von dem er einige Tropfen dem "Befreier Jupiter" spendete. Nach einer Vorschrift, die aus der Zeit seines Glanzes und seiner Macht datirte, wurde er sogleich darauf ohne alle Feierlichkeit verbrannt. Eine solche Kraft des Gedankens und der Sprache beseelte ihn noch in seiner Sterbestunde, dass er herbeigerufenen Schreibern eine Reihe von Sätzen dictirte, die als das Vermächtniss seiner Weisheit veröffentlicht wurden und zur Zeit des Tacitus noch zirkulirten (Annal. 15, 64).

     


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    Seine Paulina liess sich, als er sie zum Abschied umarmte, nicht davon abbringen, mit ihm gemeinsam zu sterben; Nero, der davon hörte, gab jedoch, um dieses Aergerniss nicht auf seine Rechnung kommen zu lassen, den Befehl, die Wunden ihrer Adern zu unterbinden, und sie war noch lange darnach mit ihrem leichenhaften Aussehen eine Zeugin dieser Episode des blutigen Gerichts, in welchem die Pisonische Verschwörung erstickt wurde.

    Der ältere Bruder Seneca's, Gallio, wurde im Senat, als der Lauf der kaiserlichen Rache erlahmt war, der Mitschuld an der Verschwörung angeklagt, kam jedoch, weil die Mehrheit der versammelten Väter die verharschende Wunde im Gemüth des Fürsten nicht gern wieder aufgerissen sehen mochte, noch einmal glimpflich davon. Dio Cassius (62,25) lässt ihn später doch noch fallen.

    Der jüngere Bruder Mela schliesst die Tragödie der Annäer als Opfer des Verständnisses der Familie für das Geld. Der Eifer, mit dem er die Schuldner seines, in die Verschwörung verwickelten und verurtheilten Sohnes Lukan durch Eintreibung ihrer Verpflichtungen in Allarm setzte, reizte den Einen derselben zur Rache, um ihn durch erdichtete Briefe, die für das Einvernehmen mit seinem Sohne zeugten, bei Nero anzuschwärzen. Er öffnete vor Schrecken über diese Art der Bezahlung sich die Adern und befreite die Gläubiger von ihrer Angst.

    6. Seneca und die Spottschrift auf Claudius' Himmelfahrt.

    Die Nachwelt hat es Seneca manchmal verdacht, dass eiserne innere Ruhe dem Glauben an seinen Beruf zur Herrschaft geopfert und am Hofe zweier Kaiser auch die Strengigkeit seiner moralischen Lehren nicht selten verläugnet hat. Am wenigsten hat man aber vom christlich-kirchlichen Standpunkt aus ein Recht dazu, den Mann, welcher für das christliche Rom den Grund gelegt hat, zu verurtheilen. Die Gemeinde, die den Nachlass seiner moralischen Sätze übernahm, hat von ihm auch die Ueberzeugung der Stoiker vom obersten Anrecht des Weisen an die Weltherrschaft geerbt.

     


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    Tertullian erklärte zwar in dem Sinne der Weltentsagungj mit deren Predigt die Gemeinde auftrat (Apologet, cap. 21), "die Cäsaren würden sich zum Glauben an Christum bekannt haben, wenn sie nicht der Welt nöthig wären oder wenn die Christen hätten Cäsaren sein können." Allein, nachdem sich die Führer der Gemeinde in der Verurtheilung aller abweichenden Meinungen geübt und dann die kaiserliche Macht zur Vernichtung derjenigen, die ihren Lehrbestimmungen nicht bis aufs Pünktchen beistimmten, benutzt hatten, erwachte in ihnen der stoische Grundsatz, dass der Weise der wahre König sei, mit ungeahnter Kraft. Und nachdem es ihnen im Mittelalter gelungen war, die weltlichen Könige zu ihren Dienern zu machen, überraschen sie die Gegenwart durch eine neue Steigerung ihres geistlichen Königthums, indem sie selbst gegen den weltlichen Bund der Könige den stoischen Glauben an die Erhabenheit der geistlichen Souveränität erneuern.

    Man lasse also den Stein fallen, den man gegen Seneca schleudern will, und verschone den römischen Leviten mit dem Pharisäer blick.

    Ausserdem plagt man jetzt Seneca mit dem ihm zugeschriebenen "Ludus" (Spass, Jux, Gaudium) über den Tod des Kaisers Claudius, über dessen Erlebnisse im Götterrath des Olymps und seine Verstossung zur Unterwelt. Schiller z. B. klagt ihn (in seiner Schrift über Nero, pag. 295, 296) an, dass er "den todten Kaiser, der ihn einst begnadigt und in den letzten Jahren am Hofe geduldet und zu Ehrenstellen erhoben hatte, mit Koth beworfen und durch fade Witzeleien die Zustimmung zu dem Morde des unglücklichen Mannes ausgesprochen hat."

    Der Aufsatz, ein Meisterstück in Leichtigkeit der Sprache und Gewandtheit des übermüthigen Vortrags, würde jedem Anderen, der ihn geschrieben haben mag, zur Unehre gereichen, von Seneca's Hand geschrieben, ein Flecken an seinem Namen bleiben.

    Er ist bald nach dem Regierungsantritt Nero's geschrieben und verherrlicht den jungen Kaiser. Merkur will den im Sterben liegenden Claudius abholen, Klotho macht, ehe sie

     


    164                                 Nero's und Seneca's Untergang.                                


    den Lebensfaden abschneidet, über den mit dem Tode ringenden Kaiser einen Witz, während Lachesis den goldnen Faden des geliebten Nero noch viele Jahre zugiebt und Apollo dazu zur Leyer singt und Nero als sein Abbild und als den Beglücker der ermüdeten Welt schildert. Die muthwillige Beschreibung der Erlebnisse des Abgeschiedenen im Himmel, wo Augustus seine Aufnahme in den Götterrath verhindert, wird von Anspielungen auf seine Leibesgebrechen durchzogen. Er erscheint als ein Ungethüm mit schleppendem ungewöhnlichen Gang und mit der rauhen Stimme von Seeungeheuern; das Fieber, welches ihn durch sein ganzes Leben begleitet hat, Dezeugt seine Identität, macht Witze .über seinen gallischen Ursprung (er ist in Gallien geboren) und giebt ihm, der den Spott über seinen unrömischen Charakter nicht ertragen kann, Gelegenheit, in seiner unverständlichen Weise zu brummen und in der Aufregung auch das Zittern seiner Hand zu zeigen. In der Unterwelt wird er zum Sklaven degradirt und erfindet Aekus für ihn eine neue Strafe: er soll in Ewigkeit mit einem Becher ohne Boden Würfel spielen.

    Wird aber Seneca, der schon zur Zeit Caligula's als Todeskandidat galt und niemals von starker Leibeskonstitution war, über die Kontraktheit eines Andern gespottet und Mercur, als er den sterbenden Claudius von der Klotho haben wollte, das frivole Wort in den Mund gelegt haben, er habe ja schon alle seine 64 Jahre hindurch mit dem Tode gekämpft? Konnte der Beschützer der Sklaven den Sklavenstand dem abgeschiedenen Kaiser für alle Ewigkeit als Strafe zudiktiren und dazu die raffmirte Stufenleiter erfinden, dass Caligula seinen Nachfolger unter Vorführung von Zeugen, die ihn den Unglücklichen haben schlagen, prügeln und ohrfeigen sehen, als seinen Sklaven in Anspruch nimmt und erhält, worauf er ihn seinem Freigelassenen als Schreiber übergiebt? Ist es ferner denkbar, dass der Vertheidiger der Menschenrechte und der Solidarität des Menschengeschlechts den Claudius wegen seiner Einführung der gallischen Aeduer in den Senat verhöhnen und der Klotho, die ihm noch ein Bischen Leben wünschte, den Spott in den Mund legen konnte, er müsse ja noch seinen Lieblingswunsch erfüllen und alle Griechen,

     


                     Seneca und die Spottschrift auf Claudius' Himmelfahrt.                 165


    Gallier, Spanier und Britten mit dem Bürgerrecht ausstatten?

    Entscheidend ist es ferner, dass die Schriften Seneca's nirgends eine Spur des leichten Humors, welcher den "Ludus" bei aller seiner Bitterkeit und niedrigen Tendenz durchzieht, verrathen, dem Ludus dagegen die oft verzwickte Gestaltung und Kombination der Seneca'schen Pointen schlechthin fremd ist. Sodann: -- wenn Seneca die Erhebung der Grossen bis auf Augustus gegen die Republik unzählige Mal als Frucht des Eigennutzes geisselt, geschieht es mit Schärfe und schlagender Kraft; der Charakteristik der Kaiser ist er nicht mehr gewachsen. Seine Ausfälle gegen Caligula z. B., der ihm besonders zuwider ist und dem er die zahlreichsten Stiche zugedacht hat, sind schwach, die Pointen stumpf. Wie unbeholfen und matt ist z. B. sein Satz über diesen Kaiser in der Schrift "de Ira" (1,16): "Cajus Cäsar zürnte dem Himmel, weil er den Ballettanz, bei dem er lieber mitmachte, als zusah, mit seinem Donnerlärm störte und das von ihm angestellte Schauspiel mit Blitzen schreckte, die gar nicht den rechten Weg nahmen" (nämlich auf sein Haupt).

    Auf Claudius kommt er nur zweimal zu sprechen (natürlich abgesehen von der Zuschrift an Polybius). Verfänglich ist unter diesen beiden Stellen allenfalls diejenige in der Schrift von den Wohlthaten (1,15): "Crispus Passienus pflegte zu sagen, von Manchen wolle er ihre Achtung lieber als eine Wohlthat, von Manchen lieber eine Wohlthat als ihre Achtung, und fügte als Beispiel hinzu: "lieber ist mir des vergötterten Augustus Achtung; von Claudius ziehe ich eine Wohlthat vor." Ich aber, fährt Seneca fort, bin der Meinung, es sei von Niemand eine Wohlthat wünschehswerth, dessen Achtung keinen Werth hat. Wie also? Sollte er von Claudius die angebotene Wohlthat nicht annehmen? Wohl! aber wie vom Glück, das, wie du wohl weisst, auf der Stelle umschlagen kann."

    Das ist nicht schön, aber -- nach dem Sprichwort, keine tödtliche Sünde. Es ist für einen bedeutenden Mann nicht geziemend und straft sich selbst durch seine steife und ängstliche Geziertheit

     


    166                                 Nero's und Seneca's Untergang.                                


    Kurz, zwei Autoren können in Sprache und Styl nicht mehr von einander abweichen als Seneca und der Verfasser des Ludus.

    Der Ludus ward nach seiner vereinzelten Auffindung dem Seneca nur deshalb zugeschrieben, weil man glaubte, er sei jene " Apokolokynthosis" (d. h. Verkürbissung), die dem Lehrer Nero's in einem Zusammenhang, wo von einem Witzwort seines Bruders Gallio über die Apotheose des Claudius die Rede ist, von Dio Cassius (60, 33) zugeschrieben wird. Aber erstlich bleibt, wie A. Stahr, dessen Erörterung dieser Frage in seiner "Agrippina" ich beistimme, erinnert hat, Ton und Inhalt dieser Schrift, die nach ihrer Ueberschrift ausserdem mit dem Ludus nicht die mindeste Berührung annehmen lässt, völlig unbekannt und sodann sind die Notizen über Seneca in dem später abgekürzten und interpretirten Geschichtsbuch Dio's als unzuverlässig anerkannt.

    7. Nero's Ende.

    Caligula handelte im Sinne jenes späteren evangelischen Spruches, wonach das Himmelreich Gewalt leiden muss und Räuber zu seiner Eroberung gehören. Er griff mit kühner Faust in den Himmel und brachte die Glorien desselben heim. Als er aber im Vollgefühl seiner Göttlichkeit auf seine irdische Welt herabsah, ergrimmte er und wusste mit ihr nichts Besseres anzufangen, als ihr einen einzigen Nacken zu wünschen, damit er ihr als Weltrichter mit einem einzigen Schlage den Garaus machen könne.

    Nero fing es anders' an. Er wollte von unten an dienen. Wie Tiberius sich den Diener des Staats nannte, so betrachtete er sich als den Diener der Menschheit. Mensch unter Menschen sein war ihm sein Höchstes. Aber auch er ergrimmte. Die letzten Vertreter jener Geschlechter, die sonst das Scepter der Weltherren führten, wollten die Allmacht, die er sich als Haupt der Menschheit zuschrieb, nicht anerkennen; für ihn zerfiel demnach die Welt in die stolzen Rebellen und das gute Volk, welches sein sanftes Joch mit Freude trug.

     


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    Die Niederwerfung der Pisonischen Verschwörung bildet einen Wendepunkt der Neronischen Regierung, deren fernerer Verlauf nur noch ein Nachbluten der Wunde ist, welche damals der aristokratischen Partei geschlagen ward. So fiel nach dem Tode Seneca's der Consul Atticus Vestinus, ein unternehmender Mann, von dessen Eifer lür die Freiheit Piso eine Durchkreuzung seines Unternehmens gefürchtet hatte und der wahrscheinlich von der Sache wusste, aber sie nicht nach seinem Geschmack fand.

    Es fiel im folgenden Jahr (66) Petronius in Cumä, wo er sich befand, als er dem Kaiser auf einem Ausflug desselben nach Cainpanien, entgegenkommen und seine Aufwartung machen wollte, angeblich wegen seiner Beziehung zu Scävinus, dem Genossen Piso's. Nur ist Tacitus sehr wenig glaubwürdig, wenn er (Annal. 16, 19, 20) den Kaiser wegen der boshaften Enthüllungen seiner nächtlichen geschlechtlichen Raffinements im Testament seines Opfers lange hin und her rathen und endlich auf die Silia, Frau eines Senators und angebliche Freundin Petron's fallen lässt. Waren die Raffinements des kaiserlichen Bettes wirklich Thatsache und beruhte die Sage davon nicht auf blossem Gerede des Publikums, so hätten sie dem Vertrauten des Palatium auch ohne Beihilfe jener Frau bekannt sein müssen.

    Darauf kam an Thrasea Paetus die Reihe, dessen angeblicher Tragödie Tacitus schon seit dem Fall Agrippinens einen eingehenden Pragmatismus gewidmet hat, ohne von der Entwicklung des Drama und von der letzten Krise und Anklage, wie Schiller nachdrücklich und glänzend nachgewiesen hat, die nothdürftigste Vorstellung zu geben.

    Auch der letzte Junier, der Neffe des Decimus, L. Silanus, auf dessen Ruf und Ansehen Piso eifersüchtig gewesen war, musste noch mit C. Cassius, seinem stoischen Erzieher, vom Senat zur Verbannung verurtheilt werden und ward, während Cassius bis Vespasian's Erhebung erhalten blieb, auf dem Weg in's Exil umgebracht.

    Es war jetzt die Zeit gekommen, wo sich freiwillige Majestätsanwälte ausbildeten, die, wie jener Aquilius Regulus (Tacit hist. 4, 4'2), es noch Lassheit nannten, dass Nero sich

     


    168                                 Nero's und Seneca's Untergang.                                


    und die Angeber mit einzelnen Häusern der Grossen abmühe und zersplittere, während der ganze Senat mit einem Wort über den Haufen geworfen werden könne. Dieser Situation entspricht die Angabe Sueton's (Nero, cap. 37), der Kaiser habe auf seiner griechischen Reise öfter die Aeusserung hingeworfen, er werde den Rest der Senatoren nicht schonen und den Stand ganz ausrotten, und bei der Einweihung seines Unternehmens auf dem Isthmus in dem Segenswunsch mit Uebergehung des Senats nur seiner und des römischen Volks gedacht.

    Diesem Kriegszustand fielen während seines Aufenthalts in Griechenland die beiden Brüder Scribonius Rufus und Proculus und Domitius Corbulo, alle drei an den Hof berufen und zum Tod gezwungen, zum Opfer. Ihren Untergang verursachte ausser dem erlauchten Geschlecht ihre bedeutende militärische Stellung, die der Scribonier als Statthalter beider Germanien, die des Corbulo in Syrien, sammt der Macht, die ihm die Verfügung über die illyrischen und ägyptischen Legionen und seine militärischen und diplomatischen Erfolge bei der Regelung der Verhältnisse zwischen Rom und Parthien und der Festsetzung der Vasallenschaft Armeniens erworben hatten.

    Nero hatte nun um sich herum aufgeräumt und stand allein da, als ihn Helius, der vergeblich in einer Zuschrift die Rückkehr als unumgänglich nothwendig dargestellt hatte, persönlich in Griechenland aufsuchte und zur Heimreise bewog.

    Es hatte in Gallien gegährt. Als der Fürst mit den griechischen Siegeskränzen im März 68 zu Neapel seinen triumphirenden Einzug hielt, kam die Nachricht, dass C. Julius Vindex, Proprätor von Gallien, ein romanisirter Gallier, die Fahne des Aufstandes erhoben habe. In Rom traf ihn die Botschaft vom Aufstand Galba's in Spanien. Der Gallier, der Vorläufer des Batavers Claudius Civilis, der bald darauf mit Gallien und Germanien einen Rheinbund stiften wollte, war für die Befreiung seines Landes aufgetreten und lockte Galba mit der Idee, im Zusammenwirken mit ihm sich den kaiserlichen Thron zu erwerben. Galba seinerseits wollte den Aufstand des Galliers für seine Erhebung gegen Nero benutzen,

     


                                                   Nero's Ende.                                               169


    ohne ihm für seine etwaigen eigenen Pläne Versicherungen zu geben. Als jedoch Vindex mit seinem nationalen Aufgebot durch Virginius Rufus und dessen Legionen fiel, rettete Galba, der seines Rückhalts beraubt, an seiner Sache verzweifelte, nur das Zögern Nero's mit schnellen militärischen Operationen.

    Das Volk in Rom blieb den verwirrenden Gerüchten über weitere Erhebungen und Verrathe überlassen. Das Prätorium scheint Nero, während er langsam gegen Galba Truppen vorschob, zur persönlichen Reserve für sich bestimmt zu haben und Nymphidius, der Nachfolger des Fänius Rufus, erhielt durch die Musse jenes Corps Gelegenheit dazu, die Ungewissheit, die über Rom schwebte, zu seinen Zwecken zu benutzen. In der Zeit zwischen Nero's Tod und Galba's Ankunft streckte er selbst nach dem Imperium die Hand aus, ward aber nach der Ankunft Galba's im Prätorium erschlagen. Tigellin, der in den letzten Tagen Nero's sich im Hintergrund versteckte, erwarb sich durch die Rettung der Tochter Galba's in den Wirren des Interregnum die Gnade des neuen Kaisers und hatte sich vielleicht daneben auch beim Senat angenehm gemacht, endete aber gleichfalls blutig und schnitt sich in Sinuessa den Hals ab, als das Volk von Otho gegen ihn Rache forderte.

    Der bunte Kranz von Anekdoten, mit denen die letzten Wochen, Tage und Stunden Nero's ausgeschmückt sind, wie er z. B. (Dio Cassius 63, 26) zur Zeit des Gallischen Allarms in einer Nacht Senatoren und Ritter, als wollte er mit ihnen über das Breigniss des Tages berathen, zu sich berief und ihnen dann nur eröffnete, dass er die Kunst entdeckt habe, der Wasscrorgel einen stärkeren und helleren Ton zu geben, ist das Werk einer lustigen Dichtung, der es Spass machte, das fruchtbare Thema des närrischen Virtuosen gegenüber der Erhebung Galliens und dem Anmarsch Galba's zu Variationen zu benutzen. Jene Anekdote des Dio Cassius ist sogar nach demselben Schema geformt, nach welchem bei Juvenal Domitian einem nächtlichen Staatsrath die Frage nach der Servirung der grossen Steinbutte vorlegt und Caligula bei Dio Cassius (95, 5) den Senatoren, die er wie zu einer

     


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    wichtigen Berathung citirt hatte, tanzend aus seinem Cabinet entgegenkommt und einen Solotanz zum Besten giebt.

    Gewiss ist es, dass Nero am 9. Juni 68, dreissig Jahre, 5 Monate, 26 Tage alt in der Villa eines Freigelassenen vor Rom, in die er sich in seiner letzten Verlassenheit flüchtete, durch Selbstmord endete und dass Epaphroditus den Ruhm erhielt, ihm zum Liebesdienst die zagende Hand geführt zu haben, welchen Ruhm dieser Freigelassene im letzten Jahr Domitian's bitter büssen musste.

    Ihn überlebte in stiller und gelehrter Zurückgezogenheit seine dritte Frau, Statilia Messalina, die Wittwe jenes Konsul Vestinus, die er nach dem Tode der Poppäa (65) heimgeführt hatte. Wie Antonia, Octaviens Schwester geendet hat, wissen wir nicht. Sueton (Nero 35) meint, Nero habe sie als Verschwörerin, nachdem sie nach Poppää's Tode seinen Eheantrag zurückgewiesen hatte, hinrichten lassen.

    Kaum hatte Nero die Augen geschlossen, als das Volk -- sein Volk aus der Betäubung der letzten Tage erwachte. Der Jubel der Senatoren und Ritter brachte es wieder zu sich selbst und es zwang auch die ephemeren Machthaber der nächsten Monate dem Andenken seines Freundes zu huldigen. Icelus, Freigelassener Galba's, im Tumult der letzten Tage in's Gefängniss geworfen und nach dem Tode Nero's wieder entlassen, jetzt eine Autoritätsperson, "gestattete es," dass der letzte Wunsch des Todten, verbrannt zu werden, erfüllt wurde (Sueton, Nero 49. 50). Seine beiden Ammen und Akte setzten die Ueberreste im Erbbegräbniss der Domitier bei. Otho, obwohl er sich in Lusitanien dem Aufstand Galba's gegen Nero angeschlossen hatte, stützte sich in seiner Rivalität gegen den Sieger des Tages auf seinen früheren Zusammenhang mit dem von ihm verrathenen Fürsten. Er gab sich in seinen ersten Erlassen an die Präfecten den Beinamen Nero, war glücklich, wenn ihn Volk und Soldaten "Nero Dtho" nannten, liess die Statuen seines geächteten Freundes wieder aufrichten und erwirkte einen Senatsbeschluss, wonach auch die Bildsäulen der Poppäa wieder zu dieser Ehre kamen (Sueton, Otho 7. Tacit. hist. 1, 78). Vitellius, der frühere Schmeichler des kaiserlichen Sängers veranstaltete für diesen

     


                                               Nero als Antichrist.                                          171


    zur Freude des Volkes eine Todtenfeier, bei welcher die Augustalen des Julischen Hauses ministrirten. (Tacit. Ebend. 2, 95). Ja, aus der Ferne kam von Vologesus, dem Partherkönig, die dringende Bitte um die Pflege von Nero's Andenken.

    Sueton erzählt (Nero 57), dass es noch lange Zeit Manche gab, die im Frühling und Sommer sein Grab mit Blumen schmückten und bald mit seinem Bildniss, bald mit Erlassen von ihm, als ob er noch lebe und in kurzem zum Verderben seiner Feinde wiederkommen werde, auf der "Rednerbühne auftraten.

    Derselbe Compilator erzählt am Schluss seiner Biographie Nero's, er habe es, zwanzig Jahre nach dem Tode desselben, als er selber noch Jüngling war, erlebt, dass ein Pseudo-Nero bei den Parthern lebhafte Theilnahme und Unterstützung fand und nur nach ernstlichen Verhandlungen ausgeliefert wurde. Nach Tacitus (Histor. 2, 8, 9) wurde während des Bürgerkrieges zwischen Otho und Vitellius Griechenland und Asien durch das Gerücht beunruhigt, Nero komme zurück., und ein Sklave oder Freigelassener, der sich wirklich als Nero geltend machte und auf der Insel Cytherus mit Deserteuren und Sklaven festsetzte, wieder unschädlich gemacht.

    8. Nero als Antichrist.

    Nero hatte immer nach dem höchsten Menschenmöglichen gestrebt, aber das konnte er nicht ahnden, dass eine nach ihm auftretende Gemeinde, die wie Rom auf den ganzen Erdkreis Anspruch machte, ihm in ihrer "divina commedia" von den letzten Dingen eine Rolle übertragen würde, vor deren Glanz und Feuer seine Lieblingsrollen auf der römischen Bühne erblassen.

    Ich halte es für wahrscheinlich, dass dem Verfasser der "Offenbarung Johannis" bei seinem Thier mit sieben Häuptern und zehn Hörnern, dem Antichristen oder dessen Vorläufer, Nero vorgeschwebt hat; allein diese Aufnahme des letzten Juliers in das biblische Drama war erst möglich, als Tacitus mit seinem Schauergemälde der Neronischen Christenverfolgung

     


    172                                 Nero's und Seneca's Untergang.                                


    aufgetreten war. Und nach diesen Anregungen zu einer blutig-feurigen Schilderung der Kämpfe eines jüngsten Gerichts mussten jene Vorstudien entworfen sein, die uns im vierten und fünften Buch der Sibyllinischen Liedersammlung Nero, den Muttermörder, als künftig vom Euphrat her wiederkehrend und sich zur Stelle Gottes erhebend darstellen. Die Form des letzteren Bildes im fünften Buch ist nach den chronologischen Umgebungen in der letzten Zeit Hadrian's entstanden, die Offenbarung des Johannes also erst später, frühestens in der Mitte der Regierurg Marc Aurel's. Uns kann indessen hier nur die Thatsache beschäftigen, dass das Weib der Apokalypse, das grosse Babel, das auf dem Thiere sitzt und sich im Blut der Heiligen berauscht, (Offenb. Joh. 13, 8) das Rom der sieben Hügel ist, und auch daran kann uns nur der Gegensatz interessiren, welchen die Rache des Apokalyptikers an der Widersacherin seines Gottes zu unserer Schilderung der ewigen Stadt als der Geburtsstätte des römischen Urchristenthums zur Zeit der ersten Cäsaren bildet.

    Die christliche Kirche hat für die universalistische, menschenfreundliche und ihr selbst vorarbeitende Richtung der neronischen Regierung kein Auge gehabt und in ihrer von Tacitus angefachten Erregung gegen den römischen Sitz des Schlechten und Gottfeindlichen auch nicht daran gedacht, dass Seneca und dessen Vorgänger ihr daselbst die Bahn gebrochen haben.

    Seneca's Sprüche leuchten in den Evangelien und paulinischen Episteln; seine Structur des Gegensatzes zwischen dem alten und neuen Gesetz hat die Gliederung desselben Themas in der Bergpredigt bestimmt und sein Kampf mit Fleisch und Sünde hat den Verfasser vom Grundstock des Römerbriefes zur Steigerung des Gegensatzes zwischen Fleisch und Geist angeregt. In den Rhetorenschulen ist der Bruch mit der Satzung entschieden, der in der evangelischen Lossagung von der Satzung Mose's nachklingt. Augustus, der Friedensfürst, und die Eifersucht, mit welcher die Kaiser ihr fürstliches Vorrecht bewachten, hat den Römer auf die Sorge für sein Seelenheil verwiesen und den Verzweifelnden, die nach dem Untergang der Republik am Ende der Welt zu

     


                                       Persius, Lucan und Petronius.                                    173


    stehen glaubten, den Schrei nach einer neuen geistigen Welt abgepresst. Im Nivellement der Stände ist endlich der Glaube an das Menschenrecht geboren und im Verkehr von Mensch mit Mensch eine Mittheilung zwischen Hoch und Niedrig, ein Bedürfniss nach gegenseitiger Anschliessung entstanden, von dem die Republiken de3 Alterthums, auch die orientalischen Theokratieen keine Ahndung hatten.

    Dieses ascetische, in Entsagung sich übende und nach einer immateriellen Heimath trachtende Eom -- verdient das den Namen der Mutter aller Hurerei auf Erden? Und ist im Tod, der unter Nero die alten Geschlechter bis auf die Erinnerung an sie dahinraffte und auch den cäsarischen Stamm ergriff, bis der letzte Spross des Cäsarenhauses sich selbst auf den allgemeinen Leichenhaufen warf, nicht ein neues Rom geboren, welches, von der Eifersucht der früheren Grössen befreit, für eine neue Universalgemeinde die rechte Stätte ward ?

    Die Frucht dieses alten Roms wird der folgende Abschnitt in den nicht mehr anonymen Christen reifen sehen. Zuvor noch einige Worte über drei Dichter der Neronischen Zeit, die auch für das Christenthum gearbeitet haben.

    9. Persius, Lucan und Petronius.

    Es kann ein Dichter die Weihe der Musen nur in kärglichem Maass erhalten haben und doch für die Seelenstimmung seiner Zeit ein interessanter Zeuge sein. Aulus Persius Flaccus arbeitet mühsam; seine Bilder sind ängstlich angelegt und trocken ausgeführt. Er ist trübe gestimmt, weil die Welt zu seinem stoischen Ideal nicht stimmt, und findet am Ende, dass Alles, oben und unten, vom Adel und Ritterstande an bis zu dem Kriegsknecht und gewöhnlichen Haufen entartet, vom rechten Wege abgeirrt und verworfen ist. Soll man ihn deshalb aber auch bloss verwerfen und in Mommsen's Art als "das rechte Ideal eines hoffärtigen und mattherzigeu der Poesie beflissenen Jungen" abfertigen? oder wie Schiller als einen "jugendlichen Versmacher, der die ganze vornehme Arroganz und Suffisance als getreuer Nachbeter von der Stoa

     


    174                                 Nero's und Seneca's Untergang.                                


    entlehnt hat," bei Seite werfen? Und wenn man diese Stellung des Persius zur Menschenwelt mit den Evangelien und Episteln, die auch Alles zur Busse rufen und unter die Sünde beschliessen, in Zusammenhang bringt uijd der ganzen Reihe dieselbe Verwerfung wie dem Persius angedeihen lassen wollte, -- was hätte der Historiker mit diesem summarischen Prozess geleistet?

    Die Sprüche des Persius mit der in ihnen ausgesprochenen Stimmung sind werthvoll, denn sie gehören zu dem Kreis der Arbeitsmittel, welche die Production der evangelischen und sogenannten paulinischen Sprüche angeregt und genährt haben. Sein Spruch (Sat. 2, 71 ff.): "opfern wir den Göttern ein Gemüth für Recht und Pflicht, heiligen Frieden des Innern und ein vom Adel der Tugend geweihtes Herz," -- sein Ruf: "der Freiheit gilt's" (Sat. 5, 73 ff.), nicht der, welche der Prätor giebt oder die Willkür vorspiegelt, -- entsprechen einer Richtung, die den antiken Tempel und Staatsdienst los sein wollte. Sein Ausruf ferner (Sat. 2, 61 ff.): "irdisch gesinnte und dem Himmlischen entfremdete Seelen, was frommt es, in die Tempel unsere Sinnesart zu übertragen und aus diesem sündhaften Fleischesleben den Göttern Gaben darzubringen?" -- die Anwendung jener Lehre, welche der Numa Ovid's (Metamorph. 15, 27 ff.) von Pythagoras über die Verkehrtheit empfing, den Göttern Wohlgefallen am Blut der Thiere zuzuschreiben, -- erklären die allmählige Entfremdung der Zeit vom Opfercultus. Endlich der vertraute Verkehr des einsamen Asketen und in seinem achtundzwanzigsten Jahr (62 n. Chr.) verstorbenen Etruriers mit Thrasea eröffnet uns einen Blick in gewisse stoische Kreise Roms, der uns bei der späteren zusammenfassenden Darstellung des Aufknospens der christlichen Blüthe seine Dienste leisten wird.

    Marcus Annäus Lucanus gehört auch zu den Knaben und Verworfenen. Sein Urtheil in politischen Dingen nennt Schiller "knabenhaft;" dass der Gegenstand (der Bürgerkrieg) an und für sich Nichts war, reizte vielleicht gerade des jungen Mannes Eitelkeit; er wollte durch seine hinreissende Declamation dasselbe zu etwas machen."

     


                                    Der Kosmopolit auf dem Thron.                                 175


    Lucan hatte schon im Alterthum seine Feinde. Martial spricht (Epigr. 14, 194) von Solchen, die ihn nicht als Dichter gelten lassen wollen. Servius (zum Virgil) meint, er verdiene nicht seinen Platz unter den Dichtern, weil er Geschichte, nicht ein Gedicht componirt zu haben scheine. Gefährlich ist es aber, dass auch der Mann des geläuterten Geschmacks, Petron, an dem poetischen Werth seines "Bürgerkriegs," der Pharsalia, gezweifelt hat. Denn offenbar soll das Bänkelsäugerlied, welches der Dichtergreis seines Satyrikons, Eumolpus, vorträgt, eine Ironisirung des Lucanischen Werkes sein und der Ausspruch desselben Sängers: "ein ungeheures Unternehmen, der Bürgerkrieg; wer sich ohne volle Dichterbildung daran macht, wird unter der Last zusammenbrechen; es genügt nicht, in Verse historische Thatsachen zu fassen, denn für diese ist der Geschichtsschreiber da," soll jedenfalls die historische Haltung des Lucanischen Werkes treffen. Eben dahin zielt die Bemerkung, dass die Gedankenblitze sich nicht vom Ganzen abheben dürfen, sondern als das eigene Leuchten des Körpers erscheinen müssen.

    Ein Scherz, der mit dem Karikaturgedicht des Eumolpus zusammenhängt, ist es dagegen nur, wenn Petron den Dichtergreis sagen lässt, der Poet müsse den Leser durch das Eingreifen der Götter auf die mythologische Folter spannen und sich das Ansehen eines begeisterten Propheten geben. Die Zeit dieser Göttermaschinerie war für immer vorüber und Niemand wusste das besser als Petron.

    Es war immerhin ein kühner Gedanke Lucan's, wirkliche historische Männer mit ihren Empfindungen, Leidenschaften und Reflexionen über das eigene Recht und Thun zum Gegenstand eines Epos zu machen, wenn auch der Versuch misslang. Fern davon, "an und für sich Nichts" zu sein, ist der Bürgerkrieg als Zusammenstoss der Macht, die sich den alten Formen überlegen fühlt, und des Rechts, das im Unterliegen seiner Zukunft gewiss bleibt, ein Thema, welches niemals aufhören wird, die intensivste, ja, leidenschaftlichste Theilnahme der Welt zu erwecken. Lucan musste jedoch scheitern, weil das Thema für die Poesie zu gross und zu umfassend ist und allein von der Prosa bewältigt werden kann

     


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    Der Imperialismus hat den Homer, nach dem Alexander d. Gr. vergebens rief , nicht gefunden und wird ihn nicht finden. Er kann sich für sein Geschäft der Ueberlistung, Täuschung, Uebertölpelung und des Hintergehens nicht entschlagen und diese Maschinerie ist kein Gegenstand für die Poesie. Lucan wählte zu seinem Helden den Vertreter des Rechts, den Senat. Man lächele über den schwachen und untergehenden Senat in der Heldenrolle, auch über die Idee überhaupt, einen Bundesrath zum Acteur eines Epos zu machen; aber die Völker werden nicht aufhören, trotz aller Fehlgriffe und Irrungen diesen Acteur herbeizurufen, und dann: ist die Idee, die Lucan vorschwebte, nicht in jenem Senat erfüllt worden, der jenseits des Oceans gegen Englands imperialistischen Uebermuth eine neue Welt ins Leben rief?

    Pompejus tritt als der Beauftragte des Senats auf und lässt sich durch die Ungeduld der Partei, die ihn gegen seinen Plan in die Schlacht treibt, ins Unglück stürzen, -- ein schöner Held! ruft man, und wiederum ist Lucan's Idee in dem Feldherrn, der in Einvernehmen und "Vereinbarung- mit dem Bundesrath in Philadelphia England und den Imperialismus der alten Welt besiegte, Wahrheit geworden.

    Cato steht Anfangs, bis ihn der Tod des Pompejus freimacht und sich ganz der Freiheit (Pharsal. 9, 29. 30) widmen lässt, die seit dem Tage von Pharsalus mit Cäsarn das Kämpferpaar bildet, das Rom behalten wird, unbetheiligt da und kann sich so wenig für Pompejus wie für Cäsar entscheiden. Eine öde, trübselige Stellung für einen Helden, ruft man wieder: aber aus dem Schmerz dieses Isolirten ist jener Wunsch hervorgegangen, der sich ganz der s'pätern christlichen Anschauung nähert, dass sein Haupt die Strafen aller Andern tragen und mit seinem Tod die Schuld des allgemeinen Verderbens, welches zum Bürgerkrieg führte, abgebüsst werden möge. (2, 306 ff.)

    Die Lösung der blutigen Collision, durch welche sich das Gedicht bewegt, ist sogleich im Anfange angegeben. Sie lautet: Nero. Um ihn haben die feindlichen Brüder gekämpft, er ist der Gewinn der Bürgerkriege, ihm bahnten die Gräuel

     


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    desselben den Weg, wie auch erst nach dem Kampfe mit den Titanen den Göttern die Herrschaft zufiel und dem Donnerer der Himmel Gehorsam leistete. Und auch dann, wenn der Friedensfürst als göttliches Gestirn am Himmel thront, wird er der Menschheit den Frieden erhalten, in dem sie ihr Heil berathen und das Band der Liebe die Völker umschlingen wird (1, 33 ff.).

    Es hilft Nichts, um den angeblichen Widerspruch dieser Theodicee der Bürgerkriege mit dem Leib des Gedichts zu beseitigen, das Werk in zwei Abschnitte aufzulösen, in deren ersterem (Buch 1 -- 3) der Dichter Cäsarianer sei, während er in den sieben letzten Büchern das Pompejanische Interesse vertrete. Auch in den ersten drei Büchern zieht Cäsar als Einbrecher, Räuber und Rechtsverletzer in Rom ein, während Pompejus als der Legitime auf Seiten des Senats steht.

    Seneca sah in den Führern der Bürgerkriege wie sein Neffe die Titanen der Eigenmacht und des Frevels, in Cäsar den vervielfältigten Catilina (ad Marciam, 20), in Cato den letzten Vertreter der Freiheit (z. B. de constant. Sap. 2. Epist. 104), in der Zukunft den Liebesbund der Völker. Beide fesselte an Nero derselbe Glaube, dass er in Eintracht mit dem Senat für die inneren Kriege den Janustempel schliessen werde. Die Umwendung, die vom Einzug der Poppäa in das Palatium bezeichnet wurde, klärte Lucan wie Seneca darüber auf, dass sie sich getäuscht hatten. Die Sage, dass der Neid Nero's auf Lucan's .Dichtergabe den Bruch herbeigeführt habe, hat nicht mehr Werth als die meisten Hofanekdoten Sueton's und des Tacitus.

    Als Lucan vor der Wahl zwischen dem Dolch Cato's und dem des Brutus stand und nach dem Letzteren griff, war ihm sein Gedicht ein historisches Dokument geworden und hätte es ihm nur kleinlich scheinen können, dessen Eingang zu streichen oder zu ändern.

    Er war sich seiner Ewigkeit gewiss. In jener Stelle, in welcher er (9,980-986) Cäsar'n zuruft, ihm seinen heiligen Nachruhm nicht zu neiden, versichert er, so lange des Smyrnäischen Sehers (Homer's) Ehren dauern, "werden die Kommenden mich und dich lesen; unsre Pharsalia wird ewig leben".

     


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    "Mich und dich und unser" -- das ist ernst gemeint. Unmittelbar vorher hatte er beschrieben, wie Cäsar auf der Jagd nach seinem besiegten Gegner bei Ilium die von Homer verewigten Stätten besucht und der gefeierten Helden der Ilias gedenkt; so, meint er, wird meine Pharsalia auch das Denkmal der Deinigen bleiben, -- meine Pharsalia der Protest des Sehers gegen deinen Sieg der Gewalt bei Pharsalus -- ein zwingender Zusammenhang, welcher die Annahme nicht zulässt, der Dichter wende sich gegen den angeblichen Poetenneid Nero's und verspreche dessen Gedichten die gleiche Ewigkeit wie den seinen.

    Lucan war 27 Jahre alt, als er wegen seiner Theilnahme an der Pisonischen Verschwörung den Tod erlitt. Er soll Anfangs standhaft geläugnet und, als ihm Straflosigkeit versprochen war, um seine Zurückhaltung zu entschuldigen, seine eigene Mutter Acilia angezeigt haben. Vielleicht war diese Anekdote nur eine offiziöse Dichtung, um den Ruf des Mannes noch im Tode zu ruiniren. Acilia liess die Regierung unbeachtet durchkommen, ohne sie freizusprechen (Tacit. Annal. 15, 56. 71).

    Die erregte und mit Lebenskeimen der Zukunft erfüllte Zeit Nero's hat das Glück gehabt, welches nur wenigen Epochen zu Theil geworden ist. Ein Meister des Humors, Fetron, hat uns ihr Bild wiedergegeben und der Zauber seiner simpeln Sprache, der künstlerisch verarbeitete Uebermuth seiner Lebensbilder und die Gütigkeit seiner Gesinnung und Theilnahme für die edeln Regungen seiner Zeit geben uns so viel, dass wir im Genuss den Verlust des grösseren Theiles seines Werkes beinahe vergessen. Nur der Don Quixote des Spaniers und die humoristischen Schöpfungen Shakespeare's sind ihm zur Seite zu stellen. Ferdinand Raimund ist dieser Reihe, in deutscher Dimension, als Gleicher anzufügen.

    In der einen Hälfte des uns erhaltenen Bruchstücks passirt der Meister wie die Sonne den Schauplatz, wo Abenteurer dem Vergnügen opfern und im Dienst ihrer Gottheit die sich aufopfernde Inbrunst von Märtyrern zeigen; unparteiisch wie die Sonne beleuchtet er die Freuden und Leiden ihres Cultus und erfreut sich dabei an den Urtheilen des

     


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    Studenten und des lüderlichen Dichtergreises über die Schicksale der Sprache, Kunst und "Wissenschaft.

    Das Gelage des Freigelassenen Trimalchio kann das Gastmahl der von den Ideen der Neronischen Zeit angeregten Bürgerwelt genannt werden. Da lässt Petron in unschuldigem Uebermuth den Freigelassenen die Todespredigten Seneca's nachbeten und mit den Mahnungen des Weisen an die Kürze des Lebens grossthun. Da muss ihm die Etikette seines Weinkrugs: "Falerner aus des Opimius Jahr, hundert Jahr alt," Gelegenheit geben, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und zu stöhnen: "also lebt der Wein länger als das Menschenkind." Ein Sklave muss ihm das bewegliche Menschengerippe bringen, damit er es ein paarmal auf den Tisch werfen und wechselnde Figuren machen lassen und ausrufen kann: "wir Elende, wie ist der Mensch so gar Nichts; so werden wir Alle sein, wenn uns der Orkus holt." Seneca, der sich auf die Frage, wie weit sich der Weise ein Räuschchen gönnen dürfe, wohl versteht, wird es Petron nicht übelnehmen, wenn er den bürgerlichen Weisen seine Todesgedanken mit der Einladung zum Wein und mit dem Ruf: "Wasser hinaus, 'rein mit dem Wein!" würzen lässt. "Ach, ach! was ist der Mensch! ein aufgeblähter Schlauch!" ruft ein Gast, der vom Begräbniss eines Cumpans kam, dessen Schlauch die Füllung verloren hatte.

    Wie Seneca bekommt auch Manilius mit seiner himmlischen Maschinerie sein Theil und Trimalchio erregt mit seiner kühnen Erklärung des Thierkreises und mit der Aufzählung, was jedes der zwölf Zeichen in's Dasein ruft, den Jubel der Gesellschaft. Der Gastherr fertigt die Controversen der Rhetorenschulen im Handumdrehen ab, der Flickschneider Echion die Gladiatoreuspiele, die als abgelebte Gespenster erscheinen, für deren Schofel der Kleinbürger mit einem Händeklatschen quittirt und damit noch mehr als der Festgeber gegeben zu haben glaubt.

    Aber ein Thema durchzieht das ganze Kauderwälsch, in welchem die Tafelrunde der Freigelassenen ihre Lebensweisheit zu Tage bringt; ihr närrisches Geschwätz ist mit dem Ausdruck des Stolzes darüber, dass sie Mensch unter

     


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    Menschen sein können, durchflochten. Trimalchio segnet das Andenken seines Patrons, welcher wollte, das er Mensch unter Menschen sei. "Ich bin Mensch unter Menschen, den Kopf darf ich hoch tragen," sagt der Freigelassene Hermeros und freut sich heute noch, wenn er der vierzig Dienstjahre gedenkt, in denen ihm Niemand anmerken konnte, ob er unfrei oder frei sei. "Das hiess kämpfen und sich placken, ruft er aus; als Freier zur Welt kommen, ist keine Kunst und so leicht als "komm herl""

    Ein Witz und eine Prahlerei Trimalchio's spendet Freiheit. Dem schönen Sklaven, der, mit Reblaub und Epheu bekränzt, sich bald als Bromius, bald als Lyäus präsentirt, in einem Korbe Trauben herumträgt und dazu Verse seines Herrn singt, ruft dieser zu: "Dionysos sei frei!" und triumphirt dann: "nun werdet ihr nicht bestreiten, dass ich den Liber Pater habeli'

    "Freunde, rief er, als er nach aufgehobener Tafel seine Sklaven in den Saal kommen und die Polster der Gäste einnehmen liess, auch die Sklaven sind Menschen und haben dieselbe Milch wie wir getrunken, wenn auch ein böser "Fatus" auf ihnen lastet; aber sie sollen mir, wenn ich am Leben bleibe, bald freies Wasser kosten. In Summa: ich lasse sie alle in meinem Testamente frei."

    Seneca feiert mit seinem Menschenthum und seiner Sklavenfreundlichkeit beim Banquet Trimalchio's einen glänzenden Triumph.

    Das sechszehnte Jahrhundert unserer Zeitrechnung hat mit dem ersten Jahrhundert der römischen Kaiserzeit etwas Verwandtes. In beiden Perioden der Geschichte legt die Persönlichkeit die Hülle ab, in welcher sie das Alterthum gross gezogen hat, und haben grosse Geister dies Befreiungswerk in humoristischen Schöpfungen dargestellt; jedoch haben die Später n das dichterische Product der Neronischen Zeit keineswegs überflügelt, wie diese selbst mit ihrer weltumfassenden Idee noch immer über den localen Befreiungsversuchen der Renaissance und der späteren Revolutionszeit steht.

    Cervantes verfolgt in seinem Don Quixote zunächst nur einen literarischen Zweck und will dem Publicum die Lectüre

     


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    der Ritterromane, für die es damals schwärmte, verleiden. Nur nebenbei, indem er der Ueberspanntheit seines Ritters die edelmüthige Theilnahme für alle Arten des Leidens zur Wurzel giebt und dem gläubigen Knappen soviel hausbackenen Verstand lässt, dass er an der Rittermission seines Herrn die Kritik üben kann, hält er dem Publicum eine Reihe von Spiegeln vor, in denen der edle, bleibende Kern des Mittelalters, die Kehrseite seiner Ueberspanntheit und sein Abprallen an der realistischen Persönlichkeit zur Erscheinung kommt.

    Aber diese verschiedenen Reflexe hat der spanische Dichter nicht zur Einheit zusammenfassen können.

    Petron's Trimalchio ist es dagegen selbst, der sich mit wahrer Seelenlust zwischen Prahlerei und Güte, Grossthun und Hilfsbereitschaft für die Leidenden hin und herwiegt und das Ineinanderschillern seines hausbackenen Menschenverstandes und seiner Menschenfreundlichkeit mit .Wonne beobachtet und ausspricht. Er ist Don Quixote und Sancho Pansa in einer Person und auch seine Knappen, die Freigelassenen an seiner Tafel, schlagen ein herzliches Lachen auf, wenn sie mit ihrem derben Menschenthum an den Pforten einer neuen Geschichtswelt rammeln und breitfüssig durch dieselbe einschreiten.

    Cervantes hat es auch darin versehen, dass er seinen Ritter zum Spielball von Andern macht und zuletzt seine Geniestreiche von Fremden eingeben lässt. Dass der irrende Held im schwarzen Gebirge durch Fasten und Busse sich zum Kampf mit den Plagegeistern der Welt vorbereitet, ist noch die Eingebung des eigenen Geistes. An der Stelle des zweiten Theils aber, wo er seinen Niedergang zur Höhle des Montcsinos dem Knappen als blosses Scheinwerk, also auch seine Befreiung der. Gefesselten der Unterwelt als eine Erfindung eingesteht, beginnt schon die bedenkliche Wendung, welche den Dichter noch soweit treibt, dass die Himmelfahrt des Ritters und sein Triumpheinzug in Barcellona vor dem Todesstoss, den ihm der Mondritter versetzt, nur muthwillige Veranstaltungen des herzoglichen Paars und der Herren jener Seestadt werden.

     


    182                                 Nero's und Seneca's Untergang.                                


    Trimalchio's menschenfreundliche Thorheit und sein Freiheit spendendes Grossthun entspringen dagegen seinem eigenen Genius und an seiner Tafel hat Petron das übersichtlichste, das verständlichste uüd zugleich grösste Sujet, was es bis dahin geben konnte, spielen lassen, -- den Aufgang einer neuen Welt aus dem alten Rom.

    Das deutsche Nachspiel des spanischen und englischen Humors haben wir Ferdinand Raimund zu verdanken. Dessen Sujet ist die ewig verständliche Thorheit und Güte des menschlichen Herzens und in einer Person hat der österreichische Dichter beinahe einen Bruder Trimalchio's geliefert, -- in Longimanus, der mit seinen Narretheien und Beweisen der Herzensgüte in seinem Wolkenhimmel der römischen Dichtung am nächsten kommt.





     

    [ 183 ]



    IV.
    Das Haus der Flavier und das Judenthum.


    1. Die Invasion des Abendlandes durch den Orient.

    _____

    Rom hatte seine Macht, als sie am höchsten stand, nicht frohen Herzens geniessen können. Im Aufgang und Niedergang der Sonne standen Schreckbilder und Gefahren, denen es sich mitten im Glanz seiner kriegerischen Erfolge auf die Dauer nicht gewachsen fühlte.

    Horaz sprach nur die Angst seiner Zeitgenossen aus, wenn er ihnen zurief: "wer wird, so lange Augustus waltet, den Parther, den Scythen und die Kinder Germaniens fürchten?" Lucan, der Dichter des Bürgerkriegs, kommt öfters auf die Klage über den römischen Bruderzwist zurück, dass er den Parther mit Wonne erfüllt und die Freiheit in die Wälder Germaniens vertrieben hat. So ist es immer gewesen und ist es noch jetzt. Die Griechen lebten unter dem Druck des grossen Königs (von Persien) und das entzweite Europa der Gegenwart sieht sein drohendes Fatum in dem Kaiser des Ostens, während im Westen Amerika die Rolle von Horazens Kindern Germaniens und der Hinterwäldler des Tacitus übernommen hat.

    In dem Schwanken der Waage, in welcher sich Abendund Morgenland mit einander messen, bildet das Gewicht, mit welchem Vespasian in den ewigen Kampf beider Welten eintritt, eine verwickelte Episode. Seneca hatte noch kurz vorher (nach dem Citat des Augustinus aus einer uns nicht erhaltenen Schrift) darüber geklagt, dass die Gebräuche der

     


    184                            Das Haus der Flavier und das Judenthum.                           


    Juden in allen Ländern die Oberhand gewinnen und die Besiegten den Siegern ihr Gesetz auflegen, und obwohl Vespasian den italischen Jupiter im Brande des Jehovatempels rächt, wird er von den römischen Historikern als derjenige gefeiert, der die Ueberlegenheit des Orients über den Westen bewiesen hat. Ihn begleitet die Weissagung alter Priesterschaften des Morgenlandes, dass der Orient erstarken und der Weltherr aus Judäa kommen werde (Tacit. Histor. 5, 13), nach dem Abendland und gleichwohl bringt der Imperator, in welchem sich die erneute Kraft des Orients bewähren sollte, die Heiligthümer Jerusalems nach Rom und prangen die Abbilder seiner Trophäen noch jetzt an dem von seinem Sohn errichteten Triumphbogen. Und damit sind die Widersprüche, die sich in der Person und denkwürdigen Leistung dieses Kaisers durchdringen, noch nicht erschöpft. Denn in der That sollte sich in demselben Palatium, in welchem er als Sieger einen Theil der jüdischen Tempelbeute niederlegte, das Judenthum eines entscheidenden Triumphes über sein eignes Haus und über Rom erfreuen.

    Tacitus schätzt die durch Vespasian eingetretene Wendung zu gering, wenn er sie (Hist. IL, 6) auf die Haltung der römischen Legionen des Orients beschränkt, die während des Kampfes zwischen Otho und Vitellius ihre Kraft fühlten und den Gehorsam, mit dem der Orient seit den Tagen des Pompejus bis auf die Zeit Otho's sich dem Westen gefügt habe, nicht mehr leisten wollten. Die Bürgerkriege waren vielmehr seit Casars Zeit, wie sich Florus (Epit. 4, 2) richtig ausdrückt, zugleich auswärtige und in demselben Sinne stellt Lucan den Barbarenhorden Galliens, Belgiens und des Rheins, die Cäsar zur Plünderung Roms treibt (1, 392 flgdd.) die Könige des Morgenlandes, die scythischen Haufen und das Nilland entgegen, die Pompejus unter seine Fahnen ruft.

    Nach dem Verlust der Schlacht will der Pompejus Lucan's im Orient ein Weltreich gründen und durch die Parther Rom demüthigen. Den Senatoren, die mit ihm die Flucht theilen, trägt er in der Rathssitzung zu Selinus in Cilicien vor: "den Beginn einer neuen Zeit suche ich; zeigt einen grossen Geist. In den Orient lasst uns eilen und die Bürgerkriege mit parthischen

     


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    Streitern führen" (Pharsal. 8, 264 flgdd.). Der Sieger selber glaubte, dass er seine wahre Königsburg nur am Pharus Alexanders oder am Bosporus aufrichten könne, und wollte sich in einem parthischen Krieg die Krone erobern (Sueton, Calp. cap. 79). Auch im republikanischen Lager des Brutus und Cassius richtete man nach der Niederlage bei Philippi das Auge auf Parthien und Titus Labienus, der Sohn von Casars Gegner, ward an den König des Ostens geschickt, um von ihm Hülfsvölker zu holen, fiel aber als Opfer der römischen Schwerdter, als er in der That mit einem parthischen Heer in Syrien und Cilicien eingedrungen war.

    Wiederum bedrohten die Kräfte des Orients auf der Seite des Antonius die Weltstadt. Bei Actium handelte es sich noch dringender als bei Pharsalus um die Frage, ob die Invasion des Orients früher gelingen sollte, ehe derselbe im christianisirtcn Philosophenmantel in Rom einzog. Virgil hatte Recht, wenn er (Ann. 8, 696 flgdd.) den Kampf bei Actium als eine Götterschlacht fasste, in welcher die italischen Gottheiten mit der Isis und deren Thierungeheuern sich maassen und Apollo die Völker Aegyptens und des Morgenlandes in die Flucht trieb. Es schwankte, singt Lucan (10, 67), am Leukadischen Felsen das Loos, ob die Fremde mit dem Sistrum den Capitolinus bezwingen und die Welt beherrschen sollte.

    Beim Fall Nero's war der Westen, dessen Kraft Cäsar und Augustus gegen den Orient zusammengefasst hatten, getheilt. Die Erhebung der Gegenkaiser war zugleich eine Kriegserklärung der Provinzen gegen die Herrschaft der Hauptstadt. Galba bildete sich die Schaaren, mit denen er nach Rom aufbrach, aus den Eingeborenen Spaniens. Galbische und germanische Hülfstruppen zwangen den Vitellius zur Invasion Italiens und sein Feldherr Cäcina erschreckte die Municipien und römischen Kolonien Oberitaliens, als er, im bunten barbarischen Kriegsmantel und mit Beinkleidern in einen germanischen Häuptling umgewandelt, den Togaträgern seine Befehle zuherrschte. Neben dem Kampf der Gegenkaiser und ihrer fremden Hülfstruppen ging der offne Aufstand der Gallier, Bataver und Germanen. Den Brand des

     


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    Capitols, in welchem sich Vespasian's älterer Bruder Sabinus und sein Sohn Domitian gegen die Truppen des Vitellius vertheidigten, bedeutete den Galliern den Untergang Eoms. Die Druiden hatten wieder ihre Stimme erhoben und verkündigten, dass die Weltherrschaft auf die Gallier, die einst Rom erobert, Italien bevölkert, Griechenland überzogen und am Kaukasus sich niedergelassen hatten, übergehe. Gottmenschen und Prophetinnen predigten dem äussersten Abendland die neue Zeit des Heils. Ein Mariccus trat als Gott und Erretter Galliens auf. Die Germanen und Bataver schworen zur Erneuerung Galliens Beistand, daneben arbeitete aber Civilis, der batavische Häuptling, an der Gründung eines eignen germanischen Rheinbundes und schickte der Welleda, der Seherin an der Lippe, die Trophäen seiner Siege über die demoralisirten Römer.

    Während dieser Zerrüttung des Abendlandes stand Vcspasian, der prosaischste und verständigste Mann seiner Zeit, in Palästina an der Spitze der Legionen, mit denen er den Aufstand der Juden bekämpfte. Er war der Sohn eines Freisassen und auf Phalacrine bei Reate im Sabinerland geboren. Sein Vater hatte als Steuerpächter in Asien Einiges erworben und sich dann als Geldausleiher, dessen Kundschaft sich besonders in der Sehweiz befand, zur Ruhe gesetzt. Er selbst hatte sich in einem harten Dienst von unten auf, als Militärtribun in Thracien, als Quästor auf Creta und Cyrene, als Legat in Germanien, als General unter Aulus Plautius und dann unter der Führung des Kaisers Claudius in Britannien und als unbescholtener Verwalter in Africa Nichts zurückgelegt und zuletzt als Thier- und Sclaven-Importeur aus Africa erst ein standesgemässes Vermögen erworben. Auf Nero's Kunstreise in Griechenland befand er sich in dessen Gefolge und wurde von ihm wegen seiner Zuverlässigkeit im Dienst, als die römischen Waffen vor den Thoren Jerusalems eine Niederlage erhielten, zur Bändigung des Aulstandes in Palästina an die Spitze der dortigen Legionen geschickt.

    Vespasian befolgte für sich persönlich noch obenhin dieselbe strenge Disciplin, die er auf den Stufen seines Dienstes

     


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    von den eigenen Legionen gefordert hatte. Als Galba ohne Widerstand zu finden auf Rom anrückte, schickte er seinen Sohn Titus an ihn ab, um ihm seine Huldigung darzubringen. Der junge Kriegsmann aber, der dem Feldherrn im jüdischen Krieg zur Seite stand, erfuhr in Korinth den Tod des neuen Kaisers und brach eine Reise ab, die ihn Otho oder dem aus Gallien anrückenden Vitellius als Geissei in die Hände geliefert hätte. Die militärische Pünktlichkeit übte Vespasian auch noch in dem Augenblick, als er seine Armee zur Huldigung für Vitellius aufforderte; aber ihr Schweigen bewies seinen Freunden, dass sie richtig gerechnet hatten, als sie ihn in ihren Berathungen zum Cäsar und Retter des zerrütteten Reichs erkoren. Mucianus, Präfect von Syrien, der glänzende Redner, gewandte Feldherr und energische Verwalter hatte sich, eingedenk der eigenen Neigung zum Lebensgenuss vor Vespasian gebeugt, stellte ihm seine eignen Legionen zur Verfügung und führte auch die Erklärung der Militärobersten für den Feldherrn in Judäa herbei. Der Präfekt von Aegypten, Tiberius, gehörte zum Bunde der Männer, die an die verständige Ueberlegenheit Vespasian's über die wilde Genialität der Neronischen Zeit glaubten, und liess schon ein Paar Tage vor der öffentlichen Huldigung der syrischen Legionen, am 1. Juli 69, die seinigen schwören und übergab dem neuen Imperator die wichtige Provinz, welche sich Cäsar und Augustus erst auf den Schlachtfeldern hatten erobern müssen.

    Vespasian fühlte sich in seinem Kriegslager, welches den östlichen Bogen des Reichs vom Donaulande bis Aegypten einnahm, so sicher, dass er in Alexandrien, wo er die Kornkammer Roms bewachte, den völligen Sturz des Vitellius und die Direction der Legionen nach dem aufständischen Gallien durch Mucianus abwartete. Er begab sich erst nach Rom (im Sommer des Jahres 70), als ihm sein Vertreter daselbst durch das Einschreiten gegen die letzten Widersacher, sowie gegen die wiederauflebenden alten Partheien und die Verwilderung des Volks das Odium abgenommen hatte, in seinen Einzug als Kaiser durch Handlungen der Reaktion oder durch das Strafamt einen Missklang zu bringen,

     


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    Seiner Rückkehr war die Nachricht von den Götterzeichen, die im Orient seine Zukunft verkündigt hatten, vorausgegangen. Die Gottheiten des Morgenlandes, die bei Pharsalus und Actium mit den Gegnern Cäsar's und des Augustus unterlegen waren, hatten sich für ihn erklärt und seine Herrschaft im voraus anerkannt. Orientalische Wunder Zeichen und Prophezeiungen hatten die Flavische Periode des Kaiserthums eingeleitet und vor der Gunst, mit welcher die Götter des Ostens den neuen Imperator bei seinem Aufsteigen begleitet hatten, mussten die Druiden und Gottheiten Galliens und die Seherinnen Gennaniens in das Dunkel ihrer Wälder zurückweichen.

    Als Titus sich auf der Reise nach Rom befand, um Galba die Huldigung seines Vaters und der Legionen desselben zu überbringen, sprach man allgemein davon, dass ihn die Adoption durch den bejahrten Kaiser erwarte. Die Nachricht von der Ermordung desselben, die er in Korinth erhielt, eröffnete ihm und seinem Vater eine eigne Zukunft und auf der Rückkehr befragte er den Priester im Tempel der Paphischen Venus auf Cypern in einer so weiten Unbestimmtheit, dass es diesem leicht wurde, die Wünsche seines Herzens zu befriedigen. Mit gehobener Stimmung (Tacitus: aucto animo) eilt er zu seinem Vater. Diesem selbst geben die Götter ihre Zustimmung, als die Legionen, Mucianus nud die Obersten seine Erklärung erwarteten, und auf seine Anfrage im Heiligthum auf dem Berge Carmel verstand es sich von selbst, dass der Priester ihm die Erfüllung seiner auf weite Gebiete und viel Volks gerichteten Gedanken zusicherte.

    Die oberste Gottheit Aegyptens konnte hinter den dortigen Legionen nicht zurückbleiben und kam dem Imperator mit gleicher Bereitwilligkeit wie der Präfekt des Landes in Alexandria entgegen. Serapis mahnte einen Blinden, er solle sich von dem Weltherrn die Augen mit dessen Speichel anfeuchten, eben so einen an der Hand Gelähmten, sich von demselben auf das kranke Glied treten zu lassen. Vespasian leistete nach einigem Zögern den Kranken diesen Dienst. Wenn Merivale in Uebereinstimmung mit Champigny (in dessen Rome et Jude"e) in diesen Wundern Vespasian's nur Nachäffungen

     


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    der Wunder Jesu, Keim dagegen (Geschichte Jesu, 1871, Theil I, 160) eine Analogie zu den Thaten des Heilandes und eines der zahlreichen, geschichtlichen Zeugnisse für die Herrschaftsmacht des Geistes über das Fleisch sehen, so werde ich mich weder mit einer natürlichen Erklärung der beiden alexandrinischen Wunder, noch mit dem Versuch blossstellen, aus den von Tacitus benutzten Berichten der officiösen Chronisten des flavischen Hauses eine etwaige reelle Grundlage herauszuscharren. Mögen immerhin Sueton und Dio Cassius dem Tacitus oder einem jener Chronisten dieselben Wunderberichte nachschreiben, ich werde dagegen die heutigen Gottesgelehrten mit dem Satze erfreuen, dass der späte Verfasser des vierten Evangeliums und der demselben nachfolgende Ueberarbeiter des in der Marcusschrift enthaltenen Urevangeliums der Schrift des Tacitus die Anwendung des Speichels bei den Wunderheilungen Jesu entlehnt haben (Joh. 9, 6, Marc, 7, 33. 8, 23).

    Von den Wunder-Arabesken, mit welchen das Leben Vespasiau's ausgeschmückt ist, erwähne ich nur flüchtig den Zauberspuk, den Josephus (Archäologie 8, 2, 5) vor dem Kaiser durch den Juden Eleasar aufführen lässt, der mit dem vom König Salomo hinterlassenen Geheimmittel einen Besessenen heilte und den Dämon, den er aus dem Unglücklichen vertrieb, zum Beweis, dass er wirklich dem Zauber gewichen sei, zwang, ein in der Nähe stehendes Gefäss voll Wasser umzustossen. Dagegen wird uns der Spruch3 in welchem derselbe Josephus den Untergang des jüdischen Heiligthums mit den Geschicken des Abendlandes combinirte, ernstlich beschäftigen. Das ist das eigentliche, vom Himmel geweihte Panier, unter welchem Vespasian in Rom einzog.

    2. Die Geschichtsquellen aber den jüdischen Krieg.

    Der Spruch lautete: "es würde zu jener Zeit Einer von dem Judenlande aus die Weltherrschaft antreten" (bell. jud. 6, 5, 4.).

    Der Glückliche, der mit der Auffindung und Deutung dieses Spruchs seiner heiligen Bücher sich inmitten des

     


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    Unglücks seiner Nation einen welthistorischen Namen gründete, nennt denselben einen zweideutigen. Die Juden hätten ihn irrthümlich auf sich selbst bezogen und auch viele Weise unter ihnen wären durch sein Dunkel über den Ausgang der Krisis, die mit dem Brand des heiligen Tempels endigte, getäuscht worden. In Wahrheit aber habe das Orakel die Erhebung Vespasian's bedeutet, der in Judäa als Herr der Welt ausgerufen ward.

    Als Josephus nach dem Fall der von ihm vertheidigten Veste Jotapata, im Sommer des Jahres 67, als Kriegsgefangener vor den römischen Sieger gebracht wurde, kündigte er demselben seine grosse Zukunft an. Vespasian befahl, ihn in Fesseln zu schlagen, als wolle er ihn sofort zu Nero schicken. Er aber hielt um ein Gespräch mit ihm allein an, worauf Vespasian die herbeigelaufenen Soldaten und die Kriegsobersten ausser Titus und zwei Freunden entlässt und Josephus sich ihm als Botschafter seines Gottes vorstellt. "Dem Nero," sagt er, "willst Du mich schicken? (bell. jud. 3, 8, 9.) Wie? Die nach Nero bis auf Dich kommen, werden sie sich behaupten? Du, Vespasian, wirst Kaiser sein und Imperator und dieser Dein Sohn. Schlage mich nur noch in stärkere Fesseln und hebe mich Dir auf. Denn nicht nur mein Herr, Cäsar, wirst Du sein, sondern auch der Erde und des Meeres und des ganzen Menschengeschlechts."

    Der Spruch, der dem jüdischen Geschichtsschreiber als Faden durch den Irrsal jener Kriegsjahre diente, ist auch in die Schriften des Tacitus und des Sueton übergegangen. In des Ersteren "Historien" (5, 13) noch mit deutlichen Anklängen an die Auslegung, die ihm Josephus gegeben hat. Indem Tacitus von den Zeichen spricht, die den Untergang des Tempels vorbildeten, fügt er hinzu, dass nur Wenige (unter den Juden) darin einen Grund zur Besorgniss fanden, vielmehr die Meisten sich auf den Spruch der alten Priesterschriften verliessen, wonach zu eben dieser Zeit der Orient erstarken und von Judäa die Weltherren ausgehen werden. Sueton hat dem Spruch, dessen Stichworte er beibehält, eine weite Verbreitung beigelegt und verwandelt ihn in eine alte und einstimmige, über den ganzen Orient ruchbar gewordene

     


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    Meinung, es sei vom Fatum bestimmt, dass zu jener Zeit von Judäa die "Weltherren ausgehen werden.

    Diese Suetonische Erweiterung des Terrains, auf welchem die alte Erwartung des von Judäa kommenden Weltherrn die Gemüthev beschäftigte, hat den christlichen Theologen willkommene Dienste geleistet. Noch vor vierzig Jahren sahen die Apologeten in den. Zukunftshoffnungen des Orients den Zug des Herzens, der die Magier des Morgenlandes auf den Stern des erwarteten Weltkönigs harren liess und sie unter Führung des Himmelszeichens zur Krippe Bethlehems führte. ' Nachdem indessen die Zuversichtlichkeit der gläubigen Ausleger bedeutend herabgesunken ist, findet Keim (1, 240) die Sage von den Weltherren, die sich von Judäa aus erheben werden, von welcher "gleich nach der Christenverfolgung Nero's, zur Zeit des jüdischen Krieges, zumal im Jahre 69 der Orient voll war, in unseren Evangelien in Gestalt huldigender Magier irgendwie" (also durch die Kunst der Dichtung oder Sage) "ausgeprägt." Charles Merivale meint endlich (Cap. 59), es seien die Christen gewesen, welche die priesterliche Ueberlieferung von dem Erstarken des Orients und vom Ausgang der Weltherrscher aus Judäa, in Einklang mit den messianischen Visionen der älteren Propheten, auf sich bezogen und nach ihrem Ausscheiden aus dem, vom Untergang bedrohten Jerusalem von Judäa aus zur moralischen Eroberung des Eeichs und der Welt aufbrachen.

    Ob Tacitus, wie der Verfasser vorliegender Zeilen in der Berliner Ausgabe seiner Evangelienkritik (1851) annahm, das Geschichtswerk des Josephus benutzt hat, werden wir in der Folge untersuchen. Er fand wenigstens eine reiche Literatur über den jüdischen Krieg vor und hätte sie, wenn gründliche Forschung seine Sache gewesen wäre, benutzen müssen.

    Vespasian selbst handelte in seinen "Denkwürdigkeiten" in ziemlich eingehender Weise von jenem Kriege (siehe Josephi Vita cap. 65). Josephus fasste seiu Geschichtswerk in der Sprache seiner Väter ab und bestimmte es für die "Barbaren des oberen Binnenlandes," nämlich für die Parther, Babylonier und Araber, sowie für seine Stammesgenossen jenseits des Euphrats. Die Parther in die römische, die

     


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    Araber in die jüdische Geschichte verwickelt, Erstere selbst von den Juden um Hülfe angegangen, hatten die Wendungen des Kampfes um Jerusalem mit nicht minderer Spannung verfolgt, als die zahlreichen und mächtigen Judengemeiuden der Buphratländer und es kam Josephus, aber auch der kaiserlichen Regierung zu Rom, viel darauf an, seine Auflassung der Katastrophe in diesem aufgeregten Binnenlande möglichst zur Geltung zu bringen. Als er sogleich darauf sein Werk ins Griechische übertrug, um die römische Welt für seine Ansicht zu gewinnen (Prooem. zum bell. jud. c. 1), sah er sich schon von zahlreichen Concurrenten umgeben. Die Einen, sagt er zur Charakteristik derselben, waren nicht Augenzeugen und haben nur Gerüchte und Sagen schöngeistig verarbeitet, auf der anderen Seite schaden Diejenigen, die den Begebenheiten mit eigenen Augen gefolgt sind, ihrer Arbeit durch ihre Schmeichelei für die Römer oder durch Judenhass. Sein Werk, welches er dem Vespasian und Titus vorlegte, erhielt die Billigung derselben; der Letztere beglaubigte es durch seine Unterschrift und befahl seine Publication.

    Erst spät, nachdem Josephus im 13. Jahre des Domitian (94 v. Chr.) seine "Alterthümer" beendigt und dem Epaphroditus) gewidmet hatte, sieht er sich in seiner demselben Gönner zugeschriebenen "Autobiographie" gezwungen, gegen einen Landsmann zu verhandeln, der im Anfang des galiläischen Feldzuges sein Rival war und sich ihm jetzt mit einer Geschichte des jüdischen Krieges entgegenstellte. Es war Justus von Tiberias, der sein Geschichtswerk schon jvor zwanzig Jahren aufgesetzt hatte und jetzt erst damit hervorgetreten war. Josephus sah sich durch dessen Darstellung so gereizt, dass er in jener Vita (c. 65) erklärte, "nun wolle er aussprechen, was er bis jetzt verschwiegen oder mit der, seiner natürlichen Mässigung entsprechenden Schonung behandelt habe." Er will also in diesem Aufsatze das eigentliche Geheimniss des Krieges enthüllen und sich über die Vollmacht, mit welcher ihn [die Centralregierung mit der Kriegführung in Galiläa beauftragte, rückhaltslos aussprechen. Wir werden später hören, dass - diese Vollmacht, die auf Krieg lautete,

     


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    ihm, wo möglich, eine friedliche Beilegung der Krisis zur Aufgabe machte.

    Für jetzt verweisen wir noch auf eine Bemerkung des Josephus in seiner demselben Epaphroditus, aber vor der Veröffentlichung der Biographie gewidmeten Schrift gegen Apion (1, 10), wonach er sich darüber beklagt, dass "schlechte Menschen sein Geschichtswerk (über den jüdischen Krieg) ein Schulbuch für Kinder" genannt hätten. Da er sich gegen diese angebliche "Verläumdung" darauf beruft, dass die anmaassslichen Kritiker seiner Kriegführung gegen den Imperator, dem Beweis seiner thatsächlichen Gegnerschaft wider Rom, nicht als Augenzeugen beigewohnt hätten, müssen wir annehmen, dass jene literarischen Gegner auf sein Werk wie auf eine Romandichtung herabsahen und ihn des Verraths gegen sein Volk und der Schmeichelei gegen die erlauchten Bezwinger Judäas beschuldigten. Der Ausdruck "Kinderschulbuch" wird von den Widersachern des jüdischen Geschichtsschreibers < so leicht hingeworfen, als ob ihn in diesem Zusammenhange Jedermann sogleich verstehen und an die Art- von Schriftwerken denken würde, auf deren Niveau sie seine Arbeit herabdrücken wollen. Es sind die officiösen Broschüren, die ein grosses Zeitereigniss im Sinne des regierenden Hauses zurechtlegen und die Bewunderung der heranwachsenden Jugend auf die Person des von der Gottheit begünstigten Machthabers hinlenken.

    Die eigenen Angaben des Josephus belehren uns somit über die Entwickelung einer ausgebreiteten Literatur, die mit seinem Geschichtswerk um den Preis stritt, aber für uns verloren gegangen ist, während das Werk, welches sich der Gunst der Flavier erfreute, durch das Interesse, welches ihm die späteren Kirchenlehrer widmeten, allein noch erhalten ist. Der Eifer, mit dem der jüdische Historiker auf die Schriften seiner Nebenmänner zurückkommt, macht es wahrscheinlich, dass er fast in allen eine Rolle spielt. Die Judenfeinde durften ihn als Vertheidiger des Bollwerks von Galiläa nicht schonen, die Anhänger der interessirten Nationalität gaben ihn dem Hass seines Volkes Preis, während die officiösen Literaten des Flavischen Hauses dem Typus seiner von Titus

     


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    beglaubigten Grundschrift folgten und nicht verfehlten, seine dem Vespasian überbrachte Botschaft Jehova's unter den günstigen Kundgebungen ,der Götter des Morgenlandes für den Imperator leuchten zu lassen. Gewiss hat auch Vespasian in seinen Denkwürdigkeiten seiner unter den Götterbote u, die ihm die Erhebung auf den Cäsarenthron verkündeten, gedacht.

    Ehe wir nun die Glaubwürdigkeit der uns allein erhaltenen Grundschrift untersuchen, noch einige Worte über die Stellung der damaligen Juden in der römischen Welt!

    3. Stellung der Juden bis zum Ausbruch des Krieges.

    "Dieser Volksstamm," schreibt der Geograph Strabo gestorben 24 nach Chr., citirt von Josephus, Archäol. 14, 7, 2) von den Juden, "ist in jegliche Stadt gedrungen und es ist nicht leicht ein Ort des Erdkreises zu finden, der ihn nicht aufgenommen hat und von ihm beherrscht wird."

    Welches waren nun die Mittel dieser Herrschaft, unter die sich die Altbürger jener Städte mit Missmuth fügten und gegen die sich die unteren Klassen derselben Orte durch blutige Aufstände, denen die Römer mit Mühe Stillstand geboten, rächten? Der Grieche gehörte auch einem Wandervolke an und machte sich auf derselben Linie, welche die Juden vom Euphratlande bis zum äussersten Abendlande besetzten, geltend, aber er kündigte sich offen als der Lehrer einer Bildung und Weisheit an, die er zum Gemeingut der Welt machen wollte. Der Römer hatte die Länder rings um das Mittelmeer durchzogen und sich mit dem Schwerdt den Weg in das Binnenland gebahnt und den Weltfrieden gestiftet, wie Virgil sich ausdrückt, den Völkern die Friedensregel (pacis morem) aufgelegt. Dagegen sagte der Judenfeind Apion (Josephus contra Ap. 2, 12. 14), die Juden-allein hätten sich um die allgemeine Cultur nicht verdient gemacht, das öffentliche Wohl mit keiner Entdeckung gefördert und keine hervorragenden Männer, wie z. B. Erfinder in den Künsten oder Bahnbrecher in den Wissenschaften erzeugt.

     


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    Als Agrippa, der Freund und Mitarbeiter des Augustus, in der Zeit nach der Schlacht bei Actium den Orient bereiste, strömten vor sein Tribunal in Jonien die Juden Kleinasiens herbei und trugen ihm ihre Beschwerden vor, dass man sie in ihrer Gesetzesübung hindere, sie an den heiligen Tagen vor Gericht lade, das von ihnen dem Tempel bestimmte Gold zurückhalte und sie zum Kriegsdienst und zur Steuer heranziehe, obwohl sie von den Römern die Freiheit erhalten hätten, nach eigenen Gesetzen zu leben. Der König Herodes, welcher dem Stellvertreter des Augustus gleichzeitig seine Aufwartung machte, hatte seinen Landsleuten den Rbetor Nikolaus von Damaskus, einen gräcisirten Juden, als Anwalt zur Verfügung gestellt. Josephus theilt in seinem Bericht über diese Verhandlung die lange Rede jenes Vertheidigers mit, welche den Sieger von Actium zu dem Ausspruch bewog, dass den Bittstellern die ihnen früher gewährten Freiheiten unverletzt zu erhalten seien. Von den angeklagten Griechen führt er dagegen nur an, dass sie weiter Nichts zu sagen wussten, als dass die Juden, die unter ihnen Herberge gefunden hätten, sie in Allem beschädigten und benachtheiligten (Archäol. 16. 2, 5) -- aber genug, um die Stimmung der griechischen Altbürger zu charakterisiren.

    Gleichwohl war es gerade dieser Volksstamm, der dazu half, die alte römische Welt auseinander zu sprengen und den befreienden Elementen, die sich in den griechisch-römischen Kreisen regten, die Bahn zu ebnen.

    Man fasst die Verbreitung der Juden über die Länder des Mittelmeers zu mechanisch auf, wenn man sie vom Kommamdowort der Eroberer ableitet, und vertraut z. B. allzu leichtgläubig den Angaben jüdischer Schriftsteller, dass der macedonische Held für die Hebung seines Alexandrien kein besseres Mittel kannte, als Hunderttausende von Juden dorthin einzuladen. Dieser Anschauung gilt Philo, der angebliche Verfasser der "Botschaft an den Cajus," als sichere Autorität, wenn er berichtet, dass die Juden an der anderen Seite der Tiber meistens als Kriegsgefangene nach Rom gekommen seien und als Freigelassene den Genuss des Bürgerrechts erhielten.

     


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    Der Einzige, der diese Sklaven nach Rom schickte, hätte nur Pompejus sein können. Cäsar soll nach demselben Philo diesen Neubürgern ihr erworbenes Recht gelassen haben, und der Pompejanische Import muss kolossal gewesen sein, wenn Josephus erzählen kann, dass der Deputation, die nach Herodes des Grossen Tode vom Präfecten Varus die Erlaubniss erhalten hatte, bei Augustus um Erhaltung der Landesautonomie nachzusuchen, sich mehr als 8000 in Rom lebende Juden anschlossen und vor dem cäsarischen Tribunal im Tempel des Apollo sich aufstellten (Arch. 17, 11, 1).

    Eb giebt aber ein sprechendes Zeugniss dafür, das die Juden sich zu Rom längst vor dem Auftreten des Pompejus wohl und mächtig gefühlt haben. Es waren kaum zwei Jahre nach der Rückkehr des Pompejus von seiner asiatischen Dietatur und Heimsuchung Jerusalems verflossen, als Cicero (59 vor Chr.) den Flaccus gegen die Anklage zu vertheidigen hatte, dass er als Prätor in Kleinasien das Gold, welches die dortigen Juden dem Tempel von Jerusalem zuschicken wollten, als einen, wie er meinte, vom Gesetz verbotenen Export mit Beschlag belegt hatte. Bei dieser Gelegenheit kam der Redner auf den Zusammenhalt der Juden in Rom und ihren Einfluss in den Versammlungen zu sprechen und fuhr dann fort: "Darüber aber nur leise! damit mich nur die Richter hören, da es nicht an Solchen fehlen wird, welche die Juden auf mich und jeden Ehrenmann hetzen, denen ich für ihre Machinationen keinen Vorschub leisten will." Wenn der grosse Redner die Berührung jener Saite für gefährlich hielt und auf die Ausführung des Themas Verzicht leistete, muss der Einfluss der Juden ein bedeutender und längst begründeter gewesen sein.

    Eine richtige Auffassung der vorchristlichen Geschichte des jüdischen Volkes wird so lange unmöglich sein, als man sich nicht dazu versteht, die agrarische Gesetzgebung der Bücher Moses als eine späte legislative Dichtung und als ein juristisch-theologisches Verstandeswerk jener Zeit aufzufassen, die einen Theil Palästina's in der Gewalt der östlichen Eroberer sah und jeden Augenblick die Unterwerfung Judäa's .durch Babylon fürchtete. Der Ackerbau hat niemals für die

     


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    Ernährung der Bewohner Palästina's ausgereicht und die Vertheilung des Bodens als eines Fideicommisses an die Familien und Stämme ist nichts als ein dichterischer Versuch, dem prekären Volksleben auf einer unverwüstlichen Grundlage die Ewigkeit zu weissagen. Sie ist eine jener mechanischen Reactionen, wie sie der schliesslichen Auflösung der Völker vorangehen, nur dass sie nicht einmal versuchsweise zur Ausführung gekommen ist.

    In der Industrie haben die Juden weder Erfindungen gemacht, noch mit der Grossindustrie Babylons und den für den feineren Geschmack arbeitenden Werkstätten der Handelsstädte an der Meeresküste concurriren können. Der Grosshandel der Euphratfabriken ging über Damaskus nach Tyrus und Sidon; Arabiens und Indiens Güter wurden von den Karawanenführern der feindlichen Stämme im Süden Judäa's nach der Küste- und nach Aegypten gebracht. Den Bewohnern Palästina's blieb nur der Ertrag des Commissionshandels zwischen den intermediären Stationen des Welthandels und der Grossindustrie. Nicht lange darauf, nachdem die Eifersucht Babylons und Aegyptens auf diesen Commissionsgewinn an Judäa gerüttelt und der Grossindustrielle des Orient Jerusalem niedergeworfen und das Meer gewonnen hatte, vollendete der Macedonier das Werk der Perser an Babylon und Aegypten und schuf den freien Handelsverkehr zwischen dem Orient, dem Nilgebiete und Griechenland. Das letztere hatte die Kraft seiner Bürgerschaften dahinschwinden sehen; Fremde und freigelassene Sklaven hatten schon, während im peloponnesischen Krieg die vollbürtigen Vertheidiger der Vororte aufgerieben wurden, das Bürgerrecht erhalten und in den Handels- und Industriestädten waren Lücken entstanden, wo der Betrieb Fremder Platz und Nahrung finden konnte.

    Diese Veränderung, welche die macedonische Herrschaft in der östlichen Hälfte der Mittelmeersländer bewirkte, war es und nicht ein Befehl oder die Direction der Machthaber, was den Strom der Juden nach Aegypten, Kleinasien, dem Pontus und den Geschäftsplätzen Griechenlands leitete. Kaum ein Jahrhundert später fingen die Römer an, den WSs^ÄlS jenes Meeresgebietes mit dem Orient in Verbindung zu setzen,

     


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    und wiederum bedurfte es nicht erst der Einmischung des Pompejus in die Thronstreitigkeiten der Makkabäerfamilie, um einige Haufen gefangener Juden wider ihren Willen mit den Vortheilen bekannt zu machen, welche die Weltstadt ihrem Handelsgeiste darbot. Ohne Einladung schlössen sie sich auch den Organisationen Roms in Spanien und, zunächst, im südlichen Gallien an und landen dann von selbst den Weg nach den Kastellen und Kolonien am Rhein und an der Donau.

    Ihre Anfänge in Rom waren klein, wie es ihrem beschränkten heimischen Handelsbetrieb entsprach und bei der Massenhaftigkeit, mit der sie sich daselbst (wie in ihren macedonischen Niederlassungen) einfanden , auch nur möglich war. Sie boten sich der Befriedigung der täglichen Bedürfnisse des kleinbürgerlichen Lebens an und stiegen allmälig zu einem Betrieb der im Abendlande gesuchten Raritäten des Orients auf. Das wachsende Commissionsgeschäft bahnte ihnen den Weg zu grösseren Handelsunternehmungen oder Lieferungen für die Regierung, und aus dem geringen Beginn wuchsen Bankiers auf, die, wie der Vorstand der alexandrinischen Judenschaft zur Zeit des Tiberius, die Geldgeschäfte von Angehörigen der kaiserlichen Familie besorgten und bei denen die Reste der kleinen Könige des Ostens Darlehne suchten. Während aus einer jener alexandrinischen Bankiersfamilien Tiberius Alexander, der spätere Präfect von Aegypten und Freund des Vespasian, hervorging, erhoben sich Andere aus der Sphäre des römischen Ballets und Theaters zur Direction dieser Kunstinstitute, in denen sie mit ihren Stammesgenossen auftraten, und zur Gunst des kaiserlichen Hauses.

    Die nationale Politik der Länder, in denen die Juden ihrem Erwerb nachgingen, hat weder in Griechenland noch in Rom ihre Sympathie gewinnen können. Die ängstlichen Regungen des politisch absterbenden Griechenlands in seinen letzten Einigungsversuchen boten ihnen keinen Vortheil und liessen sie, die im Orient an grössere politische Wechsel gewöhnt waren, kalt. In Rom sahen sie die Träger und Organe der bisherigen nationalen Politik, Adel und Volk, in

     


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    sich zerfleischende Partheien getheilt. Das war ihnen gerade recht. Ohne Theilnahme für die historische Vergangenheit der Römer, sahen sie auf die Bürgerkriege, den Tumult der Strassen und des Forums und die religiösen Förmlichkeiten, mit deren bedeutungslos gewordenen Ceremonien sich die gegnerischen Partheien noch hastig schmückten, wie auf ein Schauspiel herab, dessen Schluss zu ihren Gunsten ausfallen müsse. Cäsar, der in den Spuk der Bürgerkriege Verstand und Ordnung brachte, ward ihr Held. An ihm gefiel e^ ihnen, dass er die Vorrechte der adeligen Herren zermürbte, die Oberhoheit des Senats über die Provinzen schwächte und an die Stelle des Volksregiments ein Weltreich mit monarchischer Spitze setzte. Daher die Klage- und Rachegesänge, mit denen sie nach des Antonius theatralischer Leichenfeier noch mehrere Tage und Nächte hindurch zu dem Scheiterhaufen des gemordeten Dictators wallfahrteten.

    Cäsar hatte das Interesse, welches die Juden in den kritischsten Augenblicken für seine monarchischen Bestrebungen zur Schau trugen, wohl zu schätzen gewusst und belohnt. Mag sich auch unter den Erlassen der römischen Machthaber, welche Josephus als Zeugniss ihrer Theilnahme für die Juden in seinen "Alterthümern" (14, 10, 8) zusammenträgt (wie unter den ähnlichen Documenten in Philo's "Botschaft an den Cajus"), manches spätere Fabrikat befinden, so sind die Formeln doch nach den faktischen Verhältnissen gebildet. Der von Josephus mitgetheilte Erlass Cäsars z. B. an die Obrigkeit von Paros, über deren feindselige Verordnungen sich die Juden von Delos beklagt hatten, dass seine Verfügung gegen Vereine zwar bestehen bleiben, bei alledem aber es den Juden freistehen solle, eine gemeinsame Kasse zu halten, Gastmähler zu feiern und sich gemäss ihrer uralten Ordnungen zu versammeln, trägt höchst wahrscheinlich den Typus der thatsächlichen Gunstbezeugungen Cäsars an die mächtigsten Judengenossenschaften der Mittelmeerstädte an sich.

    Achttausend Juden, die Josephus zur Zeit des Augustus in die Scene führt, verschwinden zwar unter der Million, die damals Rom anfüllte. Dem Anschein nach waren sie nur ein schwacher Keil, der sich zwischen die neue Einheitsmacht und

     


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    die früheren Träger der Souyeränetät, Volk und Senat, eindrängte. Aber nur Zeit! Nur Ausdauer beim Eindringen in den Spalt, in welchen das republikanische Leben auseinanderklaffte, und sie konnten zu einer unerwarteten Macht aufsteigen. Dem Volkshaufen, der nach unentgeltlichem Vergnügen und Brot lief, blieben sie innerlich fremd; die Gemächer, in denen die früheren Herren über ihrem Missmuth brüteten und gegen den Cäsar loszogen, waren ihnen verschlossen. Aber die Frauen der Grossen, die nicht lauter Arria's waren und sich nicht dazu drängten, mit dem Dolch den Glauben ihrer Männer an die Republik zu besiegeln, vielmehr sich von der Oede und Einförmigkeit jener Unterhaltungen gedrückt fühlten und nach neuer Nahrung für ihr Inneres suchten, wurden vom Geheimniss der jüdischen Lehre angezogen. Ferner konnten die Juden und die stoischen Asceten, die ihre strenge Lebensansicht und ihren Monotheismus auf der Strasse wie auf ihren Lehrkanzeln und in den Palästen der Grossen verkündigten, auf die Dauer einander nicht fremd bleiben. Seitdem endlich Augustus nach der Schlacht bei Actium die Kinder Herodes des Grossen in sein Palatium aufgenommen hatte, fand zwischen der kaiserlichen Familie und den Fürsten Palästina^ ein intimer Verkehr statt. Dor Enkel des grossen Edomiters, Herodes Agrippa, ein Protdge" der Antonia, die ihn züm Schulkameraden ihres Sohnes Claudius, des späteren Kaisers, machte, wurde später ein Freund vom Sohn Tiber's, Drusus, musste aber den Hof meiden, als dieser im Jahre 23 n. Chr. starb und der Kaiser der schmerzlichen Erinnerung wegen keinen von den Freunden seines Sohnes sehen wollte. Später, nach einem abenteuernden Leben, fand er bei Tiber in dessen letztem Jahre auf Capri eine freundliche Aufnahme und ward der Vertraute des Cajus Caligula, mit dem er sich wahrscheinlich (oft darüber unterhielt, wie man es im Orient besonders verstehe, auf den Höhen der Erde und über den Häuptern der Untergebenen daherzuschreiten.

    Zweimal wurden die Juden zur Zeit der ersten Kaiser aus Rom vertrieben. Der erste Schlag traf sie zugleich mit den Verehrern der Isis unter Tiberius (Tacit. Annal. 2, 85. Sueton. Tiberius c. 36. Joseph. Archäol. 18, 3, 5). Alle drei

     


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    Schriftsteller bezeichnen den Akt gegen die beiden Kulten als gleichzeitig. Es ist jener Schlag, den Tacitus, wie oben nachgewiesen ist, richtig in das Jahr 19 nach Chr., Josephus fälschlich in das letzte Jahr des Tiberius verlegt. Ersterer lässt viertausend junge Leute aus den Kreisen des unterdrückten Aberglaubens, Letzterer dieselbe Zahl jüdischer Rekruten ausgehoben undr darin mit Tacitus übereinstimmend, nach Sardinien geschickt, die Uebrigen aus Rom vertrieben werden.

    Nach Josephus gab die Bekehruug einer vornehmen Matrone zum Judenthum den Ausschlag; jedenfalls hatte sich die jüdische Niederlassung durch die Auszeichnung, die ihr Cäsar hatte zukommen lassen, und durch den vertrauten Fuss, auf welchem die Prinzen ihres Hauses zum kaiserlichen Hofe standen, über die Schranke hinauslocken lassen, die ihrer immer noch prekären Lage gezogen war.

    Der Tumult der Juden zur Zeit des Claudius, der ihre erneuerte Vertreibung aus Rom zur Folge hatte, und ihr Agitator Chrestus (Sueton. Claud. c. 25) wird uns später, unter Hadrian, beschäftigen.

    Die zwei letzten Jahrhunderte bis zum Fall Jerusalems verlebten die Juden zu Hause unter den wechselnden Anstrengungen des Absolutismus, mit dessen Hilfe die Culturvölker in den letzten Stadien ihres nationalen Lebens ihren Genius, oder was sie ihr Heiliges und ihre Bestimmung nennen, gegen.auswärtige und einheimische Feinde zu behaupten suchen. Das Makkabäerhaus, welches sich im Kamp! gegen die syrische Herrschaft und gegen die griechische Bildung die fürstliche Würde errang, kumulirte die bisher getrennten Gewalten und vereinigte in seinen Vertretern das Fürstenthum und das oberste Priesterthum. Die von den Makkabäern selbst herbeigerufene römische Intervention bahnte einem fremden Stamm, den Edomitern, den Weg zum Thron. Pompejus entschied sich im Streit zwischen Hyrkan und Aristobul für den Ersteren und übergab dem Idumäer Antipater die faktische Regierung. Dessen Sohn, Herodes der Grosse, welcher die Herrschaft an sein Haus brachte, schärfte den in den Händen der Makkabäer abgestumpften Absolutismus

     


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    und suchte in den hellenischen Tendenzen, denen auch seine Vorgänger sich wieder hatten zuwenden müssen, die Stütze seiner Gewaltherrschaft und das Mittel für seine Assimilation mit der neuen cäsarischen Welt.

    Der syrische Fürst Antiochus Epiphanes hätte an die Hellenisirung Judäa's nicht denken können, wenn sie nicht in den Gemüthern daselbst schon im Gange gewesen wäre. So würde es auch Herodes nicht gewagt haben, in Jerusalem ein Theater zu bauen und dasselbe mit Bildern der Thaten des Augustus zu schmücken, auf der Ebene bei der heiligen Stadt ein Amphitheater zu errichten und zu Ehren seines kaiserlichen Gönners fünfjährliche Kampfspiele, auch für musikalische Bewerber, einzuführen, wenn er nicht der Zustimmung in einem grossen Theil der priesterlichen, gelehrten und populären Kreise gewiss gewesen wäre.

    Die Seleucidenzeit hatte Palästina mit griechischen Elementen überfluthet. Von Griechenland her und aus den syrischen Fürstensitzen war der Zufluss gekommen; Damaskus war für den Norden der Behälter, von wo das Griechenthum sich ergoss; für das Innere kam der Zuzug von der phönicischen Küste her. Aus diesen Mischlingsorten machte Herodes die Bollwerke seines Regiments und in seiner befestigten Prachtstadt Sebaste (Augusta), dem früheren Samaria, errichtete er für die gemischte Bevölkerung einen gemeinsamen Tempel. Hier konnte er an die Ueberlieferung anknüpfen, dass die Samaritaner schon zur Zeit des Antiochus Epiphanes damit umgegangen waren, ihren Tempel auf Garizim dem hellenischen Zeus zu widmen (Joseph. Archäol. 12, 5, 3).

    Die Verbreitung der griechischen Sprache in den jüdischen Kreisen wird z. B. von dem zweiten Buch der Makkabäer (in der Sammlung der Apokryphen des A. T.) bezeugt, wenn die Mutter der sieben Märtyrerkinder, die dem Antiochus Angesichts des Todes widerstehen (c. 7, 21. 27), die Sprache des Königs versteht und ihm in der seinen antwortet, den Kindern aber in ihrer eigenen Landessprache insgeheim zur Ausdauer zuredet. Die dem Josephus fälschlich zugeschriebene Arbeit "de Maccabaeis", eine Ausführung der Martyr-Episode jener dem ersten Jahrhundert vor Chr. angehörigen

     


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    Schrift, hat (cap. 12 und 16) diese Doppelsprache der Mutter und der Kinder mit besonderem Nachdruck hervorgehoben.

    Welche Herrschaft die griechische Sprache in Palästina hatte, ersehen wir z. B. aus den von Josephus (Archäol. 14, 10, 2. 3) angeführten Erlassen Casars an die Obrigkeiten von Tyrus, Sidon und Askalon, wonach er seine Freibriefe für den letzten Makkabäer Hyrkan, dessen Hausmeier, der Edomiter, dem römischen Feldherrn in seinen alexandrinischen Nöthen zu Hülfe geeilt war, auf ehernen Tafeln in lateinischer und griechischer Sprache in den Tempeln aufzuhängen befiehlt, so dass sie von männiglich gelesen werden können. Gleich instruktiv ist seine Verordnung, dass der Erlass durch obrigkeitliche Boten von Stadt zu Stadt an die Verwaltungen befördert werden soll.

    Tyrus, Askalon, Gadara waren Sitze der griechischen Literatur. Strabo (Buch 16) zählt z. B. eine ganze Reihe von griechischen Philosophen und Rhetoren auf, die aus Gadara stammten; die zahlreichen Judenschaften aller dieser Städte mussten aber schon des Verkehrs wegen mit dem Griechischen vertraut sein. Beim Ausbruch des jüdischen Krieges fielen allein in Askalon 2500 Juden als Opfer des Volkshasses; in Tyrus verloren zwar auch Viele ihr Leben, jedoch war die Mehrheit der Altbürger ihnen freundlicher gesinnt und begnügte man sich damit, die Meisten nur in Verwahrsam zu nehmen. Cäsarea, der Hauptsitz der Heroden, wo sich dieselben frei von der Wachsamkeit der priesterlichen Gegner in Jerusalem ihren griechischen Neigungen hingaben, enthielt zugleich in seiner Mitte so viele Juden, dass bei jenem allgemeinen Griechenaufstand 20,000 umkamen. In Damaskus herrschten die Juden so gewaltig, dass fast alle Frauen der Stadtherrn sich dem mosaischen Gesetz zugewandt haben sollen, aber sie büssten auch mit 10,000 Leichen ihre bisherigen Erfolge. Josephus, dessen bellum judaicum (2, 18, 1-5. 2, 20, 1) wir diese Angaben entnehmen, ist zwar, wie der Philo der Schriften über die Botschaft an Cajus und gegen Flaccus, in der Statistik der jüdischen Diaspora mit Zahlenhaufen allzu freigebig; aber wenn wir ihm

     


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    auch Tausende und aber Tausende seiner Summen erlassen, so bleiben doch seine Mittheilungen über die zahlreiche Vertretung des Judenthums in den Griechenstädten für die Einsicht in den vielsprachigen Verkehr Palästina's höchst werthvoll.

    Der hellenisirende Absolutismus der Idumäerfamilie erzeugte noch kein allgemein anerkanntes Symbol, keine oberste Formel, kein geistiges Werk, in welchem Griechenthum und Judenthum ihre Einigung hätten anschauen können. Die griechischen Burgen und Culturstädte bildeten erst einen Gürtel um die heilige Stadt, und diese hatte noch Ruf und Ansehen genug, um eine Steigerung des nationalen Absolutismus zu erzeugen und zu ihrer Vertheidigung ins Feld zu stellen. Herodes lag noch auf dem Sterbebette, als die vorzeitige Nachricht von seinem Tode eine Schaar von Verschworenen dazu ermuthigte, den goldenen Adler, den der König zu Ehren Roma's über dem grossen Säulengang vor dem Tempel angebracht hatte, abzubrechen. Kaum war er wirklich gestorben, als sich Aufständische erhoben und die Freiheit des Landes ausriefen. Josephus nennt sie "Räuber", gesteht aber ein, dass eine regelrechte Herrschaft ihr Ziel war. Sie setzten sich das Diadem auf; wer einen Anhang erhielt, machte sich zum König. Das Land ward von einer den Zeitverhältnissen widersprechenden Illusion ergriffen. Abenteurer, ruhmlose Einzelne, die sich auf die Gluth ihres Eifers und die Kraft ihres Armes verliessen (Joseph. Arch. 16, 10, 5-8), wollten jene Tyrannis improvisiren, deren Gründung den Feldherren und Staatsmännern von Hellas während der Blüthe ihres Landes nicht hatte gelingen wollen, und die erst Alexander und die grossen Demokraten-Generale Roms durchsetzen konnten, als sie, Jener die griechische, Diese die italische Nationalität für die Amalgamirung der Völker und die nationalen Illusionen ihrer Armeen für die Gründung einer Weltpolitik benutzten.

    Die schwachen Versuche jener "Räuber" des Josephus, in Wahrheit der Bewerber um die jüdische Tyrannis, ihr Volk um den heiligen Tempel zu sammeln, wurden zwar nach dem Tode des Herodes und bei der Schätzung Judäa's

     


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    durch Quirinius von den Römern sogleich immer wieder zurückgewiesen. Aber sie verbitterten doch die kaiserliche Regierung in Rom, erhielten ihren Argwohn wach, reizten sie, wie den Cäsar Cajus Caligula, zu Experimenten und Anfragen, wie weit man gegen die nationale Partei vorgehen könne, welche Anfragen wieder eine geschärfte Aufmerksamkeit und Erbitterung der Volksführer zur Folge hatten. Den Schluss dieser gegenseitigen Reibungen bildete endlich der Aufstand in den letzten Jahren der Neronischen Regierung, welcher seit dem Zusammenströmen der Agitatoren nach der heiligen Stadt die Tyrannis zur Reife brachte, aber auch ihren Sturz herbeiführte.

    In dieser Katastrophe ist es nun, dass Josephus als Kriegsoberster und Ueberläufer zu Vespasian seine Rolle spielte.

    4. Josephus als Kriegsoberster und Gottesbote.

    Als der jüdische Historiker von der aufständischen Centralregierung zu Jerusalem den Oberbefehl gegen die Römer in Galiläa erhielt, war er nicht lange zuvor von einer Reise nach Rom zurückgekommen. Nach seiner Angabe suchte er Zutritt beim kaiserlichen Hofe, um für einige ihm befreundete Priester, welche der Procurator Felix „ein paar unbedeutender Anlässe" wegen nach der Reichshauptstadt geschickt hatte, Freilassung zu suchen. Er wandte sich an Aliturus, einen Juden, der als Mimen-Dichter und Acteur bei Nero in Gunst stand, ward durch denselben der Pöppäa, Gemahlin des Kaisers, vorgestellt und erhielt die Entlassung der Priester aus ihrem Gefängniss (Vita. c. 3).

    War das wirklich sein Zweck? Wollte er nicht vielmehr Angesichts der Gährung der jüdischen Nationalpartei das Terrain in Rom untersuchen, vielleicht im Interesse der jüdischen Optimaten gewisse Zusicherungen überbringen und erwirken?

    Poppäa hatte sich schon bei einer anderen Gelegenheit dem jüdischen Heiligthum hold erwiesen und bei Nero durchgesetzt, dass die Gesandtschaft der Priester, welche dem

     


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    König Agrippa seine Aussicht von der herodischen Burg auf den Tempelverkehr und seine ans Polizeiliche streifende Ueberwachung desselben durch eine Erhöhung der Tempelmauer versperrt hatten, Recht bekam (Archäol. 20, 8, 11).. Josephus nennt die kaiserliche Gemahlin "gottesfürchtig, sie war somit eine Art Proselytin und Verehrerin der jüdischen Gebräuche, wie ihr früherer Mann, Otho, späterer Kaiser, der Isis huldigte. Sie mag daher die Verhältnisse in Judäa nach der Darstellung des Josephus so aufgefasst haben, dass durch einige Freundlichkeiten gegen die Tempelpriesterschaft der glimmende Brand im Osten sich noch dämpfen lassen könne.

    Josephus schickt dem Bericht von seinem Glück in Rom die Geschichte von einem Seeabenteuer voran, die so übertrieben romanhaft ist, dass sie zu einigem Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit nöthigt. Das Schiff, auf welchem er nach Rom fuhr, ging mitten auf dem adriatischen Meer sammt sechshundert Passagieren unter. Nur achtzig Personen, darunter er, retteten sich durch Schwimmen und wurden, nachdem sie sich die ganze Nacht über Wasser gehalten hatten, in der Morgendämmerung von einem Cyrenefahrer aufgenommen und nach Puteoli gebracht. Wer so dichten kann, ist auch im Stande, Dinge, die er nicht publik werden lassen will, zu verschweigen.

    Für neuere Bearbeiter der neutestamentlichen Zeitgeschichte mag es ein lohnendes Datum, für die Römer mochte es imponirend sein, wenn Josephus erzählt, dass er aus der "ersten der vierundzwanzig Priesterklassen" stammt. Das Chaos aber, welches in den letzten Jahrhunderten vor dem Fall des Tempels in der Priesterordnung herrscht, vor Allem die Verweltlichung der oberen Priesterwürden durch die Makkabäer berechtigen uns zu einigem Zweifel an der angeblichen Priesterordnung, die noch zur Zeit Nero's geherrscht haben soll. Die fernere Behauptung des Josephus, in seiner gelehrten Bildung sei er sch