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II.
Seneca als Lehrer und Minister Nero's.
1. Die Auflösung des römischen Particularismus.
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Mit Nero's, von ihm selbst verschuldetem Sturz verschwand das julische Haus von der Weltbühne. Das Kaiserthum, von dem grossen Julier und dessen adoptirten Neffen, Augustus, mit der Gewalt der Waffen begründet, galt als das Erbe einer Familie, welche den Zweifel an ihrem Rechte mit ihrer Militärmacht einschüchterte. Da die beiden Stifter des Familienguts der eigenen männlichen Erben entbehrten und nur durch die weibliche Verzweigung das julische Blut erhalten wurde, brachte die Aneignung des Claudischen Stammes in das Gesammthaus den Zwist zweier Linien. Wenn die zahlreichen Todesfälle, welche die Familie schon unter Augustus lichteten und die Tage dieses Kaisers trübten, von der Volkssage mit Unrecht auf Nachstellungen durch Gift zurückgeführt wurden, so fehlte es doch unter den Nachfolgern nicht an wirklichen Morden, in denen Nero's Mutter sich zuletzt als Meisterin bewies, bis dieser Kaiser um sich herum vollends aufräumte und als der letzte Spross des cäsarischen Hauses dastand.
Die Nachkommen der Männer, die im Kampf mit Cäsar und Augustus unterlagen, waren durch Verheirathung in die kaiserliche
Familie zur Theilnahme am Glanz der Sieger berufen worden und sie fielen Alle demselben düstern Schicksal anheim, welches
die Nachkommen der Triumphatoren verfolgte. Als der letzte Julier einen Freigelassenen um die Gnade des Todesstosses
anbettelte, hatten hundert Jahre an den Stufen des Thrones die Leichen der mit den Cäsaren
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verschwägerten Antonier,
Aemilier, Junier, Pompejer, dazu auch noch des letzten Sprosses des Dictators Sulla aufgehäuft. Bin weites Grab bedeckte
die Erinnerungen der B ürgerkriege; Sieger und zu Gnaden aufgenommene Unterlegene wurden von den Generationen, die für neue Gedanken und Interessen lebten, der gleichen Vergessenheit übergeben.
Auch unter demjenigen Theil des Adels, welcher zur gefahrvollen und endlich mörderischen Ehre der Aufnahme in die cäsarische Familie nicht gelangt war, hatte das erste Jahrhundert des Kaiserthums gewaltig aufgeräumt. Nachdem die Bürgerkriege zahlreiche Familien dahingerafft und die Aechtungen des letzten Triumvirats die alten Geschlechter um ihre Häupter und Besitzungen gebracht hatten, verfielen die übrig gebliebenen Häuser durch Verschwendung, durch die Verwickelung in die Hofintriguen oder durch die kaiserliche Rache; welche ihre Vertreter wegen der Theilnahme an den zahlreichen Verschwörungen traf.
Cäsar und Augustus hatten die Lücken, welche die Bürgerkriege in die Reihen des Senats gerissen hatten, noch erweitert, die Verarmten und Herabgekommenen, welche die Würde der hohen Körperschaft nicht mehr repräsentiren konnten, aus dem Kreis derselben verwiesen und die Anhänger der repu. blikanischen Vergangenheit durch einen gebieterischen Wink oder Kraft ihrer Dictatur entfernt. In die Lücken, welche Zeit und censorischer Befehl auf den Bänken der adligen Corporation verursacht hatten, brachten sie niedrig geborene Anhänger, die sich im bürgerlichen Dienst und in der Armee während der Bürgerkriege bewährt, auch solche, die sich in den provinzialen Kolonieen als Stützen des neuen Regiments bewiesen hatten.
Unten im Volke ging indessen eine Veränderung vor, welche nicht weniger wie die Umwandlung des Senats den römisch-städtischen
Particularismus abschwächte und sein Aufgehen in die weiten Schwingungen einer Weltgemeinde vorbereitete. Die Triumvirn hatten
ihre Schlachten mit Hilfe auswärtiger Völker, die zu ihrer Zeit noch als Barbaren galten, gewonnen und belohnten die fremden
Haufen mit dem Bürgerrecht und Antheil an den italischen Grundstücken, mit deren
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Verlust die Gegner bestraft wurden. Vermischung und Tagesverkehr mit diesen Eingedrungenen schliff allmählich die Eigenthümlichkeiten und Erinnerungen des untern Volkes, besonders in der Hauptstadt ab und die Adligen sahen sich, soweit sie sich über der neuen Mischung erhielten, mitten in einer Masse isolirt, mit der sie den Zusammenhang verloren hatten.
Kaiser Claudius vollendete diese Isolirung des alten Adels indem er, als der Senat trotz der letzten Auffrischungen wieder gelichtet war, mit Berufung auf den Vorgang seiner Ahnen von Julius Cäsar an bis auf Tiberius, welche Freigelassene und die Blüthe der Pj-ovinzialstädte und Kolonieen in den Senat beriefen, auch Vertreter der gallischen Aeduer in die Corporation des Adels einführte. So sahen sich nun, nachdem das alte Band, welches die Herren der Curie mit dem städtischen Volke verknüpfte, gelockert und fast durchschnitten war, die Vertreter des römischen Particularismus im Senat von den Auserlesenen der unterworfenen Barbaren umgeben, die mit dem in Rom wogenden Weltpublicum mehr als die Calpurnier, Cornelier und anderen Grossen des alten Regime sympathisiien konnten.
Der letzte Rest dieser Hochadligen wurde noch von dem harten Geschick, welches die Regierung Nero's über sie verhängte, aufgebraucht und unter den Flaviern konnte die Zeit des neuen Senats beginnen, der sich aus den Landstädten, Kolonieen und Barbaren ergänzte, wie die Kaiser von nun an ausserhalb Roms, dann ausserhalb Italiens ihren Ursprung hatten und endlich aus den Barbaren hervorgingen.
Der Verfall des cäsarischen Hauses zeigte sich ferner in der Abschwächung der militärischen Tüchtigkeit seiner Häupter. Der Sieger von Actium, der als einzelner junger Mensch die Schule von Apollonia verliess, um mit allen Partheien Roms den Kampf um das Testament seines Oheims aufzunehmen, und im Bunde mit seinem Feldherrn den Bürgerkriegen ein Ende machte, wurde in den letzten Jahren seiner Regierung durch die Vernichtung seiner Legionen in Germanien in der Weisheit seines Entschlusses bestärkt, dass der Verschmelzung der Reichsvölker die Wagnisse auswärtiger Uuternehmungen nachstehen müssen. Seine beiden Stiefsöhne, Tiberius und
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Drusus, mussten sich damit begnügen, den Rhein sicher zu stellen und die Völker im Süden der Donau im Zaume zu halten, und die vergeblichen Einbrüche seines Neffen, des Germanicus, in Germanien zwangen Tiberius, den Legionen am Rhein Stillstand zu gebieten. Caligula setzte diese Politik im Norden fort, aber stürmte doch selbst nach Gallien, um den Lentulus Gätulicus, der mit seinen Schaaren am Rhein dem Tiberius ungestraft Argwohn eingeflösst und sich jetzt im Einverständniss mit den Schwestern des Kaisers in eine Verschwörung eingelassen hatte, abzusetzen und hinrichten zu lassen. Claudius stellte sich sogar, während sein Vorgänger nur von der gallischen Küste aus mit den britischen Freunden unterhandelt hatte, an die Spitze des Heeres, welches unter Aulus Plautius und dessen Legaten Plavius Vespasianus in Britannien einfiel und legte persönlich den Grund zu der römischen Herrschaft jenseits des Canals.
Nero dagegen hat nie die Waffen geführt, nie ein Heer befehligt und liess sich im letzten Augenblick, als Vindex in Gallien und in Spanien Galba sich erhoben, durch die Gerüchte, mit denen sich die römischen Volkshaufen allarmirten, so ausser Fassung bringen, dass er selbst seiner Leibwache die Lust benahm, für ihn das Schwerdt zu ziehen.
Tacitus machte schon (Annal. 13, 3) auf eine Eigenheit aufmerksam, wodurch sich Nero von seinen Vorfahren auf dem Thron unterschied. Bei Gelegenheit seiner, von Senecaverfassten Leichenrede zu Ehren des Claudius erwähnt der Verfasser der Kaisergeschichte, dass man damals darauf hingewiesen habe, wie Nero der Erste der römisohen Machthaber war, der sich fremder Beredsamkeit bediente. Julius Cäsar, fügt Tacitus zur Erläuterung dieses Rückblicks hinzu, konnte neben den grössten Meistern um die Palme der Rede wetteifern. Augustus sprach fliessend aus dem Stegreif, hatte einen würdevollen Vortrag, wie er einem Fürsten ansteht, und befleissigte sich eines hingebenden und ausdrucksvollen, sich alles Gesuchten in Sentenzen und Wortflosccln enthaltendenStyls. Tiberius war Meister in der vorsichtigen Abwägung der Worte und machte durch die Kraft der Gedanken Eindruck, wenn er es nicht vorzog, mit Absicht
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vielsinnig zu sprechen und den Zuhörern die Deutung zu überlassen. Selbst dem gestörten Sinn Caligula's sagt der Gegner des julischen Hauses nach, dass derselbe die Kraft der kaiserlichen Redegabe nicht verdarb, während wir von Suetonius (Calig. cap. 53) hören, dass der Sohn des Germanicus durch ein eingehendes Studium der Beredsamkeit grosse Leichtigkeit und Fertigkeit gewonnen hatte und hoch über dem Meister Seneca zu stehen glaubte, dessen Vortrag er als gekünstelt und gesucht und dessen Reden er als blosse Preisreden verachtete. Wahrscheinlich ist die ihm in den Mund gelegte Drohung, wenn er (im Senat zur Vertheidigung oder Niederwerfung eines hohen Angeklagten) sprechen wollte: "er werde das Schwerdt seines nächtlichen Nachdenkens ziehen," nur ein Karikaturwort, mit dem sich seine Gegner in den vornehmen Kreisen über die Leidenschaft, die zuweilen aus seinem Vortrag hervorbrach, lustig machten. Dem angeblich schwachköpfigen Claudius, der sich im Privatverkehr zuweilen manche naive Combination erlaubte, lässt Tacitus den Ruhm, dass er, wenn er vorbereitet auftrat, Eleganz mit Verstand vereinigte, und auch Sueton giebt es zu, dass er im Ganzen (Claud. 40) nicht ohne Gabe der Rede war.
Bei Nero dagegen ist die Kunst des lebendigen Wortes völlig in's Stocken gerathen und während sein Arm für die Führung des Schwerdts, mit dem seine Ahnen die Weltherrschaft gewannen, erlahmt war, besass auch sein Geist Nichts von jener Kraft mehr, mit welcher die Gründer der julischen Macht, ehe sie das Schwerdt als Beweismittel ihres Rechts zückten, auf dem Forum und in der Curie mit ihren Gegnern rangen. Das Forum war längst stille geworden; der Senat, dessen Willigkeit und Fügsamkeit die Kaiser von Augustus an bis auf Claudius je nach der Anlage ihres Geistes und nach den wechselnden Umständen zu gewinnen oder zu erzwingen verstanden, wurde zuletzt von einem rhetorischen Souffleur beschwichtigt, bis die Versammlung der Väter mit blutigen Bxecutionen von dem Ende ihrer Herrschaft überzeugt wurde. Nach dem Fall Nero's brach in der Curie noch einmal der Sturm der Beredsamkeit zwischen den Helfershelfern der Neronischen Regierung, den Anklägern der Opposition, und den
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Republikanern aus, wurde aber bald wieder durch einen Wink Mucian's und Domitian's, den Stellvertretern des noch abwesenden Yespasian, beruhigt.
Die julische Periode, in welcher die Fiction der Erblichkeit durch Militär und römische Beredsamkeit unterstützt war, ist vorüber und die Herren der Welt konnten nun aus jedem Winkel des Erdkreises hervorgehen.
Eine andere Seite, wonach Nero's Person einen Wendepunkt in der Geschichte des römischen Genies bildet, verdient noch besondere Beachtung. Wir meinen seine Stellung zur Götterwelt, in welchem Punkte er ebenso wenig die Ueberzeugung des Augustus von seinem Bunde mit den himmlischen Mächten als Caligula's schwärmerischen Glauben an seine reale Göttlichkeit theilte. Er wollte nichts als Mensch, der reine Mensch und ein blosses Menschenkind sein, aber in seiner Person das Höchste darstellen, was menschliche Natur an Macht und geistigem Vermögen hervorzubringen vermag.
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Er war, wie sich Sueton (Nero, cap. 56) ausdrückt, "durchweg eiu Religionsverächter." Die Verehrung der syrischen Göttin, der er sich einmal widmete, liess er bald wieder fallen, nachdem er das Bild der Göttin in übermüthig - verächtlicher Weise verunreinigt hatte. Eine dauernde Zuneigung schenkte er darauf einem Mädchenspielzeug, einer Puppe, womit ihm. als einem Gegenmittel gegen feindliche Nachstellungen, ein unbekannter Mann aus dem Volke eine Freude gemacht hatte. Als das Amulett bei der Entdeckung einer Verschwörung sich wirksam zeigte, erhob er es zu seinem höchsten Wesen, brachte ihm" täglich ein dreifaches Opfer dar und benutzte es, um seine Gegner mit dem Vorgeben, dass ihm dasselbe über die Zukunft Aufschlüsse ertheile, in Furcht zu erhalten.
Seine profan-autonome Natur, der es vor Allem auf Machtbesitz ankam, sprach sich auch in seiner Uebung der "falschen Kunst" aus, der er nach Plinius (hist. natur. 30. 5) Geld, Anstrengung und Studium widmete. Als Zauberer und Todtenbeschwörer übte er über die Schatten der Unterwelt Zwang aus und nöthigte sie, vor ihm zu erscheinen und ihm über
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die Zukunft Rede zu stehen. Tiridates musste ihm, als er zur Huldigung und Belehnung mit Armenien nach Rom kam, über die Magie neue Aufschlüsse geben und ihn auch in die magischen Geheim-Mahle einweihen. Den Schatten und Beherrschern des Todtenreichs zu gebieten, ging ihm fast über sein Streben, im Zitherspiel und im tragischen Gesang der Erste zu sein.
Es wird zwar aus der Zeit seiner kaiserlichen Regierung viel von öffentlichen Sühn- und Bitt-, sowie Dankfesten berichtet. Aber meistens ist es, wie Tacitus ausdrücklich bemerkt, der Senat, der z. B. für die einzelnen günstigen Wendungen des armenischen Krieges, für die Errettung Nero's von den feindlichen Nachstellungen seiner innern Feinde wie Sulla, Plautus, Piso Dankfeste anordnet oder die Einlösung der Gelübde beschliesst, welche die versammelten Väter bei der Schwangerschaft der Poppäa übernommen hatten. Wenn die Opferschauer, desgleichen die sibyllinischen Bücher bei merkwürdigen Zeichen, z. B. nach dem Brande Roms, sich für die Reinigung der Stadt und für Bussfeste aussprachen, so hatte jedenfalls auch der Senat für die Befragung der Seher und der heiligen Bücher die Initiative ergriffen.
Der Senat leistete dem Kaiser einen Dienst, wenn er nach dem Brande Roms das durch die Unglückstage um Dach und Fach gebrachte Volk durch Bittfeste wieder ruhig stimmte. Die Begleitung des armenischen Krieges mit Dankfesten war eine Huldigung für den Oberherrn, dem in seinem Palatium die Erfolge seiner militärischen Diener zu Füssen gelegt wurden, und die Anordnung von Festen für die Besiegung seiner Mutter und der adligen Widersacher drückt die erneuerte Anerkennung seiner Regierung aus.
Die Religion war zu einer todten Maschinerie des Staatsdienstes geworden. Das gerührte Aufathmen, mit dem Augustus nach der Besiegung des Antonius die Gunst der Götter anerkannte, die ihn als Mitregenten über den Erdkreis angenommen hatten, gehörte einer vergangenen Zeit an. Die Bewunderung, die Virgil entgegenkam, als er die Erneuerung der Religion in den Cultusfeiern des Aeneas auf seinen Wanderungen verherrlichte, hatte sich bald nur auf seinen glänzenden
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Preis des römischen Berufs zur Weltherrschaft und auf die Episoden beschränkt, in denen er die Helden der nächsten historischen Vergangenheit feierte. Vielleicht fühlte man aus den Versen des nationalen Dichters allmählig das Stöhnen heraus, mit dem er aus dem Schatz seiner Cultus-Gelehrsamkeit die Züge für sein Bild des llischen Auswanderers hervorholte und mühsam zu heiligen Idyllen vereinigte. Auch die religiöse Weihe, welche Ovid in seinen "Fasten" über das tägliche Leben des Hauses und des Volkes verbreitete, wurde bald nur ästhetisch genossen, wie die Restaurationsdichter der Augusteischen Zeit überhaupt den Erfolg, in dem sie sich sonnten, gewiss von vornherein schon hauptsächlich der Glättung ihrer Diction verdankten, die ohne Lücken, Extravaganzen und störende Ermattungen dahinfloss.
Neben diesen Künstlern der Sprache gab es aber noch zwei wahre und auch jetzt noch ergreifende Dichter, die sich abseits von den politischen Interessen ihrer Zeit hielten und sich durch die Darstellung ihrer Seelenerfahrungen ihre Ewigkeit schufen. Der Eine, angeblich im Geburtsjahr Virgil's gestorben, immer mit Respect genannt, erzwang sich sogar, bis auf Makrobius, von den Grammatikern der Kaiserzeit die Anerkennung der Originalität seiner vom Sänger des Aeneas benutzten Diction; der Andere, in der letzten Zeit des Augustus hervorgetreten, wurde in einem Kreise von Stillen verehrt, deren Privatcultus er es verdankte, dass er in einigen Manuscripten den gefährlichen Weg in's Mittelalter bestehen konnte. Beide, Lucretius und Manilius, haben sich an die Deutung des Welträthsels gemacht und ihre Poesie in das innere Durchleben und in die Bewältigung des gewaltigen Stoffes durch die gebundene Rede gesetzt. Beide stolz darauf, dem Geiste neue Bahnen gebrochen zu haben, der Erstere Schöpfer seiner Diction, der Zweite im Besitz einer eignen Kraft, die er durch das Vorbild seines Vorgängers stärkte und nur zuweilen mit den rhetorischen Combinationen der späteren Zeit schmückte, während er sich von der kleinen Münze der Formeln, aus welchen die Dichter der Augusteischen Zeit den poetischen Sprachschatz der Nation zusammenbrachten, unabhängig erhielt.
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Beide stehen hoch über dem officiösen Dienst, welchen die Dichter des lateinischen goldenen Zeitalters der Verherrlichung der Nation und der Machthaber widmen. Frei vom römischen Partikularismus, werfen sie tiefe Blicke in den Gang und das Gesetz der Geschichte und widmen sie ihre Theilnahme am liebsten den Erlebnissen, Kümmernissen und inneren Triumphen der Seele. Sie haben zwar an entgegengesetzten Systemen ihre poetische Begabung geübt, der Aeltere an der epikuräischen Bildung der Welt aus sich selbst und an der Befreiung des Menschen von den Schrecken des alten Tempeldienstes; aber auch der Jüngere hat den modernen Freiheitsgeist in den himmlischen Absolutismus der Stoa gebracht und den Einklang der Welt, der Natur und des Menschen mit ihrem göttlichen Urbild und Urquell in eine freie Zustimmung des Abbildes (alterno consensu, Astronomicon 2, 60 flgdd,) umgewandelt. Das Zusammentreffen und der Bund zwischen dem Himmlischen und Irdischen, der oberherrlichen Vernunft und der nach oben strebenden und sich erweiternden Seele, beruht ihm auf dem beiderseitigen Bedürfniss, wonach sie sich einander suchen und die Verwandtschaft im freien Bündniss bestätigen. So hat Manilius dem Gottgefühl, welches zu seiner Zeit die Brust. des Menschen erweiterte, den kühnen Ausdruck gegeben,- dass er den Menschen, als verwandtes Gebilde, sich selbst droben, im Himmel, in seinem Vater aufsuchen (4, 883 flgdd., 905 flgdd.) und andererseits Gott in die Brust des Menschen "herabsteigen, daselbst Wohnung nehmen und gleichfalls sich selbst suchen lässt" (2, 108).
Lucretius, der Feind der Götter, hat nur den oberen Wesen des Alterthums den Krieg erklärt. Auch aus seiner, durch eigene Bildungskraft bestehenden Welt gehen Götter hervor; ein Gott ist ihm Epikur, der den Menschen aus den Schrecken des alten Dienstes erlöste und auch der, von ihm gefeierte Empedokles kann schwerlich, wie er meint, aus menschlichem Saamen entsprossen sein (Reruin Nat. 1, 734). Wenn Manilius ein paar Mal Augustus die Götterwürde (Astron. 1, 9) zuschreibt oder als sicher und gewiss in Aussicht stellt, so ist er fern vom höfischen Dienst eines Horaz und feiert er nur den "göttlichen Gesichtskreis" des Menschen "der
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selber Götter macht, zu den Gestirnen Götterwesen schickt und unter dem Fürsten Augustus den Himmel erweitern wird"
(4, 963-965).
Wenn auch Lucretius und Manilius beim Publikum keinen grossen Namen hatten, so klingt doch durch die Simplicität ihrer
Diction das Ideal durch, welchem ihre Zeit nachstrebte. Ein Gottmensch, hervorgegangen aus der Kraft der autonomen Welt
oder aus dem gegenseitigen Zug der oberen und irdischen Region zu einander, hiess das Ideal. Um so eigenthümlicher muss
auf diesem Hintergrunde des Zeitbedürfnisses das rein menschliche Wesen Nero's und seine Ablösung von den obern Mächten
erscheinen, noch auffallender aber, wenn wir ihm Caligula mit dem ganzen Pomp seiner Göttlichkeit zur Seite stellen.
Nero'wollte als Menschenkind alles der Welt erreichbare Grosse in sich vereinigen und die Menschheit beherrschen; Caligula
dagegen schmückte sich, um seine Allmacht zu zeigen, mit den Attributen der Gottheit. Manilius sah in der Erweiterung des
Himmels durch die Einbürgerung eines Gottmenschen ein Zeugniss von der göttlichen Kraft des Menschen; für Nero und Caligula
war die Wahl: reiner Mensch oder Gottmensch! auch eine Machtfrage. Beide wollten den Umfang der eigenen Persönlichkeit
beweisen; Nero bestand auf sich selbst; der Sohn des Germanicus wollte sich auch durch Nichts in der Welt beugen lassen und
gleich einem Stoiker sagte er z. B., nichts sei ihm an seiner Natur lieber und rühmlicher, als seine "Unerschütterlichkeit"
(_______) wie er sich scholastisch ausdrückte (Sueton, Calig. K. 29). Seine Vorgänger kamen ihm schwach und zaghaft vor,
da sie ihre Macht noch nicht recht gekannt hätten: er war, wie er zu seiner Grossmutter Antonia sagte (Sueton, ebend.),
dahintergekommen, dass ihm Alles und gegen Alle freistehe.
Cäsar und Augustus hatten sich mit dem Schwerdt den Weg zur Gewalt erkämpfen und die Kraft der Gegner erfahren müssen und
dann durch Milde und Schonung der alten, Gewohnheiten ihr Principat eingeführt. Tiberius hatte sich ehe er der persönlichen
Reibung mit dem Adel auf Capri entwich, mit dem Stichwort des liberalen Absolutismus, er
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sei nichts als Diener des Staats, eingeschmeichelt; "ich habe es gesagt, jetzt und oft, sagte er zum Senat (Sueton, Tiber, Kap. 29), ein guter und gedeihlich wirkender Fürst muss Diener des Senats und Volks sein, -- im Allgemeinen und auch für die Privaten, und gute und billige und freundlich gesinnte Herren habe ich an euch gehabt und habe ich noch."
Diese Bescheidenheit und solche Umwege schienen dem Selbstgefühl Caligula's veraltet; er wollte keine Gefahren mehr anerkennen, den Grund seiner Macht im eigenen Innern besitzen und als Obereigenthümer der Welt auch Herr über Alles sein, was seine Gewährung und Gnade den Privaten noch zum Niessbrauch überlässt. Im Vergleich mit Nero, und wahrscheinlich auch in den Augen desselben, war er aber erst ein Stümper und Anfänger in dieser Machtübung, weil er sich, um seinen Zeitgenossen zu imponiren, hinter die Larven der Himmlischen verkroch.
Als dieser mächtige Oberherr der Welt trat er mit der Strahlenkrone und anderen Insignien der alten Götter aus seinem Palast hervor, liess er sich vom jubelnden Volk als die gegenwärtige Gottheit begrüssen, drohte mit dem Schwerdt dem Senat, stürmte nach Gallien, um Verschwörer zu zerschmettern, machte in kolossalen Bauten das Unmögliche möglich, ergötzte die Massen als Sänger, Tänzer, Wagenlenker und Fechter, traf missliebige Personen, die noch etwas Besonderes sein wollten, mit humoristischen Witzfunken, plante die Reform des Rechts nach eigenen Dictaten, richtete die Weltliteratur mit seinem nicht ungebildeten Geschmack und hatte es unter Anderem auch besonders auf Virgil abgesehen, dem er (Sueton, Calig. Kap. 36) schöpferischen Geist absprach, wahrscheinlich, weil er sich abgemüht hätte, die alten Götter in ihrer abgenutzten Hoheit wieder zu beleben.
Caligula hatte Recht. Der Himmel konnte die Beute des Kühnen werden. Die Götter fühlten sich an ihren alten Sitzen nicht mehr recht sicher und unter den Völkern verbreitete sich die Sage, dass sie an die Flucht dächten und von ihrer Heimath Abschied nehmen wollen. In Alexandrien z. B. hatte man, wie Plutarch ,im "Antonius" erzählt, in der Nacht vor der Schlacht bei Actium gehört, wie die Götter aus der Stadt
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zogen und die Luft mit ihren Stimmen und mit dem Lärm des Aufbruchs erfüllten, während der Klang der heiligen Instrumente die Flucht begleitete. Der Götterauszug ging zum nördlichen Stadtthor hinaus, welches nach dem feindlichen Lager blickte. Josephus hat uns von demselben Auszug des Nationalgottes der Juden aus seinem Heiligthum erzählt und den letzten Vertheidigern Jerusalems mitgetheilt, dass ihr Gott zu den Römern übergegangen sei und nun in Italien wohne. Die Götter, Jehova wie die Isis, waren Wanderer geworden und suchten bei den Siegern ihr Heil.
Die Römer fühlten, während die fremden Einzügler dem capitolinischen Gotte manche Seele abwendig machten, auch etwas von der Unbeständigkeit ihrer göttlichen Beschützer. Der Republikaner fluchte ihrem verräterischen Wankelmuth. Lucan lässt seinen Pompejus am Abend von Pharsalus erkennen (Phars. 7, 647), dass die Götter aus seinem Lager, das heisst nach der Anschauung ,des Magnus und seines Sängers, aus Rom, der Republik und dem Senat entwichen seien. Der Dichter der Pharsalia hat aber auch für diese Unbill, welche die alten Götter an der Freiheit und dem Geschiok der Menschheit begangen haben, die Rache bereit und vor Augen: Rom schmückt und bewaffnet (7, 455 folgdd.) die Geister seiner Grossen mit dem Blitz und mit Götterstrahlen, schickt sie zum himmlischen Bürgerkrieg gegen die alten Gottheiten nach oben und wird unten in den Tempeln der Verräther bei seinen auserwählten Schatten und Seligen schwören.
Der angeblich "gestörte Geist," wie sich Tacitus ausdrückt, oder die Ueberspanntheit Caligula's bestand darin, dass er schon bei lebendigem Leibe als Gott unter den Menschen wandeln und gebieten wollte. Die Sache selbst war nicht neu. Sein Ahne der Triumvir Antonius, hatte sich schon, nach Art der griechisch-macedonischen Machthaber, in Aegypten, Asien und auch den Athenern, die ihm mit Weib und Kind entgegen zogen und' ihn als Dionysos begrüssten, als Liber Pater gezeigt, bei welcher letzteren Gelegenheit den muthwilligen Athenern die Schärfe ihres Salzes, dass sie ihn zur Vermählung mit ihrer Athene einluden, übel bekam, da sie die Ausstattung ihrer Göttin mit tausend Talenten bezahlen
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mussten (Seneca Rhetor, Suasoria I). Der Hof des Triumvir bei der Kleopatra war der einer Gottheit und der Verräther aller Partheien des Bürgerkrieges, Plancus, putzte sich, ehe er im letzten Augenblick zu Augustus überlief, dem Liber Pater in Alexandrien zu Gefallen als seinen göttlichen Dienstmann Glaukus aus, indem er nackt und blaugefärbt, das Haupt mit Schilf bekränzt und unten in einen Fischschweif endigend, vor seinem göttlichen Gebieter auf dem Boden rutschte (Vellej. Paterc. II, 83).
Das war freilich im Barbarenlande oder in der Provinz. Augustus liess sich in Provinzialgcmeinden in Verbindung mit der Gottheit Roma auch in Tempeln verehren. Der bescheidene, ja zaghafte Claudius gründete in dem von ihm wieder geöffneten Britannien in der Militärkolonie Camoludunum "als Burg einer ewigen Herrschaft" (Tacit. Anal. 14, 31) einen Tempel, in dem er, während eine eingeborne Priesterschaft ministrirte, göttlich verehrt wurde. Neu war an Caligula nur die Offenheit und Rücksichtslosigkeit, mit der er mitten in Rom, vor den Augen des Senats und der hohen Geschlechter sich als leibhaftiges Pantheon hinstellte. Sueton hat uns zahlreiche Aussprüche dieses Kaisers mitgetheilt, aber keiner derselben zeugte von Blödsinn oder einem irren Geiste. Entweder enthalten sie eine geistreich pointirte Charakteristik hervorragender Persönlichkeiten der ersten kaiserlichen Zeit, des Adels und der Literatur, oder sie sind der krasse Ausdruck des Uebermuths, mit dem er auf das gebrochene und von seinen Grossen selbst aufgegebene Rom zu seinen Füssen herabsah. Manche Sprüche der letztern Art mögen von seinen adligen Gegnern erfunden sein.
Ob Nero, indem er einen andern Weg zur Behauptung seiner Staatsallmacht einschlug, sich vom gewaltsamen Tode seines Oheims von mütterlicher Seite warnen liess, oder ob ihm das elementarische Feuer und die sanguinische Kraft fehlten, welche Cajus Caligula's Willen und Phantasie nach oben trugen und auf den Thron des Capitolinus hoben, wollen wir hier noch nicht fragen. Genug, er wollte als Fürst, ohne göttliche Attribute, die Souveränität über die Welt üben und als Mensch an der Spitze der Menschheit stehen. Kein Fürst,
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sagte er, hat gewusst, was er darf, (Sueton, Nero Kap. 37). Er will also zeigen, wie weit die Macht des Menschenhäuptlings
geht.
Der griechisch-macedonische Geist des Orients liess es sich zwar nicht nehmen, ihm auf Münzen als Zeus und als Weltheiland
(_____ ___ _____), seiner Mutter als Gottesmutter (_____) zu schmeicheln. Er selbst aber liess dem Antrag des Senators
Cerialis Anicius, nach der Vereitlung der Pisonischen Verschwörung, dass ihm sofort auf Staatskosten ein Tempel errichtet
werde, keine Folge geben. Mensch sein und alle menschenmögliche Triumphe für seine Person davontragen, war ihm das Höchste.
Tacitus deutet in seinem wirren Pragmatismus und seiner gekräuselten Sprache an, er hätte seinen Feinden, die ihm einen
baldigen Tod, die ordnungsmässige und prosaische Bedingung seiner Apotheose, wünschten, nicht entgegenkommen wollen
(Annal. 15, 74). Uebrigens nahm sich jener Antragsteller bald darauf selbst das Leben, weil er von dem Vater Lucan's, den
als angeblichen Verbündeten seines Sohnes und Piso's das Todesedikt getroffen hatte, in seinem Testament als Feind des Fürsten
denuncirt war. Nero hatte wahrscheinlich schon vorher seinen Mann gekannt.
Um aber das Feld, auf dem Nero und sein Lehrer und Minister zusammen wirkten, ganz zu übersehen, haben wir noch einer besondren Schule des Menschenthums, den Uebungssälen der Kontroversdebatten einen Besuch zu machen.
3. Die Humanitätsschule der Rhetoren.
Der Vater unseres Weisen, der Rhetor Annäus Seneca, hat seinen Söhnen, dem ältesten Novatus, den später der Rhetor Gallio adoptirte, dem Philosophen Lucius Annäus Seneca und dem Mela, Vater des Lucan, zu Gefallen seine Erinnerungen aus den Controversübungen seiner Zeit aufgeschrieben und den zehn Büchern seines Werks, von denen uns fünf vollständig, die andern nur in Auszügen erhalten sind, Vorreden vorangeschickt, die, wie die Controversen selbst, für die Geschichte des römischen Seelenlebens höchst wichtig sind. Er berichtet, er hätte, wenn ihn nicht die Bürgerkriege,
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welche die ganze Welt in ihren Wirbel zogen, zu Hause, im spanischen Corduba zurückgehalten hätten, Cicero noch hören können, hatte also die Katastrophe, welche die römische Beredsamkeit unter dem letzten Triumvirat-erlitt, vollständig miterlebt.
In einer der Declamations-Uebungen, die er seiner Controvcrssammlung vorangestellt hat (Suasoria 6), wird die Frage behandelt, ob Cicero bei Antonius Abbitte leisten soll, und spricht sich die Mehrzahl der Redner für die Unmöglichkeit aus, dass der grosse Redner wieder in einen Senat treten könne, der grausam gelichtet und schmachvoll ergänzt worden und in dem er sich wie in einer fremden Welt befinden und zum Schweigen verurtheilt sehen würde. Dahin ist es, ruft ein Hitzkopf aus, mit dem römischen Volk gekommen, dass man fragen muss, ob es besser ist, mit Antonius zu leben oder mit Cato zu sterben.
Nach diesem Selbstbekenntniss der Zeit brauchen wir es nicht noch eigens hervorzuheben, dass die Auslegung des Gesetzes im Interesse der politischen Streitfragen nicht mehr möglich und auch nicht mehr nöthig war. Bei Actium waren die Fragen des Forums entschieden und die Debatten geschlossen. Die Uebungen der Schule mussten Fragen, für deren Behandlung es kein Feld mehr gab, meiden und sich mit gemachten Themas beschäftigen. Als die neue Schule in Gang gekommen war und die allgemeine, der Politik entrückte Aufmerksamkeit erregte, war Augustus zuweilen als Zuhörer zugegen und hielt auch mit seinem Urtheil über die Aufsehen machenden Häupter privatim nicht zurück, wie er z. B. dem Einen wegen seines reissend schnellen Vortrags einen Hemmschuh wünschte und von einem Andern, der im Extemporiren auch vor Gericht besonders stark war, sagte, der habe sein Genie im Baaren, brauche also nicht immer erst umzuwechseln.
Einmal wohnte er mit Agrippa und Mäcenas einer Controversübung bei, in welcher Latro, Freund und Landsmann Seneca's und eines der Häupter der neuen Schule, das Capitel von der Adoption und der damit verbundenen Erhebung in den Adel behandelte (Controv. 2, 12), ward aber in der Hitze seiner Abhandlung von dem niedrigen Ursprung manches hohen
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Geschlechts durch einen Wink des Mäcenas daran erinnert, dass vor ihm ein Fürst sass, der eben damit umging, seine beiden:heranwachsenden Enkel zu adoptiren, und dass Agrippa, der Vater derselben, zu denen gehörte, die sich durch ihre Thaten den Adel erworben haben. Seine Freunde bedauerten ihn, dass eine Entschuldigung nur noch grösseren Anstoss gegeben hätte. Indessen ging die Sache noch ohne Geräusch vorüber und Seneca beendigt das Capitel mit dem Preis der Freiheit, die unter dem göttlichen Augustus gestattet war.
Es entwickelte sich unter Augustus und in der ersten Hälfte der Regierung Tiber's eine geistige Regsamkeit, deren Bedeutung die Kaiser selbst noch nicht übersehen konnten. Seneca macht dies seinen Söhnen im Vorwort zum ersten Buch der Controversen in folgender Weise verständlich: "Cicero declamirte während seiner Vorübung zur Beredsamkeit auch, aber über Thesen; die Materie, in der wir geübt wurden, ist so neu, dass sie auch einen neuen Namen erforderte; wir nennen es Controversen, Cicero nannte es Rechtssachen (causas)." Der alte Meister der Beredsamkeit bildete sich also an erdichteten Fällen aus, die sich in den Grenzen des bestehenden Rechts hielten und die Fragen, welche in den öffentlichen Actionen vorkamen, nicht überschritten. Die Neueren aber, welchen die Realität der republikanischen Verhandlungen des Forums nicht mehr erreichbar war, übten sich an chimärischen Fragen, welche dem Rechte selbst m Leibe gingen und dasselbe dem Zweifel und der Prüfung unterwarfen, ja, zur Verneinung desselben aufforderten.
Die Aussenseiten dieser Debatten haben ihnen später, als sie ihr Werk vollbracht und Frucht getragen hatten, einen üblen
Ruf verschafft. Tacitus klagt in der Abhandlung de Orat. Kap. 35 über den Schaden, welchen die Geister in den Rhetorenschulen
erleiden, über die raffinirten Declamationsstoffe, die aller Wahrheit und Wirklichkeit fern stehen, und führt als
abschreckende Beispiele dieser Themas das Lob der Tyrannenmörder und die Wahl prostituirter Frauenzimmer zu dem Amt
jungfräulicher Priesterinnen an. Quintilian (5, 12, 17-20) sieht in den Declamationen nur die Lust an einem entmannten
und zerflossenen Wesen. Selbst Petron, der noch
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Seneca als Lehrer und Minister Nero's.
an der Grenze der Zeit, welche die Blüthe dieser Studien sah, gestanden hatte und sonst in seinem "Satyrikon" einen feinen,
für die edeln Bestrebungen seiner Zeit empfänglichen Sinn zeigt, spricht sich mit Strenge über den "Wahnsinn der Declamatoren
aus, welche die Schüler in eine fremde Welt einführen und dem Forum entfremden." Ja, der Rhetor Seneca schildert (Vorwort zu Controv. liber 4) die Helden,- die er seinen Söhnen vorführt, in der bedenklichen Weise, dass sie als selbstgefällige Redehelden erscheinen. Ein solcher Declamator, schreibt er, sucht alle Reizmittel zusammen; Beweisführung, weil sie lästig ist und zu Redeblumen wenig Anlass giebt, lässt er bei Seite. Sich, nicht die Sache will er zur Geltung bringeD. An den Beifall eines gewohnten Kreises gewöhnt, wird er auf dem Forum schwach oder fällt er ganz zusammen.
Freilich sind die Themas jener Uebungen gesucht und abgeschmackt, die Haarspalterei der Casuistik kleinlich, die Sprache, wenn die Declamatoren das Gesetz der Zwölf Tafeln in erdichteten Collisionen erdrücken, allzu pointirt. Aber nur auf den ersten Anblick. Sehen wir vielmehr das Gewebe dieser feinen Distinctionen, Pointen und übertreibenden Antithesen genauer an, so flimmert uns durch dasselbe eine Morgenröthe entgegen, die den Aufgang eines seiner selbst gewissen Geistes ankündigt.
Die leichtesten Uebungen der Rhetorenschule sind die Suasorien. Der Redner steigt in die Seele eines grossen Mannes hinab, der über sich und zugleich über die Zukunft der Welt entscheidet. Da beräth Cicero, ob es sich für ihn schickt und bei den neuen Verhältnissen möglich ist, mit den Siegern Frieden zu schliessen. Da steht (Suasor. 1) Alexander der Grosse am Saum der alten Welt und geht mit sich zu Rathe, ob er die Fahrt über den Ocean wagen soll, ob es drüben noch eine Welt giebt und ob der Mensch eine solche zu seiner alten braucht.
Das ist eine Orientirung über die Geschichte mit Nutzanwendungen auf die Bedürfnisse der Gegenwart und mit Blicken in
die Zukunft. In den Controvers-Verhandlungcn dagegen kommt ein neues, den Zwölf Tafeln überlegenes moralisches
Die Humanitätsschule der Rhetoren.
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Recht zum Durchbruch. Es steht ein Angeklagter vor den Schranken, der das alte Gesetz verletzt hat und von seinem Recht überzeugt ist. Eine Phalanx von Rednern strengt ihren Scharfsinn an, um den Angeklagten im Namen des Bestehenden schuldig zu finden. Sie sind nach dem Ausdruck einer späteren Zeit die Advocati Diaboli. Eine andre Schaar von Sachwaltern, unter die sich auch Viele der Ankläger drängen, spannt die Kraft ihrer Antithesen an und erhebt den Angeklagten so hoch, dass die Action oft die Form der spätem christlichen Heiligsprechung annimmt, Wenn dann Einige die Streitpunkte noch einmal geordnet haben, folgt der "Color," wird diejenige Farbe aufgetragen, die dem Gemälde das rechte Licht giebt. Meistens kommt diese Farbengebung dem Schuldigen zu Gute, oft bildet sie über dem Haupt des Angeklagten einen Heiligenschein.
Man erzählt von einem Maler des Alterthums, dem ein Pinselstrich genügte, um ein weinendes Gesicht in ein lachendes umzuwandeln. Der Maler nennt den Strich, der seinem Bilde den rechten Schick giebt, auch einen Drucker; mit einem derben Schatten vollendet er die Rundung, mit einem Schlaglicht das Leben seines Werkes. In diesem Sinne wetteiferten die Rhetoren als Coloristen unter einander in der Meisterschaft. Ein rechter Color machte Aufsehen; man gratulirte dem Entdecker zur Unsterblichkeit und Latro war einmal von einem frappanten Color so entzückt, dass er ausrief (Controv. 1, 2), er möchte ihn abküssen.
Wir können uns die Erregtheit, die in diesen Controverssälen herrschte, nicht fieberhaft genug vorstellen. Den, von den cäsarischen Verhältnissen zusammengepressten Geistern waren die schneidenden Antithesen und pointirten Sätze ein Labsal. Sie zerrissen ihnen die erstarrte Atmosphäre der Gegenwart und öffneten die Aussicht ins grosse Menschenleben. An die Stelle der früheren Partei-Motive traten allgemeine Maximen, moralische Gesetze und die geheimen Triebfedern des Seelenlebens. Dass die Meister dieser Rhetorik auf dem Forum nicht mehr zu Hause waren, wie z. B. Seneca (Controv., Liber 4. Praefatio) vor dem grossen Declamator Latro erzählt, dass er einmal, bei der Vertheidigung
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Seneca als Lehrer und Minister Nero's.
eines Landsmanns ganz aus der Fassung gekommen, mit einem Sprachschwupper begann und in seinem Verlangen nach den
vertrauten Wänden erst wieder zu sich kam, als man seine Bitte gewährte und die Verhandlung vom Forum nach einer Basilika
verlegte, -- thut dem Verdienst dieser Männer keinen Abbruch. Für rhetorische Heldenthaten war auf dem Forum kein Raum
mehr und grosse Actionen, die der Beredsamkeit Flügel gaben, kamen unter den Cäsaren bis Nero nur in Ausnahmefällen vor.
Unterlassen wir es nicht, noch zu bemerken, dass die Griechen in ihrer politischen Musse die Controversen, Themas und deren Ausführungen zuerst ausgebildet haben, wie Seneca z. B. (Controv. 5, 33) einmal von einem Thema bemerkt, dass es bei den Griechen besonders berühmt war, und ein andermal ^, 1.) auf eine juristische Feinheit aufmerksam macht, welche die Römer zu der griechischen Behandlung des Themas hinzugefügt haben. Die Hauptsache bleibt doch immer, dass dieser Kampf zwischen Moral und Recht, Menschenrecht und Staatssatzung in die Reichshauptstadt verlegt war und unter den Augen der Cäsaren und Gesetzeswächter vor sich ging.
Nun ein paar Proben! Es handelt sich (Controv. I, 1.) um den Sohn, der gegen den Willen seines Vaters dessen Bruder im
Elend unterstützt, darum enterbt und verstossen, von dem Oheim, der indessen reich geworden, adoptirt und auch von
diesem wiederum verstossen wird, weil er gegen seinen Willen den, indessen verarmten Vater nährt. Die Batterien zu
Gunsten des Ungehorsamen donnern: die Natur steht über dem väterlichen Gebot, -- die Welt würde untergehen, wenn nicht
Erbarmen und Mitgefühl den Zorn löschten, -- nicht jedem Gebot ist man Gehorsam schuldig, -- der Elende ist Mensch. Soll
man ihm nicht die Nothdurft reichen? -- heilig ist die Stimme des Volks, welche das harte Gebot verurtheilt, -- die
Billigkeit entscheidet gegen das Recht für den Verurtheilten, -- über unsere Gemüthsregungen haben wir allein zu verfügen
und sie stehen in keiner fremden Gewalt, -- es giebt ungeschriebene Gesetze, die über allen geschriebenen dagegen, --
unrecht ist es, dem Verfallenen nicht die Hand zu
Die Humanitätsschule der Rhetoren.
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reichen; das ist das allgemeine Recht des Menschengeschlechts. Latro bringt endlich den Color an, das der Jüngling sich nicht zu entschuldigen, sondern zu rühmen hat, und Fuscus den von ihm "gewöhnlich gebrauchten Color der Religion," dass die Pietät den Angeklagten rechtfertigt.
In einer andern Controverse (I, 6) geht es über den Geburtsadel her. Ein Sohn, von einem Piratenhauptmann aufgefangen, wird trotz seiner Bitten vom Vater nicht losgekauft; durch die Tochter des Räubers befreit und nach Hause begleitet, heirathet er sie und wird vom Vater enterbt, weil er sie nicht verlassen und ein Weib seiner Wahl nehmen will. Aber nicht die Geburt, der angeborene Stand, sagen die Vertheidiger des Piratenmädchens, kann ihr zum Makel gereichen. Wir werden nicht gefragt, welchem Stande wir angehören wollen; darüber verfügt die Natur; unser Verdienst fängt erst da an, wo wir uns selbst angehören und über uns selbst bestimmen können. Marius war sein eigner Schöpfer, als er seine Consulate gewann, und Pompejus ward Magnus ohne ererbte Ahnenbilder, während manche Erlauchte mit ihren Lastern die Bilder ihrer Vorfahren beflecken.
Es war eine ähnliche Controverse, bei deren Verhandlung Latro gegenüber Augustus und seinem Hofe sich eines argen Verstosses schuldig glaubte. Damals (II, 12) war der Vater, dessen verstossener Sohn eine Hure heirathet und von ihr einen Sohn erhält, der Schuldige. Er war auf die Bitte des Sohnes, der auf dem Todtenbette lag, zu demselben gekommen, hatte auch seinem Gesuch nachgegeben und dessen Sohn adoptirt, ward aber von den Brüdern des Verstorbenen des Blödsinns angeklagt. Vielleicht war Augustus verlegener als der Rhetor des Augenblicks, nicht sowohl wegen des Kapitels der Adoption, mit dem sich die römische Gesellschaft wegen seiner Pläne mit den Söhnen Agrippa's gerade beschäftigte, sondern weil ihm der Redner mit seiner Antithese des innern, den dunkeln Schichten innewohnenden Werths und des alten, oft entarteten Adels, den Blick in eine Gedankenreihe eröffnete, die er gern vollständig verfolgt und für sein Regiment nutzbar gemacht hätte, Es hätte ihm Nichts willkommener sein können, als dass die alten Geschlechter, denen er blutige
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Seneca als Lehrer und Minister Nero's.
Feldschlachten hatte liefern müssen, nach ihrer Niederlage an die Würdigkeit der unteren Klassen erinnert und zur Bescheidenheit gemahnt wurden. Aber er konnte und durfte diesen Gedanken noch nicht weit verfolgen; für jetzt war eine so tief greifende Umwälzung noch auf den Schulsaal beschränkt und er selbst musste sich mit einer behutsamen innern Politik und mit der Kunst begnügen, die sein Hofdichter Horaz zur Einschläferung der unruhigen Ansprüche des Hochadels anwandte.
Indessen arbeiteten die Rhetoren an dem Abbruch der Schranken, welche die Stände von einander schieden. Da steht
(Controv. II, 9) wieder ein Rebell, den sein Vater, ein Armer, verstossen hatte, weil er, trotz seines Gebots aus Liebe
zu ihm das Anerbieten eines Reihcen, der seine drei Söhne verstossen hatte, ihn zu adoptiren, nicht annehmen wollte.
Die "V ertheidigung dieses edlen Ungehorsamen und Ausgestossenen giebt den Coloristen Anlass, die Furien der Begierden
und der Knechtschaft zu verwünschen, die in die "einige und blutverwandte Familie" der Menschheit gefahren sind und sie
zerfleischen, und sich mit Ausdrüeken des Hasses gegen den Reichthum zu überbieten. Fabianus Papirius glaubte schon mit
seinem Worte: "ich will nicht reich sein!" viel geleistet zu haben; aber Rufus Vibius triumphirte mit dem Satze: "ich
sage nicht: ich will nicht, sondern ich weiss nicht, reich zu sein." Sie ahndeten nicht, dass bald ein menschenfreundlicher
Kaiser kommen wird, der Alle arm macht.
Eine wichtige Controverse (V, 33), ob der Elende, der ausgesetzte Kinder aufzieht und verstümmelt, um sie zum Betteln zu gebrauchen, das Gemeinwesen beschädigt, ist gegen die Sklavenwirthschaft der Grossen und Duldung des Gladiatorenspieles gerichtet. Die Coloristen, die sich selbst dieses grausamen Egoisten annahmen, thun es nur um den Preis, um die ganze Gesellschaft der Mitschuld an demselben Verbrechen anzuklagen. Ihr thut besorgt, ruft z. B. Labienus, dass Jemand eure Kinder aus der Einöde und Verlassenheit holt, die, wenn sie Niemand aufhöbe, umkommen müssten? Macht es euch auch Sorge, dass die Herren unter euch Heerden von Verschnittenen halten und ihre Lieblinge, um sie für ihre
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Ausschweifungen länger brauchbar zu erhalten, verstümmeln ? Kümmert es euch, dass jene Glückseligen ihre Einöden mit Sklavenhorden von Freigebornen bebauen, -- dass sie die Unerfahrenheit unglücklicher Jünglinge bethören und die Schönsten, die für's Kriegslager passten, dem Fechterspiel zuwerfen? Was dünkt euch vom Fechtmeister, der einen jungen Menschen zum Schwerdte presst und doch nicht der Beschädigung des Gemeinwesens angeklagt wird, -- vom Kuppler, der weibliche Gefangene hütet und frei ausgeht?
Endlich holen sich die Coloristen aus dem Himmel ihre Verbündeten, um mit deren Hülle die irdische Anklage zu vernichten. So steht z. B. dem Gesetz: "die Priesterin sei keusch von keuscher, rein von reiner Abkunft," folgender Fall gegenüber (Controv. I, 2.): eine Jungfrau wird von Piraten aufgefangen, von einem Kuppler gekauft und ausgestellt; einen Soldaten, den sie wie die früheren Besucher nicht zur Schonung bewegen konnte, tödtet sie im Ringen; vom Gericht freigesprochen, wird sie den Ihrigen zurückgegeben und sie bewirbt sich um das Amt einer Vestalin. Nachdem die Advokaten der Schlechtigkeit ihre Kunst erschöpft und die Reinheit des Mädchens bestritten haben, kommen die Künstler des Lichts und zaubern um die Reine und Keusche einen Heiligenschein. Die Götter, sagt Fuscus, wollten an diesem Mädchen ihre Kraft zeigen, damit es sichtbar würde, wie keine menschliche Gewalt dem Göttlichen widerstehen könne. Die Freiheit sollte in der Gefangenen, die Schaamhaftigkeit in der Prostituirten, die Unschuld der Angeklagten gerade recht als ein Wunder erscheinen. Marillius, der Lehrer Latro's, nachdem er die Hoheit und Majestät geschildert, die aus dem Antlitz der Jungfrau strahlte, rief aus: sagt es nur dreist, Alle waren zu ihr wie zu einer Prostituirten gekommen und wie von einer Priesterin hinweggegangen. (Das ist jener Color, den Latro nicht genug bewundern konnte.)
Die Götter, führt ein Andrer, Albutius, aus, drangen den Wüsten und Gewalthätigen die Scheu vor der Keuschheit der künftigen Priesterin auf und gaben der Jungfrau die Kraft, den Soldaten, welcher der himmlischen Mahnung nicht folgen wollte, zu tödten. Sie haben die Jungfrau in ihren Gefahren
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für sich selbst aufgehoben und ihr für das Priesterthum die erste Stimme abgegeben, Silo Pompejus brachte die Wendung hinzu, in einer Zeit, wo auch Matronen in der Wollust Unterricht geben, war das Mädchen ein Zeugniss, dass die Reine auch im Lusthause ihre Unschuld unverletzt bewahren kann. Triarius endlich lässt die Angeklagte vor Gericht bestreiten, dass der Soldat durch ihre Hand gefallen sei. "Eine über das Menschliche hinausgehende Gestalt, sagt sie zu den Richtern, hat mich umschwebt und meinem Arm eine mehr als männliche Kraft mitgetheilt. Wer ihr auch seid, unsterbliche Götter, die ihr die Keuschheit aus jenem ehrlosen Ort mit einem Wunder herausreissen wolltet, ihr habt keiner Undankbaren geholfen. Euch, denen sie gebührt, weiht sie ihre Schaamhaftigkeit".
Das sind die Grundrisse einer neuen Welt, an welcher die strebenden Geister der Zeit des Augustus und Tiberius zimmerten. In jenen Hörsälen begeisterte sich die Jugend für eine Lebensordnung, in welcher die moralische Freiheit über die Satzungen einer untergehenden Zeit triumphirt und die Menschheit zu einem neuen Bunde vereint. Latro und seine Genossen bereiteten demnach den Boden für das Christenthum vor, wenn es nicht, richtiger ausgedrückt, lautet: die späteren christlichen Lehrer füllten nur das Sparrwerk aus, welches die Zeitgenossen der ersten Cäsaren zu ihrem Weltbau aufgerichtet hatten. Diese ersten Baumeister entwarfen jene Antithesen des Moralischen und Gesetzlichen, des Himmlischen und Irdischen, in denen sich später die Christen bewegten, und sie schufen die überschwengliche Sprache-, in welcher ein von der gesetzlichen Ordnung unbefriedigtes Herz seine Wünsche und Räthsel andeutete. Hier, unter den Augen des Augustus, wurde der Rahmen für jene Heiligen- und Wundergeschichten angelegt, an denen sich dann die Christen erbauten; ja, die Controversdebatten haben auch für jene Legenden, in denen christliche Märtyrer und heilige Jungfrauen gegen die Lockungen und Qualen der Welt ihre Reinheit bewahren, die Umrisse gezeichnet.
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4. Seneca's rhetorische Ausbildung.
Der Rhetor Seneca bezieht sich im Vorwort znm ersten Buch seiner Controversen auf das Bedauern seiner Söhne, dass Zeit und Alter es ihnen versagt hätten, Männer von so grosser Geisteskraft wie die Declamatoren zu hören. Allein der Moralphilosoph Seneca hat gleichwohl noch einige derselben persönlich gekannt und ihren Vorträgen beigewohnt. In den Briefen seines späten Alters (z. B. Epist. 40) spricht er von solchen, die er noch selbst gehört hat, und kritisirt die Art ihres Vortrags. Fabianus Papirius, dessen "Colores" sein Vater oft erwähnt, war sogar einer seiner Lehrer, dessen Andenken er in jeder Zeit (Epist. 100) hoch hielt.
Fabianus hatte über die Philosophie beinahe mehr als Cicero geschrieben und besass auch in der Naturforschung einen angesehenen Namen. Auf Seneca hatte er besonders durch seiDen Vortrag und durch seine Richtung auf die Gesinnung der Zuhörer Eindruck gemacht. Er näherte sich noch, wie unser Weiser in den angeführten Briefen auseinander setzt, dem ausführlichen, mit ruhiger Berechnung dem Schlusse zufliessenden Vortrag Cicero's, während die Anderen durch blendende Ueberraschungen den Zuhörer zu fesseln suchten und die Menge mit dem Klang ihrer Redefiguren betäuben und im Sturm ihrer Cadenzen mit fortreissen wollten.
Seneca hatte die Wahl, welcher Richtung er folgen sollte. Cicero galt der älteren Generation noch als das Muster des zusammenhängenden, der Sache sich hingebenden und doch seine Herrschaft behauptenden Styls; die aufgeregte jüngere Welt verlangte aber Reizmittel und mitten im brausenden Strom des Vortrags das Schillern des Farbenspiels, Lichtfunken und blendende Blitze. Die Ueberstürzungen der letzten Meister, eines Asinius Pollio, der in den Controversdebatten eine bedeutende Rolle spielte, und der hastige Sturm eines Haterius konnten dem künftigen Meister, der für seine Zeit die Leitung übernehmen wollte, nicht genügen. Er vermisste an ihnen eine in die Tiefe dringende Kraft. "Wer sich nicht selbst beherrscht, schreibt er (Epist. 40), kann nicht herrschen,
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wer sich nicht selbst leiten lässt, nicht leiten. Eine Rede, die zur Heilung unsrer Gemüther dienen soll, muss in unser Inneres niedersteigen.
Um diesen Weg in's Innere zu finden, reinigte er die Sprache seiner Zeit von der Unruhe des Flitterwesens und von der Hast,
mit welcher die Declamatoren die Zuhörer überfielen. Die Zierden des neueren Styls, die "Colores," welche die Rhetoren
populär gemacht hatten, wollte und konnte er nicht missen, aber er ordnete sie seinem idealen Zweck unter und machte sie
zu- Mitteln. Er stimmte mit Petron (Satyr. 2) und Kaiser Augustus (Suet. Octav. K. 86), welche die neuere pointirte
Schreibart als einen asiatischen, über Griechenland nach Rom gekommenen Schwindel der Sprache verurtheilten, so weit
überein, dass er den neueren Styl (Epist. 40) von den Griechen ableitete, aber er nahm dessen Dienste an und combinirte
ihn, wie er sich ausdrückt', mit römischer Umsichtigkeit und Würde.
Die Antithesen und belebenden Lichter des neuen Styls konnte er um so weniger entbehren, als sein Vortrag auf Einer grossen Antithese beruht. Den Hintergrund des Gemäldes, zu welchem sich seine Arbeiten vereinigen, bilden die Schrecken der Bürgerkriege und die Eigenmacht der Grossen, welche sich in denselben austobte und erschöpfte. Hierin hoch über Tacitus stehend, für den das Kaiserthum eine wurzellose Erscheinung oder ein finsterer Deus ex machina ist, sieht er die Ankündigung des Cäsarismus in den früheren Kämpfen der Grosseu um das Principat. Der republikanische Zwist gilt ihm als erledigt, das Kaiserthum als eine unwiderrufliche Erscheinung und es fragt sich für ihn nur, was man aus demselben macht Ebenfalls hochherziger und tiefblickender als Tacitus lässt er auf dem dunkeln Bild, welches die Ausartung und Zerflossenheit der Grossen bieten, den Edelmuth und die bis zur Aufopferung gehende Theilnahme glänzen, welche die Sklaven wahrend der Bürgerunruhen ihren Herrn erwiesen, und verurtheilt er Volk und Grosse, die sich an den blutigen Schauspielen des Cirkus ergötzen. Die Welt mit ihren Irrungen und Leiden war ihm in seiner umfassenden Antithese der Ausgangspunkt, von wo sich die Seele zu einer
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höhern Ordnung voll Licht und Frieden aufschwingt, das Kaiserthum der Durchgang zu einem moralischen Weltreich. Die Sprühfunken endlich, mit welchen die Rhetoren im Kampf für die Gesetze der Natur und des Gewissens gegen das positive Eecht entzückten, fasste er gleichsam zusammen und verdichtete sie zu Leitsternen, indem er sie vom Schein augenblicklicher Impromptus entkleidete und ihnen das Gewicht gebietender Wahrheiten gab.
Cicero hatte in den Aufregungen, welche die Schlachten der Bürgerkriege begleiteten, noch die Ruhe dazu, den grossen Periodenbau seiner Reden zu entwerfen und abzurunden. Es war nur Eine Frage, welche die Geister beschäftigte, -- ob man die "Schaale des Senats oder der Demokratie mit dem Gewicht des Worts beschweren sollte. Jetzt war die Zeit inmitten eines erweiterten Gesichtskreises unruhig und ungeduldig geworden und während man die Ahndung einer grossen moralischen Aufgabe hatte, ward man von der Leere des Augenblicks gemartert, der ein ergreifender Spruch, eine inhaltreiche Antithese willkommen waren.
Tacitus, der dem Staatsmann Seneca nicht hold ist, spricht sich (im Anfang des zweiten Jahrhunderts) auch über den Schriftsteller etwas unfreundlich aus und nennt ihn (Annal. 13, 3) einen Schöngeist, der dem Geschmack seiner Zeit entsprach. Quintilian, der Zeitgenosse des Historikers, kann sich nicht stark genug (Instit. 10, 1, 125-131) über seine verderbte durch alle verführerische Ausschweifungen des Styls um Haltung gebrachte Schreibart aussprechen. Fronto, in seinem Briefwechsel mit dem Kaiser Marc Aurel (um 160 n. Chr.) schreibt ihm nur Bonmots, keine wirklichen Sprüche zu und vergleicht seine Sentenzen mit steifen Passgängern, die in ihrem hitzigen Anrennen das Feld erdröhnen lassen, aber nicht Stand halten, noch einen ernstlichen Kampf bestehen können.
Diese abgünstigen Urtheile gingen aus jener Reaction des Altrömerthums hervor, deren Beginn wir in der Zeit Domitian's begegnen werden, während unter der Regierung desselben Kaisers schon die Verschmelzung der europäischen Ascetik mit dem jüdischen Monotheismus beginnt. Seit dem Anfang
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des zweiten Jahrhunderts befestigten sich beide Richtungen neben und gegen einander und Seneea ward in den Kreisen, die
von Rom aus den Grund zum Christenthum legten, für die Verwerfung, welche seine Landsleute über ihn aussprachen entschädigt,
bis er ganz der christlichen Kirche angehörte. Aber die Ungeduld seiner Zeit, die er mit seinen Sprüchen stillen und
befriedigen wollte, war ihm auch nicht fremd geblieben; er wollte selbst schon einärnten, was er aussäete, und, nicht
zufrieden mit dem Amt des Lehrers und Predigers, traute er sich die Kraft zu, Rom vom Gipfel der Macht aus zu beherrschen
und zum E echten zu führen.
5. Seneca am Hofe des Claudius.
Bei seiner reichen Begabung, die er durch ein encyklopädisches Studium von der Rhetorik an bis zu den Naturwissenschaften entwickelte, durfte er auf eine hervorragende Stelle unter seinen Zeitgenossen rechnen. Es fehlte ihm auch nicht an Selbstgefühl und er trat in die Gesellschaft mit der Sicherheit, als könnte ihm keine Stufe derselben verwehrt sein, während die Simplicität seiner Haltung Jedermann zeigte, dass er ein Innres hatte, in welches er sich nach seiner Wahl aus der Welt zurückziehen konnte.
Geboren zu Corduba im Beginn des ersten christlichen Jahrhunderts, befand er sich in Rom mitten in seinen philosophischen Studien, als ihn sein altrömisch gesinnter Vater bewog, die pythagoräische Enthaltung der Fleischnahrung, für die er sich durch seinen Lehrer Sotion hatte begeistern lassen, wieder aufzugeben; das Edict des Tiberius gegen die Juden und Isisdiener, welches den Rhetor Seneca eine Verdächtigung seines Sohnes befürchten liess, fällt nach Tacitus in das Jahr 19n. Chr. Seneea war damals gegen neunzehn Jahre alt und dies Zusammentreffen zweier Daten ist einer der schlagendsten Beweise für die Unzuverlässigkeit der Chronologie des Josephus, der jenes Edict in das letzte Regierungsjahr des Tiberius (37 n. Chr.) verlegt.
Als junger Mensch (juvenis Quaest. natur. 6, 4) gab Seneea eine Schrift über die Erdbeben heraus, wie seine bis ins Greisenalter bewahrte Erinnerung, dass er unter Augustus
Seneca am Hofe des Claudius.
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(gest. 14 n. Chr.) ein feuriges Meteor beobachtet habe, die Lebhaftigkeit seines frühen Interesses für die Natur beweistPlinius (Hist. natur 6, 21) bezieht sich auf seine Schrift über Indien; Servius, in seinen Anmerkungen zur Aeneide, spricht von einer Schrift über das Land und die Religion der Aegypter. Nach seinen eigenen Andeutungen (ad Helv. Kap. 17) begleitete er die Schwester seiner Mutter aus Aegypten und war er zugegen, als diese ihren Mann, der nach einer sechzehnjährigen Verwaltung jener Provinz nach Rom zurückkehrte, auf dem Schiff durch den Tod verlor. Er selbst spricht davon (Epist. 49), wie er früher als Sachwalter auftrat, und wahrscheinlich sind die Reden, welche Quintilian (10, 1, 129) neben Dialogen unter seinen Schriften aufzählt, Documente seiner früheren Gerichtspraxis, die Dialogen dagegen nach dem Vorbild Cicero's und des Livius der Orientirung in den philosophischen Systemen der Griechen gewidmet.
So haben wir von einer reichen und mannichfaltigen Literatur, durch welche sich Seneca bis zum Ende der Regierung des Tiberius einen Namen gemacht hatte, ziemlich zuverlässige Nachrichten und jedenfalls gehört die Trostschrift an die Marcia der ersten Zeit des Caligula an, da der Verfasser (Kap. 1.) von den veränderten Zeiten spricht, die es der vom Tod ihres Sohnes betrübten Wittwe möglich machten, die von Sejan zum Feuer verurtheilten Schriften ihres Mannes wieder herauszugeben. Caligula war es, der (Suet. Cal. Kap. 16) unter anderen verpönten Schriften auch die des Cordus Cremutius aufsuchen und frei cirkuliren liess.
Die gedrückten Verhältnisse der letzten Regierungsjahre, welche Tiberius an dem Einsiedlerhof auf Capri zubrachte, lasteten auf der Gesellschaft zu Rom und schränkten den Spielraum für die Talente ein. Seneca war Mann geworden, auch der Mann eines Kreises von Verehrern, aber mit dem Hofe fehlte einem hochstrebenden Geiste der Hebel, um in die Gesellschaft wirksam einzugreifen. Die tollkühn aufgeregte Zeit Caligula's machte wieder Luft und Seneca durfte sich mit seiner Unternehmungslust eine Zukunft versprechen, wenn nur das verwegene Genie auf dem Thron einem Andern ausser sich selbst die neue Freiheit hätte zu Gute kommen lassen wollen I
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Dazu war Caligula, der die Welt sammt ihren alten Göttern vor seinen Richterstuhl zog und den Adelsgeschlechtern wie ausgedienten Geschöpfen ihre Wappen und Ehrenzeichen nahm, auch in der Literatur ein strenger und gefährlicher Kritiker. Es kündigte sich in ihm schon jene römische Reaction an, die seit Domitian in weiteren Kreisen um sich griff; ihm war z. B. die Sprache des Livius nicht mehr der correcte Ausdruck der originalen Latinität, um so mehr war ihm Seneca's, des Gewichts und der vollen Abrundung entbehrender, geschmückter Styl zuwider und er nannte ihn (Sueton. Calig. Kap. 53) Sand ohne Kalk (also nicht Mörtel). Er, der stolz auf seine Beredsamkeit, mit den berühmtesten Anwälten sich in Wettstreit einliess und für seine Anklage und Vertheidigungsreden im Senat durch Edicte den Ritterstand einlud, wollte Seneea einmal (Dio Cassius 59, 19) sogar ans Leben, weil er unter seinen Augen eine Rechtssache mit Geschicklichkeit durchgeführt hatte, und er liess ihn nur wieder frei, als ihm eine von den Frauen seines Umgangs sagte, er habe die Auszehrung und werde nicht mehr lange leben.
Sollte es aber wirklich nur der Styr gewesen sein, was den Kaiser gegen den Lehrer der damaligen Zeit aufbrachte? -- nur der Ruhm seiner Beredsamkeit, was den Neid des hohen Nebenbuhlers erweckte? Oder fürchtete er, dass Seneea bei seiner Intimität mit den beiden kaiserlichen Schwestern, Agrippina und Julia, die er beim Antritt seiner Regierung in das Gebet der Consuln und in die Huldigungseide der obern Beamten hatte einschliessen lassen, politische Zwecke verfolge ?
Wir finden einen der vertrautesten Freunde Seneca's Lucilius Junior, dem er die Schrift über die Vorsehung und die Untersuchungen über die Natur gewidmet und an den er seine Briefsammlung gerichtet hat, in genauen Beziehungen zu dem Befehlshaber der Legionen in Germanien, Gätulicus, den Caligula hinrichten liess, weil er sich mit den Schwestern und M. Aemilius Lepidus zu seinem Sturz verschworen hatte. Den Lucilius lässt Seneea in dem Vorwort zum vierten Buch der Naturuntersuchungen bei einem Rückblick auf die kritischsten Lagen seines Lebens daran erinnern, dass "ihm des
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Gätulicus Freundschaft das Vertrauen des Caligula nicht entzogen habe." Bis zu der letzten Katastrophe werden wir die Freunde und Verwandten Seneca's als Helfer und Vertraute in seinen verwickeltsten Situationen kennen lernen. Sollte nun Lucilius in der nächsten Umgebung des verschworenen Feldherrn Nichts von dessen Plänen gewusst und Caligula's Vertrauen wirklich nicht getäuscht haben? War Seneca in das Geheimniss Juliens und Agrippina's in der That nicht eingeweiht? Wir wollen zunächst nur fragen.
Einer der ersten Akte des Claudius, als er nach dem Sturz seines Vorgängers den Thron bestieg, war die Zurückberufung jener beiden Schwestern, mit deren Verbannung sich Caligula bei den Strafexecutionen in Gallien begnügt hatte, und schon im ersten Jahre nach ihrer Rückkehr (41 n. Chr.) wurde die Jüngere, Julia, wieder in's Exil geschickt, in welchem sie vor Ablauf eines Jahres durch ihre Todfeindin das Leben verlor. Messalina, die fünfte Frau des Claudius, hatte, schon verletzt durch ihr hochmüthiges Benehmen gegen sie selbst, mit Eifersucht ihre einschmeichelnde Zuthulichkeit gegen den Kaiser bemerkt und aus Furcht, dass sie den Frauen gegenüber schwachen Mann ihr abspenstig machen würde, die Gerüchte von ihren Auschweifungen zu ihrem Sturz benutzt. Seneca's Name kam in diesen Gerüchten auch vor und als er später noch auf der Höhe seiner Gunst bei Nero stand, hatte ihm Publius Suilius in seiner heftigen Rede gegen ihn, mitten im Senat (58 n. Chr. Tacit. Annal. 13, 42. 43), den Ehebrecher des cäsarischen Hauses genannt.
Dio Cassius, d. h. einer der Epitomatoren, die nach Jahrhunderten seinen Text abkürzten und zugleich durch Einschiebsel entstellten, beginnt (61, 10) eine Aufzählung aller Schwächen und Schlechtigkeiten Seneca's, die mit seiner Philosophie in Widerspruch standen, mit seinem ehebrecherischen Verhältniss zur Julia. Dieser lange Excurs, für dessen Bau schwerlich noch Jemand im Anfange des Mittelalters die Leidenschaft besass und der wahrscheinlich einer Schrift aus der dem Seneca abholden Zeit des Marc Aurel entnommen ist, beeinträchtigt selbst seine Glaubwürdigkeit, wenn er die Gerüchte von seinem unerlaubten Umgang mit der Agrippina
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Seneca als Lehrer und Minister Nero's.
aufnimmt und ihm, dem "Ehemann," noch Geschmack an Lustknaben und die Anleitung Nero's zu derselben Ausschweifung vorwirft. "Er, der auf den Umgang mit den Machthabern schmähte, heisst es in einigen dieser Antithesen, war vom Palast nicht wegzubringen. Er zog gegen die Schmeichler los und machte Messalinen und den Freigelassenen des Claudius dermaassen den Hof, dass er von seiner Insel aus ihnen eine Schrift zusandte, die Lobsprüche auf sie enthielt und die er später aus Schaamgefühl selbst unterdrückte." An diesem Vorwurf ist so viel wahr, dass Seneca nach den Höhen der Gesellschaft trachtete und dieselben als den rechten Platz für einen Reformator hielt. Die Gerüchte über seine mehr als intimen Beziehungen zur Julia hatte er durch einen Glauben an die Macht des weiblichen Geschlechts herzorgeiufen, den er mit den griechischen Reformatoren theilte. Die Cyniker, die zuerst die Gleichberechtigung der Frau und ihre Berufung zur Weisheit verkündigten, fanden unter den Frauen. schwärmerische Anhängerinnen und Prophetinnen ihrer Lehre. Frauen gehörten zum Freundschaftsbund des Epikur, waren im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die eifrigsten Proselyten der orientalischen Culte, welche durch ihre Vermittelung in die römischen Familien drangen, und sie behaupteten auch in den ersten christlichen Gemeinden eine hervorragende Stellung. Seneca selbst setzt bei den Frauen, an die er zwei Trostschreiben gerichtet hat, der Marcia und seiner Mutter, die vollständigste Kenntniss seiner Philosophie voraus und hat in diesen beiden Aufsätzen dem Vortrage seiner Weisheit den gewinnendsten Ausdruck gegeben. Wenn er aber einmal des Glaubens lebte, dass seine Lehre von den höchsten Punkten der Gesellschaft aus ihre Strahlen in die weiteste Form verbreiten würde, so kann es wenigstens nicht auffallen, dass er auf jener Höhe auch die Macht der Frauen für sich zu gewinnen suchte. Was seine Bestrafung auf der Insel betrifft, so kann er diesmal (denn später büsste es für sein Streben nach oben mit dem Leben,) noch gelinde davon, indem ihn Claudius mit der Verbannung nach Corsika begnadigte.
Die Schrift, die er von hier aus an den Kabinetsschreiber des Claudius schickte und später gern der Vergessenheit
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preisgegeben zu sehen wünschte, war durch den Tod des Bruders des Polybius und durch die schwache Hoffnung veranlasst, durch die Fürsprache dieses mächtigen Freigelassenen den störrigen Sinn des Kaisers für sich umzustimmen. Seine Berechnung schlug fehl, da der Vertraute des Kaisers bald nach der Absendung jenes Schreibens, wie Dio Cassius, der später n Anschauung von Messalina's Bösartigkeit folgend, berichtet, durch die Intriguen derselben das Leben verlor. Die Aechtheit dieses Schreibens, welches manche Verehrer Seneca's als untergeschoben hinstellen möchten, wird durch Styl und Uebereinstimmung mit den Trostgründen anderer Schreiben an Bekümmerte bewiesen. Die Ueberschwenglichkeit der Verherrlichung des Kaisers, indem Seneca den Trauernden anweist, sich durch den Hinblick auf die "grosse und strahlende Schutzgottheit, auf den Arzt der kranken und zerschlagenen Menschheit und den gemeinsamen Trost aller Menschen "aufzurichten (ad Polyb. Kap. 31-33), mag der Verfasser allerdings später bereut haben. Aber sie stimmt zu dem Ideal, welches er sich von dem Kaiserthum gebildet hatte, und auch wenn die verloren gegangenen Kapitel, die, nach der Andeutung jener Dionischen Antithesen, für die Messalina einigen Weihrauch enthalten hatten und deshalb der später n Erregtheit gegen diese Frau, als Abschaum der weiblichen Welt, zum Opfer fielen, uns noch geblieben wären, würden sie nicht gegen die Aechtheit des Schrifststücks zeugen können.
Nebenbei erwähnen wir noch, dass in jenen Dionischen Hohnantithesen die "glänzende Heirath" Seneca's bei einem Philosophen als auffallend bezeichnet wird. Seine Paulina stammte also aus einem angesehenen Hause und war reich. Sein Vater hat nach einem langen Leben in der Rednerlaufbahn, die Anderen, wie dem auch im Controversenbuch heimischen Passienus, grosse Reichthümer eingebracht hatte, den Söhnen gewiss ein gutes Erbtheil hinterlassen und der Weise selbst wird als Anwalt nicht versäumt haben, sich ein Vermögen zu sammeln, welches ihm für die erstrebte hohe gesellschaftliche Stellung nöthig schien. Sein Bruder Mela hatte sich, um schnell zu Reichthum zu gelangen, nur um die Procuratorenposten zur Verwaltung der Kroneinkünfte in den
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Provinzen beworben und dessen Sohn Lucan erfreute sich, wahrscheinlich zum Theil durch seine geistvolle und geliebte Polla, einer glänzenden Unabhängigkeit, die ihm eine selbstständige Haltung am Neronischen Hofe möglich machte. Der ältere Bruder unseres Weisen (er selbst war der mittlere unter den Dreien), Novatus, trat wohl mit der Adoption durch den, im Controversbuch gleichfalls thätigen Gallio auch in ein ansehnliches Erbe ein. Kurz, die Annäer haben es im Geist der letzten republikanischen und ersten kaiserlichen Zeit verstanden, ihrem Auftreten in der Welt eine solide Unterlage zu verschaffen.
Man vermuthet, dass der Präfect der Getreidesachen Roms, Paulinus, welchem Seneca seine bald nach dem Tode Caligula's abgefasste Schrift über die Kürze des Lebens widmete, (siehe das "Modo" Kap. 18 derselben: "ist's doch nicht lange her, dass in jenen paar Tagen nach des Cajus Cäsar Tod Rom nur auf sieben oder acht Tage sich mit Lebensmitteln versorgt sah") ein junger Verwandter seiner Frau war. Ein Sohn aus dieser Ehe starb drei Wochen vor der Verbannung des Vaters nach Corsica (ad Helv. Kap. 2).
Der Zwist zweier Frauen und der Sieg der Einen bahnte endlich dem Exilirten den Weg zur Rückkehr. Was Messalina nicht bewirken konnte, vielleicht auch wegen seiner früheren Beziehungen zur Julia nicht wollte, setzte die Siegerin, Agrippina, durch. Die Letztere brachte in den Hafen der Ruhe, in welchem Claudius durch seine fünfte Frau, die ihm den Brittannicus und die Octavia geschenkt hatte, sich g eborgen glaubte, einen wilden Sturm, der zuletzt den ganzen Claudischen Stamm entwurzelte.
Claudius, ein verständiger und wohlwollender Fürst, für dessen Thätigkeit seine Gesetzgebung, seine kühnen Bauten, die Reinigung und Auffrischung des Senats durch frisches Blut und sein Zug nach Britannien zeugen, war von energischen Freigelassenen, die ihn der Berührung mit verdriesslichen und hochfahrenden Aristokraten überhoben, in der Kanzlei bediente. Neben der Neigung zur Ueberfüllung bei der Tafel hatte er nur die Schwäche, dass ihn Sinnlichkeit an die Liebkosungen der Frauen fesselte und seine angeborene, durch
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frühere Zurücksetzungen gesteigerte Zaghaftigkeit ihm das Zureden und Einreden derselben zu einem Bedürfniss machten. Der Mann, der in seiner militärischen Politik und bürgerlichen Gesetzgebung einen gemessenen Gang befolgte, dem auch z. B. bei seiner Tiberregulirung keine Einreden und keine Schwierigkeit von der Ausführung seines Plans abbringen konnten, war im Stande, sich von weiblichen Berathern das Blut in den Kopf treiben und die übereiltesten Befehle entlocken zu lassen, die er, dann ausser sich, mit polternder und stammelnder Sprache dictirte.
In beiden Frauen, die, mit gleicher Schönheit ausgestattet, sich um ihn seit den ersten Tagen seiner Thronerhebung (41 n. Chr.) stritten, halten sich Antonisches und Octavianisches Blut gemischt. Julus Antonius, der Sohn des Triumvir und der Fulvia, auf die Bitten der Octavia, Schwester des Siegers von Actium und verlassenen Frau des Besiegten, mit dem Leben verschont, erzogen und mit Marcella, ihrer Tochter, welche sie in ihrer ersten Ehe mit Marcellus geboren hatte, vermählt, zeugte in dieser Verbindung zwei Antonia's. Die jüngere, mit einem Domitier, Lucius Ahenobarbus vermählt, gebar die Domitia Lepida, welche mit M. Valerius Messalinus verbunden, der Messalina das Leben gab. Die jüngere Antonia gebar in der Ehe mit Drusus, dem Bruder des Tiberius, den Germanicus, der mit Agrippina I, der Tochter des. Agrippa und der Julia, also der Enkelin des Augustus, die jüngere Agrippina zeugte.
In den Familienerinnerungen der Letzteren, der Nebenbuhlerin Messalina's reihte sich Andenken an Andenken an die tödliche
Feindschaft des Claudischen Geschlechts gegen ihre Vorfahren. Germanicus, obwohl selbst Claudier, die Hoffnung der Römer,
fiel nach dem Volksglauben dem Neid seines Oheims, des Tiberius, als Opfer. Seine Frau Agrippina I, hatte das Missfallen
Tiber's auf sich gezogen, als sie beim Rückzug des Unterfeldherrn ihres Mannes aus Germanien sich auf die Rheinbrücke stürzte
und deren Abbruch durch die Ansiedler des linken Ufers, die schon die Ankunft der jenseitigen Feinde fürchteten, verhinderte.
Der Kaiser, der die Unternehmungen des Germanicus als unnütze Ruhmesjagden satt
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hatte, sah es ungern, dass sie als Mannweib sich in die militärische Politik mischte und gleichsam für die Zukunft den Weg in die verhängnissvollen Wälder und Sümpfe behaupten wollte. Jene berühmte, in Paris aufbewahrte Came'e, welche Germanicus und Agrippina bei Gelegenheit der Reise nach den östlichen Provinzen, letztere mit der Rolle ihrer milden Gesetze in der Hand als Demeter, Ersteren als Triptolemus die Erde mit seiner Saat beglückend, auf dem Drachenwagen darstellt, zeigt gleichfalls, dass das Paar mit höheren Ideen nach Asien reiste, als ihren Fähigkeiten und den Verhältnissen entsprach. Es war, als ob in Agrippina wie auch in ihren älteren Söhnen Nero und Drusus das wilde Blut des Antonius und der rasenden Fulvia kochte und die verschlossene Düsterkeit, mit welcher Agrippa auf die Erfolge des Einen, dem er auf Erden allein noch dienen wollte, zuweilen hinblickte, aufgelebt wäre und die Herrschaft, der er sich auch für würdig glaubte, endlich ergreifen wollte. So lange Livia lebte, die sich den Schein gab, als ob sie den Argwohn ihres Sohnes gegen das cäsarische Blut in Agrippina und gegen ihre Herrschaftsgelüste zu massigen suche, hielt Tiberius noch an sich. Nach ihrem Tode mit dem ältesten Sohn Nero in's Exil getrieben, stirbt Agrippina wie* dieser des Hungertodes. Als sie in die Verbannung geschleppt wurde, fiel sie über den Hauptmann, der sie fortführen sollte, her und verlor im Ringen mit ihm ein Auge. Kurz vorher, ehe die wilde Tigerin ihre Wuth über das Schicksal ausgehaucht, war auch ihr zweiter, gleich leidenschaftlicher Sohn Drusus den dreijährigen Qualen, die er unter Misshandlung seiner Wächter im unterirdischen Verliess des Palatiums erlitten hatte, erlegen. Nachdem man ihm zuletzt die Nahrung entzogen hatte, fristete er noch eine Woche lang mit dem Stroh seines Lagers das Leben und rächte sich mit Flüchen und Verwünschungen des Tiberius, der das Blut Cäsars vergebens verfolge und der Rache der Nachkommen des gehassten Hauses nicht entgehen werde.
Dieser im untersten Versteck des Palatium angeflehte Rachegeist stand jetzt in Agrippina da. Die Liebkosungen, mit denen
sie Claudius lockte, sollten ihr und dem Sohn, den
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sie ihm mitbrachte, den Weg zum Thron bahnen. Herrschsüchtig wie ihre Mutter und deren Söhne, wollte sie, die Tochter eines Imperators (Germanicus), Schwester eines Kaisers (Caligula), die Frau eines Kaisers und was nur durch den Tod desselben und den Untergang seines verhassten Hauses möglich war, durch ihren Sohn die Mutter eines Kaisers werden.
Tacitus legt ihr in einem ihrer späteren Wuthausbrüche, als sie sich in der Berechnung, durch ihren Sohn zu herrschen, getäuscht sah, die Drohung in den Mund, alles durch sie angestiftete Unheil des Claudischen Hauses -- oben an das Geheimniss ihier Heirath zu enthüllen (Tac. Annal. 13, 14). Der Weg zum Ehebett des Kaisers war ihr durch die Komödie jener Scheinheirath, welche Messalina mit Einwilligung des Claudius mit Silius vollzog und die ihr zum Verderben gereichte, möglich geworden. Claudius hatte durch ein Scheidungsprotokoll seiner Frau die Erlaubniss gegeben, sich mit jenem Silius zu vermählen, weil man ihm vorgeredet hatte, dass nur durch diesen Scheinact einer gefährlichen Verschwörung entgegengewirkt werden könne; sein Freigelassener Narcissus aber hatte ihn, während die Hochzeit des neuen Paares gefeiert wurde, durch das Vorgeben, sie sei ernst gemeint und der erste Schritt zu seinem Sturze, in Schrecken gesetzt und den Feinden der Messalina die Freiheit verschafft, sie aus dem Wege zu räumen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Meisterin der Intrigue, Agrippina, bei diesem verwickelten und blutigen Werk ihre Hand dazwischen hatte, wie sie später durch das Gerede ihrer Kreise und in ihren Denkwürdigkeiten Messalinen in den Ruf eines ausschweifenden Weibes brachte, das für ihre Buhlen im Palatium eigene Lustgemächer hatte und des Nachts, wie Juvenal in seinen grässlichen Kaiser-Karikaturen es ausmalt, vom Lager des trunkenen Gemahls sich wegstahl, um in den öffentlichen Lustorten des Volkshaufens eine nimmersatte Begierde zu befriedigen.
Nach der Beseitigung der Messalina bangte es dem zaghaften. Claudius vor der Ehe mit seiner Nichte, -- einer Verbindung, die römischer Sitte und Rechtsanschauung als Blutschande
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galt. Als der Senat auf Betrieb der Agrippina das störende Gesetz aufgehoben hatte, half der mächtige Freigelassene Pallas nach, indem er dem Kaiser vorstellte, dass jene Verbindung den Zwist der Claudier und Julier auslöschen und sein eigenes Haus vor der Gefahr, die ihm durch den ehelichen Bund der Agrippina mit einer andern Familie entstehen könnte, sicher stellen werde. Aber seine Nichte hatte ja schon einen Sohn, der älter als sein eigener Britannicus war und der den Zwist der beiden kaiserlichen Häuser in den Schooss der Familie verlegen musste.
Die ältere der beiden Antonien, in denen das Blut der beiden Männer von Actium gemischt war, hatte das Geschlecht der Domitier mit der gefährlichen Ehre der Verschwägerung mit dem Kaiserhaus beschenkt. Cnejus Domitus, der Sohn ihres Mannes, ward durch Tiberius (29 n. Chr.) mit der Enkelin der jüngeren Antonia, unserer Agrippina, vermählt und der Vater des später n Nero.
Sueton erzählt vom Grossvater des letzten Cäsaren (Nero Kap. 4) einige Züge, die, freilich im Colorit der Kaiserzeit, ganz dem harten und hochmüthigen Familiencharakter der Domitier entsprechen. Er hatte in der Jugend als Meister im Wettfahren einen Namen und gehörte später, im germanischen Krieg, zu den zahlreichen Unterfeldherren, denen Augustus die triumphalischen Ehrenzeichen zuerkannte. Er war anmaassend, verschwenderisch und grausam, nöthigte in seinem Adelstolze als Aedil den Censor Plancus, ihm auf der Strasse auszuweichen, liess als Prätor und Consul römische Ritter und Frauen im Mimenspiel auf der Bühne auftreten und gab in allen Theilen der Stadt Thiergefechte und Fechterspiele mit solcher Grausamkeit, dass ihm Augustus, nachdem er ihn insgeheim ernstlich gewarnt hatte, durch einen öffentlichen Befehl in Schranken halten musste.
Dessen Sohn, einer von den vier Adligen, welche Tiberius als Männer von Töchtern seines Hauses nach dem Brande Roms (36 n. Chr.) mit der Vertheilung der von ihm zum Neubau bestimmten Unterstützungen beauftragte (Tacit. Ann. 6, 45), wurde bald darauf in die Sache der Albucilla, der Frau eines öffentlichen Angebers, verwickelt und der Theilnahme an ihren i
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Majetätsvergehen und Ausschweifungen angeklagt, jedoch durch den Tod des Tiberius, der bald darauf eintrat, während er
durch Vorbereitungen zu seiner Vertheidigung Zeit zu gewinnen suchte, vor weiterem Schaden bewahrt
(Tacit. a. a. O. Kap. 47. 48).
Die Züge, die Sueton (Nero Kap. 5) zu seinem Porträt beibringt, mögen, wie z. B. von seinen Prellereien im Privatverkehr und in amtlicher Stellung oder gar die Anklage der Blutschande mit seiner Schwester Domitia Lepida, übertrieben oder zum Theil erfunden sein. Aber der Zug, wie er als Begleiter des jungen Cajus, Enkels des Augustus, bei einem Gelage im Orient einen Freigelassenen, weil er nicht auf Kommando sich berauschen .wollte, niederstiess und deshalb aus dem Gefolge des Prinzen entlassen wurde, -- mitten auf dem Markt zu Rom einem Ritter, der in einem Wortwechsel sich etwas frei verantwortete, ein Auge ausschlug, sehen ganz nach der Rücksichtslosigkeit der früheren römischen Herren aus, die durch die Musse der damaligen Zeit und am Ende durch die prinzliche Stellung des im Kaiserhaus aufgenommenen Adligen noch gesteigert wurde. Seine Bezeichnung bei Vellejus Paterculus (11, 10) als eines "jungen Mannes von adligster Einfachheit" kann bei einem Historiker, der im Glanz der Sejanischen Herrschaft schreibt und Alles, was zum Haus des Tiber gehört, rühmlich findet, nicht von Bedeutung sein.
Der Tod des "Tiber, im Frühjahr 37 öffnet dem Cnejus das Gefängniss und am Schluss desselben Jahres, den 15. Dezember, wird jihin ein Sohn geboren, Lucius Domitius. Das Freuden- und Jubelleben, in welches sich Agrippina und ihre Schwester nach der Thronbesteigung Caligula's stürzten, vielleicht auch die Vertraulichkeit seiner Frau mit dem jungen Kaiser scheinen ihm das Leben am Hof verleidet zu haben; ausserdem war er krank. Er zog nach Pyrgä in Etrurien, wo er im dritten Jahr seines Sohnes an der Wassersucht starb. In seinem Testament machte er den Kaiser zum Erben, seinen Sohn zum dritten Theil, welchen jedoch Caligula mit dem Seinigen auch einzog, so dass der junge Lucius, als unmittelbar darauf seine Mutter in die Verbannung getrieben wurde, als eine Waise dastand.
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Hier beginnt nun, also sehr frühzeitig, die Geschichte des späteren Nero mit Daten, die von den Historikern zur Erklärung seines Charakters mit nicht geringer Uebereilung aufgenommen und benutzt werden. "Hier," sagt z. B. Schiller, wenn Sueton (Nero Kap. 6) erzählt, dasa der "beinahe hilfslose und dürftige" Knabe bei seiner Tante Octavia Lepida, Messalina's Mutter, unter zwei Pädagogen, einem Tänzer und einem Barbier, aufgezogen wurde, "sind die ersten Keime seiner späteren Thorheiten und Verbrechen gelegt worden." Lepida, pragmatisirt Schiller weiter, "scheint Alles gethan zu haben, um den Knaben seiner Mutter zu entfremden. Hier haben die Heuchelei und der Mangel alles tieferen Gefühls, welche später für Nero so bezeichnend sind, ihre erste Begründung und Entwickelung erhalten." Der dürftige Anstrich, welchen Sueton dieser Periode der Kindheit Nero's giebt, erinnert aber an sein Gemälde von der Verlassenheit und Verkommenheit, in welcher er den Domitian aufwachsen lässt, und unterliegt wie dieser übertriebene Schilderung demselben Verdacht. Ferner holt Schiller im Dienst seiner Pragmatik aus den Annalen des Tacitus (12,64) einen Zug herbei, wonach Lepida ihren Neffen der Mutter durch Schmeicheleien und Geschenke abspenstig zu machen suchte. Aber dieser Streit zwischen der Muhme und der strengen und harten Mutter, die auch von ihrem Sohne die strenge Haltung des künftigen Gebieters verlangte, fiel, dreizehn Jahre später, in die Zeit, als sich Agrippina zur Beseitigung des Claudius rüstete, an Eile dachte, weil sie den steigenden Einfluss der Lepida beim Kaiser fürchtete, und als Vorspiel des Hauptschlages die blutige Execution ihrer Schwägerin als einer Verschwörerin durchsetzte (a. a. O. Kap. 65). Sodann ist die Zeit, in welcher Nero der Erziehungskunst des angeblichen Bedientenpaares überlassen war, nur nach Monaten zu rechnen, da dem Tode seines Vaters bald der des Caligula folgte und seine Mutter sofort aus dem Exil zurückkam und die ganze Hinterlassenschaft des verstorbenen Cnejus ausgeliefert erhielt.
Nero war eilf Jahre alt, als sie (49 n. Chr) nach dem Sturze Messalinens bei Claudius für Seneca die Erlaubniss zur Rückkehr
aus Corsica und zugleich die Prätur erwirkte.
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Der gefeierte Redner undDenker, Moralphilosoph und Polyhistor sollte als Erzieher den Knaben dem Publicum interessant machen und die Erwartungen Roms von seiner einstigen Reife aufs höchste spannen. Tacitus meint (Annal. 12, 9), sie hätte zugleich darauf gerechnet, dass der welterfahrene Weise ihr beim Ringen nach der Herrschaft mit seinem Rath zur Seite stehen würde, da sie bei ihm neben der Dankbarkeit für die Befreierin eine gereizte Stimmung gegen Claudius voraussetzen zu dürfen glaubte.
So entsteht nun bei jeder der Scenen, in denen sich das Hof-Drama bis zum Tode des Kaisers entwickelte, die Frage, ob Seneca wusste, was sie zu bedeuten hatten, ob er das Ende, auf welches man hinarbeitete, kannte und ob und wie weit er zur Erreichung des Zieles half.
Die Frau, welche das gefährliche Spiel leitete, hatte für Schwierigkeiten kein Gefühl und schritt von Erfolg zu Erfolg. Was waren nun die Gedanken Seneca's, als er sie in Schnelligkeit zur Mitregentin des Kaisers aufsteigen und den Geist der Mannweiber, die bisher dem Throne nahe gestanden hatten, mit gesteigerter Leidenschaft in ihr wiederkehren sah? Claudius inusste ihr beim Senat den Titel der Augusta auswirken. Sie fehlte nicht, wenn der Kaiser auswärtige Gesandte empfing, und sie sass neben ihm auf seinem von der Leibwache umgebenen Tribunal, als der gefangene Brittenführer Caractacus vorgeführt wurde. Die sanften, aber später, besonders gegenüber ihrem kaiserlichen Söhn verhärteten Formen von Livia's Diplomatie hatten bei ihr gebieterische Strengigkeit und ein militärisches Costüme angenommen. Bei den Revuen der Prätorianer erschien sie als militärischer Oberst; dem Seegefecht, welches Claudius zur Feier der Ablassung und Regulirung des Ficinersees gab, wohnte sie an der Seite desselben im Kriegsmantel bei. Um ihre soldatische Hoheit auch auswärts zu zeigen (Tacit. Annal. 12, 27), befahl sie die Absendung einer Veteranenkolonie nach ihrer Geburtsstadt, dem Flecken der Ubier, der seitdem die Agrippinische Kolonie (Cöln am Rhein) hiess.
Sie war, ins Kolossale ausgearbeitet, was die letzte Frau Caligula's, Milonia Cäsonia, war, die (Sueton Cal. Kap. 25)
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ihren Mann entzückte, wenn sie neben ihm bei militärischen Revuen in Kriegertracht einhersprengte. Was ihre Mutter gern genossen hätte, kaiserliche Gewalt im Verein mit militärischem Glanz, war ihr Ideal.
Gleich ihrem Bruder verehrte sie Herrscherkraft als das Höchste und als ihre natürliche Mitgift. Mit ihm hielt sie es schon, schwärmte und brütete sie über Rache an den Feinden ihres Vaters und ihrer Mutter, als sie nach der Verbannung der Letzteren sammt Schwester und Bruder von Tiber der Pflege und Obhut der Grossmutter Antonia, der einzigen Frau von mütterlich gütiger Sorglichkeit, von der wir in der Geschichte des Cäsarenhauses hören, übergeben wurde. Nur darin unterschied sie sich von Caligula, dass sie sein Gottgefühl und die Schwärmerei für sein Gottmenschthum nicht theilte. Sie war profan und Herrschaft galt ihr als Beweis der Menschenkraft.
Wir fragen weiter: handelte der Freigelassene Pallas allein im Einverständniss mit Agrippina, als er (50 n. Chr.) Claudius dazu bewog, den Lucius Domitius als Nero Claudius Cäsar Drusus Germanicus zu adoptiren und mit Octavia, die nun seine Schwester war und deshalb erst in eine audere Familie durch Adoption versetzt werden musste, zu verloben ? Ahnete der Erzieher des Knaben und geheime Minister des Agrippinischen Kreises nichts davon, dass es jetzt um Britannicus, der drei Jahre jünger war als sein nun über ihm stehender älterer Bruder Nero, geschehen war?
Das Geheimniss enthüllte sich schnell, denn ehe Nero im December des Jahres 51 das Alter für die männliche Toga erreichte, ward er von Claudius schon im März in den Senat eingeführt, von diesem für das zwanzigste Jahr zum Consul ernannt und sofort mit proconsularischer Gewalt und mit dem Titel des prineeps juventutis bekleidet, also zum Thronfolger designirt. Und am Schluss des folgenden Jahres ward der funfzehnjährige Prinz mit der dreizehnjährigen Octavia vermählt.
Blieb ferner Seneca die Bedeutung der Ernennung des Burrus Afranius zum Befehlshaber des Prätoriums, welche Agrippina nach
der Beseitigung des, aus der Zeit Messalina's
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stammenden Doppelcommando's durchgesetzt hatte, unbekannt? War es zufällig, dass die für eine Action geeignete Einheit des Commandos einem hausbackenen zuverlässigen Manne übertragen wurde, von dem man die Einhaltung seiner Verpflichtung mit Gewissheit erwarten konnte? Traf es sich von ungefähr, dass der neue Kommandant mit seiner barschen Strengigkeit und Diensttreue zu einem stoischen Diplomaten passte, der gleichfalls, koste es, was es wolle, an der Linie festhielt, die nach seiner Ueberzeugung zum Heil der Welt führte?
War das die Hauptarbeit Seneca's am Hof der Agrippina, dass er für seinen Zögling die Reden ausarbeitete, mit denen derselbe im Senate Gnadenschenkungen für einzelne Städte, wie Ilium, die Heimath der Ahnen der Julier, und für Rhodus, oder Unterstützungen für andere Städte, die von Unglücksfällen heimgesucht waren, erwirkte?
Allmählig wird es am Hofe düster. Narcissus erkennt die Gefahr, dass er beim Sturz Messalinens sein Leben für Claudius vergebens gewagt haben würde, wenn Nero zur Herrschaft kommen und das ganze Claudische Haus vertilgen sollte. Die Kaiserin merkt seine Stimmung, weiss vielleicht auch, dass er sie wegen ihres Umgangs mit Pallas bei ihrem Mann anschwärze, und wirft ihm, als sein Bau am Ficinersee nicht ganz nach seiner Berechnung ausfiel, in Gegenwart des Kaisers Unterschleif vor, worauf er stolzen Hauptes sie der Zügellosigkeit und allzu kühner Pläne anzeigt.
Claudius wird in sich gekehrt und brummt im Abendrausch über das Leidwesen, das er mit den Frauen hat, deren Schandthaten
er erst ertragen, dann bestrafen muss. Agrippina, dadurch gewarnt, beeilt sich, ihre vermeintliche Nebenbuhlerin, Octavia
Lepida, unschädlich zu machen. Narcissus, der sich dem Morde widersetzte, sieht darin den Vorboten seines Untergangs, wenn
es ihm nicht gelinge, das Leben seines Herrn gegen Nachstellungen zu schirmen, und fleht, indem er den Britannicus zärtlich
umarmt, die Götter und den unglücklichen Knaben an, er möge aufwachsen, die Feinde seines Vaters verjagen und die Mörder
seiner Mutter (sollte auch er selbst mit büssen) am Leben strafen.
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Merkte Seneca von diesen trüben Hausgeschichten gar nichts, blieb es ihm aueb unbekannt, wie Agrippina, als Narcissus,
plötzlich erkrankt, im Bade Sinuessa Heilung suchte, ihren Mann mit Hülfe eines Freigelassenen vergiftete und durch
einen Arzt vollends umbringen lässt? War er bei der Verwirrung, die am Morgen und Vormittag nach dieser OctoberNacht
(54 n. Chr.) im Palatium herrschte, nicht zugegen, -- nicht betheiligt an der Aufforderung an den Senat, für den Kaiser, der schon todt war, die Götter um seine Genesung anflehen zu lassen, -- kein Augenzeuge, wie Agrippina, bis die von den Astrologen berechnete Mittagsstunde kam, Mimen kommen liess, um durch deren Spiel vor dem Kaiser das Volk über das Ereigniss der Nacht in Unkenntniss zu erhalten, und Britannicus, so wie seine Schwestern Octavia und Antonia durch zärtliche Liebkosungen und Tröstungen im Palatium zurückzuhalten suchte?
Sicherlich befand sich Seneca auch im Palast, als zur Mittagsstunde sich die Pforten desselben öffneten, Burrus mit Nero heraustrat, ihn den Zurufen der Leibwache vorstellte und dann nach dem Prätorium begleitete, wo er nach der Zusicherung des Donativs als Imperator begrüsst wurde.
Dass es seit dem Einzug Aprippina's in's Palatium auf die Erhebung Nero's abgesehen war, konnte Niemandem zweizweifelhaft sein. Der Sinn der früheren Bekleidung des Knaben mit der proconsularischen Gewalt ward den Prätorianern durch ein Donativ und dem Volk durch Cirkusspiele und ein Victualiengeschenk erklärt. Was alle Welt kommen sah, mussten Seneca und Burrus um so gewisser wissen; jedoch ist uns kein Wort von ihnen überliefert, aus dem wir auf ihre Ansicht über das öffentliche Geheimniss schliessen könnten. In Einem Falle wird aber ihr Schweigen bedenklich. Narcissus strengte sich an, den Mord der Octavia Lepida zu verhindern, und vielleicht hätte es Seneca und Burrus nur ein Wort gekostet, um den Freigelassenen seine edlen Absichten erreichen zu lassen; warum sprachen sie nun dieses Wort nicht?
In den ersten Tagen der Neronischen Regierung liess Agrippina den Julius Silanus, auf den wir, wenn Nero den
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letzten Vertreter dieses mit der cäsarischen Familie verschwägerten Zweigs der Junier umbringt, zurückkommen werden vergiften. Eben so eigenmächtig brachte sie durch Einkerkerung den Narcissus, der mit glänzendem Grossmuth die in seinen Händen befindlichen Schreiben des Claudius gegen seine Mörderin verbrannt hatte, um's Leben. Das erstere Yerbrechen geschah ohne Wissen Nero's, das zweite gegen seinen Willen; diesmal aber traten Seneca und Burrus - der Kaiserin-Mutter entgegen, verbaten sich fernere blutige Eigenmächtigkeiten und riefen ihr ein gestrenges Halt! zu. Ein solches Wort konnten sie aber früher zu Gunsten der Tante -Nero's nicht einlegen, weil es gegen Agrippinen einen ärgerlichen Sturm erregt und das Gebäude, an welchem sie zu Gunsten Nero's mit arbeiteten, erschüttert hätten. Sie waren mit dem Sturmschritt der Mutter Nero's nach der Herrschaft und mit den Mitteln, die sie gegen die früheren Rechte des Britannicus zur Eroberung der Macht anwandte, einverstanden. Der Weise und sein militärischer Gesinnungsgenosse überredeten sich, dass die bedenklichen Zwischenfälle ihres Weges am Ende doch der Herrschaft der Tugend, Moral und Milde zu Gute kommen würden. Zu ihrem Besten können wir nur und müssen wir wohl auch das Eine annehmen, dass sie in die Art und Weise, wie Agrippina das Lebensende ihres Mannes beschleunigte, nicht eingeweiht waren.
Der philosophische Unterricht, den Nero von Seneca empfangen hatte, wird sehr summarisch gewesen sein, ohnehin hatte dieser
nur die Hauptdirection, da ihm für das Detail zwei namhafte Philosophen zur Seite standen. Die angebliche Mahnung Agrippina's
(Sueton, Nero, cap. 52) an ihren Sohn, er möge seiner hohen Bestimmung nichts vergeben und sich nicht zu weit in die
Philosophie einlassen, wäre nur vergeblich gewesen, da der Hofmeister selbst keine Neigung hatte, sich in die Dialektik der
alten Systeme zu verlieren. Die historische Folie seines Moralunterrichts wird, wie in seinen Schriften, die Lehre der
Bürgerkriege gewesen sein, dass die Eigenmacht und Gcwaltthätigkeit der alten Geschlechter die Herrschaft eines Einzigen
nothwendig machte, mit mahnenden Rückblicken auf die späte Milde des Augustus, auf die finstere
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Strengigkeit des Tiberius und die Ausschweifungen von Caligula's Gotteswahnsinn. Gnade, Milde, Wohlthun waren schon die
Themas, die der Lehrer dem Schüler in den ersten für ihn ausgearbeiteten Senatsreden eingeprägt hatte, und indem er zu
diesen Grundsätzen noch die Gleichheitsideen der Rhetorenschule und das über den hergebrachten Satzungen stehende
Menschenrecht hinzufügte, wird er dem Zogling seine Bestimmung in dem malerischen Bilde, wonach von ihm als dem Gipfel
der Menschheit alle Gnaden auf den Brdkreis herabströmen sollen, vor Augen gestellt haben.
Seine am Schluss von Nero's ersten Regierungsjahre veröffentlichte Schrift "über die Gnade" sollte die Welt daran erinnern, dass sein Ideal verwirklicht und das goldne Zeitalter für die Menschheit wieder gekommen ist.
6. Der Menschenfreund auf dem Thron.
Die Periode, in welcher der junge im siebzehnten Jahre auf den Thron erhobne Fürst die ihm von seinem Lehrer empfohlene Milde und Gewalt übte, umfasst fünf Jahre und lebte im Andenken der späteren Zeit als das Quinquennium Nero's fort. Trajan soll geäussert haben, hinter demselben ständen alle Cäsaren zurück (Aurel. Victor, cap, 5.).
Zunächst kam die "Clemenz" dieser Zeit dem Senat zu Gute. Der Volkstribun und Wächter der Demokratie, der in der tribunicischen Gewalt des Kaiserthums fort lebte, regte sich erst allmählich.
Später war für Nero und seine demokratische Lust nichts schmeichelhafter als der Ausspruch seines humoristischen Vertrauten Vatinius: "ich hasse dich Nero, weil du ein pater conscriptus (Senator) bist!" So oft Seneca in seinen Schriften auf die Thatsache kommt, dass nach der unwiderruflichen Zerstörung der Republik durch den Krieg der Parteihäupter in der Herrschaft eines Einzigen allein die Rettung lag, so lässt er sich doch nirgends eingehend auf die Stellung des Senats in dem neuen Regiment ein, geschweige denn, dass er demselben einen wohlwollenden und theilnehmenden Blick gönnte. In seiner Schrift "über die Gnade," gleichsam dem offiziellen Extract des Geistes von Nero's erstem Regierungsjahre,
Der Menschenfreund auf dem Thron.
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kommt die Position eines Jeden aus dem gnädigen Entschluss des Fürsten, ohne dass einer eigenthümlichen Position des Senats und eines eignen Rechts desselben gedacht wird. Seneca hat ferner (de benef. 7, 4) das Königsrecht des Fürsten schon dahin erweitert, dass ihm nach bürgerlichem Recht Alles gehört, und seine Herrschergewalt, wenn auch jeder Einzelne über seinen Besitz Eigenthumsrecht hat, in andrer Hinsicht, was ihm als eigen abgesprochen wird, wieder als das Seinige in Anspruch nehmen kann. Der Lehrer Nero's macht diesen Satz an dem gefährlichen Beispiel des Weisen deutlich, der dem Recht und Eigenthum nach nur das Seinige, der Idee nach (wie Moser "animo" treffend übersetzt), Alles besitzt und, was ihm Andre geben, von dem Seinigen empfängt. Auch in diesem Zusammenhange wird einer Theilnahme der senatorischen Gesetzgebung an den Verfügungen über das private Eigenthum nicht gedacht.
Dennoch beugt sich Nero vor dem Senat und wird von Tacitus das mit Würde gepaarte entgegenkommende Wesen gerühmt, mit welchem Seneca als oberster Minister des Fürsten und als Leiter des Senats die Rechte seiner Pairs in demselben anerkannte und zur Geltung kommen liess. Der Senat war auch als Ruine noch die einzige constituirte Gewalt neben der des Fürsten; im Pakt mit ihm hatte sich das Cäsarenthum unter Augustus constituirt und das Kaiserthum hatte noch keine Idee davon, in welcher Form es den definitiven Schicksalsspruch über seinen altersschwachen Genossen überleben sollte.
So floss das Programm, welches Seneca seinem Schüler für die erste Thronrede aufgesetzt hatte (Tacit 13, 4) von Ergebenheits - Versicherungen gegen den Senat über. Die Augusteiche Theilung der Gewalten sollte bleiben und dem Senat die Gesetzgebung, die Gerichtsbarkeit über seinen Stand und die Oberhoheit über die Provinzen, die noch unter seiner Leitung standen, dem Kaiser die imperatorische Gewalt über die Heere und die Oberleitung der ihm vorbehaltenen Provinzen.
Die Anerkennung dieser Parität mit der alterthümlichen Corporation und den republikanischen Oberbeamten leistete
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Seneca als Lehrer und Minister Nero's.
auch Nero, als er es bei der Uebernahme des ersten Consulats, welches ihm als Kaiser zufiel (55 n. Chr.), nicht zugab, dass ihm sein Genosse im Amte, Antistius, den Eid auf die durchgängige Aufrechterhaltung seiner Verfügungen leistete. Der Senat hob dies Compliment in den Himmel und hoffte damit den jungen Menschen zu inhaltsreicheren Beweisen seiner Fügsamkeit anzuspornen. Bald darauf griff er eigenmächtig zu Gunsten der Gerechtsame der Aristokratie zu und erwirkte von Nero die Bestätigung eines Beschlusses, in welchem er eine alte Frage gegen das Interesse der Demokratie entschied.
Es handelte sich um die Honorare der Sachwalter vor Gericht. Zwei Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung hatte ein Gesetz dieselben verboten, aber nicht verhindert, dass, besonders seit den letzten Parteikämpfen der Republik, die Beredsamkeit mächtig und reich machte. Unter Claudins hatte aber der Hass des Senats gegen einen der kühnsten öffentlichen Ankläger, Suilius, dem aristokratischen Stande eine wahre Begeisterung für die uneigennützige Vertheidigung des Rechts und für die Genügsamkeit mit dem Nachruhm und dem Bewusstsein der guten That eingeflösst. Claudius, von beiden Parteien bestürmt und an die Lage der Plebejer erinnert, die, auf die Friedensarbeiten des Studiums angewiesen, ohne den mässigeu Ertrag derselben weder bestehen, noch zur Förderung der Rechtskenntniss und Beredsamkeit das Ihre beitragen konnten, stand auf Seiten der Demokratie und war gegen das Monopol der Reichen, welche durch ihren unentgeltlichen Gerichtsbeistand sich ihre Klientel erweitern konnten. Er liess sich auch durch den aristokratischen Gesichtspunkt, (welchen Tacitus, Annal. 11, 7, theilt,) dass die Hervorhebung des Geldpunktes nicht recht geziemend sei, nicht irre machen und schlug zwischen den beiderseitigen Interessen einen Mittelweg ein, wonach die Summe von zehntausend Sestertien (etwa vierthalb hundert Thaler) als Maximum für das Anwaltshonorar festgesetzt wurde.
Agrippina gab ihre Unzufriedenheit mit der Abweichung ihres Sohnes von diesem Claudiusschen Ausgleich zu erkennen. Indessen
führten sowohl der Einfluss Seneca's, welcher den
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Ursprung seiner bürgerlichen Unabhängigkeit nicht vergessen konnte, als die eigene demokratische Neigung Nero's zu dem späteren Beschluss, wonach (Sueton, Nero. Kap. 17) die Parteien für die Sachwaltung eine "bestimmte und gerechte" Summe zu zahlen hatten, die Gerichtshaltung aber, deren Kosten die Staatskasse bestritt, unentgeltlich war.
Einen neuen Anlauf für die Behauptung ihres Herreninteresses machten die Senatoren im folgenden Jahr (56 n. Chr.), als sie einen Beschluss durchzusetzen suchten, welcher die Freigelassenen wieder ihrer Willkür-Verfügung unterwerfen würde. Der "Uebermuth" derselben sollte durch die Bestimmung, dass die Patrone gegen die "Nichtsuutzigen" das Recht zur Zurücknahme der Freiheit erhielten, gebrochen werden, der Ansicht des Fürsten entsprachen aber diejenigen, die in einem von ihm berufenen Comite" auf die Ungerechtigkeit, wegen der Vergehen Einzelner die Gesammtheit büssen zu lassen, auf die weite Verbreitung dieses Corps, ihre bedeutende Vertretung in der Stadt, auch als Diener der Verwaltung und der Priesterschaften und als die Cohorte der Nachtwächter, endlich auf den Ursprung der meisten Ritter und vieler Senatoren aus ihrem Stande und auf den römischen Grundsatz hinwiesen, wonach bei aller Gliederung der Stände die Freiheit ein Gemeingut sein müsse. Sein Antrag, dass man in den einzelnen Fällen die Schuld der Freigelassenen untersuchen, ihre Rechte insgemein aber nicht verkürzen solle, ward Beschluss (Tacit. Annal. 13, 26. 27).
Später (61 n. Chr.) hatte er einmal einen schweren Stand, als er zwischen der Volksaufregung, welche sich gegen die
Hinrichtung des ganzen Sklavengesindes des Stadtpräfecten Pedanius Secundus, der von einem seiner Hausdiener ermordet war,
erhob, und der aristokratischen Härte, welche die Vollziehung des alten Gesetzes verlangte, zu entscheiden hatte (Tacit.
Annal. 14, 42-45). Kein geringerer als C. Cassius, Stoiker und einer der Führer der republikanischen Opposition, dazu
Nachkomme des Mörders Cäsars, war diesmal der Hauptredner im Senat. Er, der bisher zu allen Aenderungen und Neuerungen,
die ihm immer nur als "Verschlechterungen" des Hergebrachten erschienen, geschwiegen haben wollte, um nicht
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zu sehr als Vertheidiger des Alten verschrieen zu 'werden, glaubte diesmal das Wort nehmen zu müssen, weil sich die allgemeine Stimmung für die Milde entschieden zu haben schien. In der That wurde sein Vortrag, in dem er das System des Verdachts gegen die Sklaven an den Vorfahren lobte, jetzt aber, da man ganze Nationen mit verschiedenen Religionsriten, mit auswärtigem Gottesdienste oder gar keinem um sich habe, die Furcht für die Zügelung dieses Abspülichts der Welt unumgänglich nothwendig nannte und die Unbilligkeit eines grossen Exempels mit dem Decimiren in der Militärzucht rechtfertigte, mit verworrenen Stimmen, welche ihm die Zahl der Bedrohten, (das Hausgesinde des Ermordeten bestand aus 400 Köpfen), das Alter, das Geschlecht, die unzweifelhafte Unschuld der Meisten entgegenhielten, begleitet und beantwortet. Aber Niemand von der ansehnlichen, jedoch eingeschüchterten Minderheit wagte in einer offenen und ausführlichen Rede für das Gegentheil aufzutreten. Auch der Fürst hielt die Umstimmung der Majorität, die schon ein paar Jahre vorher (57 n. Ch. Tacit. 13, 32) für einen gleichen Fall die durch Testament Freigelassenen den Sklaven gleichgestellt hatte, nicht für möglich. Nachdem er die Volksmassen, die mit Brand und Demolirung drohten, durch ein Edict gescholten hatte, liess er die Strassen, durch welche die Verurtheilten geführt wurden, an beiden Seiten militärisch besetzen.
Dagegen widersetzte er sich dem Antrage, dass auch die Freigelassenen, die mit den Verurtheilten unter demselben Dach gewohnt hätten, aus Italien deportirt würden. Wenn Mitleiden und Erbarmen, erklärte er in Seneca's Styl und Sklavenfreundlichkeit, die alte Sitte nicht gemildert hätten, so dürfe man sie nicht noch überspannen. Derselben Sklavenfreundlichkeit ist seine Einsetzung eines eigenen Richters entsprungen, der (Seneca, de benef. 3, 22) "über Misshandlung der Sklaven durch ihre Herren ein Verhör anzustellen und der Grausamkeit und Willkür der Herren, so wie ihrem Geiz in Darreichung der Lebensmittel Schranken zu setzen hatte."
Hören wir nun, wie ein anderer Stoiker und Führer der aristokratischen Opposition das Missvergnügen seiner Gesellschaft
Der Menschenfreund auf dem Thron.
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mit dem kaiserlichen Interesse für einen anderen Theil der unterdrückten Massen ausspricht. Nero blieb dem Grundsatz seiner Vorfahren, die Provinziellen der Ausbeutung durch die Verwalter möglichst zu entreissen, treu. Er selbst bestimmte durch einen Erlass (Tacit. Annal. 13, 32), dass kein Verwalter einer Senats- oder kaiserlichen Provinz ein Gladiatorenspiel, eine Thierhetze oder sonstige Aufführungen spenden sollte, damit ihnen der Anlass zu Erpressungen, durch die sie sich für ihre Ausgaben schadlos hielten, oder die Mittel zur Bestechung der grossen Massen, die nach solchen Vergnügungen eine Anklage wegen etwaiger Gewaltmissbräuche nicht leicht aufkommen liessen, entzogen würde. Die Dreistigkeit eines reichen kretischen Magnaten, Claudius Timarch, der sich öffentlich rühmte, es hinge von ihm ab, ob den Verwaltern Creta's für ihre Amtsführung eine Danksagung gewährt würde, gab aber (62 n. Chr.) zu einer eingehenden Verhandlung im Senat Anlass. Sie wurde im grossen Styl geführt, wie selbst die vornehme, auf die Provinz herabsehende Rede des Pätus Thrasea, die Tacit. (Annal. 15. 20. 21) als Meisterwerk allein anführt, noch beweist. Das Recht der Anklage wohl, meint dieser Führer der Republikaner, das möge den Provincialen zur prahlerischen Bezeugung ihrer Macht bleiben, aber falsches und durch die Bitten der Beamten erpresstes Lob möge untersagt werden. Sonst, wenn Prätoren, Consuln oder selbst Private, zur Berichterstattung abgeschickt wurden, zitterten die Provinzen vor dem Urtheil eines Einzelnen, jetzt komme man den "Auswärtigen" entgegen, schmeichle ihnen und ermuthige sie zur Anmaassung eines Urtheils über die Verwalter, welches nur den Pairs derselben, den "Bürgern" und deren Gerichtshof, dem Senat, zustehe.
Offenbar lag in dieser Stellung der Frage eine tiefeingreifende Verschiebung der Tendenz, in welcher ein Theil des Senats die Angelegenheit aufgefasst und entschieden sehen wollte. Für die aristokratische Vornehmheit und Starrheit Thrasea's existiren nur die Hochbeamten, die aus Gnade das Recht der Anklage gewähren, aber falsches Lob zurückweisen, und überhaupt auf Anerkennung von Seiten der Provincialen kein Gewicht legen wollen, während die humaner urtheilenden
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Seneca als Lehrer und Minister Nero's.
Mitglieder des Senats das Interesse der Provincialen im Auge hatten und dieselben durch das Verbot aller Dankesadressen oder Deputationen vom Druck der Beamten befreien wollten.
Die Consuln, die gewiss auch die Ansicht des Kaisers kannten, wagten es daher trotz des geräuschvollen Applauses, den Thrasea gewann, nicht, den Beschluss zur Perfection kommen zu lassen. Erst, als der Kaiser den Senat von seiner Ansicht unterrichtet hatte, vereinigte sich derselbe in einem Beschluss, der die verächtliche Motivirung Thrasea's nicht mehr hindurchblicken liess.
Das Verbot für die Statthalter, in ihren Provinzen Feste und andere Spiele zu geben, wirkte mittelbar zur Einschränkung des Gladiatorengemetzels. Nero ging aber auch in Rom selbst mit einem Beispiel zur Beseitigung von Gräueln vor, von denen sich die gemilderten Sitten und Anschauungen allmählig abwandten. So liess er (Sueton, Nero Kap. 12) bei dem Spiel, welches er in dem hölzernen, in der Gegend des Campus Martius errichteten Amphitheater gab, Niemanden, auch nicht von den Verurtheilten tödten.
"Aber dieser hat einen Strassenraub begangen," lautet das Zwiegespräch, welches Seneca nach einer Schilderung des Gemetzels bei den Gladiatorenspielen (Epist. 7) einführt. Nun, so hätte er verdient, gehangen zu werden. "Jener hat einen Menschen-ermordet." Hat er gemordet, so verdient er dasselbe zu erleiden. Aber was hast du verdient, Elender, Solches mit anzusehen?
Wir haben in unserer Darstellung von Seneca's geistiger Deutung des römischen Universalismus jenen Ausspruch hervorgehoben, in welchem er es als einen Beweis der römischen Hochherzigkeit rühmt, dass die Kinder Roms sich nicht in die Mauern einer Stadt eingeschlossen, sondern zum Verkehr mit der ganzen Welt ausgedehnt und die Welt als ihr Vaterland bekannt haben. Diesen freien Verkehr der Geister wollte Nero auch im Austausch der irdischen Güter zur Wahrheit machen. ,Durch die Beschwerden des Volks, schreibt Tacitus (Annal. 13, 50. 51) kam er auf die Idee (58 n. Chr.), ob es nicht besser wäre, alle Zölle aufzuheben und damit dem Menschengeschlecht das schönste Geschenk zu machen." Er hatte es
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auf die Beseitigung der Hafenzölle abgesehen, denn die "Aelteren, die seine Hitze mässigten und die Auflösung des Reichs weissagten, wenn die zur Erhaltung desselben nothwendigen Einkünfte verkürzt würden," sagen ausdrücklich, nach der Aufhebung der "Hafenabgaben" würde man auch den Fall der directen Steuern verlangen. Die Erfahrenen, die den Enthusiasmus des Kaisers für Verkehrsfreiheit abkühlten, wiesen ihn ferner auf die von Consuln und Volkstribunen sanctionirten Finanzpächter-Societäten hin und auf das, was sie (a. a. 0.) das immer noch eifersüchtige Freiheitsgefühl des römischen Volks nennen, welches sich einem Eingriff in seine Rechte nicht leicht fügen werde. Dieses "römische Volk" waren aber die Geldleute der Hauptstadt, die, bei der Steuerzahlung in den Provinzen betheiligt, von einer Reform des Zollwesens empfindlich berührt werden mussten. Nero sah sich daher gezwungen, sich mit einer Reform des Steuerwesens zu begnügen: er schaffte einige Erfindungen des Finanzgenies der Pächter ab, lichtete die Wirrniss der Steueredicte, in der sich die Pächter wohl fühlten, erleichterte und ordnete den Recurs gegen die Steuereinnehmer an den Prätor zu Rom und die Gerichtshöfe in den Provinzen und suchte die Rhederei durch einigt Begünstigungen zu fördern. Einem späteren Kaiser, Pertinax (192,193 n. Chr.) war es erst vergönnt (Herodian 2, 4), die Abschaffung der Zölle an den Ufern der Flüsse, an den Häfen der Städte und an den Kreuzwegen durchzusetzen.
7. Der Tod der Agrippina.
Nero erscheint uns in den Acten seiner ersten Regierungsjahre als ein fähiges und für alles Edle erregbares Kind. Er folgt
willig der Anleitung seines Lehrers und ist der humamen, von den Rhetorenschulen erweckten Tendenz seiner Zeit, im
Weltbürger den Menschen zu schätzen, persönlich zugethan. Sowohl seine eigene, zum Warten geneigte Natur, als die besonnene
Politik seines Ministers bewogen ihn zur Nachgiebigkeit gegen den Senat, wenn dessen Beschlüsse nicht ohne einen harten
Zusammenstoss zurückgewiesen werden konnten. Dabei hielt er, wie z. B. in der Sklavenfrage, mit seiner vom aristokratischen
Gesichtspunkt abweichenden Ansicht nicht zurück
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Seneca als Lehrer und Minister Nero's.
und geduldete sich, bis die Zeit gekommen war, die Härten eines senatorischen Beschlusses zu mildern und zu corrigiren.
Seine Mutter trug zuerst dazu bei, dass er der Kindheit entwuchs. Der Kampf mit ihrer Herrschsucht, die ihn nach Sueton (Nero, Kap. 34) einmal zu der allarmirenden und das Volk beunruhigenden Drohung bewogen haben soll, er werde sich, um einer beständigen Kritik seiner Worte und Handlungen zu entgehen, als Privatmann nach Ehodus zurückziehen, dauerte fünf Jahre. Seneca, welcher durch die Eingriffe der Kaiserin-Mutter in die Regierung sowohl die Würde des Throns als seinen eigenen Einfluss gefährdet sah, stand dem mündig werdenden Kinde mit Rath und That zur Seite. Er war es, der im Bunde mit Burrus den Blutbefehlen Agrippina's in den ersten Tagen der Regierung ihres Sohnes ein Ende gebot. Er ertheilte ihr, die bei dem Empfange von Gesandtschaften sich als die eigentliche Regentin einstellte, endlich eine empfindliche Lehre. Als sie sich wieder im Senat einfand, um der Audienz armenischer Gesandten und deren Gesuch um Hilfe gegen die Parther auf dem kaiserlichen Thron beizuwohnen, gab der Minister dem Kaiser einen Wink, ihr vom Thron herab entgegenzugehen und die Audienz unter einem Vorwande abzubrechen (Tacit. Annal. 13, 5. Dio Cass. 61, 3).
Seneca war ferner nicht gegen das Liebesverhältniss, welches Nero in dem Umgange mit dem Lebemann Otho und Claudius Senecio, dem Sohne eines Freigelassenen des Claudius, mit der Freigelassenen Acte anknüpfte. Der stoische FürstenInformator schlug seine Bedenken mit dem Trostgrund nieder, dass sein Zögling eine gewisse Fremdheit gegen die Gemahlin Octavia doch einmal nicht überwinden zu können scheine, und zog auch den Umstand in Rechnung, dass das anspruchslose, wahrscheinlich griechische Mädchen Niemanden in der nächsten Umgebung des Fürsten beeinträchtigen werde. Die Mutter schöpfte dagegen Argwohn und liess sich von der Eifersucht auf den Einfluss eines fremden Weibes zu harten Ausdrücken über die Freigelassene fortreisseu, welche den Sohn reizten und nur intimer zu dem nachsichtigen Lehrmeister hinzogen. Ja, ein Verwandter Seneca's, Annäus Serenus, Oberster der Leibwache, dem die Schrift "über die Gemüthsruhe" gewidmet ist,
Der Tod der Agrippina.
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und dessen Tod später (Epist. 63) seinem älteren Freund sehr schmerzhaft war, wurde dazu auserlesen, dem Liebesverhältniss seinen auffallenden Charakter zu nehmen. Serenus spielt öffentlich den Liebhaber Acte's und überreicht ihr die Geschenke, die ihr Nero gewidmet hatte. Agrippina lenkt darauf ein, schmeichelte dem Sohn, beschenkt ihn aus ihrem Privatschatz, der dem kaiserlichen nicht nachstand, und bietet ihm an, er möge seine Liebschaft nur ihrer Mitwissenschaft und Theilnahme anvertrauen. Aber Nero liess sich nicht mehr täuschen und seine nähcsten Freunde, also auch Seneca, war- nen ihn vor der Verstellung der harten Frau.
So stieg die Verbitterung zwischen Mutter und Sohn. Jene, die neulich von Nero Geschmeide und Zierrathen aus dem Schatz der Kaiserfrauen zugeschickt erhalten hatte, verbat sich fernere Geschenke, die dem kaiserlichen Hausschatz angehörten, welchen er nur durch sie erhalten hätte. Der Sohn rächte sich durch die Entlassung des Pallas, der den Fiscus unter sich hatte und (nebenbei bemerkt), als er stolz den Palast verliess, von einer Schaar treuer Freunde begleitet wurde. Dann kam Agrippina's Drohung, sie werde mit Britannicus, den die Götter ihrer Rache aufbewahrt hätten, ins Prätorium gehen und als Tochter des Germanicus den Wettstreit mit dem invaliden Burrus und mit dem "Exil-Seneca", der mit seiner Schulmeistersuada die Herrschaft über die Menschheit üben wolle, kühn bestehen -- endlich des Britannicus Tod.
Tacitus deutet sichtlich auf Seneca hin, wenn er (Annal. 13, 18) bemerkt, als Nero den Nachlass des gemordeten Bruders
unter seine Freunde veitheilte, hätten es einige den Männern, die eine strenge Gesinnung zur Schau trugen, sehr verdacht,
dass sie die Paläste und Villen wie eine Beute unter sich theilten, während Andere sie mit dem Zwangeent schuldigten, welche
der Fürst übte, um durch die Verpflichtung der bedeutendsten Männer eine Art vou Verzeihung zu erkaufen. Merivale bezeichnet
Seneca geradezu als Urheber des Verbrechens und dieses selbst als einen Meisterstreich der Staatskunst.
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Seneca als Lehrer und Minister Nero's.
Indessen steht dem Bericht des römischen Annalisten ein sehr gewichtiges Zeugniss, das des Josephus entgegen.
Es kann nichts anschaulicher und dramatischer sein als die Darstellung des Tacitus. Erst wird Nero's durch die Drohungen der Mutter erregter Sinn noch durch ein Ereigniss am ersten Saturnalienfest, das er als Kaiser feierte, in Angst gesetzt. Durch das Loos zum König des Festes ernannt, fordert er den Britannicus auf, vor den Gästen ein Lied vorzutragen, und hofft, der blöde Knabe werde den Spott der grossen Gesellschaft einerndten. Als aber der Prinz mit Entschlossenheit vortritt, ein Lied anstimmt, welches mit den Klagen eines um Erbe und angestammte Herrschaft Gebrachten sein eigenes Schicksal abmalt, und statt des Gelächters die Theilnahme der trunkenen Gäste einerndtete, ersann Nero seinen Mordplan. Die Ausführung geschah Angesichts des Hofes und einer grossen Gesellschaft, während der Tafel und an dem massiger besetzten Tisch, an welchem Britannicus nach der Sitte des Hofes mit adligen Altersgenossen speiste. Der Knabe fiel leblos zusammen, als er aus dem Becher trank, dessen heissen Wein er sich so eben mit Wasser hatte schwächen lassen. Das Wasser war mit dem, in einer wahren Höllenscene bereiteten Gift versetzt. "Die Gäste entsetzen sich; die Vorschnellen fliehen davon; die sich besser auf die Künste dieser Welt verstanden, rührten sich nicht und sahen Nero, der unwissend thut und das Ganze einen der gewöhnlichen und bald wieder vorübergehenden Anfälle nennt, ins Auge; Agrippina unterdrückt ihr Entsetzen, doch blitzt es aus ihrer Miene; die unreife Octavia hatte es schon gelernt, Schmerz, Liebe und Gemüthsbewegungen zu verbergen." (Annal. 13, 16).
Tacitus will uns ferner glauben machen, dass Nero den Holzstoss, auf welchem der gemordete Prinz noch in derselben Nacht
verbrannt wurde, schon vorher hatte aufrichten lassen. Mit den in einander geschachtelten Andeutungen seines Pragmatismus
lässt er den Volkshaufen im Sturmregen, welcher die Beisetzung der Asche auf dem Campus Martius begleitete,
Der Tod der Agrippina.
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den Zorn der Götter über das Verbrechen erkennen, viele aber auch in Uebereinstimmung mit dem Urtheil des Himmels dem
Brudermord Verzeihung widmen, weil er die weiteren Scheusslichkeiten, die der Bruderzwist um die Herrschaft erzeugt haben
würde, abschnitt. Ja, er übergipfelt diese religiösen Deutungen noch durch die Betrachtungen von Zeitgenossen der Begebenheit,
die wegen der Schändung und Befleckung des Britannicus durch Nero in den Tagen vor der Katastrophe den Tod des Knaben noch
für ein Glück erklärten.
Alle diese einander jagenden Scenerien, Deutungen und Zurechtlegungen verfliegen vor dem Zeugniss eines Mannes, der seine unpartheiische Beurtheilung Nero's ausdrücklich den Darstellungen der Schmeichler und Hasser entgegenstellt. Josephus hat bei seinem ersten Aufenthalt in Rom, zur Glanzzeit der Neronischen Regierung allen Anlass gehabt, Stimmungen und Urtheile an Ort und Stelle zu studiren; später, in Rom selbst als Flavier sesshaft, hatte er eine jahrelange Musse dazu, für sein Geschichtswerk die Arbeiten seiner römischen Zeitgenossen zu prüfen ; er zählt auch die "Verbrechen des todten Kaisers mit der Kälte eines Fremden auf, aber er unterscheidet (Archäol. 20, 8, 2): "den Britannicus bringt Nero heimlich durch Gift um, öffentlich aber tödtet er seine Mutter." Diese paar Worte entscheiden für uns gegen die Malerei und pragmatische Wirrniss des Tacitus. Ob der Tod des unglücklichen Knaben durch Gift oder in einem epileptischen Anfall erfolgt sei, ist natürlich jetzt nicht mehr zu entscheiden. Seneca's Mitwirkung in dieser Episode beschränkt sich aber auf die Abfassung des Edicts, in welchem Nero nach dem Tode seines Bruders erklärte, dass er nun als allein noch erhaltener Vertreter der Claudischen Familie sich um so inniger dem Senat und Volke widmen werde.
Noch in demselben Jahre (55) erscheint Seneca als Mit. glied einer Hausjury, welche Nero unter Burrus Vorsitz und mit
einigen Freigelassenen als Beisitzern anordnet und zur Agrippina schickt, als diese von zwei Feindinnen der Verschwörung
gegen ihn angeklagt wird. Es waren die ältere
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gleichnamige Schwester der von Agrippina hingemordeten Domitia Lepida, die es der Verfolgerin ihres Hauses nicht vergessen konnte, dass sie ihr (nach der Rückkehr aus dem Exil) ihren Mann, den reichen Redner Crispus Passienus abspenstig gemacht und nach wenigen Jahren beerbt hatte, und Julia Silana, die ihren Mann Silius durch dessen Scheinheirath mit der Messalina verloren und sich für eine frische Beleidigung an der Agrippina zu rächen hatte. Beide hatten die wachsende Entfremdung zwischen Mutter und Sohn, die Verweisung der Ersteren aus dem Palatium und das öffentliche Gerede von ihren Umtrieben mit dem alten Adel und den Obersten und Hauptleuten des Prätoriums und ihrer zur Schau getragenen Theilnahme für die vernachlässigte Octavia benutzt, um Nero durch ihre Freigelassenen mit dem Schreckbilde einer Verschwörung noch vollends gegen seine Mutter aufzubringen. Jedoch gelang es dieser, das Hausgericht noch einmal durch leidenschaftliche Appellation an die Unmöglichkeit, dass sie bei ihren und ihres Sohnes Feinden ihr Heil suchen könne, zu betäuben und für manche unbedachte Worte, die ihr die Reizbarkeit der Mutterliebe entrissen hatte, vor dem obersten Tribunal ihres kaiserlichen Sohnes die Gelegenheit zu einer Verständigung zu erhalten. Diese Audienz führte zur Verbannung der Silana und ihrer beiden Freigelassenen und zur Hinrichtung des Freigelassenen der Domitia.
Der endliche Sturz Agrippinen's sollte durch ein Weib herbeigeführt werden, welches eben so, wie sie selbst um das Ehebett des Claudius gebuhlt hatte, entschlossen war, sich über ihrer Leiche den Weg zum Thron Nero's zu bahnen. Es war Sabina Poppäa, -- eine Kokette von sanfter Schönheit, die unter dem Schein der Bescheidenheit ihre schöngeistige Bildung, das Gewinnende ihrer Unterhaltung und die Anmuth ihrer Gestalt für ihren gesellschaftlichen Vortheil zu verwerthen verstand. Verheirathet mit Rufus Crispinus, dem sie schon einen Sohn geboren hatte, lockte sie Otho, den Freund und Tafelgenossen des Kaisers an sich, um durch den Vertrauten des Fürsten diesen selbst zu gewinnen. Otho, mit ihr verheirathet, macht seinen Herrn zum Hausfreunde und
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wird, um diesem Platz zu machen, mit der Präfectur von Lusitanien abgefunden.
Und wieder erscheint Seneca. Plutarch erzählt in seiner Biographie Galba's, Seneca sei mit Otho befreundet gewesen und habe ihm die Verwaltung Lusitaniens verschafft. Bedurfte aber der Vertraute des Kaisers einer Empfehlung? Kam es nicht vielmehr nur darauf an, die Ehe Otho's zu lösen und ihn an das Ende der Welt zu schaffen? Sollte sich also Seneca an dieser Angelegenheit wenigstens soweit betheiligt haben, dass er seinen Zögling von dem ärgerlichen Gerede einer ehebrecherischen Hausfreundschaft befreien half und mit Nero den Winkel des Reichs suchte, in den man Otho verstecken könnte?
Jetzt kam die Zeit, wo Nero die Hülle der Kindheit ablegte und der Mann geboren wurde. Die Geburtswehen waren schwer und Seneca musste noch einmal helfen. Poppäa setzte Nero mit ihrem Anliegen zu,. sich von der Vormundschaft der Mutter zu befreien. In dieser, der Wächterin Octavia's, erblickte sie das einzige Hinderniss, welches ihrer Verbindung mit dem Fürsten entgegenstehe; an Seneca's und Burrus Theilnahme für die Gemahlin Nero's dachte sie nicht oder sie hoffte, diese Aufseher nach dem Fall der Mutter leicht zu beseitigen.
So erfolgten im März des Jahres 59 das Gastmahl, welches Nero Agrippinen zu Bajae gab, und die leidenschaftlichen Bezeigungen seiner kindlichen Ergebenheit und Dankbarkeit, -- die Ueberfahrt der Mutter nach ihrem benachbarten Landhause zu Bauli auf dem trügerischen Schiffe, welches, von dem Freigelassenen Anicet, Admiral der Flotte von Misenum, hergestellt, sie den Wellen übergeben sollte, ihre Verwundung bei der Rettung und die düsteren Nachtstunden, in denen Mutter und Sohn den Abgrund des Nichts, der sich,vor ihnen aufthat, anstarrten.
Die Mutter sah nun nach den Erlebnissen der Nacht, dass die Liebe und Hingebung, welche der Sohn beim Gastmahl zu Bajae
geschworen hatte, nur Verstellung war, um sie auf das Schiff zu locken. Nach diesem Verrath war an ein Erwachen
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Seneca als Lehrer und Minister Nero's.
der kindlichen Neigung nicht mehr zu denken, war es vielmehr gewiss, dass der entlarvte Verbrecher, von der Scham der
Entdeckung gepeinigt, seinen Plan mit sichern Mitteln verfolgen werde. Es blieb für den Augenblick nur Ein Ausweg --
Zeit gewinnen und sich stellen, als ob sie nichts von seinen Absichten ahne.
Der Sohn ward nicht weniger erschüttert, als, statt der Nachricht vom Untergange der Mutter, ihr Bote kam und meldete, dass sie durch die Güte der Götter mit einer loichten Verwundung einem schweren Unfall entgangen sei. Nach seiner Kenntniss der Mutter sah er mit Einem Blick, dass Vergessenheit des Geschehenen und Herstellung eines beruhigten Verhältnisses zwischen Beiden unmöglich sei.
Burrus und Seneca, die er in seiner Betäubung rufen lässt, blieben lange sprachlos, als er ihnen die Situation erklärt hatte. Tacitus sagt, man wisse nicht (Annal. 14, 7), ob er sich ihnen ganz entdeckte, -- aber sie durchschauten die Sache, sahen das Vergebliche eines Abrathens von Gewaltmassregeln ein, getrauten sich jedoch mit der Sprache nicht heraus, bis Seneca mit einem Blick auf Burrus den Wink fallen lässt, ob dem Militär der Mord zu übertragen sei. Der Befehlshaber des Prätoriums erwidert: "gegen ein Mitglied des Hauses des Germanicus gewiss nicht," und weist dem Anicet die Sache zu. Nero athmet auf und fühlt sich endlich als Mann, als dieser die Ausführung übernimmt. Der Freigelassene eilt mit seinen Leuten von der Flottenmannschaft nach dem Landhause Agrippinens und lässt sie von einem Schiffskapitän mit einem Knüttel niederschlagen, von einem Hauptmann mit dem Schwerdt vollends tödten. Seneca beschliesst die Angelegenheit mit einem kaiserlichen Bericht an den Senat, in welchem Nero den Boten der Mutter in einen gedungenen Mörder verwandelt und erzählt, dass sie sich im Bewusstsein ihrer Schuld selbst umgebracht habe. Die von Quintilian (8, 5, 18) aufbewahrte Antithese dieses Berichts: "an meine Rettung kann ich noch nicht glauben, noch mich über sie freuen," beweist seinen Seneca'schen Ursprung.
Sallust sagt, Herrschaften würden mit denselben Mitteln, mit denen sie erworben sind, auch erhalten; richtiger würde
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der Schluss lauten: gehen sie auch verloren. Der grosse Kenner der Welt und des Lebens, Lucretius, (de Rerum Natur. 5, 1152)
wusste es besser: "Gewalt und Unbill fallen auf den, von dem sie ausgegangen sind, zurück." Dieser, durch die Geschichte
gehenden und den Missklang in die Symphonie des Ganzen auflösenden Gerechtigkeit ist Agrippina erlegen; auch Seneca wird
für die Geschäftigkeit, mit der er, um das Reich der Tugend auf Erden zu gründen, am claudischen und neronischen Hofe die
Künste der Ueberlistung für seine Zwecke benutzte und zuletzt selbst nach der obersten Gewalt die Hand ausstreckte, büssen
und Nero wird als Mann das Maass der Gewalt, mit welcher seine Vorgänger, bis auf den Dictator Julius zurück, die
Alleinherrschaft gründeten und behaupteten, zum Ueberschäumen bringen und unter der Last seiner Thaten zusammenbrechen.
Mit ihm wird das Haus der julisch-claudischen Cäsaren fallen.
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